Kapitel 61 – Grenzen
Kapitel 61 – Grenzen
Aurelie
Wie die Sonne selbst strahlte er. Der Ring, der Mann, es schien, als hätten die Götter ihre Finger im Spiel. Als er sich aufrichtete, kamen meine Hände auf seiner Brust zum Liegen und meine Augen suchten wieder die seinen. Und als unsere Blicke sich trafen, leuchteten seine Iriden in flüssigem Silber. Fasziniert starrte ich zu ihm hinauf, komplett sprachlos. Hatte ich ihn gerade ein weiteres Mal gekrönt? Sein Blick fuhr meinen Körper entlang, als trüge ich kein Stück Stoff am Leibe. Doch die andächtige Stille blieb, bis zu dem Moment, in dem er sie unterbrach.
„Was war das gerade?“
Ich brauchte noch einen Moment länger, um wieder in die Gegenwart zu kommen. Erst zögerlich, dann ruckartig und schnell schüttelte ich meinen Kopf und versuchte wieder zur Besinnung zu kommen. Ins Hier und Jetzt zu finden. „Ich … habe dich gekrönt.“ Scheinbar.
„Du hast in einer völlig fremden Sprache gesprochen. Und du sahst einen Moment … erwachsen aus.“ Er räusperte sich leise, griff sich an den Kopf und nahm den Ring herunter. Fasziniert betrachtete er den schlichten Gegenstand, drehte ihn in beiden Händen und sah wieder zu mir. Das Silber in seinen Augen war beinahe gänzlich verschwunden. Ganz schwach war es noch in seinen graublauen Augen zu erkennen.
„Deine Augen haben geleuchtet“, hauchte ich ergriffen. „Wie flüssiges Silber.“ Ungläubig blinzelte ich einige Male. „Und du selbst auch. Und die … Krone ebenso“, stammelte ich, um die richtigen Worte bemüht.
Er rieb sich über das Kinn und verursachte dabei ein leises, kratzendes Geräusch. Sein Blick ruhte noch immer auf dem Ring. „Du hast auch kurz … geglänzt. Du warst wie in Silber getaucht, dabei ist das gar nicht deine Farbe.“ Er hob sein Haupt, die Augenbrauen noch immer gerunzelt, trat auf die silberne Säule zu und legte die schlichte Krone darauf ab. „Es sah trotzdem gut aus. Du hast gut ausgesehen.“
Prompt schoss mir die Hitze in die Wangen. Möglichst schnell wandte ich den Blick zu Boden. „Äh …, dan…ke“, stammelte ich unsicher, beschämt, erfreut und verletzt. Was für ein Gefühlschaos. Ich hatte gut ausgesehen. Das bedeutete, jetzt sah ich wieder normal aus. Also nicht gut. Wie denn auch, mit dem Körper? Den Narben? Verkrampft drehte ich mich um und ließ meinen Blick auf dem leeren Podest ruhen. Leise seufzte ich auf, einer Krone, oder vielleicht auch nur einem Erlebnis nachtrauernd, welches ich doch nie erleben würde. Er mich krönend? Mich als sein Weib erwählend, nicht weil er dazu gezwungen war? Welch absurde Vorstellung. Was war nur mit mir los?! „Wollt Ihr noch weiter hierbleiben?“ Ich wandte mich ihm zu. „Ihr müsstet langsam hungrig sein“, stellte ich mit einem Blick in seine Augen fest. Denn eines, was alle Vampire gemeinsam hatten: In ihren Augen funkelte die Gier, sobald sie zu lange nichts gegessen hatten. Und auch mein Magen hatte längst seine Leere bekundet. Aber ich war es mir gewohnt.
„Du hast recht, wir müssen zurück. Die Sonne ist mittlerweile bestimmt schon aufgegangen und du gehörst ins Bett.“ Er ging einige Schritte, blieb dann aber in der Mitte des spalierarigen Gangs stehen. „Wo ist die Tür?“
Ich lächelte milde und führte uns zu der Geheimtür, durch die wir auch die Kammer betreten hatten. Kaum waren wir darin, umfing uns wieder grenzenlose Dunkelheit.
