Kapitel 65 – Eine einzige Enttäuschung
Kapitel 65 – Eine einzige Enttäuschung
Aurelie
Timran und Irina waren auf die Suche nach Kaldor gegangen. Er war einem Stöckchen nachgejagt. Und kam nicht zurück …
„Majestät?“
Erschrocken fuhr ich herum, legte meine Hand auf mein schnell pochendes Herz und atmete erleichtert auf, als da nur der Hohepriester in seiner langen Robe stand. „Hohepriester.“ Ein erleichtertes Seufzen verliess meine Lippen. „Ich dachte schon, ihr wäret ein Attentäter oder dergleichen.“
Der alte Vampir lächelte nachsichtig. „Das müsst Ihr mir verzeihen. Gewiss war es nicht meine Absicht, Euch einen Schrecken einzujagen.“ Er musterte mich von oben bis unten, den Blick ernst und besorgt. Schliesslich setzte er ein schwaches Lächeln auf. „Ich bin froh, dass Ihr noch lebt, Majestät. Jeden Tag bete ich zu den Göttern, er möge Euch noch einen weiteren Tag in Frieden lassen.“
Verwirrt furchte sich meine Stirn. „Eure Sorge ist rührend, Hohepriester, aber der König würde nicht…“
Die Augen des Priesters weiteten sich in Mitleid und seine Hände legten sich schwer auf meine Schultern. „Mein liebes, unschuldiges Kind … Natürlich würde er! Ich habe Euch das Leben gerettet, indem ich gesagt habe, ich würde nur Euch krönen und nicht ihn, diesen falschen König! Ich war es, der auf eine Hochzeit drängte, um Euer Leben zu retten, Majestät! Aber er sucht dennoch Möglichkeiten, um Euch unauffällig verschwinden zu lassen! Und ich fürchte, dass es schon bald passieren wird!“ Seine Stimme nahm einen mahnenden und zugleich traurigen Ton an. „Der falsche König will den gesamten Rat austauschen. Das wird zu Protesten führen, auch im Adel. Unruhen werden ausbrechen und es wäre die perfekte Gelegenheit, um auch Euch aus dem Weg zu räumen, damit er seine Geliebte endlich zur Frau nehmen kann!“
Tränen sammelten sich in meinen Augen, bestätigte er mir doch, was ich längst wusste. Und obschon ich es nicht glauben wollte …, änderte es doch nichts an den Tatsachen, wenn ich mir einredete, ich wäre in Sicherheit.Der König selbst hatte es mir immerhin auch gesagt. Ich wäre tot, hätte der Hohepriester nicht eingegriffen. Ein leises Schluchzen entkam meinen Lippen, und ich schüttelte den Kopf. „Aber was soll ich nur tun? Ich versuche doch schon, ihm möglichst gehorsam zu sein! Aber es ist einfach nicht genug! Wenn ich etwas sage, glaubt er mir nicht. Ich weiß nicht, wie ich ihn dazu bringen soll! Ich habe nichts gegen ihn auszurichten!“
Der Hohepriester legte eine Hand auf meine Wange und seufzte leise. Er setzte gerade zu einer Antwort an, als sein Kopf zur Seite ging und er an mir vorbeisah. „Ich muss los. Aber ich bin da für Euch! Immer. Wir reden zu einem späteren Zeitpunkt wieder, meine Königin!“ Er trat einen Schritt beiseite und verschwand so unauffällig und schnell wieder zwischen den Bäumen, wie er gekommen war, sodass ich mich unweigerlich fragte, ob er überhaupt wirklich da gewesen war.
Schnell wischte ich mir die Tränen aus den Augen. Ich sollte nicht weinen. Nicht traurig sein. Wenn der König meinem Leben ein Ende bereiten wollte, was hatte ich dagegen auszusetzen?
„Wir sollten wieder hineingehen, Majestät.“
„Sicher.“ Zwei gute Stunden waren vergangen, seit der Hohepriester mich zur Achtsamkeit aufgefordert hatte. Die Sonne schien, mein Verstand hatte das unliebsame Thema längst verdrängt. „Irina? Bringst du Kaldor bitte rein und kümmerst dich um ihn? Mir ist wohler, er ist bei dir, als in irgendeinem Zwinger.“
Irina lächelte sacht. „Natürlich.“ Ihr Blick wanderte zu Timm. „Kann ich sie bei dir lassen?“
„Natürlich.“ Er nickte ernst.
