Kapitel 6 – Erwachsen werden

Kapitel 6 – Erwachsen werden

 

Aurelie

Das Gespräch mit Leeander war für mich eher verwirrend als aufschlussreich gewesen. Hielt er Folter jetzt für eine gute Methode? Hielt ich es für eine gute Methode? Es tat schließlich verflucht weh! Und es … brach einen. Allem voran, wenn es der eigene Bruder war, der die Klinge führte.

Wie immer war es in den geheimen Gängen stockdunkel. Doch ich brauchte kein Licht, um mich hier drinnen zurechtzufinden. Ich huschte die Gänge entlang und nahm dabei einen Weg, den ich mittlerweile so oft gelaufen war, dass ich es gar nicht mehr zählen konnte. Unten im Weinkeller befreite ich mein Schwert aus seinem Versteck, legte es mir in die linke Hand und verschwand wieder in den Gängen. Jetzt durfte mich nur niemand sehen, wie ich vom Ausgang des Geheimgangs wieder in meine Räumlichkeiten schlich. Eigentlich sollte ich endlich einmal in Erfahrung bringen, ob es auch einen Zutritt in meinen eigenen Räumlichkeiten gab. Das wäre noch einmal deutlich praktischer.

Als ich gerade aus meinem ehemaligen Kinderzimmer schritt, die Waffe vorsichtshalber hinter meinem Rücken versteckt, sah ich bereits Elok, der gerade dabei war, an die Tür meiner Gemächer zu klopfen.

Schau dich nicht um! Schau dich nicht um!, betete ich, während ich einen Schritt nach dem anderen ganz vorsichtig zurück ins Zimmer schleichen wollte. Doch natürlich musste er sich umsehen. Und selbstverständlich entging ihm auch nicht, dass ich dabei war, den Rücktritt anzutreten.

„Majestät!“, rief Elok, lächelte breit und trat auf mich zu. Wieso lächelten die sonst so steifen Grigoroi so häufig, wenn sie mir gegenüberstanden? Lag es an meinem kindlichen Aussehen? „Ich habe Irina aus der Stadt begleitet. Zwei Wachmänner begleiten sie und haben das Schreiben dabei. Wenn alles gut geht, ist sie morgen Abend wieder da.“

„Perfekt!“ Schnell setzte ich ein Lächeln auf. „Danke, Elok. Sonst noch was?“

„Nein. Ich wollte nur wieder vor Eurer Tür Stellung beziehen.“ Sein Blick huschte von meinen Haaren hinunter zu meinen Händen. „Ist alles in Ordnung? Geht … es Euch gut?“

„Oh, ja! Alles in Ordnung.“ Verlegen lächelte ich und suchte nach einer plausiblen Ausrede für mein Auftreten. „Ich war nur … spielen!“ Ging es noch etwas dämlicher? Innerlich schlug ich mir mit der Hand an die Stirn. „Könntest du, bevor du wieder Stellung beziehst, noch schnell einen Kontrollgang bei den Zimmern der ehemaligen Minister machen? Achos‘ und Eldins Gemächer sollten geräumt sein. Falls Graf Dreidolch in Seiblings Zimmern sein sollte, frag ihn, ob er etwas braucht.“



„Natürlich, meine Königin.“ Elok verneigte sich erneut und ging dann mit zügigen Schritten den Flur entlang, zurück in Richtung der Treppen.

Erleichtert atmete ich aus.

In meinen Gemächern angekommen, beschloss ich, mein Schwert unter meinem Bett zu verstecken. Sehr einfallslos, ja, doch ich rechnete auch nicht damit, dass jemand kommen und es suchen würde. Als Nächstes ließ ich mich von Emili und Aurillia zu einem Bad überreden. Ich war schmutzig. Und sie hatten durchaus recht damit, dass ich so nicht sehr königlich wirkte. Längst hatten die beiden meinen Körper gesehen. Anfangs waren sie beide regelrecht entsetzt über meinen körperlichen Zustand gewesen. Spätestens ab da hatten sie die Vorstellung vom Leben als verwöhnte Prinzessin wohl aufgegeben. Der Gedanke daran brachte mich zum Lächeln. Anfangs waren wir einfach eine Gruppe von zusammengewürfelten, blondhaarigen Mädchen gewesen. Eine mit grünen, eine mit blauen und eine mit bernsteinfarbenen Augen. Unsere Gemeinsamkeiten hatten sich auf unsere Haarfarbe beschränkt. Unsere Situation war nie die gleiche gewesen. Wir alle hatten eine Geschichte hinter uns und keine einzige davon war besonders schön. Aurillia war von ihren Eltern verkauft worden. Waren ihre Erzeuger also einfach böse, oder ging es dem Volk so schlecht, dass sie schon ihre Töchter verkauften? Emili war in einem Waisenhaus aufgewachsen und hatte ihre Eltern schon in früher Kindheit verloren. Als sie, nach Empfinden der Betreuer, alt genug gewesen war, hatte man ihr hier eine Arbeit im Schloss vermittelt. So sollte es zumindest aussehen. Dabei wurde sie, kaum war sie angekommen, in eine Sklaventracht gesteckt und hatte auch deren Regeln auferlegt bekommen. Kurzum: Man hatte sie versklavt. Vielleicht hatte der ehemalige König eine Art Abkommen mit dem Waisenhaus. Dem sollte ich wohl ebenfalls nachgehen.

