Kapitel 63 – Briefe
Kapitel 63 – Briefe
Cyrus
Ich beobachte Aurelie noch eine Weile und genoss diesen Moment mehr, als ich es sollte. Seit ich gesehen hatte, was sie da im Bett getan hatte … Das Bild wollte einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Um mich auf andere Gedanken zu bringen, sah ich aus dem Fenster. Irgendwann griff ich in meine Hosentasche und holte die Briefe heraus, die der Herzog geschrieben hatte. Für seine Frau und seinen Sohn. Ich faltete sie auseinander und sah auf die Namen. Ehefrau. Sohn. Ihre Majestät, die Königin. Neugierig huschten meine Augen über die Zeilen. Erklärungen, Entschuldigungen, Reue und Trauer. Zutiefst ergriffen geschrieben. Ich reichte Aurelie den an sie adressierten Brief. „Hier, der ist für dich.“
Sie reagierte nicht. Ihr Blick war starr aus dem Fenster gewandt. Wann hatte sie das letzte Mal geblinzelt? „Aurelie?“ Wieder nichts. „Aurelie?“ Dieses Mal stupste ich sie an, was sie dazu brachte, aufzuschrecken.
„Was?“, fragte sie atemlos, beruhigte sich aber schnell wieder, als sie den Brief sah, den ich ihr reichen wollte. „Äh …“ Sie griff danach und faltete das Pergament auseinander. Ihre Augen flogen darüber. „Oh“, hauchte sie. Einen Moment später sagte sie nachdenklich auf den Brief starrend: „Ein Kind kann einer Person Gemüt scheinbar ziemlich stark beeinflussen.“ Schwer schluckend verlor sich ihr Blick kurz im Nichts.
„Solche Gedanken entstehen nicht über Nacht“, erwiderte ich und reichte ihr den Brief an seine Frau.
Sie griff danach, las ihn jedoch nicht, nachdem sie den Namen entdeckt hatte. „Das sollten wir nicht lesen …“
„Wir müssen es lesen. Verbrecher und Hochverräter haben kein Recht auf Briefgeheimnisse. Es könnte sein, dass darin Details zum Aufstand stehen.“
Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle. „Ja, ich weiß. Habe ich bei Gilead, Seiblings Sohn, doch selbst veranlasst. Aber ich fühle mich dabei immer so … schmutzig.“ Schweren Herzens faltete sie das Pergament auseinander. Schweigsam ließ sie ihre Augen über den Brief gleiten. Schließlich gab sie ihn mir mit leicht zitternder Hand zurück. „Es hat seinen Tod akzeptiert“, stellte sie fest. „Er bettelt nicht.“
Ich nahm den Brief an mich und überflog die Zeilen ebenfalls, um eventuell versteckte Hinweise zu finden. Aber alles in diesem Brief zeigte mir, was auch Aurelie erkannt hatte. Der Herzog hatte seinen Tod akzeptiert und bat seine Frau um Verzeihung für seinen Fehltritt. Die Worte ließen mich schwer schlucken, sodass ich einen Moment brauchte, um mich wieder zu fangen. Danach reichte ich Aurelie den letzten Brief, den sie jedoch postwendend zurückgab.
„Das kann ich nicht lesen“, hauchte sie bedrückt, obgleich sie nur den Adressaten gesehen hatte.
„Das ist die Schattenseite der Krone, Aurelie. Du musst es lesen, auch wenn du es nicht willst.“ Ich beugte mich zu ihr vor. „Ansonsten muss ich ihn laut vorlesen.“
„Dann tut das. Außerdem bin ich ja sowieso nur noch zum Schein da. Zum Schein, und um Euch ein Kind zu gebären“, murmelte sie bedrückt. „Gebt mir nur noch etwas Zeit, mich mit dem Gedanken abzufinden.“ Ihr Blick ging traurig aus dem Fenster.
Meine Worte hatten sie stärker verletzt, als ich angenommen hatte. Das Thema würde ich definitiv noch mal ansprechen müssen. Aber nicht auf dieser Reise. Also nahm ich den Brief und räusperte mich, bevor ich vorzulesen begann: „An meinen Sohn, den neuen Herzog Lelier. Es tut mir leid, dass ich dich in diesem Brief nicht bei deinem Namen ansprechen kann. Deine Mutter und ich planten, dir deinen Namen bei deiner Geburt zu geben.“
Ich hielt inne. Eine schöne Idee. Wahrscheinlich würde ich bereits Monate vor der Geburt eine Liste mit allen möglichen Namen machen. Und sie täglich neu sortieren.
