Kapitel 6 – Ein blutiges Fest
Kapitel 6 – Ein blutiges Fest
Cyrus
Die Musik verklang und Carina und ich kamen zum Stillstand.
„Noch einen?“
Ich wollte gerade verneinen, da kam das Königspaar auf uns zu. Wie es sich gehörte, versank Carina in einem Knicks, während ich eine Verbeugung vollführte, und hakte sich anschließend bei mir ein.
„Ihr seid eine wundervolle Tänzerin, Majestät“, schwärmte Carina, als Königin Anasthasia vor sie trat.
Innerlich verdrehte ich die Augen. Doch aller Falschheit zum Trotz, würden uns Lob und Schmeicheleien heute wohl oder übel zugutekommen. Daher nickte ich bekräftigend. „In der Tat.“
Die großen Flügeltüren öffneten sich und einige Sklaven traten mit großen Tabletts und Tellern herein. Sofort breitete sich der Duft von gebratenem Fleisch und Gemüse im Saal aus. Obwohl ich keinen Hunger hatte, wollte ich zurück zur Tafel gehen. Es war geplant, die Revolte zum Dessert umzusetzen. Aus diesem Grund wollte ich die Mahlzeiten eigentlich nur stoisch über mich ergehen lassen. Es gab keinen Grund, den Abend in die Länge zu ziehen.
„Eure Tanzschritte sind auch sehr anmutig“, erwiderte die Königin und riss damit meine Aufmerksamkeit wieder auf das Königspaar.
Carina neigte geehrt das Haupt und knickste tief. Dadurch sah sie nicht, dass der Blick der Königin zu mir glitt.
Ich drückte Carinas Hand. „Hast du Hunger, Teuerste?“
Carina legte den Kopf schief und schien zu schmollen. „Oh, du tanzt so selten mit mir, Cyrus! Noch ein Tanz? Bitte!“
Mir war schleierhaft, wie sie den Abend nur so sehr genießen konnte. Oder sie schob den Plan einfach nach hinten, um Spaß zu haben. Am Ende wäre dies wohl die beste Tarnung. „Gut. Ein Tanz noch.“
Carina strahlte erfreut. Auch die anderen beiden Fürsten standen noch auf der Tanzfläche, welche sich mittlerweile beachtlich gefüllt hatte. Die Musik erklang von Neuem und ich legte einen Arm an Carinas Hüfte. Ein Paartanz, bei dem die Partner gewechselt wurden, wurde angestimmt.
Carina war voller Vorfreude. Ein Augenrollen verhindernd, führte ich sie in die Ausgangsposition. Es folgten ein paar einfache Schritte, dann wurden die Damen in die Mitte gedreht und wir Männer gingen im Kreis. Erst rechts herum und dann wieder zurück. Nun, zumindest fast. Plötzlich stand ich vor der Königin und reichte ihr meine Hand. Ein Blick zur Seite zeigte, dass Fürst Andyr sich meine Begleitung geschnappt hatte.
Es folgten wieder ein paar einfache Schritte, in denen die Königin ihren Oberkörper allerdings unmissverständlich an mich presste. „Eure Partnerin ist wirklich ganz bezaubernd“, flüsterte sie mir zu. „Wann ist die Hochzeit? Ich hoffe doch, mein Mann und ich werden dazu eingeladen?“
„Ganz gewiss, meine Königin“, log ich schamlos. „Allerdings habe ich mir noch keine Gedanken über eine Hochzeit gemacht.“ Es gefiel mir gar nicht, wie sehr sich die Königin an mich schmiegte. Und zu allem Überfluss strich sie mit ihrer Hand äußerst sinnlich über meinen Oberarm.
„Ich hoffe doch, Ihr seid zu späterer Stunde bereit, Eurer Königin zu dienen, Fürst Cyrus?“
Ich setzte ein Lächeln auf, das künstlicher nicht hätte sein können. „Ich stehe meiner Königin jederzeit zur Verfügung.“ Wieder wurden die Frauen in der Mitte gedreht. Erleichtert atmete ich aus. Nicht, dass ich ihrem Vorschlag prinzipiell abgeneigt wäre, aber unser Plan sah vor, dass die Königin diese Nacht nicht lebendig überstehen würde.
Nachdem auch der zweite Tanz zu Ende gegangen war, hakte sich Carina bei mir ein, sodass ich sie zurück zur mittlerweile vollbeladenen Tafel führen konnte. Dort fiel mir direkt ein junges Mädchen ins Auge, welches auf Ashurs Schoß saß und den Blick stur gesenkt hielt. Ob aus Scham oder Angst, vermochte ich nicht zu sagen. Sie zitterte wohl, allerdings achtete ich nicht weiter darauf. Ihr weißblondes Haar ließ mich kurz grübeln, ob sie zu der Beschreibung einer vermissten Frau passte. Aber das Mädchen war zu jung.
