Kapitel 54 – Streitigkeiten mit dem König
Kapitel 54 – Streitigkeiten mit dem König
Cyrus
Ich blieb im Flur neben der Geheimtür stehen und atmete tief durch. Wieder fühlte ich mich schlecht. Wie auch in den letzten Tagen schon. Also lag es nicht daran, dass mein schlechtes Gewissen mich die letzten Tage gequält hatte. Nun, doch. Auch das. Aber es bedeutete auch, dass es da noch etwas anderes gab. Dieses Gefühl, ohne Aurelie nicht komplett zu sein. Jeder verdammte Herzschlag schmerzte, wenn ich nicht bei ihr war.
Wie sollte das nur werden, wenn wir länger zusammenlebten? Wenn dieser Blutschwur noch länger andauerte? Es war jetzt schon der reinste Albtraum. Und mit jedem Tag, mit jedem Monat, mit jedem Jahr, mit jedem Jahrzehnt würde die Bindung stärker werden. So funktionierte der Blutschwur. Er band zwei Vampire aneinander, ein Leben lang. Natürlich gab es Fälle, in denen das Band nur schwach war. Es gab Fälle, in denen spürte der Partner nicht einmal, wenn der andere starb. Aber es gab auch Fälle, da war der Blutpakt so stark, dass bei Tod eines Partners auch der andere bald folgte.
Sollte dieser Blutschwur noch länger andauern, würde ich mit Aurelie sterben. Schon jetzt konnte ich nicht einmal mehr daran denken, sie zu töten, nachdem sie ein Kind auf die Welt gebracht hatte. Der Gedanke war unerträglich und bereitete mir beinahe körperliche Schmerzen!
Ich stieß mich von der Wand ab, ging in meine Gemächer und sah auf den Tisch. Timm hatte mir wieder etwas zu essen gebracht. Und diesmal setzte ich mich an den Tisch, griff zur Gabel und begann zu essen.
War das vielleicht auch eine Laune des Blutschwurs? Dass der eine keinen Hunger verspürte, wenn dem anderen der Appetit vergangen war? Ich hatte schon gehört, dass in seltenen Fällen selbst Gefühle des anderen zu spüren waren. Aber das war wohl absolut übertrieben. Aurelie hatte keinen Hunger, weil ich sie jeden Abend geschändet hatte. Und ich konnte keinen Bissen runterbringen, weil ich gerade dann die Gesellschaft von Lee vermisste. Auch jetzt drohte mir der Appetit zu vergehen, aber ich zwang mich dazu, wenigstens die halbe Portion zu essen. Dazu eine halbe Flasche Wein, die ich später mit auf den Balkon nahm. Wobei es schon mehr bräuchte als eine Flasche Wein, um den Schmerz und die Leere wirklich zu betäuben.
Es war schon spät und die zweite Flasche Wein zur Hälfte leer, als ich endlich ins Bett ging. Meine rechte Hand ruhte auf meinem Bauch. Wieder spürte ich Aurelies Finger, die Figuren auf meinen Bauch malte. Dabei hatte ich gedacht, sie würde mich nie wieder freiwillig anfassen. Nicht auf diese Weise.
Meine Gedanken kreisten ununterbrochen darum, wie schön es gewesen war, einfach nur neben ihr zu liegen und mit ihr zu reden. Ihre Stimme zu hören und ihre Nähe zu spüren.
Ich schloss meine Augen. Mit diesen Gedanken könnte ich einschlafen. Aber das Bild änderte sich. Aus Aurelie wurde Leeander. Er starrte mich aus toten, weit aufgerissenen Augen an. Auf seiner Brust klaffen zwei riesige Brandwunden. Der Geruch von verbranntem Fleisch und verkohlter Kleidung stieg mir in die Nase.
Timm betrat mein Schlafzimmer. Ich hatte diese Nacht kaum geschlafen und fühlte mich einfach nur erschöpft. Kopfschmerzen hämmerten hinter meiner Stirn. Wann hatte ich das letzte Mal unter Kopfschmerzen gelitten?
