Kapitel 63 – Königlein, armes Schwein
Kapitel 63 – Königlein, armes Schwein
Cyrus
Nachdem Irina verschwunden war, hatte ich noch zwei, vielleicht drei Stunden geschlafen. Anschließend hatte ich mich umgezogen und Aurelie abgeholt, um weitere Stunden mit einer sinnlosen Ratssitzung zu verschwenden. Mittlerweile zog ich ernsthaft in Erwägung, die Ratsmitglieder auszutauschen. Zumindest die des Inneren Rates, da sich diese am heftigsten gegen jede Änderung sperrten. Allerdings benötigte ich dafür zuerst Ersatz. Am einfachsten wäre es, einige meiner alten Berater anzufordern. Darleen würde und sollte ihre eigenen Berater finden. Aber das müsste ich erst mit ihr besprechen. Ich sollte heute noch einen Brief aufsetzen und sie in meine Pläne einweihen. Auch Aurelie würde ich einweihen müssen. Aber das hatte noch Zeit. Am Ende musste sie meiner Idee zustimmen, denn spätestens nach der heutigen Ratssitzung zweifelte auch sie am Rat, das war so sicher wie der Mond bei Nacht am Himmel stand.
Ich schickte Aurelie wieder in ihre Gemächer. Carina würde ihr noch ein wenig Unterricht geben. Und ich hatte andere Pläne. Zielstrebig machte ich mich auf den Weg in den Kerker. Ein Diener kam mir auf den Gängen entgegen. Ich hielt ihn an und schickte nach Leeander. Im Kerker angekommen, musste ich nicht lange auf meinen engsten Vertrauten warten.
„Ashur ist weiterhin auf Diät?“, erkundigte ich mich bei Lee.
„Er hat seit Tagen kein Blut mehr getrunken“, bestätigte Leeander mir.
Gemeinsam betraten wir den Kerker und gingen auf die letzte Zelle zu. Es stank erbärmlich, weshalb ich meine Nase mit meiner Hand versuchte zu bedecken, bis ich mich halbwegs an den Gestank gewöhnt hatte. Wir traten vor die Zellentür und ich spähte hinein. Es war ruhig, also wies ich Lee an, die Tür aufzuschließen. Ich betrat die Zelle; Lee dicht hinter mir.
Vor uns lag Ashur auf dem Boden. Er hatte sich zusammengerollt und wimmerte leise vor sich hin. Nur kurz bewegte er seinen Kopf, aber er war nicht in der Lage, mich oder Lee mit seinem Blick zu fokussieren.
Ich trat näher an den gefallenen Kronprinzen heran und ging neben ihm in die Hocke. „Ashur!“
Wieder bewegte sich sein Kopf. Es gelang ihm sogar, mich anzusehen. „Cyrus“, krächzte er mit heiserer Stimme.
„Ganz richtig. Bist du nun bereit, mit mir zu reden?“
„Durst…!“
Ich rümpfte die Nase. „Du bekommst Blut. Aber erst, nachdem du ein paar Fragen beantwortet hast.“
Trotz sichtbarem Widerwillen brachte er ein Nicken zustande.
„Wo hat dein Vater die ganzen Einnahmen aus den Steuern versteckt?“
Ashur brachte einen Ton zustande, der an ein verendendes Pferd erinnerte. Vermutlich sollte es ein Lachen sein, doch ein raues Husten, welches sich zu einem regelrechten Anfall entwickelte, zerstörte dessen höhnende Wirkung komplett. „Kleider, Essen, manchmal war er auch gnädig und hat den Bauern die sowieso schon geringe Steuer erlassen“, brachte er sichtlich angestrengt, aber doch mit seinem typischen Gesichtsausdruck hervor. Sein Körper schien gänzlich schlaff und kraftlos, doch in seinen Augen glomm der Funke des Wahnsinns.