Irina und Kaldor traten den Rückweg ins Schloss an, während ich noch die letzten Sonnenstrahlen genießen wollte, die Augen schloss und in den Himmel starrte.
„Meine Königin?“
„Gleich Timm … nur noch …“ Entspannt lächelte ich der Sonne entgegen. Als ich meine Augen wieder öffnete, fiel mir Timms Schwert, dessen Knauf sich in der restlichen Sonne spielte, ins Auge. Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Die Sonne war zwar dabei, unterzugehen, doch noch war genug Licht vorhanden. Auf einmal war meine innere Ruhe dahin und ich ein Energiebündel. „Fang mich doch!“, rief ich Timm noch zu, ehe ich lossprintete und dabei überhaupt nicht mehr aufhören konnte zu lachen.
„Majestät!“, rief er mir hinterher und klang dabei überrascht. Aber schon kurz darauf hörte ich ihn ebenfalls lachen. „Ich gebe Euch etwas Vorsprung!“
Ich drehte mich um, rannte aber rückwärts weiter. „Du darfst aber keine Fähigkeiten benutzen!“ Schnell drehte ich mich wieder um und rannte lachend weiter.
„Oh …“, machte er und lief ebenfalls los. Selbst ohne seine Vampirgeschwindigkeit war er schnell. Trotzdem war ich wendiger und nutzte jede Gelegenheit, um schnell um eine Ecke zu flitzen oder über versteckte Hindernisse zu springen. An einem Busch hörte ich Timm hinter mir fluchen, wagte einen Blick über die Schulter und sah, dass er gestolpert war und gerade wieder aufstand. Kurz machte ich mir Sorgen um ihn. Hatte er sich verletzt? Doch da war er auch schon wieder auf den Beinen und hinter mir her. Als ich bemerkte, wie schnell er war, quietschte ich erschrocken auf und machte mich schnell daran, Land zwischen uns zu bringen. Lachend und mit flatternden Haaren rannte ich durch den Garten, sprang über Büsche und flitze vorbei an dicken, alten Bäumen. Es fühlte sich fast schon an, wie fliegen!
Plötzlich aber stoppte mein Flug ganz abrupt, als ich voller Wucht wogegen lief. Schnell schaute ich auf. Hatte ich einen Baum übersehen? Aber … Bäume waren nicht warm. Und rochen auch nicht wie …
„Wovor läufst du weg?“ Mein Gemahl packte mich an den Schultern und schob mich hinter sich. Dabei zog er sein Schwert und hielt es vor sich. „Und wo ist …“
Weiter kam er nicht, denn da rannte schon Timm um die Ecke, fast in die Klinge meines Gatten hinein, die dieser gerade noch rechtzeitig herunterreißen konnte. „Timm!“, rief er bestürzt.
„Mein König.“ Timm kam abrupt zum Stehen und verneigte sich demütig, wobei er mir unauffällig zuzwinkerte. Wieder fing ich an zu lachen, schlug mir aber schnell die Hand vor den Mund, als sich mein Gemahl zu mir umwandte. War er jetzt wieder wütend? Bestimmt hätte ich mit Timm nicht Fangen spielen dürfen.
Noch bevor er etwas sagen konnte, warf ich ein: „Es war meine Schuld! Timm kann nichts dafür!“
„Was hast du ausgefressen? Warum bist du vor Timmok weggelaufen?“ Mein Gemahl drehte sich nun komplett zu mir herum und schob das Schwert wieder zurück in seine Scheide.
„Ich … wir … also ich wollte nur …“ Unsicher senkte ich den Kopf und blickte zu Boden. Er würde nur wieder wütend werden. Egal ob ich ehrlich war oder nicht. Er wurde immer wütend. Ich machte immer etwas falsch.
„Wir haben Fangen gespielt, Eure Majestät“, erklärte Timmok sachlich. „Ihre Majestät war nie in Gefahr.“
Zwei Finger landeten unter meinem Kinn und zwangen mich so, den Kopf zu heben. Vorsichtig hob ich den Blick und begegnete den kalten, blaugrauen Augen meines Gemahls. „Ist das richtig?“
„J…ja.“
Der Blick des Königs ging zu Timmok und ich ahnte schon, dass er seinen Grigoroi nun zwingen würde, die Wahrheit zu sagen. Was natürlich genau dieselben Worte wären!