Wie selbstverständlich griff er nach meiner Hand und drückte diese leicht. „Denk dran. Nach links“, raunte er leise. „Und Stufen ansagen“, fügte er hinzu.
Der Rückweg war ohne Probleme verlaufen. Lediglich einmal hatte mein werter Gemahl sich den Kopf angeschlagen, ehe wir auch schon wieder im Südflügel bei den Gästezimmern standen. Bei meinem Anblick fing er an zu lachen, und ich bei seinem ebenso. Noch nie hatte ich ihn dermaßen verdreckt gesehen. Ein Blick nach draußen zeigte, dass bereits die Morgendämmerung eingesetzt hatte. Ein schmaler Lichtschein brachte das Gras im Schlossgarten zum Funkeln.
Eine Hand landete auf meiner Schulter. „Geh dich waschen. Ich komme gleich zu dir. Dann kannst du noch ein wenig schlafen. Aber ich werde dafür sorgen, dass du nicht zu lange schläfst.“
Augenverdrehend drehte ich mich um und lief in Richtung der königlichen Gemächer. Zu dieser Zeit huschten bereits die ersten Diener, ehemalige Sklaven, herum, um das Frühstück für ihre Übergeordneten vorzubereiten. Möglichst leise schlich ich in meine Zimmer. Ich wollte Aurillia und Emili nicht wecken. Sie würden nur wieder schimpfen und sich Sorgen machen. Auf Zehenspitzen tapste ich ins Bad, zog mich aus und wusch mich gründlich – allem voran unter den Fingernägeln. Danach goss ich einen Kessel Wasser über mein Haar und kämmte den ganzen Dreck heraus. Mein Körper zitterte unter dem kalten Nass.
Ich war noch nicht ganz fertig, als es an der Tür klopfte. „Brauchst du Hilfe?“, drang die unverwechselbare Stimme meines Gemahls durch die Tür.
Erschrocken fuhr ich hoch, was dafür sorgte, dass mein mittlerweile einigermaßen sauberes, aber tropfnasses Haar mir laut auf den Rücken klatschte. „Nein!“
„Gut. Ich warte in deinem Schlafzimmer.“
„Puh.“ Ein Blick in den Spiegel zeigte mir, dass mir die Röte ins Gesicht geschossen war. Ungeschickt stieg ich aus der Wanne, schaute unsicher an mir herab und fuhr mit meinen Händen meinen Körper nach. Helle Haut, die aber keineswegs glatt war. Und da waren auch keine Kurven, bis auf die schlechte Ausrede für eine Oberweite, die ich bisher hatte. Mein Bauch war noch immer eingefallen von dem wenigen Essen, das ich die letzten Jahre zu mir genommen hatte, und meine Rippen drückten unübersehbar durch die helle Haut. Und er meinte, ich könnte schön aussehen. Zumindest hatte er etwas in diese Richtung gesagt. Aber …
Ich biss die Zähne zusammen, schüttelte den Kopf und wischte die Träne weg, die unerlaubt meine Wange hinunterkullerte. Ein leises Schniefen ertönte bei meinem nächsten Atemzug. Schnell hielt ich mir die Hand vor den Mund. Einen Moment wartete ich ab und flehte zu den Göttern, dass er mich nicht gehört hatte. Als alles ruhig blieb, entspannte ich mich langsam. Nach dem Handtuch greifend, bewegte sich auch mein Rücken ins Spiegelbild. Wieder stockte ich, hielt den Atem an und wagte es nicht, mich zu bewegen. Das Abbild, welches sich mir bot, war einfach schrecklich.
Mit gesenktem Kopf trocknete ich mich ab und streifte mir anschließend ein langes Nachthemd über. Erst als mein Körper wieder bedeckt war, wagte ich einen weiteren Blick in den Spiegel. Ich versuchte zu lächeln, was schrecklich aussah, also ließ ich es wieder. Tief durchatmend, trat ich aus dem Badezimmer. Wie lange ich vor dem Spiegel gestanden und in meine traurigen Augen geblickt hatte? Ich wusste es nicht. Ich fühlte mich schrecklich. Wie ein Fremder in meinem eigenen Körper. Ein Körper so jung, ein Amt so mächtig, ein Geist so gebrechlich.
