Kapitel 64 – Ihr entschuldigt mich, Fürstin?

Kapitel 64 – Ihr entschuldigt mich, Fürstin?

 

Cyrus

Nach dem Besuch im Kerker zog ich mich um und blieb dabei etwas länger als gewöhnlich vor dem Spiegel stehen. Mit meinem Gedanken war ich immer noch in der Zelle mit Ashur. Dieser Mann war besessen von seiner Halbschwester, und seine Worte hatten mich erschüttert. Also wurde das Mädchen tatsächlich missbraucht. Nicht nur von einem Grigoroi, sondern auch von Ashur selbst. Missbraucht und gefoltert. Wahrscheinlich hatten diese Taten tiefe, unsichtbare Wunden in den Mädchen hinterlassen, die niemals heilen würden. Das würde zumindest erklären, warum sie jedes Mal, wenn sie einen Schritt auf mich zuging, gleich wieder zwei Schritte zurück machte. Auf Dauer eine Situation, die mich nicht zufriedenstellen würde. Eine Situation, in der ich Aurelie nie vertrauen könnte. Aurelie war in meiner Planung der größte Schwachpunkt und eine Unsicherheit, die ich eigentlich beseitigen müsste. Brauchte ich wirklich ein Kind von ihr? Wäre es nicht klüger, ihre Blutlinie komplett auszulöschen? Aber ich haderte.

Es klopfte an der Tür. Kurz darauf trat Lee herein. Die einzige Konstante in meinem Leben. Seine Anwesenheit gab mir jedes Mal aufs Neue die Kraft, mich dem Wahnsinn zu stellen, der sich nun Alltag nannte. „Deine Gattin ist im Garten, wie du es gewünscht hast.“ Ich nahm es mit einem Nicken zur Kenntnis. „Deine werte Cousine lässt fragen, ob du etwas Zeit für sie erübrigen kannst.“

Meine Schultern sanken nach unten. Da hatte ich sie extra hierher eingeladen und jetzt fand ich keine Zeit für sie. Ständig gab es Probleme. Und leider nannte sich eines der größten Probleme Aurelie. Sie beanspruchte einfach zu viel meiner Zeit. Vom Rat einmal abgesehen. „Richte Darleen aus, dass ich sie heute noch besuche.“

Lee trat auf mich zu und legte eine Hand auf meine Schulter. „Sie würde gerne dich und deine … reizende Gattin wiedersehen.“

„Aurelie war gestern Nacht im Wald! Ohne meine Erlaubnis! Ohne mein Wissen! Nein, sie hat sich das Privileg verspielt, mit meiner Cousine zu sprechen. Darleens rebellischer Charakter würde Aurelie nur dazu ermutigen, noch mehr gegen mich zu agieren!“

„Was soll ich Darleen ausrichten?“



„Nur, dass ich später nach ihr sehe. Kein Wort über mein Weib!“ Meine Zähne knirschten, wenn ich daran dachte, was Aurelie dort alles hätte passieren können. Das Blut an ihren Händen. Die Tatsache, dass sie Irina hatte bei ihrer Heilung unterstützten müssen.

„Cyrus …“ Lee legte beide Hände an mein Gesicht und trat dicht vor mich. „Wie kann ich dir helfen?“

Ich seufzte tief, zog Lee an mich heran und legte mein Kinn auf seine Schulter. „Ich werde Ashur töten. Am besten morgen schon. Dann habe ich ein Problem weniger. Danach ersetze ich den Rat.“ Um Aurelie würde ich mich danach kümmern. Zur Not wäre ein Platz im Kerker frei. Die nächtliche Wanderung durch die Geheimgänge hatte mir einen eklatanten Nachteil aufgezeigt. Aurelie kannte dieses Schloss in- und auswendig. Sie könnte jederzeit fliehen. Und noch brauchte ich sie, um den Adel auf meine Seite zu bringen.

Ich löste mich von Lee, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und verließ meine Gemächer. Es gab da noch eine Frau, der ich zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Und genau zu dieser ging ich. Da Carina sich in den alten Gemächern des Kronprinzen eingerichtet hatte, war mein Weg nicht sehr weit. Sie saß an einem Schreibtisch und schrieb gerade einen Brief. Als sie mich sah, stand sie sofort auf und machte einen tiefen Knicks. „Cyrus“, hauchte sie leise. „Ich bin erfreut, dich zu sehen. Gibt es ein Problem mit der Königin?“

„Nein.“ Ich würde mit Carina nicht über meine Probleme mit der Königin reden. Das ging sie nun wirklich nichts an. „Allerdings ärgert es mich, dass sich unsere viel zu seltenen Begegnungen und Gespräche nur noch um sie drehen.“

Unauffällig schob Carina den Brief auf dem Tisch unter ein weiteres Pergament, zog meine Aufmerksamkeit aber sogleich wieder auf sich selbst. „Das, mein König, können wir sehr gerne ändern.“ Hüftschwingend kam sie langsam auf mich zu und biss sich dabei verführerisch auf die Lippe.