Der König lud ein, sich zu bedienen, was die armen Menschen mit einschloss, denn sein Blick ging direkt zu den Sklavinnen an der Wand. Er ließ sich ein dürres, verängstigtes Mädchen bringen und vor seinen Füßen auf den Boden niederknien.
Carina nahm sich gebratenen Fisch und ich tat es ihr gleich, auch wenn ich keinerlei Appetit verspürte. Sobald die Speisen abgetragen wurden, käme die Nachspeise und damit unser Auftakt zur Machtübernahme. Bis dahin durfte niemand aus der Königsfamilie misstrauisch werden.
Die Minuten strichen dahin. Ich vertiefte mich in ein Gespräch mit dem jungen Vampirfürsten des Nordens. Wir wollten uns betreffend möglicher Handelsbeziehungen demnächst treffen. Und Carina musste ich versprechen, sie mitzunehmen. Sie war ganz versessen darauf, das immer weiße Land mit eigenen Augen zu sehen.
Der König ließ sich eine Weile von dem Mädchen zu seinen Füßen direkt bedienen, ehe er sie auf seinen Schoß zog und seine Fänge unsanft in ihrem Hals vergrub. Nicht ein Tropfen lief die weiße Haut hinab, und dennoch erfüllte der süße, metallische Geruch von Blut den Saal. Das Mädchen japste auf und Tränen liefen über ihr Gesicht, aber sie gab keinen Schrei von sich, während der König immer gieriger trank. Die Königin tätschelte dem Mädchen erst noch die Hand, führte das Handgelenk der Sklavin dann aber an ihre eigenen Lippen, um ebenfalls von dem zierlichen Menschen zu trinken.
Betroffen wandte ich den Blick ab, nur um direkt der Blutgier in Carinas Augen zu begegnen. Wie hypnotisiert sah sie zu dem Königspaar und leckte sich dabei über ihre Lippen. Ihre Fangzähne waren bereits zur vollen Größe verlängert.
Das Jammern des Mädchens wurde immer lauter. Sie begann zu weinen und zu schluchzen. Auch ihr wurde langsam klar, dass sie sterben würde. Ein dankbares Schicksal als Sklavin in diesem Schloss. Nachdem sie ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, warf der König sie grob von sich. Sofort wurde das tote Mädchen aus dem Saal geschafft. Als sie an den anderen Sklaven vorbeigeschliffen wurde, schluchzten diese geräuschvoll auf.
Einer der Grigoroi, der dafür verantwortlich war, die Leichen wegzuschaffen, war Ulras, der einst vom König höchstpersönlich verwandelt worden war. Ulras diente jedoch seit zwei Jahren mir und versorgte mich regelmäßig mit wichtigen Informationen. Er war es auch, der mir Zugang zu weiteren Grigoroi verschafft hatte, damit ich sie mit meiner Fähigkeit auf meine Seite ziehen konnte. Es gab Zweifler unter ihnen, ob ich wirklich stark genug sei, das Erschafferband zu lösen. Nun, diese Zweifler würden heute sterben. Aber vielleicht gab es noch den einen oder anderen Grigoroi, der mir nützlich sein könnte.
Carina riss mich aus meinen Gedanken, als sie aufstand und zu den Sklaven schlenderte. Sie sah sich jedes Mädchen ganz genau an und ich ahnte schon, dass sie sich einen kräftigen Burschen holen lassen würde. Stattdessen kam sie mit einer Sklavin zurück, die ihr völlig willenlos folgte. Natürlich dirigierte Carina das Mädchen zwischen uns.
Ich musterte die Kleine. Sie sah dem anderen Mädchen, das der König zuvor noch so grausam vor aller Augen verspeist hatte, ähnlich. Vermutlich war es die ältere Schwester. Das würde zumindest den leeren, apathischen Blick erklären.
Carina nahm das Handgelenk des Mädchens und biss hinein. So heftig, dass ich hörte, wie ihre Zähne die Adern durchstachen. Meinetwegen versuchte sie, sich zurückzuhalten. Doch sie teilte meine Meinung zum Stand und Wert von Menschen nicht und das spiegelte sich in ihrem Verhalten wider.
Mein Blick glitt zur Tafel, an der die königliche Familie saß. Noch immer hatte der Kronprinz dieselbe Sklavin auf seinem Schoß. Er leckte über ihren Hals und aß nebenbei. Dabei führte er die Gabel jedes Mal dicht vor ihren Mund, als ob er nur darauf warten würde, dass sie sich von ihm füttern ließ.