„Geringe Steuer? Ich wusste gar nicht, dass dein Vater ein Wohltäter war, der seinen Bauern die Steuern erlassen hat. Da habe ich mich offensichtlich völlig in ihn getäuscht und zu Unrecht getötet“, spottete ich. „Welch bedauerliches Missgeschick.“ Ich packte Ashur an den Haaren, hob seinen Kopf und knallte ihn mit Wucht zurück auf den Boden. Meine Fänge fuhren fletschend aus. „Lüg mich nicht an! Wo sind die Steuern, die der König von seinen Fürsten verlangt hat?“
Aus Ashurs Mund tropfte Spucke, als er mich breit angrinste und dabei seine Zähne zeigte. Die Fänge hatte er ausgefahren – vermutlich war das bei seinem momentanen Hunger Dauerzustand. Ein fauliger Geruch kam mir entgegen und brachte mich fast zum Würgen. „Hat der neue König etwa Probleme, Sklaven zu bezahlen? Zu schade aber auch.“
Ich ließ seine Haare los und wischte mir die Hand an der Hose ab. Zeitgleich fuhr ich mir mit der anderen Hand über meine Bartstoppeln. „Oh, keineswegs. Aber ich sehe es nicht ein, dass das Gold im Schloss versauert. Also. Wo ist es?“
Kraftlos ließ er sich zu Boden sinken. „Wer weiß“, fing er ruhig an, begann dann aber regelrecht zu gackern. „Hier…“ Er wischte an einer Stelle am Boden den Dreck weg. „Oder da.“ Wieder tat er dasselbe an einer anderen Stelle. „Königlein ist ’n armes Schwein!“ Mit diesen Worten drehte er sich auf den Rücken, streckte die Arme aus und grinste Richtung Decke.
Meine Nase rümpfte sich und meine Lippen pressten sich aufeinander. Schwach drang der Geruch von Irinas Lust von meinen Fingern in meine Nase und meine Mundwinkel begannen zu zucken. „Im Gegensatz zu dir habe ich alles, was ich brauche. Inklusive eines Eheweibes, das mich täglich auf meine Kosten kommen lässt.“ Als ich sah, dass sein Blick zu mir huschte, leckte ich demonstrativ an meinen Fingern. „Schmeckt sogar noch nach meiner Aurelie.“
Seine Augen verengten sich wütend; seine spröden Lippen presste er aufeinander. Doch kurz darauf entspannten sich seine Gesichtszüge, bis er wieder nur grinste. „Gut. Dann ist das kleine Flittchen immerhin gut eingeritten, wenn ich sie mir nehme.“ Lasziv leckte er sich über seine Fänge. „Und sie beiße. Ihr Blut mir zu eigen mache. So wie ihr ganzer Körper sowieso schon mein ist.“ Ein wahnsinniges Kichern verließ seine Kehle. Seine Augen rollten in ihre Höhlen zurück, woraufhin er stöhnte. „Oh, ja!“ Kurz darauf suchte sein Blick wieder meinen. „Wenn sie sich unter mir windet und meinen Namen schreit. Mich anfleht, sie gehen zu lassen und ich nur noch tiefer, fester und schneller in die eindringe. Sie wird meinen Namen stöhnen und dich restlos vergessen. Und dann … wenn ich alles von ihr benutzt habe, so wie es mein Wunsch war; sobald sie sich auf Knien vor mir befindet und darum bettelt, mich befriedigen zu dürfen, dann darf sie mit meinen Grigoroi weiter machen. Darin hat sie sowieso schon gut Übung. Wenn sie ihre Lippen über meinen Schwanz stülpt und mich dabei bettelnd ansieht. Die Tränen, die ihr die Wangen hinunterlaufen, nur mir geschuldet sind.“ Dieser elende, kranke Sadist lächelte sinnierend vor sich hin und hatte meine Anwesenheit scheinbar komplett ausgeblendet.
Am liebsten hätte ich Ashur sämtliche Zähne ausgeschlagen. Aber ich musste mich zusammenreißen. Immerhin war ich nicht hier, um über Aurelie zu reden. „Ja, auch ich bevorzuge Frauen mit Erfahrung. Es ist perfekt, dass sie schon so früh gelernt hat, einen Mann zufriedenzustellen. Danke fürs Anlernen“, erwiderte ich trocken und klopfte dabei sogar leicht auf seine Schulter. „Aber reden wir nun über wichtigere Dinge.“
„Jaaa… die Schatzkammer.“ Wieder verlor sich sein Blick an der Decke. „Du wirst dieses Königreich niemals an dich reißen“, sagte er rau und schloss die Augen. Sein Kopf rollte zur Seite, als wäre er im Delirium, womit ich nach dieser Aktion nicht gerechnet hatte. Andererseits musste ihn sein Redeschwall wohl ausgelaugt haben.
