Kapitel 56 – Rückkehr nach Hause

Kapitel 56 – Rückkehr nach Hause

 

Cyrus

‚Stoß mich nicht weg.‘ Nayaras Worte hallten in meinem Kopf wider. ‚Wir machen das zusammen. Ich stehe an deiner Seite. Stoß mich nicht weg.‘ Noch nie zuvor hatte sie ihre Wünsche, Sorgen und Ängste benannt. Noch nie zuvor hatte sie diese so auf den Punkt gebracht. ‚Stoß mich nicht weg.‘ Ich holte tief Luft und legte den Kopf in den Nacken, um in den Himmel zu starren. Die Sonne zeichnete sich bereits schwach am Horizont ab und vertrieb die Sterne. Vögel zwitscherten.

Ein kurzes Lächeln huschte über mein Gesicht. Meine Mutter hatte es nicht gemocht, wenn die Vögel frühmorgens schon solchen Lärm veranstaltet hatten. Sie hatte einmal gesagt, einer der Vögel würde anfangen zu singen und die anderen würden ihn ausschimpfen.

Es fiel mir schwer, zu atmen. Ich spürte die Tränen in meinen Augen. Dabei hatte ich mir am Grab meiner Eltern geschworen, schnell erwachsen zu werden und nie wieder zu weinen. Ersteres war mir gelungen. Aber für Zweiteres war mein Leben einfach zu lang.

Ich räusperte mich, blinzelte mehrmals und atmete tief durch. „Die Angreifer werde ich nur in den Wald schaffen, damit sie dort noch Futter für die Tiere sind.“ Ich würde sie nicht begraben. Das hatten sie nicht verdient. „Amaro werde ich in eine Decke einwickeln. Damit Elok oder Stinan ihn in seinem Heimatdorf beerdigen können. Neben seiner Frau und seinen beiden Töchtern.“ Ich wollte nicht aufstehen. Ich wollte mich nicht der Realität stellen. Noch nicht. Deswegen lehnte ich meinen Kopf wieder an die Schulter meiner Verbundenen an.

‚Wir machen das zusammen. Ich stehe an deiner Seite.‘

Wusste sie, wie sehr ich sie brauchte? Sie war die Luft, die ich atmete. Sie war mir wichtiger als mein eigenes Leben. Sie war … mein Leben. Mir war gleichgültig, ob es der Blutschwur war, der mich so fühlen ließ. Ich wollte es gar nicht mehr anders. Nayara und ich, das war vorherbestimmt. Das war Schicksal und ich glaubte fest daran, dass die Götter es so wollten. Jeder Tag mit ihr war Prüfung und Geschenk zugleich.

„Nay …, bitte halte mich noch einen Moment fest.“

Wortlos zog sie mich wieder in ihre Arme. „Immer“, hauchte sie leise und schmiegte das Gesicht in meine Halsbeuge, wo sie tief einatmete. Ihre zartgliedrigen Hände umklammerten kraftvoll meinen Rücken und ließen keinen Zentimeter Abstand zwischen unseren Körpern zu.



„Ich kam mit neun Grigoroi ins Goldene Reich. Neun treue Begleiter. Freunde fürs Leben, so glaubte ich. Vier von ihnen sind tot. Vier …“ Meine Stimme brach. Mehrmals holte ich tief Luft, räusperte mich. „Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, wieder einen Grigoroi zu erschaffen. Ich weiß nicht, ob ich die Reihe wieder auffüllen will.“ Es würde bedeuten, Elaboris zu einem jungen, kräftigen Mann heranwachsen zu sehen. Und ihn in ein paar Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu begraben. Es würde bedeuten, einen jungen Mann wie einen Bruder zu behandeln, nur um ihn am Ende zu verlieren.

Plötzlich schluchzte Nayara herzzerreißend auf. Ihre Hände hatten sich fest in mein Hemd gekrallt, während ich spürte, wie warme Tränen auf der Haut meines Nackens aufkamen. Weinend, schluchzend und schniefend schüttelte sie den Kopf und vergrub ihn noch tiefer in meinem Nacken.

