Kapitel 49 – Ein Anfang und ein Ende
Kapitel 49 – Ein Anfang und ein Ende
Aurelie
Cyrus hatte mich hochgehoben und in Andyrs Schloss zurückgetragen. Emili hatte unser Mädchen an sich genommen – welches ich erst nach sehr langem, guten Zureden wieder aus meinen Händen gegeben hatte – und war neben uns hergelaufen. Jetzt lag ich in einem flauschigen Bett, ganz so wie sie es mir versprochen hatte. Zusammen mit meinem Mädchen. Meinem Kind. Mein Körper fühlte sich mehr malträtiert als ganz an, aber sie war draußen, sie war gesund und lag in meinen Armen. Sie hatte fünf wundervolle, unglaublich kleine Finger an jeder Hand, noch kleinere Nägelchen an jedem Finger und dasselbe in Grün bei diesem unfassbar kleinen, zum Anbeißen süßen Zehenchen.
„Du bist perfekt“, flüsterte ich ihr leise zu, während sie müde an meiner Brust nuckelte. Ich erinnerte mich an das Gespräch mit Cyrus über hängende Brüste. Und ich verdrehte beim Gedanken daran lächelnd die Augen. Meine Brüste waren ein kleines Opfer, wenn der Gewinn dafür dieses kleine Lebewesen in meinen Armen war. Ich war wie gebannt. Stundenlang hätte ich ihr dabei zusehen können, wie sie an Milch zu kommen versuchte. Doch irgendwann war der kleine Goldschatz eingeschlafen. Jetzt zuckte das zerknautschte Gesicht von Zeit zu Zeit zusammen und ließ mich jedes Mal berührt seufzen.
Doch auch an mir zerrten die letzten Stunden. „Cyrus“, murmelte ich leise, die Lieder schon zur Hälfte zu. „Wir brauchen“, ein ausgiebiges Gähnen unterbrach mich, „einen Namen für unseren kleinen Schatz.“ Für den kleinen Schatz, der auf meinem Bauch, den Mund noch an meiner nackten Brust liegend, eingeschlafen war und Cyrus damit zwei seiner Lieblingsspielzeuge streitig machte.
„Ich dachte, du hättest schon längst einen Namen für die Kleine.“ Cyrus lag neben mir in dem bequemen Bett und streichelte mit seinen Fingerspitzen über den zarten Flaum, der den Kopf unserer Tochter bedeckte. Helle Haare, wie meine. Und blaue Augen, wie die von Cyrus.
„Ich hatte die letzten Monate andere Sorgen …“, murmelte ich müde.
„Verständlich“, flüsterte er und küsste meine Stirn. „Wie gefällt dir der Name Cecilia oder Cecilie?“
„Nichts mit C. Da dreht sich mir der Magen um.“ Meine Stimme wurde schneidend: „Wie sie dich angefasst hat! Was sie zu sagen gewagt hat!“
„Oh. Wirst du mich dann in Zukunft Byrus oder Dyrus nennen?“ Wieder küsste er meine Stirn. „Elyria? Oder Eleni? Wir können sie auch Jasmina oder Nimera nennen. Oder Nimitya. Sarina.“
„Elyra gefällt mir.“ Ein sanftes Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. „Und du warst damit natürlich nicht gemeint, Byrus.“ Bei diesem Namen musste ich leise kichern, wurde aber schnell wieder ernst. „Das bezog sich lediglich auf den weiblichen Teil der Bevölkerung.“ Nachdenklich schaute ich auf das kleine Bündel herab. „Elyra Leymissa …“, meine Stirn furchte sich konzentriert. Wie hatte sie gleich noch geheißen …? Es war schon so lange her, dass ich ihren Namen hatte lernen müssen. „Amina.“ Ich sah auf, konnte dabei zusehen, wie sich in Cyrus’ Augen Tränen stahlen, und legte meine Hand an seine Wange, um ihn zu einem vorsichtigen Kuss heranzuziehen. „Habe ich es richtig ausgesprochen?“
„Amina. Das war der Name meiner Mutter“, murmelte Cyrus ergriffen. „Also Elyra Leymissa Amina. Alles sehr schöne Namen.“
„Für eine wunderschöne Prinzessin“, flüsterte ich, legte meine Stirn an seine und schlief dabei fast ein.
