Kapitel 48 – Ein neues Leben erblickt das Licht der Welt
Kapitel 48 – Ein neues Leben erblickt das Licht der Welt
Cyrus
Ein Schrei drang aus der Ferne zu mir durch, und doch stand ich noch immer inmitten von all diesem Chaos. Wie gelähmt starrte ich auf die Überreste meiner einstigen Geliebten. Ich konnte nicht einmal sagen, was ich fühlte. Trauer über den Verlust war es sicherlich nicht. Aber es war auch keine Erleichterung, die sich in mir breit machte. Vielmehr war es Entsetzen.
Wieder ein Schrei. Erst jetzt drehte ich den Kopf und sah mich um. Die Männer, die uns festgehalten und mit Waffen bedroht hatten, waren fort. Kretos sprach leise mit Darleen. Ellroc lag noch immer auf dem Boden. Ein wenig blass, aber sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Seine Kräfte waren aus ihm herausgebrochen und hatten ihn vor Erschöpfung das Bewusstsein verlieren lassen.
Erst beim dritten Schrei realisierte ich, dass das mein Weib war, das da schrie. Sie brauchte mich jetzt! Emili war bei ihr, sprach leise und beruhigend auf sie ein. Aber ich hatte Nayara versprochen, an ihrer Seite zu sein, und genau da gehörte ich nun hin!
Dennoch wandte ich mich erst Kretos zu. Sieh bitte nach Ellroc. Er ist vermutlich nur bewusstlos. Aber er wird sicher Fragen haben, wenn er erwacht.“
Der Fürst des Nordens nickte, ebenso wie Darleen. Beide gingen zu Ellroc; und ich wusste, er würde bei ihnen gut aufgehoben sein.
Nach wenigen Schritten war ich bei Nayara, ergriff ihre Hand und setzte mich neben sie auf den Waldboden. Ich sah zu Emili. „Können wir sie noch ins Schloss tragen? Ein sauberes Bett, warmes Wasser und frische Laken wären besser als … das hier.“
Emili schüttelte den Kopf. „Die Fruchtblase ist schon geplatzt und der Kopf steckt bereits im Becken. Wir können sie jetzt nicht transportieren.“
Ich fluchte. Ein Kind mitten im Wald zur Welt zu bringen, war alles andere als reinlich. Ich hatte mir für Nayara die optimalen Bedingungen erhofft. Ich wollte, dass sie frisches Wasser hatte, die Umgebung sauber wäre und sie sich nicht sorgen müsste. Und nun …
„Es wird alles gut, Cyrus“, beruhigte Emili mich, als wüsste sie genau, woran ich gerade dachte.
Und doch fiel es mir schwer, die Bilder abzuschütteln. Die Angst meiner Frau, bei der Geburt zu sterben. Nun verstand ich ihre Sorgen. „Ja, es wird alles gut“, wiederholte ich apathisch.
Keuchen. „Cyrus …“ Wimmernd packte Nay meine Hand, zog sie an ihre Brust und legte ihre Lippen darauf, während sie die Augen fest zusammenpresste. „Wenn ich es nicht … nicht schaffe…“ Sie war so blass.
„Unsinn!“, unterbrach ich sofort, etwas schroffer als beabsichtigt. „Emili ist hier und ich bin auch da. Es wird alles gut, Liebste!“
Sie zwang sich, die Augen zu öffnen und zu mir emporzublicken. Tränen und Schnodder hatten sich auf ihrem Gesicht verteilt, wurden von ihr aber komplett ignoriert. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie es sich anfühlen musste, gleich einen Kopf aus ihrem Schoß pressen zu müssen. Doch Nayara nickte tapfer. „Es tut nur … es fühlt sich an, als würde ich zerreißen!“, erklärte sie durch zusammengepresste Zähne.
„Das wird es nicht“, beruhigte nun Emili. „Es hat sich alles geweitet. Sei unbesorgt, Naya.“
Ich schwieg, denn ich wusste nicht so recht, was ich erwidern sollte. War es nur Angst, die aus meinem Weibe sprach, oder die Intuition einer Frau? Spürte sie, dass etwas nicht stimmte?
Emili sprach weiter und strich Nayara liebevoll über die schweißnasse Stirn. „Diese Nacht wirst du in einem weichen Bett liegen und den Säugling in deinen Armen halten.“
„Wir brauchen noch einen Namen für unseren Sohn“, fügte ich hinzu. Vielleicht wäre es gut, Nayara abzulenken, damit sie nicht in einen Strudel der Angst und Selbstzweifel geriet. „Oder für unsere Tochter.“ Meine Mundwinkel zuckten, denn Nay hatte schon zum Widerspruch angesetzt. Jetzt nickte sie schwach. Sie wirkte müde. Und dann ging es schon wieder von Neuem los.
Nayara schrie auf und Emili ermutigte sie, zu pressen. Und zu atmen. Immer wieder erinnerte sie Nayara daran, zu atmen und nicht bloß zu hecheln. Tiefe, gleichmäßige Atemzüge bis in den Bauch hinein. Zwischen den Wehen sackte meine Frau leicht in sich zusammen und ich stützte sie, streichelte ihren Rücken und massierte ihre Schultern.
Der Abend graute bereits, als sich mehrere Personen näherten. Sie brachten mehrere Eimer mit sauberem, teilweise noch warmem Wasser, sowie Kissen, Laken und Tücher. Zudem wurde eine dicke Decke auf dem Boden ausgebreitet, auf die wir Nayara mit aller Vorsicht der Welt verfrachteten.