„Ich weiß, dieser Brief ist alles, was du von mir hast, und ich bedaure zutiefst, nicht bei dir zu sein. Aber du wirst auch ohne mich zu einem guten und starken jungen Mann heranwachsen. Lass dir von deiner Mutter nicht alles verbieten. Ich weiß, dass sie überfürsorglich sein wird.“
Meine Gedanken schweiften ab. Mein Vater hatte mir auch mehr erlaubt als meine Mutter. Der Gedanke, dass der Junge ohne einen Vater aufwachsen müsste, schmerzte. Ich sah auf und konnte im Profil beobachten, wie Aurelie eine einzelne Träne die Wange hinunterglitt.
„Wie gerne hätte ich dich auf deinem Weg zur Reife und später an der Feier zu deiner Verbindung mit deinem Weib begleitet? Meine eigenen Enkelkinder selbst im Arm gehalten und zusammen mit dir dabei zugesehen, wie sie wachsen und gedeihen, wie du es noch tun wirst. Wie gerne hätte ich die Chance, dir dabei zuzusehen, wie du deine ersten Schritte gemacht haben wirst? Oder wie du lernst, das Piano Forte zu spielen und dabei verzagst, so wie ich es einst getan habe.
Du, mein Sohn, Fleisch meines Fleisches und Blut meines Blutes, sei dir gewiss, hätte ich die Möglichkeit dazu gehabt, so stünde ich dir bei jedem Schritt zur Seite. Zusammen, gemeinsam mit deiner wunderbaren Mutter.“
Ich blinzelte und beruhigte meinen Atem wieder. Der Brief war so emotional, sodass er selbst mich zu Tränen rührte. Aber ich versetzte mich zeitgleich in seine Situation. Hätte ich eine schwangere Verbundene in den Ostlanden gehabt, und wäre bei der Übernahme des Goldenen Reiches gescheitert – ich befände mich exakt in derselben Situation.
„Ich habe einen Fehler begangen, mein Sohn. Wiederhole ihn nicht. Lass Zorn nicht dein Leben bestimmen. Noch nicht einmal einen kleinen Teil davon. Es ist eine wüste Emotion, mit Hang zur Katastrophe. Nur zu oft fällt diese auf die eine oder andere Weise auf einen selbst zurück. Merke dir meine Worte. Von ganzem Herzen. Dein Vater.“
Aurelie entfuhr ein tiefer Schluchzer. Sie klopfte hart gegen die Kutschwand, woraufhin die Kutsche augenblicklich anhielt. Wortlos stürmte sie hinaus, nur um heftig nach Luft zu schnappen.
Wir waren längst aus der Stadt, womit wir nicht inmitten des Getümmels standen, sondern lediglich auf einer mäßig gut besuchten Hauptstraße. Sofort sprang Irina vom Kutschbock und nahm Aurelie in den Arm. Ich blieb in der Kutsche sitzen, faltete die Briefe und steckte sie wieder ein. Dabei nutzte ich die offene Tür, um selbst einige Male tief durchzuatmen.
Die Worte hatten mich tief berührt. Und sehr nachdenklich gemacht. Vor allem die Worte über Rache, Hass und Zorn. Würde mich mein Hass auch irgendwann in die Abwärtsspirale ziehen? Sollte Aurelie irgendwann schwanger werden, wer konnte mir garantieren, dass ich mein Kind aufwachsen sehen würde? Oder würde mein Weg mich irgendwann selbst zerstören, wie es bei Herzog Lelier geschah?
Die Kutsche ratterte wieder vor sich hin. Weder ich noch Aurelie hatten bisher ein Wort gewechselt. Uns beide hatten die Briefe mitgenommen. Beide saßen wir da, in Gedanken versunken. Bis sie auf einmal sprach.