Als ich in mein Schlafgemach trat, blieb ich wie erstarrt im Türbogen stehen. Da lag mein Gemahl, oberkörperfrei und mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Auf den Lippen, die ich schon einmal gekostet hatte. Weich und warm, sanft und lieblich. Mein Herz blieb stehen – was dachte ich da? – und mein Kopf schüttelte sich blinzelnd. In dieser halb sitzenden, halb liegenden Position drückten seine Bauchmuskeln heraus, markant und stark. Weich und … nur mit einer kleinen Anzahl Narben darauf. Beim Anblick dieser nur noch schwach erkennbaren Narben ging ich auf ihn zu, bis ich mich neben dem Bett stehend wiederfand, und fuhr mit meiner Hand nachdenklich über seinen Bauch. Die andere legte sich wie von selbst auf meinen. Seine Haut war so weich. Die wenigen Narben besaßen Geschichte. Meine hingegen waren hässlich und feige. Seine standen für Mut und Kraft. Er war im Kampf verletzt worden. Nicht wie ich … Sicherlich hatte er weitergekämpft, wenn er verletzt worden war. Den Schmerz ignoriert und sein Leben verteidigt. Ich hatte geschrien. Und gebettelt. Und geweint.
„Komm her, Aurelie“, verlangte er mit fester Stimme. Nichts an seinem Verhalten deutete darauf hin, dass er auch nur annähernd ahnte, was in mir vorging. Vielleicht hatte ich gelernt, meine wahren Gefühle geschickt zu verbergen. Vielleicht interessierte es ihn aber auch gar nicht.
Unsicher trat ich noch näher. „Wieso …?“, fing ich an, hielt dann aber inne. Wenn ich ihn jetzt fragte, wieso er kein Oberteil trug, würde er vielleicht eins anziehen. „Egal“, murmelte ich, kletterte über ihn und setzte mich neben ihn aufs Bett, allerdings mit gehörigem Abstand. Meine Beine zog ich an meinen Oberkörper und meinen Kopf platzierte ich auf meinen Knien. Da war dieses Drängen in mir, welches mir sagte, ich solle mich wieder auf seine Brust legen und mich an ihn kuscheln. Aber da war auch eine Stimme, womöglich die Stimme meines Verstandes, die mir sagte, dass ich diesem Mann nicht zu nahe kommen durfte. Ich war ein Kind. Ich sollte mir überhaupt keine Nähe wünschen, außer vielleicht die liebe meiner Eltern. Meiner sehr toten Eltern.
„Näher“, forderte mein Gemahl und legte sich dabei hin. Er klemmte den Arm, der direkt neben mir lag, hinter seinen Kopf. Mit der freien Hand klopfte er auf seine Schulter.
Näher. Als ich erneut zu seiner Brust hinabsah, brauchte ich keinen Spiegel, um zu wissen, dass ich rot anlief. Unsicher blickte ich zu ihm auf, löste aber meinen Kopf von meinen Knien und streckte langsam meine Beine aus.
Er zog mich die letzten Zentimeter an sich, bis mein Kopf an seiner Brust lag. Seine Hand ruhte auf meinem Arm und seine Fingerspitzen streichelten sanft über meinen Oberarm. „Und jetzt schlaf noch ein wenig.“
Den Atem anhaltend, starrte ich auf seine feine, gebräunte Haut, die jetzt direkt vor mir lag. Doch irgendwann schnappte ich wieder nach Luft und kaum hatte ich das getan, beruhigte ich mich. Sein Geruch drang mir in die Nase und schien alle widersprüchlichen Gedanken einfach fortzuwischen. Nach wenigen Atemzügen schloss ich schließlich die Augen. Auf meinen Lippen hatte sich ein zufriedenes Lächeln ausgebreitet und meine rechte Hand hatte sich auf seine Brust gelegt. Warm und weich und hart. Sachte streichelte ich mit meiner Hand seine Brust, zwirbelte die feinen Härchen mit meinen Fingern auf und ließ sie wieder frei.
