Kapitel 55 – Irgendwann

Kapitel 55 – Irgendwann

 

Aurelie

„Und heute …“ Ines machte eine spannungssteigernde Pause, ehe sie die Hand in die Schachtel streckte, darin herumwühlte und einen kleinen Zettel herausholte. Sie öffnete das zusammengefaltete Stück Papier und las. Dann runzelte sie die Stirn. „Wer hat das denn aufgeschrieben?“

„Was steht denn da?“

„Wir … erzählen uns von unserem ersten Mal. Lyssa, warst du das? Hast du eine Ahnung, wie lange das bei allen außer dir … und Naya, schon her ist?“

„Heisst das, du erinnerst dich nicht mehr?“ Lyssa kicherte. „Ich dachte, es wäre auch etwas, was …“ Ihr Lachen verblasste. „Naja, etwas, was wir noch machen können. Ich sage es ja nur ungern, aber die meisten der Spiele, die wir aufgeschrieben haben, sind auf die Anwesenheit von Kindern ausgelegt …“

Fenna nickte bekräftigend. „Da hast du recht. Das war eine gute Idee. Wir sammeln damit sicher so einige interessante Momente.“ Sie trug ein sanftes Lächeln auf den Lippen.

„Ich habe noch nicht fertig gelesen …“, merkte Ines an. „Wir erzählen uns von unseren ersten Malen – und stellen sie nach.“

Sofort erklärte Lyssa: „Naja, wir sind alle in höchstem Masse unbefriedigt. Und es wäre auch nicht das erste Mal, dass wir uns gegenseitig aushelfen. Ich dachte, das könnte es spannender machen.“

Ich selbst saß auf einem der Kissen und hörte stumm zu. Welches erste Mal damit gemeint war, war klar. Und da sie gerade davon sprachen, gelang es mir auch nicht, den Gedanken daran wieder aus meinem Kopf zu verbannen. Ich spürte den kalten, unebenen Steinboden praktisch unter mir. Der Biss in die Brust. Aber ich erinnerte mich auch an die unbändige Lust, die mich nach seinem Biss durchströmt hatte. Anfangs.

„Wer fängt an?“, fragte Tarischa. „Eigentlich ja die jüng…“

„Die Älteste“, unterbrach Lyssa sie, als ihr Blick zu mir ging. Augenblicklich wurde er entschuldigend. Scheinbar hatte sie mich für einen kurzen Moment vergessen.

Aralie fuhr sich mit den Händen überfordert durch die Haare. „Meine Güte, Mädchen, das ist beinahe dreitausend Jahre her!“ Die Runde kicherte leise. „Aber gut. Tatsächlich erinnere ich mich noch gut. Meine Reife hatte sich schon drei oder vier Jahre lang bemerkbar gemacht und langsam angebahnt. Da wurde meine Familie an den königlichen Hof geladen. Zuweilen veranstaltete der damalige König große Bankette, Bälle und Feste, zu denen er das ganze Land einlud. Als Kind war es mir eigentlich verboten, mitzukommen, doch ich war in meiner Reife schon weit. Und so durfte ich mit.“



Die Vampirin, deren Haare bereits zu grauen begannen, lächelte sacht. Eine ungewohnte Regung auf ihrem sonst so starren und unfreundlichen Gesicht. „Dort habe ich damals Prinz Alaric getroffen. Dunkles Haar, unglaublich stattliches Aussehen.“ Sie kicherte. „Er hat uns vom Ball geschmuggelt und mich geküsst. Das ist der Moment gewesen, in dem sich meine Reißzähne endlich gezeigt haben.“ Wieder kicherte sie und hielt sich eine Hand vor den Mund. Die alte Frau benahm sich wie ein kleines Kind. „Er hat damals noch nicht einmal gewusst, dass meine Reife noch nicht durchgebrochen war. Ich sah aus wie ein erwachsenes Mädchen und auf meinen Herzschlag und meine Atmung hat er nicht geachtet. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Die Nacht, die daraufhin folgte, war unbeschreiblich. Er war fordernd und nahm sich, was er wollte, aber er war auch sanft.“

Ich wollte würgen. Das waren mir viel zu viele Details über meinen Onkel, die ich niemals hatte erfahren wollen!