Nachdem das erste Mal jemand von ihr getrunken hatte, und dieser Vampir daraufhin erst schwer krank und dann gestorben war, wurde sie in eine Zelle gesperrt und vergessen. Nur unregelmäßig hatte man daran gedacht, ihr etwas zu essen und zu trinken zu bringen. Folglich glich es eigentlich einem Wunder, dass sie noch lebte.

„Emili?“ Ich blickte fragend zu der jungen Frau auf, die mir gerade das schulterlange Haar wusch. „Wo ist eigentlich das Waisenhaus, in dem du aufgewachsen bist?“



„Es ist das Waisenhaus an der alten Mühle. Direkt im Armenviertel“, erklärte Emili und senkte den Kopf. „Unsere Zimmer hatten vergitterte Fenster. Weil früher mal Leute ins Waisenhaus eingebrochen sind und die Küche geplündert haben.“

Das mit den Plünderern war garantiert eine Lüge des Waisenhauses gewesen. Und doch schienen die Zustände noch humaner gewesen zu sein als die der Sklavenquartiere hier im Schloss. „Erzähl mir: Wie genau bist du ins Schloss gekommen? Habt ihr im Waisenhaus regelmäßig zu essen bekommen? Musstet ihr arbeiten? Hattet ihr Unterricht? Habt ihr Lesen und Schreiben gelernt?

„Unterricht?“ Emili gluckste. „Nein, es wurde nicht erwartet, dass wir lesen und schreiben können. Wir halfen im Haushalt, halfen beim Einholen der Ernten, haben im Lazarett und den Badehäusern geholfen. Dafür bekamen wir Medizin und konnten uns regelmäßig waschen. Und wenn wir den Bauern geholfen haben, gab es Brot und Eintopf.“ Emili zuckte kurz mit den Schultern. „Wir haben früh gelernt, dass es nichts umsonst gibt und niemand einfach etwas verschenken kann. Aber wir Menschen waren füreinander da und halfen, so gut wir es eben konnten. Menschen haben mich nie geschlagen oder eingesperrt, im Gegensatz zu den Vampiren.“

Ich nickte bedächtig, während sie ihr Tun wieder aufnahm und die Seife in mein Haar einmassierte. „Würdest du es gern lernen?“

„Was lernen? Lesen und Schreiben?“ Emili rieb vorsichtig mit einem Tuch über mein Gesicht, damit die Seife mir nicht in die Augen lief. „Wozu? Ich hätte gar keine Zeit, um ein Buch zu lesen. Und was wäre in meinem Leben lohnenswert, aufgeschrieben zu werden? Oder brauchst du Hilfe bei deinen Aufgaben?“

„Was deine Zeit betrifft, so sind du und Aurillia meine Zofen. Wenn du Zeit brauchst, um das Lesen und Schreiben zu lernen, überlass das also ganz mir. Und es geht mir nicht darum, dass du mir den Papierkram abnimmst“, widersprach ich. „Auch wenn das natürlich schön wäre“, fügte ich etwas mürrisch hinzu, „würde das wohl kaum funktionieren. Nein, es geht mir darum, dass du es um deinetwillen lernen könntest. Aurillia auch, wenn sie will. In Büchern befinden sich so unglaublich viele Informationen. Gibt es nichts, was dich interessiert? Nichts, in dem du dich verbessern möchtest?“



Emili hielt in ihrer Bewegung inne. Nun lief mir das Seifenwasser über das Gesicht. „Nun, vielleicht die alten Legenden. Die, mit der Sicht und Weisheit.“

