Kapitel 5 – Geister der Vergangenheit

Kapitel 5 – Geister der Vergangenheit

 

Rjna

Kalt. Heiss. Kalt. Heiss. Verflucht, noch eins, konnte sich mein Körper auch einmal entscheiden?

Seit geschlagenen Monden, vielleicht aber auch erst seit zwei Tagen, lag ich hier unten in meinem kleinen Verlies. Es war dunkel und kalt, immerzu. Die Dunkelheit frass sich in mein Herz, in meine Knochen, in meine Seele und nahm mir alles. Hoffnung auf Entkommen hatte es nie gegeben, aber vielleicht hatte irgendwo in mir noch der Glaube an die Götter überlebt. Dass sie ihren Kindern beistehen würden. Oder der Glaube an Glück – obgleich ich dieses doch nie besessen hatte. Aber auch dieser Aberglaube war mir von den steinernen, kalten Wänden meines Gefängnisses bald schon ausgetrieben worden.

In mehr oder minder regelmässigen Abständen besuchte mich Grinsebacke, sein grässliches Grinsen ständig zur Schau tragend. Oft bedeuteten seine Besuche ein weiteres Aufgebot Lord Dregos, manchmal warf er mir nur das Essen hin. Je nach Laune oder Befehl.

Was passiert war? Das hatte ich erst begriffen, als ich das zweite Mal zu Lord Drego gerufen worden war. Immerhin war ich bei meinem ersten Besuch, wussten die Götter wie, wieder einmal meines Bewusstseins abhandengekommen und danach frierend in dieser Zelle aufgewacht. Und das, mit fürchterlichen Schmerzen am Hals. Beim zweiten Mal, als ich nach oben gehen musste, zwang er mich, mich ihm zugewandt, mit dem Rücken aufs Bett zu legen. So kam es, dass er, die Beine zu beiden Seiten meiner Hüfte platziert, furchteinflössend über mir kniete und ich ihm direkt ins Gesicht sah.

In seinem Mund hatte ich an jenem Abend zwei rasiermesserscharfe Zähne entdeckt. Eckzähne, die länger waren, als sie sollten. Einen Fingerhut sicher – mindestens! Er lachte, ab der aufblitzenden Angst in meinen Augen. Ich unternahm einen kurzen, schwachen und zum Versagen verurteilten Versuch, ihn von mir zu drücken. Wäre ich damals bei Verstand gewesen, hätte ich dies nie und nimmer gewagt. Aber in mir hatte die Angst regiert.

Daraufhin hatten seine Augen gefährlich aufgeblizt, ehe er mir ohne Zögern, den Kopf zur Seite drückte und sich bediente. An meinem Blut! Unmenschlich. Abstossend. Grausam.



Aber wie dem auch sei. Es spielte keine Rolle mehr. Immer mehr wünschte ich mir, ich wäre das erste Mal wirklich gestorben. Denn diesen Schmerz immer und immer wieder zu durchleben, es zog an meinen Kräften. Ich wollte nicht mehr. Hätte ich jetzt die Chance, mein Leiden zu beenden, würde ich es tun. Es wäre mir egal, dass mich die Götter verstiessen. Ich würde eine der wichtigsten Regeln überhaupt brechen. Freitod war eine Sünde, die meine Seele in ewigen Qualen brennen lassen würde.

Ich nahm den Gedanken daran mittlerweile schulterzuckend an. Ich brannte doch schon. Und diese Qual dauerte bereits eine halbe Ewigkeit! Da konnte ich auch eine Ganze ertragen, wenn es danach nur endgültig vorbei wäre.

Die ersten Male hatte Lord Drego immerzu gefragt, ob ich ihm nicht beiligen wolle. Ich verstand es nicht. Ich wusste nicht, was er damit meinte! Dennoch hatte ich abgelehnt, denn ganz gleich, was es bedeutete, es wäre gut für ihn und schlecht für mich. So lief das hier. So lief es immer.

Nach unzähligen Zurückweisungen entschwanden meine Privilegien. Ein paar Mal im Mond brachte man mir nämlich etwas zu Essen, zu Trinken und einen Eimer mit Wasser, mit dem ich mich waschen konnte. Insbesondere die immer neuen Bisswunden sollte ich damit, im Rahmen der Möglichkeiten, versorgen.

Laut Grinsebacke hatte ich mich Lord Drego mittlerweile allerdings einmal zu oft verweigert, was zur Folge hatte, dass ich Essen nur noch … schätzungsweise alle fünf Tage bekam. Wasser weiterhin alle zwei Tage. Doch der Eimer, um mich einigermassen sauberzuhalten und die Wunden zu pflegen, war fortan ausgeblieben. Das dürfte auch der Grund für meinen derzeitigen Zustand sein.

