Kapitel 66 – Einsamkeit in Zweisamkeit
Kapitel 66 – Einsamkeit in Zweisamkeit
Aurelie
Die Nacht auf dem Sofa verging schnell. Die darauffolgende, wortlose Kutschenfahrt dafür quälend langsam. Der Herzogin hatten wir vor der Abfahrt unter sechs Augen anvertraut, dass um das Leben ihres Gatten noch verhandelt würde. Im Schloss angekommen, fand noch am selben Tag eine Ratssitzung statt. Ich saß dabei und sagte kein Wort. Zum Schein, erinnerte ich mich immer wieder. Mehr wollte er nicht von mir. Abgesehen von einem Kind.
Der Hohepriester war abwesend. Auf einer Reise, wie man uns mitgeteilt hatte. Was würde er wohl sagen, wenn er alsbald zurückkehrte und den König noch immer lebendigen Leibes vorfand?
Targes‘ Blick streifte mich mehr als nur einmal. Besorgt, musternd, abschätzend, teilweise irritiert. Wo war die starke, selbstbewusste Königin hin? Verkrochen hatte sie sich. In die tiefsten Tiefen ihrer selbst. Wo sie sich vor den ständigen Übergriffen und Gemeinheiten ihres Verbundenen zu schützen versuchte. Er kam mir näher und ließ wieder von mir ab. Dasselbe kurz darauf wieder. Es war wie bei diesem Beinahekuss im Haus der Herzogin. Er näherte sich, ich wurde erregt, dann trat er zurück. Immer und immer wieder dasselbe Spiel. Dieselbe Schmach. Dieselbe Zurückweisung. Und es tat weh.
Als er mich gefragt hatte, ob ich denn wissen wolle, ob es wieder genau so wäre … Genauso wie damals, als ich ihn das erste Mal freiwillig geküsst hatte. Mehr wegen des Blutes an seinen Lippen zwar, aber dessen ungeachtet war es mein erster freiwilliger Kuss gewesen. Und er hatte darin geendet, dass er mich von sich gestoßen und geschlagen hatte. Also nein. Ich wollte nicht wissen, ob es wieder so wäre, würde ich es zu einem weiteren Kuss kommen lassen. Denn ich wollte dieses Gefühl von Verachtung nie wieder erfahren müssen. Nicht von ihm.
Konzentriert beugte er sich gerade wieder über einige Pergamente in seinem Aebwirtazimmer, während ich dasaß und ein Buch in den Händen hielt. Nicht, dass ich wirklich darin las. Es lag lediglich auf meinem Schoß, während ich in meinen Gedanken versank. Stetig kam der Gedanke nach einem eigenen Kind in mir auf. Seitdem ich dieses kleine Wunder in den Armen gehalten hatte, hatte mein Kopf offenbar beschlossen, mich in den Mutterzustand zu versetzen. Mein Körper reagierte seither noch viel feiner auf Cyrus. Ich kam nicht umhin, diese Veränderung zu bemerken. Und noch immer war es täglich so, dass ich aufwachte, geplagt von Träumen, in denen wir es in den wildesten Stellungen trieben. Mittlerweile fand ich es nicht einmal mehr ansatzweise schön oder amüsant. Die Träume hinterließen immer mehr einen bitteren Nachgeschmack in meinem Herzen, und ich wusste nicht, wieso. Vielleicht, weil die Stimme, die am Ende erlösend seinen Namen schrie, nicht die Meine war. Das hatte ich mittlerweile erkannt.
Fünf Tage waren nun schon so ins Land gezogen. Ich konnte nicht mehr. Ich stand auf, legte das Buch achtlos beiseite und nickte kurz mit dem Kopf. Denn seit die Träume schlimmer wurden, achtete ich geradezu minutiös darauf, den emotionalen Abstand zu ihm zu wahren. Und das begann mit der Anrede und dem gegenseitigen Verhalten.
„Majestät, ich ziehe mich zurück.“
„Natürlich“, entgegnete er knapp, den Blick weiter auf die Dokumente vor sich gerichtet.