Ich nickte zustimmend und wischte mir mit den Händen zeitgleich die Seife aus dem Gesicht. „Das wäre eine Möglichkeit. Auch wenn es darüber nicht sehr viel zu lesen gibt, befürchte ich. Zumindest nichts von aussagekräftigen Quellen. Aber es gibt auf jeden Fall mehr niedergeschriebene Informationen als gemalte“, scherzte ich. „In Büchern aber gibt es auch noch viel mehr. In meiner Kindheit musste ich immer Bücher über Anstandsregeln lesen.“ Gequält verzog ich das Gesicht, und nickte Emili zu, als den Wasserkrug hob, um mir die Haare auszuspühlen. Bibbernd schlang ich meine Arme um mich. Das war nicht aufgewärmt gewesen. „K…keine sehr spannende Lektüre. Doch d…da gibt es auch Romane, um sich die Zeit zu vertreiben oder dem eigenen Leben für einen kurzen Augenblick zu entfliehen. So was mögen vor allem Erwachsene. Dann gibt es sehr viele Dokumentationen über Architektur, Anatomie und Biologie, Gesundheit und Kräuterkunde. Es gibt Autobiografien, in denen Vampire die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens festhalten.“ Ich griff nach einem Lappen, drehte mich um und begann meinen Körper zu schrubben, während ich Emilis fassungslosem Gesicht entgegensah. „Was ich sagen will“, fuhr ich schmunzelnd fort: „Das alles ist niedergeschrieben. Und wenn du es willst, hast du hier im Schloss eine riesige Bibliothek, in der du dich den ganzen Tag verkriechen darfst.“

„Steht in den Büchern auch etwas über Hexen? Kräuterhexen?“ Emili ging zu den großen Tüchern, schüttelte eines aus und kam auf mich zu, wobei sie das Tuch so hielt, dass sie mich nicht sehen würde, wenn ich aus der Wanne trat.

„Ich … denke schon. Aber das meiste davon wird wohl negativ sein. Kräuterhexen haben ja generell nicht den besten Ruf …“ Ich legte den Lappen wieder weg, erhob mich und trat aus der Wanne.

„Aber es war eine hier. Meinst du, sie würde noch mal kommen? Und mir ein paar Fragen beantworten?“

„J…ja, wieso nicht? Also, wenn du das willst, lasse ich sie rufen. Aber wieso willst du die Kräuterhexe wiedersehen?“

„Vielleicht kann sie mich lehren. Mir die Kräuter erklären und wie man heilt. Es bringt mir doch nichts, wenn ich das in Büchern lese, ohne es zu tun.“ Emili senkte kurz das Tuch und sah mich an. „Und vielleicht weiß sie ja Dinge, die nicht in Büchern stehen. Dinge über das, was ich sehe.“



„Emili …“ Ihre Hingabe war entzückend, aber … „Niemand darf davon wissen. Magische Kräfte gibt es nur, und ich meine wirklich ausschließlich in den Herrscherfamilien der Vampire. Wenn jemand davon erfährt, dass du … Dinge siehst … könnte das sehr gefährlich für dich werden.“

„Oh“, hauchte sie leise und ließ das Tuch komplett sinken. „Glaubst du denn, ich könnte wirklich von Vampiren abstammen? Vielleicht vor vielen Generationen? Dann würde meine Familie im Stammbaum zu finden sein. Wobei, nein. Die Linie wurde bestimmt nicht mehr weitergeführt.“ Sie senkte traurig den Blick. Bedrückt beobachtete ich, wie ihr eine einsame Träne die Wange hinunter rann. „Und der einzige Vampir, der mir vielleicht helfen könnte, nannte mich eine Hexe!“

„Hey …“ Vorsichtig hob ich die Hand. „Ich … wir werden es schon herausfinden.“ Vorsichtig legte ich meine Hand an ihre Wange und fing die Träne auf. „Vermutlich wird sich mit der Zeit alles zeigen.“

Sie schniefte kurz, schüttelte dann aber den Kopf und hielt gleich darauf das Tuch wieder hoch. „Komm, du musst dich fertig machen. Du wolltest noch weiter an den Dokumenten arbeiten.“ Emili wollte gerade das Tuch um mich legen, als sie stockte. Mittlerweile war mir richtig kalt, war ich doch schon ein Weilchen aus dem Wasser gestiegen. Eine Gänsehaut hatte sich auf meinen Armen ausgebreitet und das Wasser lief an meinem Körper hinunter. „Ähm“, machte Emili und starrte sprachlos auf meine nicht existierende Oberweite. „Seit wann sind die denn da? Ich meine, vor ein paar Tagen waren es nur Knospen. Aber jetzt sind sie ja schon richtig spitz. Das hat bei mir Monate gedauert!“ Plötzlich riss sie die Augen auf, schlang das Tuch um mich und räusperte sich mit hochrotem Kopf. „Entschuldige. Ich wollte da nicht hinsehen.“