„Gut“, sagte der König stattdessen und nahm meine Hand. „Du kannst gehen, Timm. Danke, dass du auf meine Frau aufgepasst hast.“
Schwer schluckend lief ich neben ihm her. „Werde … ich jetzt wieder bestraft?“, fragte ich leise.
„Nein. Ich habe den Nachmittag im Garten doch gestattet? Und ich dachte mir, dass du Hunger hast.“ Auf dem Weg zurück zum Schloss blieb er stehen. Timm folgte uns nicht, also war ich ganz alleine mit meinem Gemahl. Die letzten Sonnenstrahlen ließen sein Gesicht glänzen. Selbst seine Augen wirkten wärmer und freundlicher. „Ich habe mit Darleen gesprochen und ich überlege, dir einen Vertrauensvorschuss zu geben.“ Sein Blick war auf eine unbestimmte Stelle in weiter Ferne gerichtet; seine Hand drückte meine noch ein wenig fester.
Überrascht sah ich auf. „Aber wieso? Ich habe Euch belogen!“ Beschämt senkte ich den Kopf. „Und das trotz meines Schwurs. Ich mache alles falsch. Die ganze Zeit.“ Wütend über mich selbst, schüttelte ich den Kopf.
„Nun, Darleen ist der Meinung, dass du mich belügst, weil du die Konsequenzen fürchtest, wenn du mir die Wahrheit sagst.“ Er schwieg eine Weile und sah noch immer an mir vorbei. „Wenn ihre Theorie stimmt, gehst du also davon aus, dass eine Lüge eine geringere Strafe nach sich zieht.“
Ich holte Luft, wollte etwas sagen, aber es kam kein Ton heraus. Kein Sterbenswörtchen. Er hatte ins Schwarze getroffen. Sein Blick ruhte ruhig auf mir und ich senkte wieder den Kopf. Zu schwer war es, ihm in die Augen zu sehen. Ich wollte darin nicht die Enttäuschung erkennen, die ich doch schon viel zu gut kannte.
„Nun“, sprach mein Gemahl. „Für den Moment sehe ich darüber hinweg, dass du mich angelogen hast. Dennoch bleibt der Punkt, dass du heimlich das Schloss verlassen hast, in den Wald gegangen bist und sich deine Grigoroi dabei verletzt hat, sodass du ihr sogar Blut geben musstest.“
Ich spürte seinen Blick auf mir ruhen und wünschte, er würde nicht länger darüber reden. Denn seit er das Abendessen erwähnt hatte, knurrte mein Magen. „Der Stubenarrest wird auf Hausarrest reduziert. Wenn du mit Kaldor in den Garten gehen willst, musst du mich um Erlaubnis bitten und einer meiner Grigoroi geht mit dir. Verstanden?“
„Ja. Verstanden. Danke, mein König. C…yrus.“
Er nickte lediglich zur Antwort und führte mich in den Speisesaal. Der Weg dahin verlief schweigsam, so lange, bis mein Magen erneut ein ungeduldiges Knurren von sich gab, just in dem Moment, als wir die Türen zum Speisesaal passierten. „Hast du Hunger?“
„Oh, ich kann gar nicht sagen, wie sehr!“, entgegnete ich sehnsüchtig.
Er rückte mir den Stuhl zurecht, was ich mit einem leisen, verlegenen Danke quittierte und mich artig setzte. Als auch er sich niedergelassen hatte, sah er mich nachdenklich, fast schon prüfend an. „Aurelie, wann hast du das letzte Mal etwas zu dir genommen?“
„Das letzte Mal mit Euch. Der Tee“, erinnerte ich ihn, nur halb anwesend, denn soeben traten zwei Dienerinnen ein und servierten uns ein prächtiges Abendessen. Am liebsten hätte ich mich sofort darauf gestürzt, aber der König eröffnete das Essen. So war es mir beigebracht worden, noch bevor ich überhaupt sprechen konnte.
