Kapitel 57 – Guter Hoffnung?
Kapitel 57 – Guter Hoffnung?
Cyrus
Ich ergriff Aurelies Hand und spürte eine innere Genugtuung bei dieser Berührung. Ohne ein weiteres Wort verließ ich mit ihr den Harem. Ich zog sie die Treppen hoch und achtete dabei nicht darauf, ob sie überhaupt mitkam. Ich wollte fort von den Frauen, jetzt, wo ich bei Aurelie war. Sie hatte geknurrt, ihre Augen vor Eifersucht förmlich geglüht. Mal ganz von ihren Fangzähnen abgesehen, die herausgeschossen waren, als hätte sie frisches Blut gerochen. Die Reaktion ließ mich zufrieden grinsen. Und meine sonst so beherrschte Miene verrutschte. Ihre Reaktion erfreute mich.
Am Ende der Treppe öffnete ich die Geheimtür und zog sie hindurch. Kaum hatten wir den Flur betreten, drückte ich sie mit dem Rücken an die nächste Wand und presste meinen Körper verlangend an ihren. Ihre Fangzähne hatte sie indes wieder eingezogen. Mit zusammengepresstem Kiefer sah sie zu mir auf; in ihren Augen eine Mischung aus Gefühlen, die ich nicht zu deuten wusste. Aber Wollust war sicher nicht dabei. Dennoch konnte ich nicht widerstehen und presste meine Lippen auf ihre. Es war schon viel zu lange her, dass ich sie berührt hatte. Dass ich sie geküsst hatte. Und ihr Blut …
Einen Moment lang regte sie sich nicht. Kein Stück. Ihre Lippen blieben regungslos, während meine versuchten, ihre dazu zu animieren, mitzuspielen. Dann fing ihr Kopf plötzlich an, zu zittern. Erst nur leicht, dann immer stärker, als wollte sie ihn schütteln, schaffte es aber nicht richtig. Bis ihr Kopf schließlich mit einer Wucht zur Seite ruckte und mir damit ihre Lippen entriss. Mit stark gerunzelter Stirn, offenen Lippen und hektischem Atem starrte sie stur zur Seite.
Ich atmete schwer und legte meine Hände um ihre Taille. Deutlich drückten sich die Beckenknochen heraus. Seufzend ließ ich von ihr ab. In ihrer Nähe konnte ich mich kaum beherrschen. Die nächsten Stunden würden eine Herausforderung werden. Räuspernd deutete ich zum Flur und damit zu den Treppen, die hinunterführten. „Komm. Es wird Zeit, dass wir ein paar Dinge zusammen üben. Immerhin werden wir bald auf deinen ersten Ball gehen.“
Ihre Nasenflügel blähten sich auf. Ich sah den Widerspruch schon kommen, da verkündete ihre Stimme monoton: „Natürlich, Majestät.“
Ich hob meinen rechten Arm und sah sie auffordernd an. Es fiel mir schwer mein Lächeln zu verbergen. Wie selbstverständlich hakte sie sich bei mir ein, die Bewegung langsam und leicht. Sie wirkte beinahe schon gebrechlich. Jeglichen Blickkontakt jedoch vermied sie und blickte ohne sichtbare Emotion nach vorn. „Wir werden ein paar Tänze üben und heute Abend zusammen essen“, entschied ich, wodurch sie sich an meiner Seite versteifte, aber keine Miene verzog. Vielleicht würde ich mit mehr Appetit essen, wenn sie bei mir wäre. Und ich musste dringend zusehen, dass sie etwas aß. Und wenn ich sie füttern müsste!
Betont langsam ging ich mit ihr den Flur entlang, stieg die Stufen herunter und führte sie in den Ballsaal. Eine Dienerin saß bereits am Pianoforte. Als wir eintraten, stand sie sofort auf und sank auf die Knie. „Eure Majestäten“, grüßte sie.
Aurelies Kehlkopf hüpfte kurz. Ansonsten regte sie sich nicht. Kein Stück. Soweit ich das ausmachen konnte, sah sie den Menschen noch nicht einmal an. Mit leichtem Stirnrunzeln wandte ich mich von Aurelie zur Dienerin und nickte ihr zu, woraufhin sie sofort wieder zu dem Instrument huschte.