„Ich kann das nicht.“
Ich horchte auf. „Auch mir ist die Lust vergangen, zu der Kindsweihe zu fahren“, gestand ich. „Diese Briefe zu übergeben und der Herzogin zu ihrer Geburt zu gratulieren, nur um ihr direkt danach zu sagen, dass wir ihren Mann hinrichten werden.“
„Das wäre grausam.“ Einen Moment schwieg sie, doch ich spürte, dass sie noch nicht fertig war. „Ich habe in etwa genau das bei Seiblings Verbundenen machen müssen“, gestand sie und starrte auf ihre Hände. „Es war schrecklich. Da war ein Kind dabei, ein Mädchen, nicht viel jünger als ich selbst es gewesen bin. Vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre. Vermutlich kurz vor der Reife. Ich konnte es nicht sagen. Ich saß da auf dem Thron. Erst hat sie noch gezögert, überhaupt zu knicksen. Wieso auch, immerhin saß da nur ein anderes Kind auf dem Thron.“ Sie schnaubte verächtlich. „Und dann habe ich sie von Irina in die Küche bringen lassen. Sie hat Kuchen bekommen. Kuchen. Was für ein Ersatz anstelle eines Vaters.“
„Und während sie Kuchen aß, hast du ihrer Mutter und ihrem Bruder erzählt, dass er sterben würde?“ Ich kannte nicht alle Details. Nur, was die Minister und Aurelie gesagt hatten. Aber es musste schrecklich gewesen sein. „Glaubst du, Lelier bereut es wirklich? Ich könnte mir Auflagen vorstellen. Wenn er zustimmt, wäre er frei“, überlegte ich laut.
„Ich weiß es nicht“, murmelte sie. „Als ich selbst im Kerker saß … Nein. Eigentlich war er nicht einmal unfreundlich. Selbst dann nicht, als mich der König in den Kerker geworfen hat. Er meinte nur, dass die Erpressung scheinbar sowieso nicht funktioniert hätte.“ Nachdenklich fuhr sie sich mit der Hand ins Haar, bis sie bemerkte, dass sie dabei war, ihre Frisur zu zerstören, laut fluchte und ihre Hand schnell wieder zurückzog. „Wisst Ihr, bei der Entführung habe ich um den Tod gebeten …“
„Wirklich?“ Eigentlich wollte ich darauf keine Antwort. Mir war klar, dass sie lieber gestorben wäre als die Aussicht auf ein ewiges Leben mit mir.
„Ja.“ Sie grinste schelmisch, was überhaupt nicht zu der Stimmung passte, die eigentlich gerade in der Kutsche herrschte. „Ich hatte aber explizit um den Tod durch die Klinge gebeten.“ Theatralisch schlug sie sich eine Hand vors Herz. „Mein Plan, ihnen die Klinge abzunehmen und mich damit rauszukämpfen, ging dann etwas schief, als sie mit einem Seil aufgetaucht sind.“
„Und du glaubst, weil du mich mit ein paar Tricks im Schwertkampf beeindrucken konntest, wärst du in der Lage gewesen, zwei erwachsene Männer zu bekämpfen?“ Ich seufzte leise. „Die dreißig Jahre Training, von denen die meiste Zeit vor der Reife war, zählen nicht. Nicht in einem Kampf auf Leben und Tod.“ Ich hatte schon auf dem Trainingsplatz ihre glänzenden Augen gesehen, ihre Begeisterung für das Schwert. Ich hatte es kindlicher Naivität zugesprochen. Aber ihre Augen glänzten nun wieder. „Du trainierst immer noch, stimmts?“ Es gefiel mir nicht. Ihr einen Dolch zu geben, war eine Sache. Es diente der Verteidigung oder einem schnellen Angriff. Aber ein Schwert war eine Waffe, die für den Krieg geschaffen wurde. Für Gemetzel, für Männer, die sich gegenseitig in den Tod trieben und den Boden rot färbten.
„Ich weiß, Ihr könnt hören, wenn ich lüge, aber täte ich es nun nicht, so würdet Ihr mich rügen. Entsprechend enthalte ich mich einer Antwort“, erklärte sie, ein zauberhaftes, regenbogenschillerndes Grinsen auf den Lippen tragend.
„Also trainierst du noch. Heimlich.“ Ein tiefes Knurren drang aus meiner Kehle. Ein Schwert war kein Spielzeug! „Mit wem?“
„Meint Ihr denn, ich hätte jemals anders trainiert als heimlich und versteckt? Meint Ihr, mir hätte jemand freiwillig eine scharfe Waffe in die Hand gedrückt?“ Meine eigentliche Frage überging sie galant.
„Du lenkst ab“, bemerkte ich bloß und sah wieder aus dem Fenster. Vielleicht sollte ich sie einfach wieder in den Harem stecken.