„Guten Morgen, Cyrus. Du hast einen Brief von Darleen bekommen. Darüber hinaus hat Graf Targes neue Informationen über die Aufstände.“
Während ich mich wusch und anzog, berichtete mir Timm, was heute alles auf dem Plan stand. Den Brief von Darleen würde ich als Erstes lesen. Hoffentlich würde er mich etwas aufheitern. „Danke. Wie sieht es um die Informationen zu den fünf Frauen im Harem aus?“
„Wir haben nun endlich alles zusammen, was wichtig ist.“
„Gut, ich sehe es mir später an.“
Timm nickte. „Ich habe dir Frühstück gebracht. Danke, dass du gestern etwas gegessen hast.“ Er sah mich einen Moment an, wollte ganz offensichtlich noch etwas sagen. Aber er zögerte und entschloss sich letztendlich dafür, ohne ein weiteres Wort zu gehen.
Ich setzte mich an den Tisch und betrachtete mein Frühstück. Rührei, Brot, Käse und Wurst. Lee hatte mir jeden Tag Rührei oder ein hart gekochtes Ei gebracht. Es war zu einer Routine geworden, die Timm wie von selbst übernommen hatte. Ohne die Bedeutung dahinter zu verstehen.
Mir verging der Appetit. Stattdessen griff ich zu der Flasche Wein, die ich gestern nicht ausgetrunken hatte. Nach kurzem Zögern nahm ich noch etwas Käse und ging ins Arbeitszimmer. Immerhin konnte ich mich schlecht zu Tode hungern. Ich hatte nicht alles riskiert, um die Krone zu bekommen, um dann aufgrund von Trauer wieder alles zu verlieren. Lee hätte das nicht gewollt. Er würde verlangen, dass ich meine Vision von einer besseren Welt auch ohne ihn umsetzte.
Es klopfte an der Tür. Lustlos bat ich herein. Ich lauschte. Kein Herzschlag. Hatte Timm etwas vergessen? Oder wollte er nur sicher gehen, dass ich wieder etwas ass? Schritte drangen zu mir hin. Aber das waren nicht Timms Schritte.
„Mein König?“
Überrascht drehte ich mich um, meine Miene jedoch verdunkelte sich augenblicklich. Irina war wahrlich eine Schönheit, wie sie im Buche stand. Doch langsam ging sie mir auf die Nerven. „Was?“
„Wo ist Naya? Sagt es mir endlich!“, brauste sie auf, die Fäuste geballt.
„Glaubst du, wenn du mich so förmlich ansprichst, bin ich eher bereit, dir Auskunft zu geben?“ Ich deutete auf das Sofa nahe dem Schreibtisch. „Wie so oft … Sie ist in diesem Schloss und lebt. Mehr muss dich nicht interessieren.“
„Das reicht mir aber nicht!“, protestierte sie und machte drohend einen Schritt auf mich zu. „Sag mir endlich, was du mit ihr gemacht hast, Cyrus!“
„Sonst …?“, fragte ich gedehnt.
Wütend fuhren ihre Fänge aus. In Vampirgeschwindigkeit stürmte sie auf mich zu und ging mir an die Kehle. „Wo ist sie?“, zischte sie drohend, die Augen sprühend vor Zorn. Und Sorge.
Ich packte ihr Handgelenk und bog dabei ihren Daumen zur Seite, bis ich den Knochen brechen hörte. In einer schnellen Bewegung befreite ich mich von ihr und warf sie zu Boden, wo sie schreiend liegen blieb. „Wenn du mich noch einmal angreifst, bist du tot!“, knurrte ich verbissen. Noch nie hatte es einer meiner Grigoroi gewagt, mich anzugreifen! „Raus hier! Sofort!“
„Nei…n! Sag mir sofort, wo sie ist!“ Tränen liefen ihr über die Wangen, der Schmerz durchdrang ihren Körper, aber die Sorge um ihre Freundin war größer.
Ich packte Irina an den Haaren und zog sie hoch. „Du bist mir zu absolutem Gehorsam und Loyalität verpflichtet! Du hast es mir zu verdanken, dass du überhaupt noch lebst! Ich hätte dich als Mensch einfach sterben lassen können, als du schwanger warst! Oder neulich nach deinem Fluchtversuch! Ein drittes Mal werde ich dein Leben nicht verschonen! Also reiß dich gefälligst zusammen!“ Ich war mittlerweile so wütend, dass ich mich über sie gebeugt hatte, sodass ihr Gesicht dicht vor meinem schwebte.