„Beginnen wir mit einem Palè, den kennst du schon.“ Ich nickte der Frau zu und führte Aurelie in die Mitte des Saals. Als die ersten Töne erklangen, machte ich eine kurze Verbeugung, Aurelie deutete einen Knicks an. Ich näherte mich ihr, ergriff ihre Hände und dachte an die Krönung. Da hatten wir denselben Tanz getanzt. Daher war ich zuversichtlich, dass sie die Schritte noch wusste.
Tatsächlich lief es gut. Die Schritte schienen wie von selbst zu gehen, zudem es ein Tanz mit durchgängiger Führung war. Keine Solos, in denen die Parteien beide eine auswendig gelernte Choreographie zu tanzen hatten. Ihre Schritte wirkten zwar deutlich graziler als damals bei der Krönung, jedoch nicht unbedingt sicherer. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass sie bereits jetzt hörbar schwer schnaufte und sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, so schien es. Ich ignorierte es vorerst. Doch sie würde schnell wieder auf die Beine kommen müssen. Daran führte kein Weg vorbei. So konnte sie nicht vor das Volk treten.
Ich ging vor ihr aufs Knie. Beim Tanz nach der Krönung hatte sie in diesem Moment flüchten und sich meiner Hand entziehen wollen. Heute nicht. Sie blickte kalt und ohne erkennbare Emotion geradeaus, während ich sie um mich herum führte. Beinahe wünschte ich mir, sie würde sich, wie damals, völlig im Takt vertun und ich müsste ihr mit dem Daumen auf die Hand klopfen, um ihr zu zeigen, wann sie gehen musste. Oder sie würde über meinen Fuß stolpern. Ich wünschte, es würde etwas passieren, was sie ihre Maske aus Eis für einen Moment vergessen ließ.
Sie beendete die Drehung um mich herum ohne Probleme, ich erhob mich und der Tanz ging weiter. Ein Palé war ein langsamer Tanz. Er bot nicht besonders viel Abwechslung. Und bald war er vorbei.
„Die Schritte sind gut. Aber du solltest mir den Tanz hindurch in die Augen sehen. Es ist ein Tanz, den Göttern gewidmet. Und unsere Verbindung ist von ihnen gesegnet, also …“
„Verstanden, Majestät“, unterbrach sie mich, den Blick stur auf meine Brust gerichtet.
Ich sagte der Dienerin den nächsten Tanz an und wieder beobachtete ich kritisch, wie Aurelie sich bewegte. Obwohl sie die Schritte auswendig kannte, stockte sie immer wieder. „Genug!“, sagte ich irgendwann entschieden und wandte mich Timm zu, der in der Nähe stand. „Lass den Tisch decken. Frühstück und auch warme Mahlzeiten, sowie Kuchen und andere Süßspeisen.“
Mein Grigoroi verneigte sich, kurz darauf verschwand auch die Dienerin. Mein Blick glitt wieder zu Aurelie. „Wir essen jetzt. Und verschieben das Tanztraining auf den Abend.“
„Natürlich. Wie Ihr wünscht.“
Ich verdrehte die Augen und führte sie zu nahegelegenen Stühlen, die hier und da an den Wänden standen. Dort drückte ich sie auf eine Sitzgelegenheit und blieb vor ihr stehen. Ich musterte sie, wartete ab, ob sie von sich aus das Gespräch aufnahm. Jedoch schwieg sie beharrlich. Und nach über einer Stunde verkündete Timm, dass der Tisch gedeckt sei. Ich reichte Aurelie eine Hand, die sie in einer monotonen Bewegung ergriff. Anschließend hakte sie sich bei mir unter und wir machten uns zusammen auf den Weg in den Speisesaal. Die Köche hatten sich selbst übertroffen. Der Tisch bog sich fast schon unter den Speisen. Beinahe jede Speise hatte man aufgetragen, sowie Blut und Wein.
Ich zog einen Stuhl heraus, sodass Aurelie sich setzen konnte. Mich neben sie setztend verlangte ich: „Iss.“
Ihr Atem wurde abgehackt, als sie über die ganzen Speisen blickte. Dann, urplötzlich, schoss ihre Hand, zur Faust geballt, an ihren Mund. Kurz darauf plusterten sich ihre Wangen auf, wobei sie ein Würgegeräusch von sich gab. Die Faust noch immer vor den Mund gepresst, schluckte sie, ehe sie angestrengt die Luft ausstieß. Sie tat, als hätte sie keinen Hunger, dabei hörte ich ihren Magen bis zu mir hin knurren.