Sosehr ich es in der Vergangenheit auch geschätzt hatte, dass sich unsere Beziehung immer nur rein auf die körperliche Ebene beschränkt hatte, so störte es mich nun. Und es störte mich ebenfalls, dass sie den Brief offenbar vor mir verstecken musste. Wurde ich allmählich paranoid? Natürlich durfte Carina Briefe schreiben, immerhin war sie fern der Heimat und ihrer Familie. „Wie geht es dir, Carina? Hast du dich mittlerweile gut eingelebt?“



„Ja, mein König.“ Ihre Zunge leckte lasziv über ihre Lippen, während sie mir Stück für Stück näherkam.

Als sie direkt vor mir stand, legte ich meine beiden Hände an ihre Hüften. „Das ist gut. Mangelt es dir an irgendwas?“

Mit dramatischem Augenaufschlag riss sie ihren Blick von meiner Brust und sah hoch in meine Augen. „Aufmerksamkeit?“

Ich seufzte tief, neigte meinen Kopf und legte meine Lippen auf ihre. Sie erwiderte den Kuss sofort, biss leicht in meine Unterlippe und schlang die Arme um mich. Ihre Hände zogen mein Leinenhemd aus der Hose und ihre Finger streichelten über meinen Rücken.

Ich löste den Kuss, was sie mit einem unzufriedenen Knurren quittierte. „Heute nicht, Carina. Ich habe viel zu tun. Aber ich werde mir mehr Zeit für dich nehmen.“

Schmollend verzog sie den Mund und spielte mit den Fingern vorne an meinem Hemd herum. Dann seufzte sie tief. „Wie kann ich dir denn helfen? Wieso suchst du mich auf?“

„Weil ich befürchte, dass du hier vor Langeweile noch eingehst. Es tut mir leid, dass du aktuell zu kurz kommst.“ Sanft strich ich ihr mit meinen Fingerspitzen über die Wange und hauchte ihr wieder einen Kuss auf die Lippen.

Sie senkte den Kopf und nickte leicht. „Vielleicht. Aber mir geht es gut, mach dir nur keine Sorgen.“

Unkompliziert wie eh und je. Zumindest gewissermaßen. Erleichtert darüber, zog ich Carina noch einmal an mich, bevor ich sie entschieden von mir schob. „Sehr gut.“ Ich küsste ihre Stirn und ging direkt wieder. Draußen auf dem Flur atmete ich tief durch. Darleen würde anspruchsvoller werden. Aber bei diesem Gespräch konnte ich auch gleich mit ihr über ihre baldige Abreise reden. Am besten morgen schon. Je früher sie als Fürstin des Ostens meinen alten Platz einnahm, umso besser. Es würde mir eine weitere Sorge nehmen.

Ohne Umwege erreichte ich den Gästeflügel, klopfte an Darleens Tür und wartete das kurze „Herein“ ab, bevor ich eintrat. „Guten Tag, Darleen“, grüßte ich und setzte mein charmantes Lächeln auf. Die letzten Tage hatte ich praktisch keine Zeit für sie gefunden. Hoffentlich nahm sie mir das nicht übel.

„Cyrus!“ Ein Buch in der Hand und einen Finger zwischen die Seiten haltend, tauchte sie aus dem Ruheraum ihrer Gemächer auf. „Wo ist Nayara, die Königin?“



„Unten, mit Kaldor im Garten“, entgegnete ich und kam meiner Cousine entgegen, um sie kurz darauf zu umarmen. „Wie geht es dir?“

„Nun, mein Cousin bestellt mich in die Hauptstadt, nur um mich dann größtenteils alleinzulassen.“ Dramatisch verschränkte sie ihre Arme vor der Brust, wobei sie das Buch zuschlug und in einer Hand festhielt. „Nicht zu vergessen, dass er mir ein ganzes Reich aufhalsen will, welches eigentlich zu seinen Obliegenheiten gehört…“

„Ich habe mit dem Goldenen Reich genug zu tun, Darleen. Vielleicht lassen sich irgendwann alle Reiche gemeinsam regieren, aber bis dahin werden einige Jahrhunderte vergehen.“ Ich seufzte tief, führte Darleen zur nächstgelegenen Sitzecke und sie legte das Buch beiseite. „Hast du über meine Bitte nachgedacht, das Fürstentum der Ostlande als meine Nachfolge zu übernehmen?“ Ihre Wortwahl ließ mich vom Schlimmsten ausgehen. Darleen wusste, was sie wollte. Und dazu gehörte auch, dass sie wusste, was sie eben nicht wollte. Sie sagte niemals leichtfertig Ja und behauptete stets, Nein zu sagen, müsse man lernen. Sie nahm dieses Wort verdammt gerne in den Mund.