Mal war es eiskalt, gleich darauf schwitzte ich aus allen Poren zugleich, wobei ich das Gefühl hatte, im Höhepunkt der Hitzezeit bei strahlendheissem Sonnenschein einen dicken Mantel zu tragen. Ich wusste, was es war. Ich kannte es bereits.

Das Fieber.

Einmal hatte ich es als kleines Kind erlebt. Es war ein Wunder, hiess es, dass ich überlebt hatte. Doch noch einmal rechnete ich nicht mit diesem Wunder. Nicht hier unten, wo die Götter mich vergessen hatten. Und hätten sie es nicht, so gäbe es keinen Grund für sie, erneut ihre Kraft an mich zu verschwenden. Wofür denn auch? Damit ich noch länger hier unten gefangen gehalten werden konnte? Noch länger allein zu Lord Dregos Vergnügen existieren konnte? Ausserdem war ich nicht gerade das gehorsamste ihrer Kinder. Ich schrie jedes Mal, wenn Dregos Zähne meine Haut durchdrangen. Ich keuchte, jedes Mal, wenn ich bewusstlos zu Boden sank. Und ich weinte unablässlich – einzig mit der mir Gesellschaft leistenden Einsamkeit als Zeuge meiner Schwäche. Nur waren meine Tränen jetzt aufgebraucht. Es kamen keine mehr.



 

„Was klagst du hier so rum?“

Erschrocken fuhr ich hoch. „Vater?“ An meinem Rücken klebten vor lauter Schweiss noch die bedauerlichen Reste meines Kleides, welches aber kaum noch als solches zu erkennen war. Meine Stimme war kratzig und mein Körper erschreckend schlaff.

„Du warst schon immer schwach. Was sollte ich auch anderes erwarten“, erklang spöttisch wieder die Stimme Vaters aus dem angrenzenden Kerkerabteil.

„Sie … sie haben euch auch hergebracht? Vater? Geht es Euch gut?“ Angespannt hielt ich den Atem an, während die Luft um mich herum, in eine horchende Stille verfallen, nur so bebte.

Dann schallte ein höhnisches Lachen durch das Verlies. „Wäre ich hier nicht eingesperrt, lägest du blutend unter mir, du kleines, nichtsnutziges Ding!“ Seine Worte klangen grausam in meinen Ohren; seine Stimme liess mich mich zusammenschrumpfen, bis ich in Embryostellung in der hintersten Ecke meiner Zelle zusammengekauert lag.

„V…vater, wieso sagt ihr das?“ Ich wusste, wieso, keine Frage. Dennoch hatte ich gehofft, dass er mir in dieser Situation mehr beistehen würde, anstatt an eine nächste Bestrafung zu denken. Meine Stimme hatte sich für einen Moment gluckernd vor Trauer erhoben, zum Ende hin war sie jedoch so leise und flüsternd, dass ich mich selbst nicht mehr verstehen konnte.

Ich lag kraftlos auf dem kalten Boden, den Körper zur einzigen Wand hingedreht, die mir noch das Gefühl von Privatsphäre vermitteln konnte. Reden war anstrengend, Denken war anstrengend, ja gar atmen! Rasselnd zog ich die Luft ein. Meine trockene Kehle dürstete es nach Wasser, doch ob ich solches bald bekäme?

Vielleicht hatten sie mich vergessen? Vielleicht war aber auch entschieden worden, mich endlich sterben zu lassen. Das Trinken zu verweigern, hatte ich bereits versucht. Daraufhin wurde es mir zwanghaft eingeflösst und der nächste Biss des Lords spürte ich noch wie frisch, als ich auch schon das nächste Mal wieder gerufen worden war. Er hatte die vollständige Kontrolle über mich. Nicht einmal meinen Tod konnte ich kontrollieren.

Anfangs stand sogar noch jemand Wache vor der Zelle. Ich nahm an, dabei hatte es sich um Grinsebacke gehandelt. Mittlerweile hatten sie es allem Anschein nach für unnötig befunden, da ich nie einen Fluchtversuch unternommen hatte. Und wieso auch? Eine Flucht wäre dumm. Die Folgen davon waren mehr als erahnbar und nicht gerade wünschenswert.



„Und so gibt meine Tochter also auf“, höhnte es aus der Nachbarzelle.