„Ruh dich etwas aus, Schatz. Soll ich sie dir abnehmen? Elyra schläft tief und fest. Emili sagte, sie wird diese Nacht auch durchschlafen.“
Und so war es. Unsere Tochter, ermüdet von den Strapazen ihrer Geburt, tat es mir gleich und schlief bis zum nächsten Mittag durch. Dann verlangte sie laut schreiend nach meiner Brust.
Eine Woche später hatte sich mein Körper in so weit erholt, dass wir die Heimreise antreten konnten. Und zwei weitere Wochen später hatten wir auch diese geschafft. König und Königin zogen in die Stadt ein, winkten den Menschen und Vampiren aus der Kutsche zu und versuchten so, das Gerücht, um ihre labilen Gemüter und der Königin angeblicher Tod – zum zweiten – zu tilgen.
Hinter unserer ratterten Kretos’, Darleens und Ellrocs Kutschen her. Es gab massig zu besprechen, vieles zu ordnen, zu regeln und umzustellen. Gesetze mussten neu geschrieben werden, und dieses Mal richtig. Die vier Reiche würden zusammenhalten, was da auch komme.
Als ich vor meinem Schreibtisch stand, fielen mir beinahe die Augen aus. Cyrus dirigierte mich daraufhin konsequent in sein Schlafzimmer, wo ich mich erst einmal ausruhen sollte. Vermutlich hatte er recht damit. Und doch …
Augenreibend schleppte er sich des frühen Morgens, noch vor des ersten Hahnenkräh, durch die Verbindungstür, durch mein Schlafzimmer hindurch, und tauchte schließlich mit einem schreienden Kind auf dem Arm in meinem Wohnzimmer auf, die Laune etwa auf Höhe des Schlosskerkers.
„Warum sitzt du hier und arbeitest?“ Cyrus hielt unser Kind dicht an seine Brust gedrückt. Es war in seiner Hand so winzig, dass er es mühelos mit einer Hand festhalten und mit seinen Fingerspitzen den Kopf stützen konnte.
„Na, weil …“ Ich blickte zurück zum Schreibtisch. „Weil ich nicht in Ruhe schlafen kann, wenn es so viel Arbeit zu erledigen gibt.“ Ich seufzte leise und erhob mich. „Hat sie hunger?“
„Vermutlich.“ Cyrus streichelte Elyra zärtlich. „Komm, leg dich ins Bett. Dann kannst du sie füttern und danach noch etwas schlafen. Ich kümmere mich um den Rest.“
Bis der Rest abgearbeitet wäre, dauerte das noch Monate. Außerdem hatte er auf seinem Schreibtisch mindestens genauso viel Arbeit liegen. „Schon in Ordnung, ich mache morgen nach den Sitzungen weiter.“ Ein Gähnen unterdrückend, ging ich auf ihn zu, kuschelte mich an seine Brust und beanspruchte seinen zweiten Arm. Müde geworden murmelte ich: „Gut, bring deine Frauen ins Bett. Und kuschle gefälligst mit uns.“
„Zu Befehl, Majestät“, scherzte Cyrus mit einem Schmunzeln auf den Lippen und verfrachtete uns zurück in sein Schlafzimmer. Ich machte es mir gemütlich und nahm dann die noch immer weinende Elrya entgegen, um sie an meine Brust zu legen. Sofort legte Cyrus ein Kissen zurecht, sodass ich die Kleine dort bequem ablegen konnte.
Cyrus legte sich zu uns und streichelte wieder über ihren zarten Flaum. „Es ist so süß, wenn sie schmatzt.“ Seine Augen glänzten vor Zuneigung und Liebe für dieses kleine Geschöpf.