Schwer seufzte sie auf. „Ich finde immer noch, dass ich nicht die geeignete Person dafür bin, Cyrus.“ Leicht schüttelte sie den Kopf. „Wieso nicht meine Mutter? Sie ist älter. Ich bin noch nicht ganz zweihundert Jahre alt!“

„Das Volk liebt dich!“, hielt ich dagegen. „Aber wenn es dir leichter fällt, dann nimm sie doch als Beraterin. Und wenn alles gut läuft, bist du die Verpflichtungen in einigen Jahrzehnten wieder los.“ Ich lehnte mich ein wenig zurück und legte einen Arm auf die Lehne. „Warum sträubst du dich so sehr dagegen? Es würde deine Aussichten auf einen guten Ehemann deutlich bessern, wenn du erst Fürstin bist.“

Spöttisch zog sie eine Augenbraue hoch. „Du meinst, meine Chancen auf einen machtgierigen, hinterlistigen, chavinistischen, geizigen Mann stiegen, der mir die Macht unter der Hand wegschnappen wollte? Und wann habe ich je Interesse an einer Vermählung gezeigt?“

„Tatsächlich kam die Diskussion über deine Vermählung schon lange vor deiner Reife auf. Deine Mutter und ich haben regen Briefkontakt gepflegt und sie hat mir immer wieder die Namen derer mitgeteilt, die ein gesteigertes Interesse an dir zeigten.“ Ich beugte mich ein wenig zu ihr rüber und stupste ihre Nase. Dabei meinte ich ernst und scherzend zugleich: „Du hast es unter anderem mir zu verdanken, dass der eine oder andere Anwärter nicht mehr um deine Aufmerksamkeit buhlt.“ Ich lehnte mich zurück und ließ meinen Blick durch das Zimmer schweifen. „Dennoch musst du dich bald vermählen. Nicht nur ich muss die Blutlinie des Ora-Fides fortführen. Von dir wird das ebenfalls erwartet. Wenn du allerdings ein Fürstentum zu regieren hast, wird der König aufgrund deiner wichtigen Aufgabe natürlich davon absehen, dass du möglichst bald heiratest, wie es die Gesellschaft von einer jungen Frau aus dem Hochadel erwartet.“



„Dein Ernst!?“, fuhr sie mich an. „Du bist schon über vierhundert Jahre alt und hast jetzt erst geheiratet! Und das auch nur, weil es nicht anders ging! Und ich bin gerade mal hundertachtundneunzig und du willst mich zu einer Vermählung zwingen?“ Wütend erhob sie sich. „Was fällt dir ein?! Ich bin doch keine Kuh, die du verkaufen kannst!“

„Im Gegenteil. Deswegen sollst du dem Heiratsmarkt vorerst nicht mehr zur Auswahl stehen. Als Fürstin hättest du wichtigere Aufgaben, als dich darum zu kümmern, einen standesgemäßen Gatten zu finden.“ Ich rümpfte kurz die Nase. Lag es bei uns in der Familie, nicht zu früh zu heiraten? Wobei ich mir eigentlich geschworen hatte, niemals zu heiraten. Nicht nach dem, was mit meiner einstigen Verlobten passiert war. „Darleen“, fuhr ich etwas versöhnlicher fort. „Ich war noch keine siebzig Jahre alt, da wurde entschieden, dass ich nach meiner Reife die Tochter des Großherzogs Bloring, des Goldenen Reiches heiraten sollte. Kjerill, so hieß sie, war damals gerade erblüht und als ich achtzig wurde, ist sie an unseren Hof gereist. Viermal im Jahr durfte sie ihre Eltern besuchen und hielt regen Briefkontakt.“ Mein Blick glitt ins Nichts. Die Erinnerungen an Kjerill hatte ich bis heute verdrängt. „Sie war ja nur fünfzig Jahre älter als ich. Und meine Eltern mochten sie sehr. Also gab ich mir Mühe, sie auch zu mögen. Natürlich war sie in meinen Augen wunderschön“, ich räusperte mich, um meiner Stimme etwas mehr Festigkeit zu geben, „bis ich erfuhr, dass sie es war, die das Götterkraut in unser Haus geschmuggelt hat.“

Darleen blieb still. Eine lange Weile sagte niemand etwas.