„Wenn du nichts isst, wirst du die nächsten Tage in meinem Zimmer schlafen und ich werde dich füttern“, meinte ich auf ihre Reaktion hin möglichst sachlich. Es wurde Zeit, dass sie wieder etwas aß. Ansonsten konnte ich sie nicht mit auf den Eröffnungsball nehmen.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch. War sie genervt? Müde? Wütend? Ich hatte keine Ahnung. „Nichts … dann etwas …“, murmelte sie kaum hörbar, sah sich auf dem Tisch um und griff nach einer ganzen Weile nach einem kleinen Stück Käse. Dieses starrte sie erst eine ganze Weile an, ehe sie sich dazu überwand, es sich in den Mund zu schieben, zu kauen und schließlich zu schlucken.
Ich nahm mir Brot, Wurst und Käse, dazu eine Tasse Tee. In ihrer Gesellschaft kam mein Hunger zurück. Während ich mit gesundem Appetit aß, deutete ich Aurelie immer wieder an, ebenfalls etwas zu essen. Und wenn es nur Kleinigkeiten waren. Wenn es jeden Tag etwas mehr wäre, würde sie bis zum ersten Ball stark genug sein, um einen ganzen Abend zu überstehen.
Auf meine Anweisung hin aß sie. Zumindest das bisschen, worauf ich bestand. Ich wollte mir gerade Nachschub nehmen, da schoss Aurelie von ihrem Platz hoch und stürmte aus dem Raum. Die Hand vor den Mund gepresst.
Ich bedeutete Timm, ihr zu folgen. Dann wies ich die Diener an, den Tisch zu räumen und unter der Dienerschaft zu verteilen. Nur etwas Brot und Kuchen hielt ich zurück.
Es dauerte, bis sie von Timm gestützt wieder den Raum betrat. Eigentlich sah es mehr aus, als trüge Timm sie. Dieser hatte nämlich eine Hand um ihre Taille geschlungen, um sie auf den Beinen zu halten. Sie war blass, wirkte müde und schwach. Ihr Atem ging flach und ihr Blick war dauerhaft zu Boden gerichtet. Als sie wieder auf ihrem Stuhl saß, schob ich ihr ein Stück Kuchen auf den Teller. Dann forderte ich Timm leise auf, mir zu sagen, was geschehen war.
„Cyrus“, flüsterte Timm an mein Ohr, „sie hat sich übergeben.“
Ich hob die Augenbrauen. Konnte sie bereits schwanger sein? So früh? „Ruf die Kräuterhexe.“ Nachdenklich sah ich zu Aurelie. Dann reichte ihr eine Tasse Tee. „Hier. Trink das.“
Nach dem Frühstück brachte ich Aurelie in meine Gemächer. Es hatte keinen Sinn, die Tänze mit ihr durchzugehen, wenn sie nicht einmal mehr richtig gehen konnte. Sie hatte sich vollkommen ausgehungert. Wann hatte sie überhaupt zuletzt mein Blut getrunken? Und zwar wirklich getrunken und mich nicht nur gebissen, weil ich es befahl?
Auf Aurelies sehnsüchtigen Blick auf die Tür ihrer eigenen Gemächer schüttelte ich nur den Kopf. Ich wollte sie in meiner Nähe behalten. Ihr müdes Gesicht betrachtend, bot ich ihr an, sich in mein Bett zu legen. Was sie aber ignorierte und stattdessen meinen Ruheraum aufsuchte. Dort legte sie sich aufs Sofa, nahm sich eine der Kuscheldecken und war innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen.
Ich betrachtete sie eine Weile. Es hatte den Anschein, als sei ihr ganzer Elan, all ihre Energie restlos von ihr gewichen. Aber wenn sie wirklich bereits mein Kind trug, musste sie deutlich mehr auf sich achten! Oder konnte es sein, dass die Schwangerschaft sie bereits jetzt so sehr auslaugte? Sie war halb Mensch. Aber das waren viele Vampire und ich hatte noch nie gehört, dass man schon in der ersten Woche solche Symptome zeigte. Aber was wusste ich schon von Vampirschwangerschaften? Sie dauerten lange und waren schwer zu erzeugen. Und menschliche Frauen überlebten sie nicht.