„Sie ist zur Hälfte ich, was hast du erwartet? Sie kann nur herzallerliebst sein“, entgegnete ich schmunzelnd.
Cyrus’ Mundwinkel zuckten verräterisch. Sanft strich er mir eine Strähne aus dem Gesicht und flüsterte dann leise: „Sieh doch, sie ist schon wieder eingeschlafen.“ Seine Lippen streiften meine. „Und jetzt schlaf, du musst dich immer noch erholen.“
Ich verdrehte die Augen. Drei Wochen und ein paar zerquetschte waren seit der kräftezehrenden Geburt vergangen. Mein Bauch war noch nicht wieder ganz flach, war aber schon deutlich abgeschwollen. Und wenn bei der Geburt untenherum etwas gerissen war, dann war das mittlerweile wieder heil. Dennoch hatten wir noch nicht wieder beieinandergelegen. Die Berührungen meines Verbundenen waren stets vorsichtig und sanft, niemals drängend oder gar verlangend. Die leise Angst, dass er sich, nach allem, was gewesen war, vor mir grauste, quälte mich in den Nächten. Es war nicht die Arbeit, die mir den Schlaf raubte, es waren die Träume – und die Arbeit mein rettender Anker. Ich flüchtete mich hinein und vergaß auf diese Weise zumindest für ein paar Stunden meine Sorgen, die ich nicht zu teilen wagte. Denn Cyrus würde darauf bestehen, dass es nicht so war. Das hatte er bereits getan und er würde es wieder tun. Aber das änderte nichts daran, wie ich mich mit dem Geschehenen fühlte.
„Verletzungen brauchen Zeit um zu heilen. Nicht nur die körperlichen“, so Emilis leise geflüsterte Worte, als wir auf der Reise für kurze Zeit nur zu zweit in der Kutsche gesessen hatten.
Der Morgen kam, das Kind schrie zuverlässiger als der Hahn, und ich quälte mich übermüdet aus dem Bett und legte es an meine Brust. Schon wieder. Götter, hatte ich Glück, dass die Kleine ihre Fangzähne erst nach ihrer Reife bekommen würde.
„Hunger?“, brachte Cyrus gähnend hervor, während er sich sein Hemd überstreifte.
Mein Blick glitt zu ihm. Meine Güte, Augenringe standen ihm wirklich nicht. Aber mir erging es nicht anders. „Vielleicht etwas Kleines.“
Unser Frühstück ließen wir auf unsere Gemächer bringen, wo ich auch Elyra immerzu den Zugang zu meiner Brust ermöglichen konnte. Nicht, dass es jemand gewagt hätte, mir sonst irgendwo zu verbieten, meine Brust zu entkleiden. Aber unter dem Hemd war es mühseliger, wenngleich ich genau aus diesem Grund wieder auf Hemd und Hose gewechselt hatte.
Als wir später in Richtung Sitzungssaal gingen, summte ich leise ein Lied vor mich hin, schaukelte Elyra in meinem Arm hoch und runter und entlockte ihr damit ein zahnloses, unglaublich knuffiges Lachen, während ich mich mit meinem zweiten Arm bei Cyrus eingehakt hatte.
Rolf – mein versehentlich erschaffener Grigoroi – lächelte verträumt, als er mich mit der Kleinen sah, und öffnete uns mit einer leichten Verbeugung die Tür. Kaum schloss sie sich hinter uns, kam eine gedämpfte, bedrückte Stille über uns. Stirnrunzelnd sah ich auf, blickte in starre, ernste oder gar abwesende Gesichter. Die einzige, die die Situation lustig fand, war Elyra, denn diese kicherte gerade hemmungslos in die Runde und zog an meinem Haar.
„Was ist hier los?“, fragte ich ernst. „Und wo ist Targes?“
Gilead – die Augen blutunterlaufen und müde – erhob sich langsam. „Majestät …“




















































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