Kapitel 57 – Jetzt wach?

Kapitel 57 – Jetzt wach?

 

Cyrus

Ich hatte mich bis zum Mittag nicht auf meine Arbeit konzentrieren können. Die Tatsache, dass Aurelie mich wieder so schamlos angelogen hatte, machte mich fast wahnsinnig. Dabei wusste ich, woran es lag. Sie vertraute mir nicht. Wie auch? Sie konnte mir nicht verzeihen, dass ich ihre Familie ermordet hatte. Jene Familie, die sie gefoltert und trotz ihres gebürtigen Standes als Prinzessin zur Sklavin degradiert hatte. Immer, wenn sie mich an sich heranließ und ich glaubte, wir könnten eine halbwegs vernünftige Beziehung zueinander führen – das Alter außen vor gelassen – passierte irgendwas und Aurelie wurde wieder arrogant und schnippisch. Es würde besser werden nach ihrer Reife. Und je öfter ich mir das einredete, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass ich es irgendwann selbst glauben würde. Die Alternative wäre nämlich, dass ich die Geduld verlor und ihr den Kopf abriss. Zweifellos wäre es perfekt, würde sie ein Kind von mir bekommen. Nur verspürte ich absolut gar keinen Wunsch danach, Vater zu werden. Der Gedanke, beinahe einhundert Jahre ein Kind um mich zu haben, das im schlimmsten Fall ganz nach seiner Mutter kam, war ein Albtraum.

Es klopfte an der Tür und ich massierte mir den Nasenrücken. Bitte keine weiteren, schlechten Neuigkeiten.

„Herein!“, rief ich und stand bereits auf.

Carina betrat das Zimmer und meine Laune, die ohnehin schon am Tiefpunkt war, wurde schlechter. Allerdings lächelte sie. „Cyrus“, meinte sie erfreut und kam auf mich zu. Obwohl sie unter vier Augen nicht zur Etikette verpflichtet war, knickste sie. Was im Widerspruch dazu stand, dass sie mich beim Vornamen ansprach.

„Kann ich dir helfen?“, erkundigte ich mich argwöhnisch. Meistens wollten Frauen etwas, wenn sie lächelten und zeitgleich ein devotes Verhalten an den Tag legten.

„Ich bin gerade auf dem Sprung. Die Königin hat vorhin gegessen und ich gebe ihr ein paar Minuten, um sich auszuruhen. Danach bringe ich sie zum Ratssaal.“

„Hat sie genug gegessen?“ Da Aurelie wahrscheinlich die ganze Nacht unterwegs gewesen war, hatte sie sicherlich einen ordentlichen Appetit gehabt.

„Tatsächlich hat sie nicht ganz so viel gegessen. Aber ich bringe ihr später noch etwas“, erwiderte Carina gut gelaunt.



Ich hob beide Augenbrauen. Kein Schimpfen? Kein Meckern? Kein Jammern? Was war heute nur mit den beiden Frauen los? Die eine, der ich zu viele Freiheiten gab, nutzte dies aus, verbreitete schlechte Laune und log nach Strich und Faden. Die andere, der ich zu wenig Aufmerksamkeit schenkte, ihren Arbeitseifer bremste und dazu noch eine unliebsame Aufgabe gab, verbreitete gute Laune und freute sich. „War die Königin heute zugänglicher als gestern?“ Vielleicht rührte daher die gute Laune.

„Oh ja! Die Königin war heute wesentlich ruhiger, disziplinierter und hörte aufmerksam zu, wenn ich etwas gesagt habe. Auch beim Essen hat sie viel mehr Anstand gezeigt und es nicht so gierig wie gestern verschlungen!“

Ich war tatsächlich überrascht. Hatten meine Worte heute früh etwas bewirkt? Sollte Aurelie wirklich erkannt haben, dass ihr schlechtes Verhalten auch für andere Personen gewisse Konsequenzen nach sich zog? Konnte es sein, dass sie endlich begriff und ihren kindlichen Trotz vergaß? Ein zufriedenes Lächeln umspielte meine Lippen. „Danke für die Informationen, Carina. Ich bin froh, dass sie sich endlich entwickelt.“ Carina nickte und kam auf mich zu. Jedoch hatte ich nicht die Absicht, mich jetzt gehen zu lassen, also drehte ich mich meinem Schreibtisch zu und schnappte mir meine Unterlagen. „Ich habe noch zu tun, Carina. Bring die junge Königin bitte nachher zur Ratssitzung.“

Es dauerte einen Moment, bis eine Reaktion kam. „Verstehe …“

Mit Mühe schaffte ich es, die Augen nicht zu verdrehen. Hatte Carina wirklich geglaubt, ich würde ihr hier meine Dankbarkeit zeigen? Am besten auf dem Tisch, zwischen all den Briefen? „Wenn du zufällig hörst, wo die Königin die Nacht gewesen ist und warum, informiere mich bitte umgehend.“

„Sehr wohl …, mein König.“ Carina verschwand gekränkter Stimmung durch die Tür.