Schuldgefühle. Es musste sie an Lee erinnern. Ich wollte aufmunternde Worte sagen, aber ich fand sie nicht. Es gab keine Worte, um meine Trauer zu schmälern und es Nayara einfacher zu machen. Daher ließ ich sie weinen, wie ich zuvor geweint hatte.

„Komm, schaffen wir die Leichen weg“, meinte ich nach einer Weile und stand auf. Dann reichte ich Nayara beide Hände. In diesem Moment drangen Stimmen an mein Ohr. Ich drehte mein Gesicht gen Wald. Elok und Stinan kamen gerade zurück. Pünktlich zu Sonnenaufgang.

Nay griff nach meinen Händen, ließ sich hochziehen und akzeptierte die wenige Unterstützung, die ich ihr bieten konnte. Auch sie hatte die beiden wiederkehrenden Grigoroi gehört, machte aber keine Anstalten, sich umzudrehen. Stattdessen trat sie nah an mich heran. Ein lautes Schniefen, dann ein Schluchzen. Sie blickte zu mir auf, die Unterlippe zitternd. „Ich habe es nicht in Absicht …“ Sie stockte. Nach einem Moment, in dem sie schwer um Worte rang, ließ sie ihren Kopf mit der Stirn voran an meine Brust fallen. „Ich weiß, du glaubst mir nicht. Noch weniger könntest du mir jemals verzeihen, das habe ich auch nicht verdient. Aber er hat dich mit Körper und Seele geliebt. Und ich hätte mich da niemals dazwischen … ich wollte so gern sehen, wie er an deiner Seite wieder aufleuchtet.“

Ich legte meine Arme um sie und hauchte einen Kuss auf ihre Stirn. „Ich weiß. Genau genommen ist sein Tod meine Schuld. Wäre unsere Beziehung anders gewesen, wärst du nicht in Panik geraten.“ Es auszusprechen, zerriss etwas in mir. Die Erkenntnis, dass nicht sie meinen besten Freund ermordet hatte, sondern ich.



„Das ist nicht wahr, Cyrus!“ Sie hob ihren Kopf von meiner Brust und schaute auf. Ihre Lippen waren zu einem dünnen, verbitterten Stich verzogen, der von tiefgehendem Schmerz sprach. Bestimmt legte sie die Hände um mein Gesicht. „So etwas darfst du nicht denken! Es war durch meine Hand, meine Panik, meine Irrationalität. Ich …“ Sie schluckte.

„Scheiße, was ist denn hier passier… Amaro …“ Elok und Stinan waren aus dem Wald getreten und blickten sich schockiert um, ehe sie mit Tränen in den Augen an die Seite von Amaros Leichnam fielen. Irina kam hinter ihnen hervor und starrte bestürzt auf das Scharmützel. Offenbar hatten wir uns geirrt. Sie war ebenfalls auf der Jagd gewesen. Deswegen war sie noch nicht aus der Kutsche gestürmt …

Nay drehte meinen Kopf zu ihr zurück. „Es war nicht“, sie sprach jedes einzelne Wort mit Achtsamkeit betont, „deine Schuld!“ Leiser fügte sie hinzu: „Komm, lass uns die Leichen wegschaffen. Ehe Aurillia aufwacht und einen Schock bekommt.“

Und dennoch … Ich hätte sie anders behandeln müssen. Häufiger an den guten Momenten festhalten müssen. Dann wäre das mit Lee nie passiert. Und ich hätte früher erkannt, wie liebenswert mein Weib ist. Ich sah zu Irina und deutete auf die Kutsche. „Bleib bitte drinnen bei Aurillia, bis wir von außen gegen die Kutsche klopfen. Sie soll das hier nicht sehen.“ Das Mädchen war noch so jung. Zu jung. Obwohl Aurillia mit ihrem großen Mundwerk immer versuchte, davon abzulenken und sich stärker gab, als sie war.