„Richtig, wir wollten ja eigentlich über Lelier reden. Nun, wenn Ihr meine Meinung wollt, dann denke ich, dass der Mann eine zweite Chance verdient hat. Bei Eber habe ich es auch riskiert und bisher macht er sich. Oder … zumindest nach meinem letzten Stand.“
„Eine zweite Chance, die ich an Bedingungen knüpfen will“, meinte ich. „So soll er uns alle Namen der Aufständischen geben. Als Herzog wird er sie kennen. Dann will ich, dass er einer gemeinnützigen Arbeit nachgeht. Und des Weiteren schwört er uns seine Treue und Loyalität.“ Ich machte eine kurze Pause. „Und du wirst die Patentante seines Sohnes.“
Hätte sie etwas im Mund gehabt, hätte sie es vor Schock wohl ausgespuckt. Stattdessen saß sie da und hatte Augen, so groß wie Untertassen. „Wieso?“
„Weil es ein deutliches Zeichen ist. Die einstige Kinderkönigin, die er töten wollte, ist die Patentante seines Sohnes. Wenn er es auch nur einen Augenblick lang als Beleidigung empfindet, ist es mit ihm hoffnungslos. Seine Reue mag zwar echt sein, aber er würde sich nicht gänzlich ändern können.“
Sie nickte. „Gut. Aber wehe, alle Verwandten sterben plötzlich und ich habe das Balg wirklich am Bein kleben.“
„Keine Sorge, er hat Onkel und Tante.“ Jetzt musste nur Lelier dem Plan zustimmen. „Also geben wir die Briefe noch nicht ab?“
Sie versank einen Moment in Gedanken. „Nein. Besser, wir lassen sie von einem Boten überbringen, sollte er sich gegen die Bedingungen entscheiden.“
„In Ordnung. Also sagen wir der Herzogin, dass der Prozess noch läuft.“ Ich sah wieder aus dem Fenster.
Wie aus dem Nichts sagte Aurelie: „Ich habe damals nicht gelogen, als ich Euch sagte, ich hätte mir alles selbst beigebracht. Ich verstehe nicht, wieso Ihr mich damals des Lügens bezichtigt habt, wenn mein Herz doch von Wahrheit sprechen musste.“
„Weil sich niemand so etwas selbst beibringen kann. Du kannst ohne Partner auch nicht tanzen lernen.“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Also willst du jetzt über deine Lügen reden?“
„Nein. Nur Eure Frage beantworten. Ihr fragtet, wer mich gelehrt hat. Und ich sage Euch, ich habe mir die Schwertkunst über Jahrzehnte hinweg selbst beigebracht. Mein Lehrmeister war meine Beobachtungsgabe und mein Verstand. Meine Lehrbücher unwissende Kämpfer, Soldaten, Krieger oder auch meine Brüder. Keiner von ihnen hatte je bemerkt, mit welcher Genauigkeit und Faszination ich sie beobachtet habe. Nur um später, wenn ich allein war, jede Haltung und jedes Manöver nachzustellen. Solange, bis ich vor lauter Ungeschicklichkeit zu oft für einen Tag den Boden geküsst hatte, oder vor Erschöpfung nicht mehr aufstehen konnte“, brachte sie mit einem Lächeln an.
„Und warum?“, fragte ich. „Warum ausgerechnet das Schwert?“
Wieder trat dieses begeisterte Glitzern in ihre Augen. „Es ist ein Tanz. Wenn man es beherrscht. So wunderschön, flüssig und atemberaubend. Ein Paartanz, wenn man so will. Den Einzigen, den ich wirklich schätzen kann. Eine Kunst. Nicht umsonst heißt es Schwertkunst. Der Kampf ist, was man daraus macht. Aber die Kunst bleibt ein Werk für sich“, sprach sie verträumt vor sich her. „Hört auf meinen Herzschlag, Cyrus.“ Sie sah zu mir auf und in ihren Augen spiegelte sich das Lächeln ihrer zarten Lippen. Zusätzlich griff sie versöhnlich nach meiner Hand und drückte sie leicht. „Ihr wart mein erster Kampfpartner. Ich hatte mein Schwertdebüt, als ich mit Euch die Klingen gekreuzt habe, und es gab selten etwas, was mir so sehr Freude bereitet hat.“
Ich seufzte und entgegnete nichts darauf. Sie hatte noch nie einen Krieg erlebt, keinen Kampf auf Leben und Tod geführt. Sie hatte nicht erlebt, wie erstaunlich leicht eine Klinge in einen Körper gleiten konnte. Und wie einfach es war, jemanden damit zu töten. Sie sah diese Waffe aus verdrehten, romantischen Augen. Und ich brachte es nicht übers Herz, ihr diese Illusion zu rauben.

























































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