Wenige Minuten später fand ich mich gut gelaunt auf dem Weg zum Ratssaal. Ich war zuversichtlich, dass die junge Königin ihre Lektion gelernt hatte und sich heute wieder anstrengen würde. Als Carina sie jedoch zu mir brachte, traute ich meinen Augen kaum. Denn Aurelie schwankte mehr, als dass sie geradeaus lief. Ihre Augen waren so klein, dass sie aussah, als würde sie gleich einschlafen. So viel dazu, die Königin wäre lernwillig. Sie war einfach nur zu müde, um zu widersprechen. Zu müde, um das trotzige Kind zu spielen. Und auch viel zu müde, um an einer anspruchsvollen Ratssitzung teilzunehmen!



„Meine Güte. Steck das Kind ins Bett, Carina!“, brummte ich unwirsch.

„Mir geht es gut …“, murmelte Aurelie leise und hakte sich beinahe schon automatisch bei mir ein. „Bringen wir es hinter uns.“

„Nein, du gehst schlafen“, bestimmte ich.

„Zu spät“, flüsterte sie leise und sah zu den nun offenen Türen des Ratssaals, aus dem die Minister neugierig wie hungrige Aasgeier zu uns blickten, auf der Suche nach einer neuen Sensation, einem Skandal, etwas, womit wir schlecht dastehen würden. Wenn ich Aurelie jetzt ins Bett schickte, wäre die Ratssitzung gelaufen.

Ich nickte Carina knapp zu, dann ging ich langsam mit Aurelie um den Tisch, zog ihr den Stuhl heraus und half ihr dabei, sich zu setzen. Nun, eigentlich sorgte ich dafür, dass die Königin nicht wie ein nasser Sack in sich zusammenfiel. Im Anschluss setzte ich mich neben sie und sah, dass sie wenigstens die Hände auf den Tisch gelegt hatte. Für den Moment wusste ich nicht, auf wen ich meine Wut projizieren sollte. Auf Carina, die mir eine offensichtlich übernächtigte Königin brachte oder auf Aurelie, die sich die Nacht mit Irina um die Ohren geschlagen hatte. Ich hatte dieses Königreich an mich gerissen, um die Fehler meines Vorgängers auszumerzen und dem Reich zum neuen Wohlstand zu verhelfen. Stattdessen musste ich mich mit zwischen-vampirischen Unzulänglichkeiten epischen Ausmaßes herumschlagen.

„Nun, beginnen wir mit dem Punkt, an dem wir bei der letzten Sitzung keine Einigung erzielen konnten“, eröffnete ich die Sitzung.

„Gestattet einfach wieder die Sklaverei. Dann können wir zum nächsten Punkt gehen“, meinte der Minister des Handels. Natürlich stimmten ihm die anderen Minister zu. Manche enthusiastischer als andere.

„Wir müssen nur genügend Arbeitsplätze schaffen“, erwiderte ich.

„Niemand hat das Gold, um sie zu bezahlen.“

„Aber es war Gold da, um sie zu ernähren. Und um ihnen ein Dach über den Kopf zu geben.“

Es folgte eine hitzige Debatte um Kosten und Nutzen. Dabei bemerkte ich, dass Aurelie in ihrem Stuhl immer mehr in Schieflage geriet und ihr Kopf immer wieder nach vorne fiel, sie sich dann aber ruckartig wieder ordentlich hinsetzte.

„Mein Vorschlag ist, dass die Menschen Gehalt bekommen. Ein Drittel daran geht an denjenigen, der ihm einen Schlafplatz gibt. Ein weiteres Drittel geht an die Verpflegung. Und das letzte Drittel steht dem Menschen zur freien Verfügung.“ Mein Vorschlag wurde mit nicht besonders viel Begeisterung aufgenommen.



„Was? Auf keinen Fall!“, echauffierte sich Graf Seibling, der Meister der Münze. „Dann haben die Menschen zu viel Gold!“

„Gold, mit dem sie Güter kaufen können“, entgegnete ich.