„Cyrus“, flüsterte Carina leise neben mir. Sie drückte mit einer Hand den Unterarm des Mädchens zu, aus dessen Handgelenk sie getrunken hatte. Dennoch sickerte das Blut aus den Bisswunden, lief über die zierliche Hand und tropfte auf den Boden.
„Du ruinierst den Teppich“, kommentierte ich tonlos, nahm das Handgelenk der Kleinen aber entgegen und biss selbst hinein. Ich war versucht, das Leiden des Mädchens zu beenden und ihrem Leben ein Ende zu machen. Aber es hatte mir schon immer widerstrebt, Menschen unnötig leiden und ausbluten zu lassen. In meinem Fürstentum nahmen wir Vampire nur das Nötigste an Blut von den Menschen. Es wäre dumm, eine wichtige Nahrungsquelle aus reiner Blutgier vorschnell zu töten. Vor allem die Frauen sollten die Gelegenheit bekommen, Nachwuchs in die Welt zu setzen. Dass diese Mädchen hier so früh starben, war bedauerlich, eine Missachtung des Kreislaufes und reinste Verschwendung.
Ich trank ein paar Schlucke. Doch schon nach kurzer Zeit ließ ich von der Wunde ab und drückte einen Moment meine Finger darauf, um meinem Gift bei der Blutgerinnung zu helfen. Auch die innere Blutung dürfte dadurch geringfügig verschlossen werden.
„Geh“, wies ich das Mädchen an.
Sie starrte mich aus blauen, verständnislosen Augen an, nickte dann aber und ging zurück zu den anderen Sklavinnen an der Wand. Bereit, um einem anderen Vampir ihr Blut zu geben. Dabei hatte ich gehofft, sie würde den Saal verlassen, denn sie hatte heute wahrlich genug verloren.
Der Abend zog sich immer mehr in die Länge. Aber dann wurden endlich die Speisen abgeräumt und der Nachtisch serviert. Ich nickte den Fürsten zu. Im selben Moment sprangen wir von unseren Stühlen. Jeder wusste, was zu tun war.
Während Carina auf die Königin zustürmte, riss ich den König vom Stuhl. Wütend knurrte er auf, rollte sich mit mir auf den Boden und verpasste mir, als er mich zu Boden gerungen hatte, eine in den Magen.
Ich fluchte unterdrückt. Während ich dabei war, die Oberhand in unserem Kampf zu gewinnen, versenkte der König seine Fänge in meinem Nacken. Sofort spürte ich sein Gift, das er mir in großen Mengen injizierte. Zu viel davon und es würde mich lähmen. Keuchend schlug ich mehrmals kräftig gegen seinen Adamsapfel, bis ich es knacken hörte. Seine Zähne glitten aus meiner Schulter und ich atmete kurz auf. Zu gern hätte ich mir einen kurzen Moment Ruhe gegönnt, um das Gift in meinem Körper zu bekämpfen, aber der König wehrte sich verzweifelt. Nur am Rande sah ich, dass die Meute fluchtartig den Saal verließ. Niemand saß mehr am Tisch. Die Sklaven an der Wand waren fort. Vermutlich würden die Grigoroi bald in größerer Zahl zurückkehren, um die Familie des Königs und somit ihr eigenes Leben zu retten.
Mit aller Kraft drehte ich mich erneut mit dem König auf dem Boden herum, verlagerte mein Gewicht und drückte ihn zu Boden. Er verpasste mir einen harten Schlag in die Seite und schaffte es, sich halb aufzurichten. In diesem Moment bekam ich seinen Kopf von beiden Seiten zu fassen.
Der König röchelte und schlug mittlerweile wahllos, wenn auch nicht weniger kraftvoll, um sich. Dabei hatte ich uns längst umgedreht, mich in eine sitzende Position gebracht und mich hinter ihm positioniert. So griff ich nun nach seinem Unterkiefer und riss ihm mit einem Ruck den Kopf vom Rumpf.
Ein weiblicher Schrei ließ mich aufschauen. Carina kämpfte immer noch mit der Königin; Alexander lag, mit dem Gesicht auf seinem Dessertteller, reglos auf dem Tisch, während sich eine Blutlache unter ihm ausbreitete. Der Kronprinz wurde von Kretos, Andyr und seiner Gemahlin auf seinem Stuhl festgehalten.
Ich eilte Carina zu Hilfe. Der Stuhl unter der Königin zerbrach und ich griff nach einem Stuhlbein. Dieses nutzte ich als Pflock und rammte ihn der Königin ins Herz.
Stille hatte sich über den Saal gelegt und ich wandte mich Ashur zu. Er erwiderte meinen Blick und zeigte seine Zähnchen.

































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