„Am nächsten Morgen ließ er mich nicht mehr gehen. Womit ich aber vollkommen einverstanden war. Ich wollte zu seiner Mätresse werden und für alle seine Gelüste da sein. Meine Eltern haben mich enterbt und verstoßen. Die Verlobung, an die ich seit jeher gebunden war, wurde aufgelöst. Denn wie ihr sicher wisst, soll die Braut noch unberührt sein.“

Nur deshalb wurden Ehen ja auch so früh geplant. Manche Mädchen waren schon mit fünfzig einem Mann versprochen, der über eintausend Jahre älter war. Und verbunden wurden sie, sobald sie ihre Reife durchlebt hatte.

„Und wie ist das jetzt genau abgelaufen?“, wollte Fenna händereibend wissen.

Dies war der Moment, in dem ich beschloss, aufzustehen. „Entschuldigt mich. Ich fühle mich nicht besonders.“ Und bekomme gleich Kotzeritis. Ich erhob mich und verzog mich mit langsamen, vorsichtigen Schritten in mein Abteil. Die nächsten Minuten wünschte ich mir nichts auf der Welt sehnlicher als eine Tür.

Jede der Vampirinnen erzählte ihre Geschichte. Nacheinander, die Reihenfolge dem Alter nach absteigend. Fenna erzählte von einer Hochzeitsnacht, wie sie wohl im Buche stünde. Er dirigierte sie zum Bett, sie sollte die Beine breit machen und ihn machen lassen. Schmerzhaft sei es gewesen, aber doch nur die ersten Stöße. Bis sich die Lust in ihr breit gemacht und von ihr Besitz ergriffen hätte.



Trischas ehemaliger Verbundener war wohl nicht sehr feinfühlig gewesen und hatte sie geschlagen. Ein Punkt für Cyrus. Dieser beschränkte sich darauf, mich nur durch den Raum und an die nächste Wand zu werfen. Aber wenn ich die Wahl hätte, von ihm genommen oder verprügelt zu werden, wäre die Wahl schnell getroffen. Schmerzen konnte man einstecken und wegstecken. Aber ihm meinen Körper zu geben, verlangte mir noch so viel mehr ab als nur ein paar blaue Flecken.

Ich konnte nicht mehr essen. Nichts von der aufgenommenen Nahrung wollte in meinem Magen bleiben. Sein Blut stank regelrecht, ich fand es abstoßend, und so trank ich auch kein Blut mehr. Ich schmeckte mittlerweile sogar den Alkohol heraus, was wiederum die Frage aufwarf, wie viel er eigentlich trank. Kam er überhaupt noch dazu, das Reich zu regieren? Tat er es bei klarem Verstand? Hatte sich mittlerweile jemand gefragt, wo ich blieb? Immerhin war es bereits eine ganze Woche, die ich hier in diesem Gefängnis verbrachte. Die meiste Zeit davon genau hier, in diesem Bett, in Dunkelheit und mit zugezogenen Vorhängen.

Die Erinnerung an unser gestriges Gespräch wallte in mir auf. Es war so schön gewesen. Er hatte sich doch tatsächlich an unsere kleinen Momente erinnert. Wieso nur hatte es nicht so bleiben können?

„Es geht dich nichts mehr an, Aurelie! Du bist nur noch Königin zum Schein.“

Macht. Gier. Verrat. Macht korrumpierte, Gier verschlang und Verrat zerriss. Er war von ersteren beiden Düsternissen zerfressen worden und unser Vertrauen war zerbrochen in unzählig viele kleine Stückchen. Nicht nur mein Vertrauen in ihn. Auch seines in mich, wenn dieses denn jemals existiert haben sollte.

„Naya?“

Erschrocken setzte ich mich auf. „Ja? Lyssa?“ Ich hatte es erfolgreich geschafft, so sehr in meine düsteren Gedanken abzutauchen, dass ich das weitere Gespräch doch tatsächlich vollkommen ausgeblendet hatte.

„Wir werden uns jetzt zusammensetzen. Spaß haben und uns gegenseitig Freude bescheren. Ich weiß, du wirst zwar gefickt, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du auch auf deine Kosten kommst. Also, willst du mitmachen?“

Auf meine Kosten? „Nein …, ich denke nicht. Aber danke für das Angebot.“



„Sicher? Ich meine, wenn du nicht mit allen willst, kann ich auch zu dir kommen und wir sind nur zu zweit? Hast du dich schon einmal mit einer anderen Frau ausprobiert?“

Verlegen biss ich mir auf die Lippe und senkte den Blick. Ich hatte wirklich noch praktisch keine Erfahrungen gesammelt.