Allerdings schüttelte der Handelsminister den Kopf. „Kommt nicht infrage! Die Menschen bekommen doch alles von uns. Sie brauchen nichts Weiteres. Und kein Vampir würde einem Menschen etwas verkaufen!“

Das Gespräch drehte sich im Kreis. Kein Vampir war bereit, den Menschen entgegenzukommen. Sie wollten nur untereinander Handel treiben und brauchten die Menschen, um vergängliche Güter zu kaufen, wie Fleisch und Getreide. Dies wäre unter ihrer Würde. Zudem gingen die Einnahmen komplett an deren Herrn. Es nahm einfach kein Ende. Jede Seite wollte mehr, keine war bereit für Kompromisse. Und erst recht nicht für Änderungen. Das System habe sich immerhin für Jahrtausende bewährt. Neben mir sank Aurelie immer weiter nach vorne, bis ihr Kopf auf ihren Händen lag. Ihr Atem wurde tief und regelmässig. Und zu allem Überfluss auch noch laut.

Vorerst blieb ihr Zustand unbemerkt. Die Minister waren zu sehr in ihr Streitgespräch vertieft, welches sich theoretisch ja an mich richtete. Doch untereinander hatten sie angefangen zu diskutieren und wild zu gestikulieren. Es wäre vermutlich meine Aufgabe, wieder Ordnung in das Chaos zu bringen, aber dann würden sie auf Aurelie aufmerksam werden.

Sollte ich sie einfach wieder wecken? Anschließend die Besprechung vertagen? Sowieso schienen mir unsere Minister nicht zu taugen. Sie wollten keine Veränderung. Ihnen war es lieber, alles beim Alten zu belassen. Sich auf die faule Haut zu legen und sich bedienen zu lassen. Aber das war nicht, was ich unter dem Wort ‚regieren‘ verstand.

Auf einmal seufzte Aurelie laut. Auf einen Schlag war der ganze Saal still und meiner Königin zugewandt. Innerlich fasste ich mir kopfschüttelnd an die Stirn. Doch jetzt musste ich uns hier herausmanövrieren, denn die Minister hatten allesamt ungläubig die Augenbrauen erhoben.

Ich tat es ihnen gleich und sah einem nach dem anderen streng in die Augen. „Ihr schafft es euch so in einem bereits beschlossenen Thema zu verstricken, dass eure Königin dabei einschläft“, merkte ich mit einem süffisanten Lächeln an. „Die Besprechung ist vertagt. Bis zur Nächsten erwarte ich von jedem mindestens einen Vorschlag zur Lösung des Problems, der nichts mit der Wiedereinführung der Sklaverei zu tun hat.“ Mit diesen Worten erhob ich mich, lud mir Aurelie auf die Arme und verließ den Besprechungsraum erhobenen Hauptes. Obwohl ich Aurelie am liebsten den Hintern versohlt hätte, brachte ich sie in ihr Schlafzimmer, legte sie in ihr Bett und deckte sie zu. „Ich könnte eine Münze werfen, um herauszufinden, welche Laune du gerade hast“, seufzte ich und ließ sie alleine.



Es war erst früher Nachmittag, und einmal mehr verschlug es mich ins Arbeitszimmer. Meine Gedanken jedoch galten Aurelie. Irina war als frische Grigoroi noch längst nicht stark genug, um eine Königin zu beschützen. Und Kaldor musste erst noch erzogen und trainiert werden. Er war noch zu jung und verspielt, um die Königin zu schützen, aber auch wenn er erwachsen wäre, käme er gegen einen Vampir oder Grigoroi nicht an. Vorerst hatte ich den Welpen in Galderons Aufsicht gegeben.

Ich verschob meine Sorgen rund um Aurelie, konzentrierte mich auf die Korrespondenz und vertiefte mich so sehr in die Arbeit, dass ich kaum merkte, wie dunkel es geworden war. Gähnend streckte ich meine Glieder und ging zu Bett. Wie immer wartete Lee auf mich, um mir zu berichten, was den Tag über vorgefallen war. Wenigstens war im Schloss alles halbwegs ruhig. Und Ashur bekam immer schlechtere Laune. Gerade als ich mich für die Nacht umziehen wollte, hörte ich im Schlafzimmer nebenan ein langgezogenes Gähnen.

Hatte die Königin also endlich ausgeschlafen? Ohne anzuklopfen, betrat ich Aurelies Schlafzimmer, entfachte eine Kerze und stellte diese auf ihren Nachttisch. Die Augen hatte sie noch geschlossen; die Arme über ihrem Kopf gestreckt. Lächelnd rekelte sie sich im Bett und kuschelte sich kurz darauf wieder in die Kissen. Noch schien sie mich nicht gehört zu haben. Ihr Atem ging ruhig und ihr Herz schlug regelmäßig. Ich nahm mir einen Moment, um sie zu betrachten. Das silber-blonde Haar schimmerte magisch im gelben Schein der Kerze. Sie hatte sich zu einer Kugel zusammengerollt und lag in Embryostellung von mir abgewandt. Noch immer war sie in das blass-gelbe Kleid gehüllt, das ihr diesen Morgen Irina aller Wahrscheinlichkeit aufgezwungen hatte. Der schwere Stoff hatte sich ungelenk um ihre Beine geschlungen, mittlerweile ordentlich zerknittert.