Ich stand auf und trat einen Schritt auf Lee zu. „Es gibt hier unten doch bestimmt ein paar Werkzeuge …“ Natürlich verstand mein treuer Freund sofort, was ich von ihm wollte. Er half mir, Ashur auf die Beine zu ziehen und fesselte seine Handgelenke. Das Seil wurde an der Decke befestigt, sodass der einstige Kronprinz nur noch auf den Zehenspitzen stehen konnte. Während Lee ging, um die Werkzeuge zu holen, umrundete ich einmal Ashur und kam vor ihm wieder zum Stehen. „Ich denke, ein wenig Schmerz erinnert dich daran, in welcher Position du bist.“
Gehässig lachte er. „Ich werde nicht für dich schreien, kleiner König. Vergiss es!“
„Oh, das musst du auch nicht. Es reicht mir, wenn du singst“, entgegnete ich grinsend. Während ich ihn erneut umrundete, überlegte ich, welche Folter am wirkungsvollsten wäre. Ich könnte klein anfangen und ihm die Fingernägel ausreißen. Aber dann müsste ich die Fesseln lockern. Oder ich würde keine halben Sachen machen und ihm die Zähne ziehen. Zum Warmwerden die Schneidezähne, danach die Reißzähne, die er gerade so stolz zeigte.
Lee kam wieder mit einer Kiste voller Hämmern, Sägen, Klemmen, Messern, Zangen und mehr. So viel Auswahl, dass ich tatsächlich überlegte, mich ein wenig auszutoben.
Ashur fauchte, als er die Kiste sah. „Du willst spielen? Hat dir Auri etwa gesagt, was du machen sollst?“ Wieder legte sich dieses abscheuliche Grinsen auf seine Lippen, das ihn zu beruhigen schien. Doch der Wahnsinn in seinen Augen blitzte regelrecht auf. „Ich habe ihr alles gezeigt. Jedes einzelne Instrument hat sie kennengelernt.“ Schwer schnaufte er ein. „Aber das weißt du ja sicher schon.“
„Natürlich“, log ich. Die Narben auf ihrer Haut. Die Angst vor ihrem Bruder, als ich sie zu ihm vor die Zelle führte. Nun ergab alles Sinn. „Aber ich bin nicht hier, um über mein Eheweib zu reden. Auch wenn ich deine Faszination ihr gegenüber verstehen kann. Sie ist wirklich niedlich.“ Ich nahm verschiedene Messer in die Hand und prüfte ihr Gewicht in meinen Händen. Dann nickte ich Lee zu. „Halt seinen Kopf fest.“ Im nächsten Moment war Lee hinter Ashur und packte dessen Kopf mit beiden Händen. Zeitgleich trat ich vor Ashur, zog seine Oberlippe hoch und durchtrennte das Lippenbändchen. Dabei schnitt ich absichtlich etwas unsauber und verletzte ihn am Zahnfleisch. „Ups“, kommentierte ich lapidar.
Wütend knurrte er auf und wand sich sichtlich in Lee‘s Griff. Doch er hatte keine Chance. Nicht in seinem Zustand. Noch war mehr Wut als Angst in seinen Augen, daher legte ich das Messer beiseite und nahm eine Zange. Nur kurz sah ich zu Lee, der mir jedoch zunickte. Er würde Ashurs Kopf weiterhin festhalten. Ein paar Mal öffnete und schloss ich die Zange vor Ashurs Augen und prüfte, wie gut der Griff in meiner Hand lag. „Willst du klein anfangen oder erzählst du mir freiwillig, was es mit den Verrätern in Balin auf sich hatte?“ Ich sprach absichtlich nicht mehr über die Schatzkammer, das Thema würde ich später erneut aufgreifen.
„Das habe ich bereits“, gab er zähneknirschend von sich. „Sie haben das Goldene Reich betrogen und die Konsequenzen gespürt!“
„Ich will mehr Informationen!“ Ungeduldig tippte ich mit der Zange gegen seine Lippen.
Wieder fauchte er, wobei er seine Lippen lefzte. Knurrend spuckte er aus: „Sie haben minderwertige Ware geliefert! Zweimal haben sie es gewagt, eine Lieferung gänzlich zu unterschlagen, und eine weitere kam verspätet an! Sie hatten nichts anderes verdient!“
Mein Blick ging zu Lee, der sofort nickte und Ashurs Kopf wieder fester packte. Mit einer Hand drückte ich schmerzhaft in Ashurs Wangen, allerdings biss er die Kiefer so fest zusammen, dass er sich dabei mit seinen Fangzähnen selbst in die Unterlippe biss. Lee packte daraufhin Ashurs Unterkiefer und drückte ihn mit so viel Gewalt nach unten, dass ich schon dachte, er würde Ashur den Kiefer abreißen.
Ich setzte die Zange an seinen rechten Schneidezahn an und zog daran. Der Zahn brach. „Ach, ärgerlich. Ich bin wohl etwas aus der Übung.“ Ashur keuchte hörbar und zappelte unter Lee’s Griff. Während ich meine Hand lockerte, grinste ich Ashur an. „Du kannst ja ein wenig mehr ins Detail gehen. Was für Lieferungen? Von wem und wie oft?“
Mit starrem Blick auf die Zange gestand er: „Sklaven! Das Dorf hat Kinder entführt und an uns verkauft! Aber wie gesagt: Die Ware war minderwertig! Nicht zu gebrauchen!“ Das Gesicht zu einer herablassenden Grimasse verzogen, spuckte er mir vor die Füße.