„Moment! Hast du dich überhaupt schon einmal selbst beglückt?“

Jetzt nickte ich schwach. „J…ja?“ Das hatte nicht sehr zuversichtlich geklungen.

Lyssa verschränkte die Arme und zog grinsend eine Augenbraue hoch. Dann trat sie ein, sorgte dafür, dass der Vorhang hinter uns wieder geschlossen war und krabbelte zu mir aufs Bett. „Wenn du das so sagst, glaube ich dir nicht.“

„Aber…!“

„Nein.“ Ihr Grinsen wurde diabolisch. „Nichts aber. Zeig es mir“, sagte sie, ihr Grinsen wurde zu einem sachten Lächeln und auch ihre Stimme war auf einmal weich und lieblich.

Bestürzt sah ich sie an. Doch sie begann nicht, zu lachen. Das war offenbar wirklich kein Scherz. Von außerhalb des Vorhangs erklang bereits das eine oder andere hemmungslose Stöhnen, was mich nur noch mehr in Verlegenheit brachte.

Lyssa drückte mich sanft an den Schultern in die weiche Matratze. Sie selbst positionierte sich über mir. „Wurdest du überhaupt schon einmal richtig geküsst, Naya? Sanft? Mit Zunge? Erotisch?“

Ich brachte kein Wort mehr über die Lippen. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich das Gefühl, dass ich ein kleines Bisschen dieser unbändigen Lust, von der meine Spezies immerzu sprach, in mir erahnen konnte. Denn in diesem Moment hatte ich tatsächlich das Bedürfnis, von dieser Frau geküsst zu werden.

Lyssa senkte sich immer weiter ab, bis ihre Lippen schließlich nur noch einen Atemhauch von meinen entfernt waren. „Darf ich?“, fragte sie leise.

Sollte ich nicken? Oder selbst das letzte, kleine Stückchen überwinden? Hatte ich dazu überhaupt den Mut? Ich schluckte trocken. Mein Atem ging schneller, was mir aber erst auffiel, als ich ihn zum Schlucken kurz unterbrechen musste. Schließlich fasste ich Mut, hob meinen Kopf an und berührte Lyssas Lippen. Meine Hände hatten sich selbstständig gemacht und nach ihren Hüften gegriffen, die sie jetzt vorsichtig auf mich niederließ. Lyssas Lippen begannen sofort, sich zu bewegen, allerdings nur sachte und vorsichtig. Ihre Augen waren geschlossen. Und das wusste ich, denn meine waren es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Doch als sie nicht weiter ging, das Aufeinandertreffen unserer Lippen vorerst sanft blieb und auch sonst nichts Schlimmes passiert war, weil ich eine Frau geküsst hatte, entspannte ich mich zusehends und schloss auch meine Augen.



Sachte bewegte ich meine Lippen gegen Lyssas, schloss sie zwischen meine und ließ sie wieder gehen, nur um das Spiel erneut von vorn zu beginnen. Irgendwann biss mir Lyssa sanft in die Unterlippe und zog ein wenig an ihr, bis sie ihr zwischen den Zähnen hervorrutschte. Sie ließ von mir ab, blieb mit ihrem Gesicht aber dicht über meinem Schweben. „War das in Ordnung?“

„Ja“, hauchte ich. Meine Finger glitten von ihrer Hüfte nach oben zu ihrer Taille und zogen sie instinktiv näher, was sie zu einem leisen Kichern veranlasste. Wobei sie wirklich schön aussah. Grübchen bildeten sich auf ihren Wangen und unter ihren Augen bildeten sich wunderschöne, süße Fältchen. „Du bist wunderschön“, flüsterte ich leise.

„Das kann ich nur zurückgeben, Naya.“ Mit bedachten Bewegungen stützte sie sich mit den Armen neben meinem Kopf ab und platzierte ihre Oberschenkel um meine Hüfte, sodass sie auf mir sitzen konnte. Sorgsam sah sie mich an und prüfte, ob ihre Handlung für mich in Ordnung war.