Ich wandte mich an Stinan und Elok. „Die Banditen haben Amaro und die Königin überrascht, als ich mir im Wald die Beine vertreten habe. Amaro …“ Ich holte tief Luft und sah hinunter auf seinen Leichnam. Er war blass im Gesicht. Seine Augen starrten hinauf in den Himmel. „Ich möchte, dass er in seinem Heimatdorf begraben wird. Bei seiner Familie.“

„Ich weiß, wo das ist.“ Stinan machte einen Schritt auf mich zu. „Bitte, lasst mich zurück in den Osten reisen und ihn neben seiner Frau begraben.“

„Danke, Stinan.“

Während Stinan den toten Körper von Amaro in eine Decke rollte und in die freie Kutsche legte, schafften Elok, Nayara und ich die Leichen der Aufständischen in den Wald.

Waren es Aufständische? Ich vermied es, dieses Wort auszusprechen. Es könnten auch Wegelagerer gewesen sein. Normale Verbrecher, die sich schnelle Beute erhofften. Immerhin kam es immer wieder zu Angriffen auf den Handelsrouten, vor allem im Goldenen Reich.



Zwei Stunden später ritten wir weiter. Die zweite Kutsche ritt in die entgegengesetzte Richtung. Aurillia, Nayara und Irina saßen in der Kutsche, ich ritt nebenher und Elok führte die Kutsche. „Reisen wir am besten die Nacht durch. Ich möchte so schnell wie möglich im Schloss sein.“

Elok wollte protestieren, aber ich ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen, indem ich bereits losritt.

Am nächsten Tag blieb es ruhig. Allerdings kamen die Pferde an ihre Grenzen. So mussten wir immer öfter kleinere Pausen einlegen. Elok machte die Pferde von der Kutsche los und führte sie zu einem Bach. „Ich wollte dir ja gestern schon sagen, dass du damit die Pferde ermüdest.“

Ich winkte ab, half den Frauen aus der Kutsche und machte ein Feuer. Die Zeit, die wir durch geritten waren, hatte uns nicht wesentlich näher ans Schloss gebracht. Und jetzt mussten wir eine längere Pause einlegen. Wir hatten also nichts gewonnen.

Dafür waren wir am Tag darauf ausgeruht und brachen mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Ich ließ Nayara das Pferd reiten, während ich bei Elok auf dem Kutschbock saß. Schon von Weitem sah ich eine Rauchsäule, auf die wir direkt zuritten.

„Nay, bleib in der Nähe der Kutsche“, wies ich sie an und beugte mich etwas vor. Nur langsam erkannte ich Umrisse von Häusern. Je näher wir kamen, desto mehr stank es nach verbranntem Holz und … verbrannten Lebewesen. Der typische Geruch von verkohltem Fleisch, Fell und Kleidung.

Ein Dorf lag vor uns mit mindestens zwanzig Häusern, die bis auf die Grundmauern niedergebrannt waren. Manchmal konnte man die ehemaligen Gebäude aus ihren Überresten lediglich noch erahnen. Leichen lagen auf den Straßen. Sie wiesen kaum Verbrennungen auf, dafür sichtbare Fleischwunden. Selbst Frauen und Kinder waren nicht verschont worden.

Nayara ließ das Pferd abrupt anhalten. Ihr Blick schweifte über die abgeschlachteten Menschen, die Augen weit aufgerissen, den Mund leicht geöffnet. Zögerlich lief das Pferd weiter, die Nüstern gebläht. Plötzlich klatschte sich meine Verbundene die Hand vor den Mund. Eine Welle des Ekels erschütterte ihren Körper, dann drehte sie ruckartig den Kopf zur Seite und übergab sich lautstark, wobei sie die Zügel noch immer fest in den Händen hielt, um nicht vom Pferd zu rutschen.



„Langsam, Nay.“ Ich stand auf dem Kutschbock auf und wies Elok an, näher zu Nayara zu lenken. „Fahr die Kutsche ein Stück weiter, Elok. Wir kommen nach.“ Nayara hielt ihr Pferd still, sodass ich nah genug herankam und mit einem gezielten Sprung hinter ihr auf das Pferd springen konnte. Vorsichtig legte ich meine beiden Hände auf ihre Taille und hielt mich fest.