Ich hielt einen Moment inne und warf einen Blick auf Lee, der Ashur noch immer festhielt. Sklavenhändler in Balin? Ich hatte bisher gedacht, es seien Händler des Königs gewesen, die unerlaubt über die Grenze getreten waren und Kinder entführt hatten. Kinder und junge Frauen. Die Tatsache, dass dies in meinem eigenen Land passiert sein sollte, schockierte mich. Denn mein Land war seit Jahrhunderten frei von Sklaverei und auf Sklavenhandel stand eine hohe Strafe.
„Nicht zu gebrauchen“, wiederholte ich langsam und sah auf die Zange hinab. Ich konnte nicht mehr prüfen, ob Ashurs Worte stimmten, denn in Balin stand kein Stein mehr auf dem anderen. Es lebte niemand mehr, den ich hätte fragen können.
Wieder dieses abscheuliche Lachen. Wieder versuche er sich aus Lees Griff zu entziehen.
„Bring mir einen Stuhl, Lee.“ Dieser ließ von Ashur ab, der mich aus irren Augen ansah. Dabei lachte er wieder, sodass sein abgebrochener Zahn mir regelrecht ins Auge sprang.
„Ist dein Stehvermögen etwa nicht so ganz auf der Höhe?“, spottete der gefesselte Vampir und lachte erneut. Langsam konnte ich es nicht mehr hören. Doch sein Lachen würde ihm bald vergehen. Natürlich ging ich auf seine Beleidigung nicht ein und als Lee zurückkam, wies ich ihn an, den Stuhl in der Mitte zu platzieren. Wir machten Ashur los, drückten ihn auf den Stuhl und banden ihn direkt fest. So konnte ich leichter an seinen Mund herankommen und Lee konnte Ashurs Kopf besser fixieren.
„Sag mir, Ashur, wie viele Sklaven gingen an das Goldene Reich? Wie viele Menschen habt ihr genommen?“
„Das weiß ich nicht“, knurrte er genervt und verdrehte die Augen. „Was hast du auch nur immer mit den Sklaven? Das sind nicht mehr als uns unterstellte Blutbeutel!“
„Nun, ich habe den Familien Ausgleichszahlungen gegeben. Es ist also Gold, das mir noch zusteht. Und das werde ich mir wiederholen.“ Ich erkannte, dass es keinen Sinn mehr hatte, mit Ashur über Balin zu sprechen. Und über Aurelie wollte ich nicht mehr reden. Aber da gab es noch ein Thema, das mich brennend interessierte. „Warum hat dein Vater den Auftrag gegeben, meine Eltern zu vergiften?“
„Weiß ich nicht!“
Ich sah an seinen Augen, dass er log. Ich hörte es an seinem Herzschlag. Selbst seine Haltung verriet ihn, bedingt dadurch, dass sein Körper zu lange kein Blut mehr bekommen hatte. „Lee“, sagte ich tonlos. Sofort war mein Grigoroi bei Ashur, riss seinen Kopf nach hinten und drückte zeitgleich seinen Kiefer nach unten. „Falsche Antwort, Ashur.“
Von dem Gefesselten kam lediglich ein gurgelndes Geräusch, während ich mich ihm mit einer unendlichen Geduld näherte. Ich beugte mich über ihn, setzte die Zange an seinen linken Fangzahn an und begann vorsichtig damit, ihn hin und her zu wackeln. Ich wollte ihn nicht abbrechen, sondern komplett herausziehen.
Sobald er erkannte, was ich genau zu tun gedachte, fing er wieder an, sich zu wehren. Angst glomm in seinen Augen auf und sein Atem wurde schneller, heftiger.
Tja. Pech gehabt. „Die Chance zu reden hast du vertan“, gab ich knurrend von mir und starrte ihm, mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen, in die Angst geweiteten Augen. Ich zog ihm den Zahn, während Ashur sich unter den Schmerzen aufbäumte und gequälte Laute der Verzweiflung von sich gab. Und mit dem letzten, schmerzhaften Ruck kam endlich der ersehnte Schrei. Ich drehte mich um; liess die Zange sammt Zahn zu Boden fallen. „Wenn du morgen nicht redest, ist der zweite dran.“




















































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