Als ich auf ihre Worte hin den Kopf zur Seite drehte, auf dass ihr meine Tränen verborgen blieben, schüttelte sie den Kopf und legte ihre Finger um mein Kinn, führte es zurück in die Mitte. Nun kugelten die kleinen Wassertropfen seitlich an meinem Kopf hinunter, über meine Schläfen und schließlich in mein Haar. Den Blick hielt ich trotz allem Gesenkt. Doch gegen meinen zitternden Atem konnte ich nur wenig unternehmen.

„Hey“, hauchte Lyssa leise, aber eindringlich. „Sieh mich an, Naya“, verlangte sie ernst, doch noch immer mit gesenkter Stimme. „Habe ich etwas Falsches gesagt? Soll ich runter?“

Sofort umklammerten meine Hände ihre Hüfte fester, wo sie bisher nur leicht auf dem leichten Stoff ihres Gewandes gelegen hatten.

„Also nicht runter“, erkannte sie ruhig, sah mich aber nach wie vor aufmerksam und besorgt an. „Was ist es dann?“

Ich schluckte schwer. „Ich habe doch gehört, was ihr sagt … und ich weiß es auch selber“, schniefte ich leise und versuchte erneut – erfolglos – den Kopf abzuwenden.

„Wir sagen noch viel, wenn der Tag lang ist. Was war es?“, erkundigte sie sich ruhig.

„Du sagst, ich wäre schön, aber … aber ich weiß genau, dass das nicht so ist.“ Ein erneuter Schwall an Tränen rann mir über die Wangen, während ich mir auf die Unterlippe biss, damit sie aufhörte, zu zittern. „Dafür hat er gesorgt“, hauchte ich kaum hörbar und eigentlich auch mehr zu mir selbst.



„Wer, Naya? Wer hat dir das angetan? Cyrus? Hat er das getan, als du noch Kind warst?“ Ihre Hand glitt sachte zu meiner Wange und wischte mir ein paar Tränen weg.

Zum ersten Mal seit Anfang dieses Gesprächs sah ich zu ihr empor, direkt in ihre Augen. „Woher weißt du, dass es passiert ist, als ich noch Kind war?“ Welcher Vampir würde es einem anderen zutrauen, einem Kind Schmerzen zuzufügen?

Verständnisvoll blickte sie zu mir hinunter. „Solche Narben entstehen nicht mehr, wenn man die Reife erst hinter sich gebracht hat, Naya.“ Sie hob ihr Gewand hoch bis zu einer Stelle gleich unter ihren Brüsten. „Hier.“ Sie griff sanft nach meiner Hand und führte sie an ihren Brustkorb. „Fühl.“

Als ich das raue Narbengewebe unter meinen Fingerkuppen spürte, riss ich erschrocken die Augen auf. Diese Narbe war riesig!

„Keine Angst. Mir hat niemand etwas angetan.“ Ein sanftes Lächeln fand seinen Platz auf ihren geschwollenen Lippen. „Ich bin als Kind von einem Baum gefallen. Auf den ich natürlich niemals hätte klettern dürfen. Aber ich war nun mal ein kleiner Freigeist.“ Wehmütigkeit schlich sich in ihren Gesichtsausdruck und ließ mich traurig werden.

„Und das wirst du wieder sein“, versicherte ich ihr. Ich schniefte. „Ich werde einen Weg finden.“ Ich konnte ihr ansehen, dass sie mir nicht glaubte. Zweifellos hatten alle Cyrus‘ Worte gehört. Ich war nur noch Königin zum Schein. Ich hatte nichts mehr zu melden und das mochte stimmen. Aber das hier war mein Schloss! Mein Zuhause! Und es sollten mich die Götter jagen, wenn ich mein Zuhause nicht besser kannte als er! Ich würde mich nicht auf ewig hier einsperren lassen!

Nun kamen der schönen Vampirin selbst die Tränen, woraufhin sie ihren Oberkörper auf meinem ablegte und ihren Kopf in meiner Halsbeuge vergrub, wo sie leise, klammheimlich und versteckt vor der Welt, weinte.

Auch ich schmiegte mein Gesicht in ihre Halsbeuge, sog tief ihren Geruch ein und fand in der leidenden Zweisamkeit eine stille Ruhe. Meine Arme schlossen sich um ihren bebenden Oberkörper und zogen ihn noch näher zu mir hin. „Ich werde uns hier raus holen“, flüsterte ich leise. „Irgendwann.“

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