Ihre Augen weiteten sich. „Woher weißt du davon?“ Doch im nächsten Moment schüttelte sie harsch den Kopf. „Das ist egal! Wenn du Naya getötet hast, kannst du es mit mir gleich auch tun! Du bist ein schrecklicher Ehemann, weißt du das? Und ich habe dich allen Ernstes noch verteidigt!“
„Ich sagte schon, sie ist nicht tot!“, knurrte ich. „Und jetzt geh!“ Keine Bitte. Kein Ratschlag. Das war ein Befehl, dem sie folgen musste. Sie versuchte, sich gegen den Befehl zu wehren, doch ihre Beine trugen sie davon, ganz egal, was sie davon hielt oder wie verbissen ihr Gesichtsausdruck war.
Ich setzte mich wieder an meinen Schreibtisch und nahm die Briefe an mich. Um meine Laune zu bessern, griff ich zuerst nach Darleens. Darin teilte sie mir mit, dass die Übertragung des Fürstentums der Ostlande auf ihren Namen ohne Probleme vonstattengegangen war. Sie wollte mich aber bald besuchen kommen. Am liebsten im Spätsommer. Ich antwortete direkt auf den Brief. Sie wäre jederzeit herzlich willkommen.
Ich griff nach dem nächsten Brief, öffnete ihn und überflog die Zeilen. Eine Einladung zu einem Ball. Unter dem Stapel an Korrespondenz würden sich noch zahllos weitere davon finden lassen.
Ich dachte an den Tanz mit Aurelie zu unserer Krönung. Mittlerweile würden ihre Bewegungen sicher eleganter und anmutiger aussehen. Aber sie musste in einem Ballkleid üben. Andererseits sollte ich ihr ein paar Standardtänze beibringen. Aufgaben, die Carina hätte übernehmen sollen. Doch sie hatte offensichtlich versagt.
Ich schnaufte leise und starrte zu der Flasche Wein. Es war leicht, über die Verfehlungen von anderen zu richten. So, wie ich mich darüber aufgeregt hatte, dass Carina zu viel trank und sich gehen ließ. Aber auch ich trank gerade zu viel. Wie lange würde das noch gut gehen? Wie lange würde es dauern, bis auch ich alles um mich herum vernachlässigte? Dann wäre alles umsonst gewesen. Lee wäre umsonst gestorben.
Ich legte beide Hände vor mein Gesicht und ließ die Schultern sinken. Lange saß ich einfach nur da, unfähig mich zu bewegen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Dann stand ich auf und ging in Aurelies Gemächer. Aus ihrem Kleiderschrank holte ich zwei Hosen und zwei Hemden. Meine Kleidung. Aber der Schneider würde noch ein paar Tage brauchen.
Aus einer Ecke hörte ich ein Geräusch und eilte um das Bett herum. Dort saß Irina in sich zusammengesunken, hielt Aurelies Kopfkissen an ihre Brust und … weinte. Als sie mich sah, riss sie erschrocken die Augen auf.
„Hier“, meinte ich, und warf Irina die Kleidung zu. „Geh zu Timm oder Galderon und sag, du sollst das Aurelie geben.“
Irina starrte mich ungläubig an. Sie legte das Kissen zurück auf das Bett, nahm die Kleidung und stand auf. Dabei verzog sie schmerzverzerrt das Gesicht.
„Und lass dir den Finger richten.“
Irina nickte stumm und verschwand. Nur einen Augenblick noch sah ich ihr nach, dann wanderte mein Blick durch das Schlafzimmer und blieb am Kissen hängen. Ich nahm es an mich und wollte es richtig hinlegen. Sofort stieg mir Aurelies Geruch in die Nase. Kein Wunder, dass Irina dieses Kissen an sich gepresst hatte. Auch ich ertappte mich dabei, dass ich es an meine Nase drückte. Verfluchter Blutschwur! Hatte der Hohepriester ihn manipuliert? War das überhaupt möglich?
Mit dem Kissen in der Hand ging ich zurück in mein Schlafzimmer. Dort legte ich es auf mein Bett und ging weiter in mein Büro. Es gab noch genug zu tun. Die Flasche Wein stellte ich weg. Ich musste einen anderen Weg finden, um mit meiner Trauer klarzukommen.





































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