Ich nahm einen Stapel der Unterlagen mit und setzte mich zu Aurelie in den Ruheraum. Allerdings fiel es mir immer schwerer, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, je später der Tag wurde. Am Abend traf endlich die Kräuterhexe ein, sodass ich mich zu Aurelie aufs Sofa setzte und sie sanft aufweckte. „Aurelie. Komm, setz dich auf, damit die Frau dich untersuchen kann.“
„Wieso?“, entgegnete sie verwirrt, allem voran aber noch unglaublich müde. Sie gähnte lange, ehe sie sich verschlafen die Augen rieb und sich aufsetzte. „Kräuterhexe?“
Die alte Dame kam näher und stellte einen Korb ab. Sie musterte Aurelie von oben bis unten.
„Ich habe sie rufen lassen, weil ich glaube, dass du guter Hoffnung bist. Sag, hattest du schon deine Blutung, Aurelie?“
„Was?!“ Ihre Hände flogen zu ihrem Bauch. „Bist du von Sinnen? Ich trage ganz sicher kein Kind unterm Herzen, das wüsste ich ja wohl!“ Ihre Stimme triefte geradezu vor Unsicherheit.
„Nun, es wäre reichlich früh. Allerdings bist du zur Hälfte ein Mensch. Und Menschen werden sehr schnell schwanger“, entgegnete ich.
„Das dürre Ding?“, mischte sich die Frau ein und ging auf Aurelie zu. „Ganz sicher nicht.“
„Puh …“, machte Aurelie erleichtert und ließ die Hände sinken.
„Bist du dir sicher, Weib?“, hakte ich nach. „Sie hat nicht viel gegessen und sich später erbrochen.“
„Das kläre ich mit der jungen Frau. Das sind keine Gespräche für Männer.“
Ich schnabte ungehalten. Immerhin sprach sie hier gerade mit König und Königin! Andererseits hatte ich sie rufen lassen und wollte ihren Rat. Daher nickte ich mit gerümpfter Nase und ließ die beiden Frauen alleine. Ich lauschte nicht. Ich hätte der alten Hexe zugetraut, dass sie einen sechsten Sinn dafür hatte. Stattdessen verzog ich mich in mein Arbeitszimmer und arbeitete gewissenhaft weiter. Und tatsächlich schaffte ich ganze zwei Korrespondenzen zu beantworten, bevor meine Gedanken wieder fremdgingen und sich meiner Königin zuwandten.
Schnell wurde ich aber unterbrochen. Plötzlich stand die alte Hexe in der Tür und trat ungefragt hinein. „Die Königin wird auf diese Weise niemals ein Kind im Leibe tragen.“
Ich legte die Schreibfeder beiseite und betrachtete die Frau mit hochgezogenen Augenbrauen. „Auf welche Weise?“
„Auf die unfreiwillige Weise“, antwortete sie vorwurfsvoll.
Meine Augenbrauen gingen noch etwas höher. Das ging diese Frau nichts an. „Danke, aber ich brauche keine Ratschläge. Ich weiß, wie Kinder gezeugt werden.“
„Ach so?“ Sie drehte sich um und ging zur Tür. „Dann braucht Ihr meinen Rat ja nicht. Ich wünsche Euch viel Vergnügen, die Königin auf diese Weise zu schwängern.“ Sie hielt kurz inne. „Wobei Ihr das Vergnügen wohl haben werdet. Manchen Männern soll es schließlich Freude bereiten, unwillige Frauen gefügig zu machen. Aber was den Teil mit dem Schwängern angeht, so braucht Ihr Euch dafür wohl oder übel eine andere Königin zu suchen. Denn diese hier wird sich zu Tode hungern, ehe ihr Körper auch nur die nötige Masse am Leibe trägt, um Euren Samen empfangen zu können.“ Sie trat einen Schritt aus der Tür und wandte sich mir noch einmal zu. „Aber das wisst Ihr ja bestimmt bereits.“
Meine Fänge glitten heraus. Zum Glück war Timm noch geistesgegenwärtig genug und brachte das alte Weib hinaus.
Ich blieb noch eine ganze Weile sitzen, bis meine Fangzähne sich wieder zurückzogen. Dann ging ich rüber in den Ruheraum zu Aurelie. Zeit zu reden.






































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