„Das war ja nicht mal etwas zu essen!“, entfuhr es ihm. „Ich hatte heute morgen angewiesen, dass deine Zofen dir am späten Vormittag ein Frühstück ans Bett bringen!“ Mein Gemahl nahm meine Gabel und drückte sie mir in die Hand. „Iss. Du musst doch sterben vor Hunger!“
„Es geht schon. Wäre nicht das erste Mal“, erwiderte ich ruhig. „Außerdem habe ich gehört, dass meine Zofen gerade regelrecht mit Aufgaben überschüttet werden. Da kann durchaus einmal etwas vergessen gehen. Zudem …“, merkte ich an und deutete mit der Gabel in der Hand auf meinen Gemahl. „Isst der König zuerst.“
„Ich werde trotzdem nachfragen, was heute früh dazwischengekommen ist“, brummte er unzufrieden. Kurzerhand packte er meine Hand mit der Gabel drin, pikste auf meinem Teller etwas Gemüse auf die Gabel und nahm es in den Mund. Beim Gedanken daran, dass ich gerade dabei war, ihn zu füttern, schoss mir das Blut ins Gesicht. Ich meine, er hielt zwar die Gabel, respektive meine Hand, aber … da schwebte meine Hand, umschlossen von seiner, direkt vor seinem Mund. Er fing an, zu kauen. Währenddessen beobachtete ich seine weichen, sanft aussehenden Lippen schamlos. Meinen Blick abzuwenden, war … ein Ding der Unmöglichkeit. Als er schließlich schluckte und sein Adamsapfel dabei hoch- und wieder runterhüpfte, sah er mir mit einem undefinierbaren Blick entgegen. Eine ganze Weile saßen wir so da und sahen einander an, als führten wir ein stummes Gespräch.
Dann aber räusperte er sich. „Du bist dran“, bestimmte er und führte die Gabel erneut zu meinem Teller. Beladen mit ein wenig von allem führte er sie näher an meinen Mund, bis er davor innehalten musste. „Mund auf.“
Kurz schnellte meine Zunge heraus und befeuchtete dabei meine Lippen. Ich bezweifelte, dass ich sie sonst überhaupt aufbekommen hätte, denn sie klebten trocken aneinander. Dennoch bewirkte diese kleine Gestik, dass sich mein Gemahl verspannte. Die Gabel landete in meinem Mund und ich schloss die Lippen darum. Eine Geschmacksvielfalt breitete sich auf meiner Zunge aus und ich schloss für einen kurzen Moment die Augen, um das Essen zu genießen.
Cyrus zog die Gabel zurück und ließ von meiner Hand ab. „So, nun darfst du essen“, brummte er leise, legte allerdings seine Hand auf meine Wange, nur um mir mit seinem Daumen über meine Unterlippe zu streichen und diesen kurz darauf ungeniert selbst in den Mund zu nehmen und abzulecken! Wieder galt mein Blick ausschließlich ihm, solange, bis er sich erneut räusperte und auf mein Essen deutete.
Die nächsten Minuten ignorierte ich jede Anstandsregel, die es zu beachten gegeben hätte, und schaufelte das warme Gemüse in mich hinein.
„Na immerhin muss man dich nicht zum Gemüse essen zwingen“, grummelte er verschmitzt lächelnd, doch meine Aufmerksamkeit galt ihm keine Sekunde mehr. Das Essen war noch warm, lecker, die verschiedenen Gemüsesorten ergänzten sich gegenseitig in ihrem Geschmack und wurden in meinem Mund zu einer kleinen Explosion. Irgendwann war mein Teller leer; mein Seufzen tief und zufrieden.
„Hast du noch Hunger?“, fragte mein Gegenüber; Besorgnis klang in seiner Stimme mit. Kurz darauf schob er ein Glas in mein Sichtfeld. Ein volles Glas mit Milch. „Ich habe angewiesen, die Ziege frisch zum Abendessen melken zu lassen.“
Überrascht sah ich auf. „D…danke“, stotterte ich, ergriffen davon, dass er sich an meine Aversion gegenüber dem bitteren, roten Edelwein erinnert hatte, griff danach und führte es an meinen Mund. Kurz schloss ich genießerisch die Augen, als ich den herben Geschmack der Milch auf meiner Zunge wahrnahm. Vorsichtig setzte ich das Glas wieder ab. „Nein. Ich habe keinen Hunger mehr. Ich kann auch gar nicht so viel essen. Ich fühle mich jetzt schon völlig überladen …“, gestand ich beschämt.
„Dann trink noch das Glas leer. Aber mach langsam.“
Nun sah ich, dass sein Teller fast noch zur Hälfte voll war. Er aß nicht auf, sondern schob den Teller von sich.
„Wieso isst du nichts?“, fragte ich vorsichtig, führte das Glas aber wieder an meine Lippen.
