Kapitel 48 – Friedvolles Abendessen

Kapitel 48 – Friedvolles Abendessen

 

Cyrus

Perplex starrte ich Aurelie an, die gerade eben jeglichen Anstand und Etikette beiseitegeworfen hatte, um ihre engste Vertraute zu begrüßen. Aber im selben Moment gratulierte ich mir selbst zu dem Einfall, Irina einzuladen. Es sollte immerhin nicht langweilig werden für meine viel zu junge Königin. Zudem hatte sie sich heute definitiv eine Belohnung verdient. Die Ratssitzung war deutlich besser verlaufen als jene zuvor, und ich war zuversichtlich, dass es nun endlich bergauf gehen würde.

Darleen beugte sich ein wenig zu mir herüber. „Nanu. Wer ist denn dieses zauberhafte Wesen?“

Die Frage irritierte mich kurz. Allerdings war Irina wirklich eine Schönheit. „Eine Grigoroi und die beste Freundin der Königin. Ich habe sie erst kürzlich gewandelt.“

„Ich meinte den süßen Hundewelpen“, korrigierte mich meine Cousine schmunzelnd. „Wobei es für einen Hund zu lange Beine hat. Ist das etwa ein Wolf?“

„Ist es.“

Mittlerweile hatten sich Aurelie und Irina voneinander gelöst. Aurelie strahlte über das ganze Gesicht und führte ihre Freundin an den Tisch, wo Irina rechts neben Aurelie sitzen würde. Links daneben saß ich und Darleen auf meiner linken Seite. Irina wirkte sichtlich überfordert damit, neben uns am Tisch zu sitzen und nagte mit ihren halb ausgefahrenen Fangzähnen an ihrer Unterlippe. Auf ihrem Platz stand nur ein leeres Glas, sowie eine weiße Serviette.

„Wie heißt der Kleine?“, erkundigte sich Darleen und beugte sich dabei leicht vor, um Aurelie anzusehen.

„Kaldor“, antwortete sie sofort. „Der König hat ihn mir neulich mitgebracht.“

„Er sieht wirklich niedlich aus. Aber Ihr müsst rasch anfangen, ihn zu erziehen. Damit er später auch auf Euch hört“, erklärte meine Cousine.

Aurelie nickte zögerlich. Ich sah ihr an, dass es hinter ihrer Stirn arbeitete. Ich sollte mich erkundigen, wer ihr dabei helfen könnte. Immerhin sollte der Wolf sie später auch beschützen und entsprechend abgerichtet werden. Wer wusste schon, wie lange sie ihr Leben noch als praktisch schutzloses Kind fristen würde.

Darleen griff nach einem der Krüge, aus dem der charakteristische, metallische Geruch von Blut drang. „Stört es Euch, meine Königin?“



Ich sah, wie Aurelies Nasenflügel zuckten. Hastig schüttelte sie den Kopf.

„Irina, du kannst dich auch daran bedienen“, schlug ich vor, nahm bereits ihren Kelch und hielt ihn Darleen hin.

Sofort sprang Irina auf, eilte um den Tisch herum und wollte meiner Cousine den Krug abnehmen. „Lasst mich bedienen, bitte!“

„Auf keinen Fall“, entgegnete Darleen sofort und füllte Irinas Kelch. „Es ist nur eine kleine Mahlzeit unter Vertrauten, Freunden und Familie.“ Sie reichte Irina das nun volle Gefäß zurück und goss sich selbst etwas ein, danach füllte sie auch meines zur Hälfte.

Ich griff nach Aurelies Kelch und goss etwas von dem leichten Wein hinein. Dann hob ich meinen Kelch. „Nun, dann trinken wir auf die neue Fürstin des Ostens!“

Darleen schwenkte ihr Glas und trank einen Schluck. Ihr Blick fiel auf Irina, die immer noch vor uns am Tisch stand, aber ebenfalls langsam ihr Glas an ihre Lippen führte. Während Darleen und ich das Blut tranken, ohne dass unsere Fangzähne hervortraten, waren Irinas deutlich sichtbar. Es klirrte leise, als sie damit gegen den Kelch stieß. Sie versuchte zu trinken, jeoch lief ein Teil des Blutes über ihr Kinn. Dchlabbernde Geräusche begleiteten das Schauspiel.

Darleen fing schallend an zu lachen und auch ich musste breit grinsen.

Aurelie hingegen sah eher bekümmert aus. „Irina?“

„Geht schon“, antwortete diese verbissen und versuchte es erneut. Nach dem dritten Versuch fauchte sie wütend auf und starrte den Kelch an, als wolle sie ihn am liebsten in Kleinteile zerschellen.