„Hast du deswegen alle Interessenten vergrault? Weil du Angst hattest, einer könnte auch mich …?“

„Ich habe mit deiner Mutter vor vielen Jahrzehnten vereinbart, dass du irgendwann heiratest, wenn du dich verliebst. Und nicht, weil die Gesellschaft, die Götter oder sonst jemand es von dir verlangt. Daher sprach deine Mutter wahrscheinlich die letzten Jahre nie mit dir darüber.“ Ich hob leicht die Schultern. „Ich weiß, jeder sagt, der Blutpakt sei intim und würde die Partner nicht nur körperlich aneinanderknüpfen. Aber ich vertrete die Meinung, dass eine aufgezwungene Ehe immer aufgezwungen bleiben wird.“ Es tat gut, mit Darleen über dieses Thema zu sprechen. Ich wusste, dass sie mich und meine Bedenken verstand und sogar teilte. „Für mich bedeutet Liebe, dem Partner zu vertrauen. Das ist aber etwas, das die Bindung nicht erreichen kann. Daher sollte man sich nur an jemanden binden, den man liebt und dem man vertraut. Und nicht, den Blutschwur als gottgegebenes Wunder sehen“, gab ich nüchtern von mir.



„Du bist nicht sehr zufrieden mit deiner Wahl, nicht wahr?“

„Aurelie ist ein Kind. Noch dazu bin ich der Mörder ihrer Familie. Sie vertraut mir nicht und lügt mich ständig an. Ich habe sie zu dieser Ehe gezwungen. Da wird niemals Liebe sein. Und ich kann es ihr nicht mal verdenken.“ Ich seufzte. „Ich möchte dir einfach das Unglück ersparen, das Aurelie und ich gezwungenermaßen miteinander teilen. Du sollst frei entscheiden dürfen, abseits von Politik und Intrigen.“

„Du musst ihr Zeit geben, Cy. Es ist viel passiert, aber sie ist noch ein Kind. Kinder denken nicht so wie wir. Sie denken freier, unbeschwerter. Ihr habt noch Jahrhunderte, um euch zu verlieben.“ Ich wollte gerade Einspruch erheben, da sprach sie weiter: „Und wenn nicht verlieben, dann gewöhnt ihr euch aneinander.“

„Ich hoffe, sie durchlebt bald die Reife. Das wird vieles einfacher machen. Aktuell sind ihre Stimmungsschwankungen unerträglich. Aber da sie heute mit Kaldor in den Garten darf, sollte sie vorerst hoffentlich wieder guter Laune sein.“

„Wieso durfte? Weshalb musst du ihr das erlauben?“

Ich winkte genervt ab. „Aurelie hat mich wie so oft angelogen. Das hat eine Strafe nach sich gezogen, die ich nun teilweise lockere.“ Mit diesen Worten stand ich auf und strich mir dabei die Haare zurück. „Ich sollte nun zu ihr. Heute Abend möchte ich mit ihr essen und einen Versuch starten, mich ihr wieder ein wenig anzunähern.“

Nachdenklich sah sie mich an. „Du solltest eine kleine Lüge nicht so ernst nehmen. Woher willst du überhaupt mit Sicherheit wissen, dass sie dich belogen hat? Oder könnte es sich auch um einen Spaß gehandelt haben? Hat sie dir vielleicht nur etwas verschwiegen, weil sie Angst hatte? Angst vor der Konsequenz, die du ziehen könntest? Kinder sehen die Welt aus anderen Augen, Cyrus. Behalte das im Kopf, wenn du mit ihr redest.“

Ich verzog das Gesicht. „Die Lüge war offensichtlich. Aber darüber will ich nicht mit dir streiten, Darleen. Aurelie und ich müssen unsere Unstimmigkeiten selbst aus der Welt schaffen. Daher ja auch das Abendessen.“ Ich ergriff Darleens Hand und hauchte ihr einen Kuss auf die Knöchel. Viel lieber hätte ich mit ihr dinniert. „Ihr entschuldigt, Fürstin?“ Ich trat einen Schritt zurück, ein neckisches Grinsen auf den Lippen. Dann machte ich mich auf den Weg aus dem Zimmer, wobei ich Darleen hinter mir rufen hörte.



„W…warte! Das kannst du nicht … einfach entscheiden! Cyrus!“

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