„Ich habe heute spät zu Mittag gegessen.“
„Oh.“ Stumm richtete ich meine Konzentration auf die Milch, bis das Glas leer war und kein Tropfen mehr daraus entfliehen wollte. Die beiden Dienerinnen deckten den Tisch wieder ab. Bevor die ältere der beiden sich entfernen konnte, winkte der König sie zu sich. Sofort sank sie neben ihm auf die Knie.
„Bist du gewillt, mir dein Blut zu geben?“ Sie nickte schwach, traute sich aber nicht, ihm in die Augen zu sehen. „Steh auf und reiche mir dein Handgelenk“, befahl er mit ruhiger, dominanter Stimme.
Sie tat wie befohlen, zitterte aber sichtlich. Wie alt sie wohl war? Zwanzig? Fünfundzwanzig? Menschliche Massstäbe waren für mich immer schon schwer zu begreiffen gewesen. Ein Vampirkind entschlüpfte mit fünfundzwanzig Jahren gerade so dem Windelalter. Cyrus zog ihr Handgelenk an seinen Mund. Zeitgleich glitten seine Fangzähne heraus. Kurz darauf durchstießen sie ihre Haut. Seine Lippen legten sich an ihr Handgelenk. Dennoch nahm ich den unwiderstehlichen Geruch von frischem, warmem Blut wahr. Meine Nasenflügel blähten sich auf und meine Augen waren einzig und allein auf das Handgelenk der Frau gerichtet, welche mittlerweile aufgehört hatte, zu zittern. Stattdessen erschauderte sie und stöhnte leise auf. Als nach ein paar Schlucken wieder von ihr abgelassen wurde, verbeugte sie sich und verließ den Raum.
Mein Gemahl drehte sich zu mir und stand dabei auf. Er reichte mir eine Hand, um mir aufzuhelfen. „Komm, ich bringe dich in dein Zimmer.“ Seine Lippen standen halb offen. Sofort wurde mein Blick von dem wohlriechenden, leckeren, glänzenden Blut angezogen. Wie hypnotisiert stand ich auf, hob meine Hand an seine Wange und strich mit meinem Daumen über seine Lippen. Als ich sie wieder zurückzog, glitzerte ein kleines Bisschen des dunklen Rots verheißungsvoll daran. Ohne weiter zu überlegen, führte ich meinen Daumen zu meinem Mund. Dort hielt ich inne.
Cyrus‘ rechte Augenbraue hob sich unmerklich an. Aber er beugte sich zu mir vor und ermutigte mit rauer Stimme: „Nur zu. Koste es.“
Sofort verschwand mein Daumen in meinem Mund. Als das Blut meine Geschmacksnerven zum Explodieren brachte, holte ich hastig Luft, in der Hoffnung, dadurch etwas Reales bei mir zu wissen. Denn das Blut vernebelte mir vollkommen die Sinne. So war es die letzte Zeit ständig. Als ich die Mischung unserer beiden Blute getrunken hatte, auch wenn es nur wenig gewesen war, hatte ich mich gefühlt, als würde ich schweben. Als wäre alles um mich herum nicht mehr real. Gierig leckte ich meinen Daumen ab, und als dieser meinen Mund wieder verlassen hatte, leckte ich mir über die Lippen, aber der Geschmack schwand. Mein Blick fand den von Cyrus. Er beobachtete mich, ließ mich keinen Moment aus den Augen. Aber ich ließ mich nicht von seinen blaugrauen Augen gefangen nehmen. Nicht dieses Mal. Süchtig starrte ich auf seinen leicht geöffneten Mund und trat noch einen Schritt näher, sodass wir praktisch Brust an Brust standen. Mein Körper registrierte seine durchtrainierte Statur und vibrierte fast schon vor Glück. Mein Gehirn war allerdings viel mehr an seinen Lippen interessiert. Oder daran, was dazwischen lag. Langsam legten sich meine Hände auf seine Brust, fuhren bald schon aber weiter hoch, bis sie seinen Nacken erreicht hatten. Da zog ich ihn zu mir runter, meinen Blick unverhohlen auf seine Lippen gerichtet. Ich wollte, was er hatte! Es ihm stehlen, bis sein Mund nichts mehr von der verführerischen Flüssigkeit beherbergte!