„Wach auf, Aurelie. Du machst die Nacht noch zum Tag, wenn das so weitergeht. Du hast den ganzen Nachmittag verschlafen!“ Ich trat ans Bett und zog ihr die Bettdecke weg, die sowieso nur noch halb auf ihr gelegen hatte, weil sie diese im Schlaf von sich gestrampelt haben musste.

„Hm?“ Es dauerte einen kurzen Moment. „Nein. Draußen ist es dunkel. Ich kann also noch weiterschlafen“, brachte sie während eines langen Gähnens kaum verständlich hervor und machte sich nicht einmal die Mühe, sich mir zuzuwenden.



„Du wirst wach bleiben und erst in den frühen Morgenstunden noch etwas schlafen dürfen!“ Ich setzte mich zu Aurelie auf das Bett. Durch ihre verschlafene Art machte sie es mir gerade verdammt schwer, streng zu bleiben. In diesem Moment war sie einfach nur niedlich. Aber ich musste konsequent bleiben. Brummend griff ich nach ihren Armen und zog sie in eine sitzende Position. „Du bleibst diese Nacht wach!“ Oder sollte ich sie einfach durchschlafen lassen? Wie viel Schlaf brauchte sie eigentlich? Bisher hatte ich nie darüber nachgedacht.

„Ja, ja, Majestät. Zwing mich doch“, nuschelte sie undeutlich und behielt die Augen geschlossen. Ihren Kopf hatte sie hin und her rollend auf ihrer Schulter abgelegt.

Ich betrachtete das Gesicht, das so entspannt und sorgenfrei aussah im Kerzenlicht. Ihr Atem ging schon wieder gleichmäßig und zeigte, dass sie erneut eingeschlafen war. Im Sitzen. „Na schön. Wenn du das willst“, brummte ich. Mit Leichtigkeit hob ich sie wieder auf meine Arme, ging ins Badezimmer und nahm ein paar große Tücher. Wäre doch gelacht, wenn ich sie nicht wach kriegte. Also ging ich mit schnellen Schritten durch das Schloss, über den Übungsplatz und weiter bis zum See. Die Nachtluft war angenehm, dennoch schmiegte sich Aurelie im Schlaf an mich und seufzte beinahe behaglich. Dadurch bekam ich schon fast ein schlechtes Gewissen. Am Ufer angekommen, legte ich Aurelie auf die Tücher, die sich sofort darin einwickelte. Sollte sie nur. Die paar Minuten würde ich ihr noch gönnen. In aller Ruhe zog ich mich bis auf die Unterkleidung aus, nahm Aurelie wieder auf die Arme und ging mit ihr in den See. Das Wasser war noch recht angenehm. Aber je tiefer ich ging, umso frischer wurde es. Und schon bald stand ich bis zur Hüfte im Wasser.

Ohne Vorwarnung ließ ich das Kind in das Wasser fallen. Wäre sie nicht unter Wasser gewesen, hätte sie jetzt wohl einen spitzen Schrei ausgestoßen. Auf jeden Fall drangen große Luftblasen an die Wasseroberfläche, die aber durch das wilde Rudern mit ihren Armen beinahe nicht zu erkennen waren. Wider Erwarten hörte das Rudern aber nicht wie zeitnah auf, sondern wurde nur noch wilder, panischer. Einen Moment fragte ich mich, warum sie nicht einfach aufstand. So tief hatte ich sie nicht fallen lassen. Selbst, wenn sie zum Grund, statt zur Wasseroberfläche schwamm, würde … Ich bückte mich, bekam irgendwas von Aurelie zu packen und zog sie beherzt hoch. Sie konnte gar nicht schwimmen, erkannte ich. Und das Gewicht des nassen Kleides hatte sie zusätzlich runtergezogen. Natürlich hätte sie aufstehen können. Wenn die Panik nicht gewesen wäre. Und vermutlich hatten sich ihre Beine in dem langen Rock verheddert. Kleider taugten nicht zum Schwimmen.



Meine junge Gemahlin strampelte und fuchtelte wild mit den Armen, wobei ich aufpassen musste, keine Backpfeife abzubekommen und sie etwas weiter weg hielt. Fest hustend suchte sie unterbewusst nach Halt und klammerte sich, sobald sie meinen Nacken fand, stark zitternd, aber mit einer überraschenden Kraft daran fest.

Ich klopfte ihr auf den Rücken, um ihr zu helfen, das Wasser abzuhusten. „Jetzt wach?“

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