Die Diener gingen wieder. Darleen legte eine Hand auf meine Schulter. „Ellroc geht es gut. Kretos spricht mit ihm. Und es wird gerade eine Wiege in Euer Zimmer gebracht. Die Frauen machen Tee und bringen regelmäßig frisches Wasser.“
„Danke“, seufzte ich erleichtert. Ein Tuch tauchte ich in das Wasser und wusch damit über Nayaras Stirn, ihr Gesicht, sowie Hals und Nacken.
Emili bot meinem Weib auch Wasser zum Trinken an, aber dieses verneinte. Als Darleen wieder ging, setzte ich mich hinter Nayara und stützte somit ihren Oberkörper. „Willst du von mir trinken, Liebes? Um etwas zu Kräften zu kommen?“
Benommen nickte sie. „Vielleicht …“
Ich biss mir selbst in das Handgelenk und hielt es Nayara an die Lippen. Allerdings trank sie nicht viel und drehte schon nach kurzer Zeit den wieder Kopf weg. Weitere Wehen folgten, aber Nayara wollte kein weiteres Mal trinken. Dafür genoss sie es umso mehr, wenn ich mit einem nassen, kalten Tuch über ihren Hals und das Gesicht strich. Die Schreie, wenn sie pressen musste, wurden lauter, während sie in den Ruhephasen kaum mehr wirklich zu Atem kam. Meine linke Hand fühlte sich indessen an, als hätte Nay mir mehrere Finger gebrochen. Gerade stiegen ihre Schreie wieder in einem beispielhaften Crescendo, als sie in einer kurzen Atempause fauchte: „Du wirst deinen verdammten Schwanz niemals wieder in mich hineinstecken, Cyrus! Niemals wie…!“ Der Rest ging in einem weiteren Schrei unter.
„Nie wieder“, entgegnete ich, um Nayara aufzubauen. Mir war natürlich klar, dass sie das nicht ernst meinen konnte. Allerdings verstand ich, warum sie dieses Versprechen brauchte. Ich würde ihr gerade alles versprechen, wenn es nötig wäre.
„Ich meine … es ernst! Mach dich nicht lustig, sonst beiße ich dir dieses beschissene Teil ab!“ Sie stieß ein schmerzverzerrtes Stöhnen aus, während sich ihre Augen ungesund stark in ihre Höhlen drehten. „Und wenn du noch eins willst … dann … dann trägst du es auch aus!“ Ein zittriges Wimmern folgte; der Griff um meine Hand wurde wieder stärker.
Emili musste sich ein Schmunzeln verkneifen, sparte sich aber die Erklärung, dass Letzteres wohl nie passieren würde.
„Was immer du willst, Liebste.“ Ich massierte sie wieder, wusch ihr Gesicht und ihren Hals und versuchte alles, damit sie sich zwischen den Wehen wenigstens ein wenig entspannen konnte.
„Au! Au! Au!“ Nayara fluchte laut. „Das brennt!“
„Ja. Jetzt einfach nur atmen, Naya. Nicht pressen, nur atmen.“
„Es tut so weh!“
Ich streichelte Nayara und versuchte, sie zu beruhigen. Zuvor konnte sie den Schmerz durch aktives Pressen zwar nicht kontrollieren, aber irgendwie noch kanalisieren. Jetzt musste sie nur atmen und passiv bleiben.
Ihre Fingernägel gruben sich tief in meine Haut. „Das tut … weh!“
Emili nickte. „Ja, es muss sich nur noch etwas weiten, damit das Köpfchen durch passt.“
„Du hast gesagt, es hat sich schon alles geweitet!“
„Das hier ist die letzte Hürde. Es muss nur noch der Kopf raus.“
„Ich habe … Ich habe keine Kraft mehr!“
Emili nahm Nayaras Hand und führte diese zwischen ihre Beine. „Das Köpfchen ist schon fast draußen, Naya.“
Eine erneute Wehe packte Nayara und sie schrie wieder auf. Ihr Körper zitterte. Kurz darauf zog Emili unser Kind hervor. Ein kleines, blasses und so unendlich perfektes Wesen. Das Neugeborene bewegte fahrig die kleinen Ärmchen und verzog das Gesicht zu einer kleinen, süßen Grimasse. Und kurz darauf fing es erst kräftig, dann leise an zu weinen. Emili betrachtete unser Neugeborenes, wickelte es in ein Tuch und legte es Nayara auf den Bauch. „Es ist geschafft, Naya. Ihr habt ein wundervolles, kräftiges und gesundes Mädchen.“
Nay liefen zum ersten Mal seit Stunden nicht mehr Tränen des Schmerzes, sondern welche der Freude die Wangen hinunter. Ihr Körper entspannte sich und ihre Arme legten sich zittrig um das kleine Bündel, während sie sich ganz in meine Umarmung fallen ließ. Ihr Blick klebte fest und ungebrochen auf unserem Mädchen, von Glück und beispielloser Erleichterung durchtränkt. Als sie sich irgendwann von dem Anblick losriss und zu mir aufsah, bebten ihre Lippen. „Geschafft.“
Mein Lächeln intensivierte sich. Ich beugte mich zu ihr herab, hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen. „Perfekt.“




























































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