Seine Hände legten sich auf meine Hüfte. Er machte keinerlei Anstalten, mich von sich zu schieben. Im Gegenteil. Er hielt mich fest. Mein Herz donnerte in meinem Brustkorb und mein Atem ging schnell. Ich schluckte und leckte mir erneut über die Lippen. Nur ganz kurz kreuzten sich unsere Blicke und sein Griff um meine Hüfte wurde noch ein wenig fester. Es war, als wäre ich dabei zu verdursten. Und er hatte, was meinen Durst stillen konnte.
Ungeduldig zog ich ihn noch weiter zu mir hinunter, richtete meinen Kopf richtig aus, streckte mich, ging auf meine Zehenspitzen und überwand somit den letzten Abstand zwischen uns. Meine Lippen legten sich auf seine, warm und weich. Doch der Kuss war nicht sanft, zögerlich oder ängstlich. Sofort schnellte meine Zunge heraus und fuhr über seine Lippen. Erlaubend öffnete er sie, meine Zunge drang in seinen Mund und fing augenblicklich an, ihn zu plündern. Eine Geschmacksexplosion nach der anderen erfüllte meinen Mund, brachte mich zum Fliegen und ließ mich alles andere vergessen. Meine Arme zogen ihn näher, weiter zu mir, und klammerten sich gleichzeitig an ihn, als wäre er meine Lebensessenz.
Er legte eine Hand an meinen unteren Rücken und presste mich so noch fester an sich. Deutlich spürte ich seine Erregung an meinem Bauch, was mich wiederum befremdlich fühlen liess. Im selben Moment jedoch schob er mich auch schon wieder von sich und ging einen Schritt zurück. „Du hast gestöhnt!“, bemerkte er anklagend und entfernte sich noch einen weiteren Schritt von mir. „Das Blut kann diese Wirkung noch gar nicht auf dich haben!“
Heftig atmend, stützte ich mich mit meinen Händen auf meinen Oberschenkeln ab. „Ich … das Blut …“ Als hätte ich erst jetzt bemerkt, was ich gerade getan hatte, fuhr meine Hand ungläubigen Blickes zu meinen geschwollenen Lippen. Irritiert schüttelte ich den Kopf. „Aber es schmeckt so unglaublich gut!“
„Natürlich tut es das“, bestätigte er sachlich. „Und trotzdem bist du zu jung. Oder verschweigst du mir etwas?“ Nun klang seine Stimme kalt. Er machte einen großen Schritt auf mich zu und griff grob nach meinen Schultern.
Was? „Nein!“ Nun, außer der Sache mit Irina …
„Und schon wieder eine Lüge!“, donnerte er wütend. Noch ehe ich begriff, was geschah, holte er aus und verpasste mir eine Ohrfeige, die meine Haut brennen liess. Mein Kopf ruckte zur Seite und ein stechender Schmerz breitete sich in meiner Wange aus. Durch leicht geöffnete Lippen atmete ich flach ein und aus. Und mich überkam eine Erkenntnis. Er war genau wie meine Familie. Wenn ihm etwas nicht passte, wurde ich bestraft. Und egal, was ich tat, ich konnte seinen Erwartungen nicht gerecht werden.
„Ich habe nicht gelogen“, hauchte ich heiser, obwohl ich es besser hätte wissen müssen, als ihm jetzt zu widersprechen. Dieses Mal flog mein Kopf zur anderen Seite und auch die linke Wange begann heftig zu schmerzen.
„Du wirst niemals aufhören zu lügen!“, gab er gefährlich kalt von sich. Doch woher wollte er das wissen? Wieso war er sich so sicher, dass ich log? Wo ich doch mehr als ehrlich gewesen war? Ich hatte nichts getan! Und ich war keine Sklavin mehr, die buckelte und alles mit sich machen lassen musste!
Ich richtete mich auf, die Hände zu wütenden Fäusten geballt, hob mein Haupt und betonte jedes einzelne Wort. „Ich habe nicht gelogen!“ Zwischen jedem Wort holte ich Luft und mit jedem Luftholen wurde ich lauter.
Mein Gatte sah mich mit einer Verachtung in den Augen an, die tief bis in mein Innerstes drang. „Du bist eine einzige Enttäuschung, Aurelie.“ Ohne ein weiteres Wort wandte er sich von mir ab und verließ mit schnellen Schritten den Speisesaal.





















































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