Aurelie räusperte sich unbehaglich. „Ähm …, Irina, zieh deine Zähne ein!“, befahl sie streng und plop, die Zähne waren verschwunden. Das brachte Darleen nun noch mehr zum Lachen, während ich mich räuspern musste, um nicht auch in einen Lachkrampf zu verfallen.

Irina huschte schnell auf ihren Platz zurück. Kaum saß sie, setzte sie den Kelch erneut an und leerte ihn in einem Zug.

„Mach dir nichts draus, Irina“, meinte meine Cousine und wischte sich eine Lachträne weg. „Selbst Cyrus hat schon einige peinliche Momente hinter sich.“

Augenblicklich zuckte Aurelies Blick interessiert zu mir, welcher vorher noch irgendwie bedrückt wirkend auf ihren noch leeren Teller gerichtet gewesen war. Als ich wiederum lediglich Darleen einen mordenden Blick zuwarf, glitt Aurelies‘ weiter zu meiner herzallerliebsten Cousine.



„Oh, ich kann ganze Abende damit füllen …

 

Während Aurelie nur langsam aß, plapperte Darleen unentwegt über ihre Reise hierher, unbequeme Kleider und nervige Anstandsdamen. Nicht zu vergessen, ihr Lieblingsthema – meine Wenigkeit. Zu späterer Stunde wurde das Essen abgetragen. Der Diener, den ich zuvor noch mit dem Auffinden Leeanders beauftragt hatte, verbeugte sich.

„Es tut mir leid. Ich konnte Eure rechte Hand nirgends finden, Majestät.“

Ich nickte nachdenklich. „Danke. Ich werde später nach ihm suchen.“

Der Tisch wurde abgeräumt, Aurelies Kelch stand jedoch noch immer neben ihrem halbvollen Teller. Und dieser war noch genauso randvoll, wie ich ihn ihr eingeschenkt hatte.

„Na komm, jetzt trink wenigstens dein Glas leer, wenn du schon nicht alles aufgegessen hast.“

Angeekelt verzog sie den Mund. So ausgelassen wie der Abend gewesen war, traute sie sich jetzt offenbar mehr. Mehr Widerstand, mehr Widerspenstigkeit. „Nein, ich will nicht. Wein schmeckt mir nicht. Ich trinke später etwas Wasser aus dem Brunnen“, entgegnete sie, als sei es beschlossene Sache. Irina kniff leicht die Lippen zusammen und senkte traurig ihren Blick.

„Wasser birgt die Gefahr von Krankheiten, Aurelie. Du wirst sicher kein Brunnenwasser trinken!“

Darleen und Irina blieben still, spürten, wie die Anspannung zwischen mir und meiner Gemahlin stieg.

„Ich war die letzten drei Jahre auch nicht krank!“, wütete Aurelie, plötzlich wie wild geworden, und schlug mit den zu Fäusten geballten Händen erzürnt auf den Tisch. Dann erhob sie sich so schnell, dass der Stuhl hinter ihr zu Boden ging. Aus dem Speisesaal flüchtend, gab sie Irina ein Zeichen, die sich im nächsten Moment vor mich stellte und mich daran hinderte, Aurelie zu folgen. Irina zitterte beinahe nur schon unter meinem eindringlichen Blick. Ich könnte sie auch ganz einfach zur Seite werfen. Aurelie zuliebe wollte ich ihrer Freundin aber eigentlich nicht weh tun.

„Lass ihr Zeit“, bat sie und senkte den Blick. „Mein König.“ Kurz zögerte sie. „Außerdem wollt Ihr Leeander doch lebendig wieder sehen, nicht? Lasst Nayara ihn suchen. Vertraut ihr. Sie kennt das Schloss.“

„Drohst du mir gerade?“, fragte ich leise und ging noch einen Schritt auf Irina zu, sodass wir uns fast berührten.



„Cyrus!“, rief meine Cousine mahnend. „Es war so ein schöner Abend. Bitte verdirb es nicht!“

Mein Blick lag immer noch auf Irina. „Nimm den Hund und geh ins Gemach der Königin, bevor ich mich vergesse!“

„Du darfst ihr nicht hinterher“, insistierte sie.

„Raus hier!“, brüllte ich, die Fänge bleckend. Auch, wenn ihr Blut als Grigoroi nun ungenießbar war, die Drohgebärde bedurfte keiner weiteren Worte.

„Cyrus! Sie ist Aurelies Grigoroi und würde für sie sterben! Mach das nicht!“

„Lasst mich allein! Alle beide!“ Ich schnaufte schwer. „Ich warte hier auf Leeander.“ Ich würde später mit Aurelie darüber reden. Unter vier Augen. Ich hatte mir viel Mühe gegeben, damit der Abend für sie ein positives Erlebnis war und nun das hier! Sie ließ meine Cousine und mich einfach stehen, wie ein undankbares Gör!

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