„Bitte seid still. Vater, ich kann nicht mehr.“ Ich hatte Schwäche gezeigt. Und das auch noch Vater gegenüber. Als mir das klar wurde, entrann ein gebrochenes Schluchzen meiner Kehle.

„Dann beende es doch, du nichtsnutziges Stück!“

„Nicht mehr lange und Euer Wunsch wird erfüllt“, antworte ich kraftlos. Es würde wirklich nicht mehr lange dauern, bis das Fieber mich dahinraffte. Bis dahin wollte ich eigentlich nicht an Vater denken. Viel lieber stellte ich mir vor, wie ich in eine von Frederikes Umarmungen fiel.

„Fredi“, hauchte ich. „Vater, was ist mit Frederike?“ Stille. „Vater? So antwortet doch!“, flehte ich, kurz vorm Zusammenbruch. Wenn Fredi etwas zugestossen war … dann war nun auch mein letztes bisschen Lebenslust dahin.

„Vater“, höhnte eine Stimme. Dieses Mal jedoch kam sie vom Zellengang und ihr Meister trug eine Fackel bei sich, welche das Verlies in ihren warmen Schein tauchte. Grinsebacke hatte sich wieder dazu herabgelassen, mir einen Besuch abzustatten, wie es schien. „Du redest tatsächlich schon mit Geistern?“, höhnte er weiter; das böse Grinsen vermochte ich selbst durch das schwache Fackellicht zu sehen.

Geister? Ein fragender Laut entwich meiner Kehle, woraufhin Grinsebacke in einen Lachanfall verfiel. Als er sich wieder beruhigt hatte, hörte ich, wie ein klapperndes Geräusch in meiner Zelle widerhallte, wie ich es wohl etwa vor einem halben Mond zuletzt gehört hatte. Essenszeit.

Mit Müh und Not zog ich meinen Körper bis zu dem holzigen Teller hin, nur um festzustellen, dass er leer war. Ein Schaudern ging mir durch den Körper, als mir plötzlich wieder so furchtbar kalt wurde.

„Ups. Haben wohl die anderen Säue gefressen“, höhnte der Mann und fand sich selbst dabei urkomisch. Was für ein schlechter Komiker. Aber das war wohl auch der Grund, wieso er selbst über seinen Witz lachen musste. Und er empfand es noch nicht einmal als beschämend. Was er damit andeuten wollte, ging mir nur zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Es war mir schlichtweg egal. Was nicht egal war, war, dass mein Essen nicht auf dem verdammten Teller war!

„Wo …?“, stöhnte ich schwach. Ich hatte wohl wirklich nicht mehr lange zu leben. Schade eigentlich. Ich hätte heiraten können. Kinder kriegen. Aber andererseits hatte ich das alles niemals gewollt. Nichts davon hatte ich mir erträumt. Aber ich hätte Fredi retten können. Sicher litt sie nun unter Vaters Hand.



Aber Vater war ja hier …

Kraftlos liess ich von dem leeren Teller ab und sank mit dem Gesicht voran in den Dreck. Ich wusste nicht, wie lange meine letzte Mahlzeit her war. Ich wusste auch nicht, wann ich das letzte Mal die Möglichkeit gehabt hatte, meine Zelle einigermassen zu reinigen. Anfangs hatte ich mit dem Wasser, welches ich zum Waschen bekam, auch die Zelle immer grob zu putzen versucht. Doch die Zeit war vergangen und der Boden nass von meinem Schweiss und meinen Tränen. Staub und Dreck lagerte sich ab und dank der fehlenden Möglichkeit zur Erleichterung musste es hier unten entsetzlich stinken.

„Oh, wie tief kann man fallen“, gab Grinsebake lachend von sich. „Wie lange du dich ihm wohl noch verweigerst? Wenn er dich denn jetzt überhaupt noch will.“ Erneut lachte er auf. Dann, endlich, verschwand der Fackelschein und ich war wieder allein.

Da war ein Teller. Und er war aus Holz. Vielleicht schaffte ich es, ihn zu zerbrechen? Mir mit einem spitzen Stück ins Herz zu stechen? Oder vielleicht besser in den Hals? Bei welcher Verletzung starb man am schnellsten? Es wäre wohl angenehmer, als vom Fieber oder dem fehlenden Essen dahingerafft zu werden. Aber in erster Linie wäre es schneller.

Kein Grinsebacke mehr, kein Lord Drego mehr, kein Verlies mehr und auch Vater nicht mehr. Der Tod würde mich mit offenen Armen empfangen. Und das Einzige, was ich zu tun hatte …

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