Erschrocken riss ich das Tuch wieder von mir, ließ es zu Boden fallen und sprang vor den Spiegel. „Oh, nein … nein. Nein!“ Panisch legte ich meine Hände um meinen Kopf und schüttelte ihn. „Nein!“ Mein Herzschlag ging in die Höhe und wurde unregelmäßig. Meine Hände ließen von meinem Kopf ab und griffen an meine Brüste, die nun eben nicht mehr so flach waren, wie sie sollten. „Verdammt!“ Tränen stiegen in meinen Augen auf. „Geht weg!“, flüsterte ich erstickt und drückte darauf herum, damit sie wieder verschwanden.



„Naya …“, flüsterte Emili leise. Durch den Spiegel sah ich, dass sie auf mich zukam. „Das ist völlig normal. Selbst Aurillia hat schon ein wenig Oberweite. Ich dachte nur nicht, dass sie bei dir so schnell wachsen.“

„Das sollten sie auch nicht, sondern erst, wenn man erwachsen wird!“, rief ich verzweifelt. „Und das darf ich nicht! Er wird mich umbringen, Emili!“ Mit flatterndem Atem holte ich Luft und stiess sie wieder aus. Währenddessen rannen mir immer mehr Tränen über die Wangen. „Ich darf noch nicht in die Reife kommen! Er wird mich als Gefahr ansehen! Es wird mich …“ Ich schluckte schwer.

„Er? Von wem redest du, Nayara?“ Emili hob das Tuch auf und legte es um mich. Vorsichtig zog sie mich vom Spiegel weg.

„Cyrus, wer denn sonst“, flüsterte ich heiser und blickte verzweifelt zu Boden.

„Das glaube ich nicht, Nayara. Er ist dein Ehemann. Alle Vampire haben gesehen, dass ihr geheiratet habt. Er kann doch nicht seine eigene Gattin töten.“ Emili schob mich zu einem Schemel, setzte mich darauf und begann, meine Haut trocken zu rubbeln. „Außerdem sind seine Grigoroi ausgesprochen höflich und nett. Sie können sich ja wohl kaum so entwickelt haben, wenn er selbst ein grausamer Mörder ist.“

„Aber das ist er“, flüsterte ich und dachte an die verzweifelten Worte der weinenden Frauen zurück, die ich einst aus der klemmenden Geheimgangstür gehört hatte. Ihr Schmerz hatte so real gewirkt. Keine Sekunde käme mir der Gedanke, sie könnten gelogen haben. „Und seine Grigoroi müssen seinen Befehlen folgen. Schlussendlich ist es gleich, ob sie es wollen oder nicht.“

„Er hat dich trotzdem geheiratet“, widersprach Emili. „Aber wenn du wirklich so große Angst hast, dann können wir doch einfach weglaufen. Du, Irina, Aurillia und ich! Der König ist weg. Und er soll auch erst in ein paar Tagen wieder zurückkehren. Wir haben also genug Zeit, um alles zu planen, wenn du das willst.“

„Ich …“ Wie gerne hätte ich jetzt einfach ‚Ja!‘ geschrien? Oh, wie sehr verlockte mich dieser Gedanke? Ich war hin- und hergerissen. Ich könnte … Könnte ich ein normales Leben führen? Irina würde nicht sterben. Sie wäre immer an meiner Seite. Und wenn meine Reife jetzt augenscheinlich einsetzte, dann könnte ich vielleicht auch bald schon Aurillia verwandeln. Wenn sie das wollte. Reichtum brauchte ich keinen. Und den ganzen Prunk hier im Schloss genauso wenig! Aber Emili würde altern und sterben. Denn ihr Blut war ungenießbar. Entsprechend könnte ich sie auch nie verwandeln. Aber abgesehen davon hatte ich hier Verpflichtungen. Ein ganzes Land! Wäre ich nur niemals Königin geworden. Hätte mich Cyrus nur niemals entdeckt, dann wäre ich mit Irina mittlerweile über alle Berge.



„Es ist nur eine Idee. Lass es dir durch den Kopf gehen.“

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