Sie hustete, spuckte mehrere Male vom Pferd hinunter und lehnte sich schließlich keuchend mit ihrem Rücken an meiner Brust an. Sauer drang mir der Geruch von Erbrochenem in die Nase, sodass ich das Pferd weitergehen ließ.

„Was ist hier nur passiert?“, krächzte sie leise.

„Ich weiß es nicht. Aber es war ein Menschendorf. Letztes Jahr bin ich hier durchgekommen.“ Damals wurde ich skeptisch beäugt. Ich hatte Proviant gekauft und war weitergezogen. „Es ist das erste große Dorf nach der Grenze. Ein wichtiger Umschlagplatz.“

Vorsichtig nahm ich Nayara die Zügel ab und steuerte auf eines der größten Häuser zu. Die Wände aus Stein standen noch. Langsam lenkte ich zu der Stelle, an der wohl einmal eine große, hölzerne Tür gestanden hatte. Mein Blick glitt in das Innere. Unzählige Körper lagen am Boden. „Bei den Göttern …“ Die Menschen hatten dort vermutlich Schutz gesucht.

Sofort lenkte ich das Pferd weiter und blickte über die anderen Häuser. Dies hier war ein Massaker. Niemand konnte es überlebt haben! Nay drückte sich fester an meine Brust an. Auch ihr war es hier nicht geheuer. „Wenn wir im Schloss sind, lassen wir untersuchen, was hier passiert ist.“

Ich ließ das Pferd durch das zerstörte Dorf laufen. Vereinzelt glühte das Holz noch. Das Feuer musste gestern ausgebrochen sein. Und wenn ich mir die Menschen so ansah, glaubte ich keine Sekunde an ein Kerzenunglück.

Ich lenkte das Pferd zurück zur Straße und folgte den Spuren der Kutsche. Elok war schon weiter voraus geritten und hielt auf einen kleinen Wald zu. Als wir dort ankamen, machten wir eine längere Pause. Und schwiegen bedrückt.

Vier weitere Tage waren seitdem vergangen. Den Göttern sei Dank, war uns kein weiteres abgebranntes Dorf untergekommen. Allerdings waren wohl die Lebensmittel knapp. Es hatte auf mehrere Handelsrouten Überfälle gegeben.



Wir ritten auf den Berg zu, an dessen Klippe das Schloss erbaut worden war. Rundherum lag die Stadt. Wie üblich wurden die Tore kontrolliert. Eine Menschentraube hatte sich vor dem Osttor gebildet. Menschen aus der Umgebung, die hofften, in der Stadt gäbe es noch Vorräte.

„Elok, reite bitte vor und kündige uns an, damit wir nicht bis zum Abend hier stehen müssen.“

Das Tor wurde von den Wachen freigeräumt; die Menschenmenge zur Seite gedrängt. Wütende Schreie unzufriedener Bürger schallten durch die Luft und ließen mich mit Nayara einen bedeutungsvollen Blick. Ohne weiter behelligt zu werden durchquerten wir die Strassen der Stadt und passierten zum Schluss die Schlosstore.

Kaum war ich aus der Kutsche geklettert, erblickte ich Galderon bei den Stallungen. Sofort kam er auf uns zu und nahm sich der erschöpften Pferde an. „Wo sind die anderen?“

„Später“, wimmelte ich ihn ab. „Wie lief es die letzten Monate? Wir waren länger fort als geplant.“

„Es gibt Engpässe bei den Lebensmitteln. Timm weiß mehr. Ich hörte nur, dass rationiert wurde.“

Ich wandte mich Nayara zu, die sich gerade aus der Kutsche helfen ließ und sich danach, sobald sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, versichernd über ihren Bauch strich, als müsse sie sicherstellen, dass alles noch so war, wie es sollte. Sie wurde mit jedem Tag schöner. „Wir müssen dringend den Rat einberufen.“

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