„Wenn du sie mir ausreißt, muss ich dich übers Knie legen“, brummte er leise, beinahe schläfrig neben mir. Und trotzdem klang seine Stimme ernst.
Augenblicklich hörte ich damit auf und riss meine Hand von seiner Brust.
„Ich sagte, nicht herausreißen. Alles andere ist dir gestattet. Bis zum Bauchnabel.“
Dieser Mann war unglaublich! Jetzt wollte ich nämlich … herausfinden, was passierte, wenn …
„Mhm, okay“, nuschelte ich zögerlich und ließ meine Hand genau über seinem Bauchnabel schweben. Was er nicht sehen konnte, da mein Kopf im Weg lag. Kurz bevor ich mich dazu überwand, eine eventuelle Dummheit zu begehen, grinste ich plötzlich breit. Dann pikste ich mit meinem Finger in seinen Bauchnabel. Und gleich darauf ein klein wenig unten dran. Und wieder hob ich meinen Finger an und …
Im nächsten Moment schlug er mir leicht auf die Fingerspitzen. Zeitgleich rutschte er von mir weg und drehte sich so auf die Seite, dass sein Gesicht mir zugewandt war.
Unfähig, mein Grinsen zu verstecken, biss ich mir auf die Lippe. Meine Hand schüttelte ich ein wenig aus. So hart hätte er nun wirklich nicht schlagen müssen.
„Aurelie! Ich habe nicht grundlos diese Regel aufgestellt! Du bist noch ein Kind und solltest die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht kennen! Daher ist das tabu, verstanden?“
Ungläubig sah ich zu ihm auf; das Grinsen war aus meinem Gesicht gewischt, als hätte er mich geschlagen. „Dafür ist es wohl zu spät“, kommentierte ich nüchtern, spürend, wie die Wut in mir aufstieg. „Ich weiß ganz genau, was sich in der Hose eines Mannes verbirgt und es ist keineswegs erstrebenswert, es zu sehen, geschweige denn anzufassen oder … anderes.“ Das letzte Wort kam nur noch gehaucht über meine Lippen. Wieso hatte ich das gesagt? Was ging es ihn an? Ich drehte mich um und legte mich so hin, dass ich von ihm wegschaute. Hoffentlich würde er einfach ignorieren, was ich gesagt hatte. Einfach einschlafen und mich in Ruhe lassen, während mir mittlerweile Tränen aus den Augen quollen.
„Die Tatsache, dass du das weißt, macht es umso schlimmer“, seufzte er. Er strich mir über den Kopf und seufzte kurz darauf erneut. „Soll ich gehen?“
Ich spürte, wie ich mich verkrampfte, als seine Hand über meinen Kopf strich. Und auf seine Frage hin nickte ich schwach. Doch als ich hörte, dass er sich enttäuscht ausatmend aufrichtete und die Decke zurückschlug, schüttelte ich den Kopf, drehte mich um und griff nach seinem Arm. Als er daraufhin wieder zu mir sah, schüttelte ich erneut den Kopf, zog ihn aufs Bett zurück und drehte mich wieder von ihm weg. Sobald er hinter mir lag, kuschelte ich mich mit dem Rücken an seine Brust an und schniefte leise.
„Es ist nicht deine Schuld, Aurelie“, hörte ich ihn flüstern, spürte, wie er mir vorsichtig über den vernarbten Arm strich. „Grenzen verführen dazu, sie zu übertreten. Ich wollte dich damit nur schützen.“
Ich nickte schwach. Ich wusste, dass er nicht beabsichtigt hatte, dass ich mich erinnerte. Sowieso hatte er sich mir diesbezüglich fast nie aufgedrängt. Abgesehen von dem einen Kuss. Ich spürte, wie er mir sanft eine Hand auf die Schulter legte, mir seine Wärme spendete und mich wohlfühlen ließ. Irgendwann flatterten meine Augen zu.




































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