Leise seufzend, verließ ich sein Arbeitszimmer. Ich kehrte in meine eigenen Gemächer zurück, drehte einmal eine Runde in den Räumen und verließ es gleich wieder. Ich wusste, wo ich hinwollte. Auch wenn ich nicht sicher war, wie gut die Idee war. Es könnte uns beide den Kopf kosten. Und eigentlich sollte ich mich von ihm fernhalten. Zu seiner eigenen Sicherheit.
Trotz besserem Wissen stand ich wenig später vor seinen Gemächern. Da die Sonne sich bereits zum Untergang geneigt hatte, wäre er sicherlich nicht mehr in der Bibliothek. Ich klopfte leise und öffnete dann ungeladen die Tür. „Gilead?“, flüsterte ich.
Im Wohnzimmer regte sich etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Gilead war offensichtlich auf dem Sofa eingeschlafen. Entsprechend müde blickte er mich nun an und rieb sich die Augen. „Naya“, murmelte er mit belegter Stimme.
Ich lächelte versonnen. „Ich konnte nicht eher …“, setzte ich an und ging auf ihn zu. „Verzeih mir.“ Mein Blick senkte sich. „Er hat mich eingesperrt, ich konnte nicht …“
Gilead zog mich auf das Sofa, nahm mich in den Arm und küsste meine Schläfe. „Was ist passiert? Möchtest du darüber reden?“
Ich drehte meinen Kopf zur Seite und blickte ihn an. Unsere Lippen waren nur Zentimeter voneinander entfernt, doch ich hatte nicht die Intention, ihn jetzt zu küssen.
„Die Kurzfassung? Da gibt es eine Geheimkammer, die selbst ich noch nicht kannte. Darin sind Frauen Vampirinnen, fünf an der Zahl. Sie sind dort seit Jahrhunderten eingesperrt. Der König hat es einen Harem genannt.“ Ich schwieg einen Moment, unsicher, ob ich ihm auch den Rest offenbaren wollte. Und ich entschloss: Ich wollte. Aber ich konnte meinem Liebsten dabei nicht in die Augen sehen. Also senkte ich meinen Blick und begann damit, die letzten Wochen zusammenzufassen. Das waren keine Worte, die ich je mit Gilead hatte wechseln wollen. Aber ich spürte, wie gut es mir tat, sie ihm zu beichten.
„Seit dann lässt er mich wieder in meinen Gemächern schlafen, doch ständig wuselt er um mich herum. Nur anfassen tut er mich nicht mehr. Und darüber bin ich froh.“ Ich drückte mein Gesicht in Gileads Brust, die sich langsam aufblähte und ebenso geduldig die eingesogene Luft wieder ausstieß. „Ich bin froh, wieder bei dir zu sein, Liebster“, murmelte ich an seine Brust und sog gierig seinen beruhigenden Geruch ein.
„Er macht dich also systematisch kaputt …“ Sein Kopf ruhte auf meinem. „Es ist schade, dass du ausgerechnet diesen Teil des Erwachsenseins mit so negativen Gefühlen verbindest. Und dass ihm deine Gefühle völlig egal sind.“
Ich seufzte traurig. „Ich denke stets an unsere Nacht zurück. Das macht es besser. Aber jetzt lass uns aufhören, über solch leidige Themen zu sprechen. Ich möchte nur genießen. Deine Stimme, deinen Geruch, deine sinnlichen Lippen …“ Mit diesen Worten zog ich meinen Kopf unter seinem hervor und drückte meine Lippen sanft auf seine.
Gilead erwiderte den Kuss. Zunächst vorsichtig und zögernd, doch sobald er merkte, wie sehr ich in diesem aufging, vertiefte er den Kuss. Unsere Lippen bewegten sich perfekt gegeneinander und unsere Zungen spielten ein Spiel, älter als die Zeit. Er stöhnte leise in den Kuss hinein, während seine Hände an meinen Seiten hochglitten. Der Kuss wurde sinnlicher, wilder. Meine Hände krallten sich in sein Haar, während seine meine Brüste fanden und begannen, sie zu liebkosen. Wie von Sinnen stöhnte ich in seinen Mund, schwer und ungehemmt.
Schwer atmend löste Gilead den Kuss und lehnte seine Stirn an meine. „Nun … es wäre wohl klüger, wenn wir die Kleidung anlassen. Auch wenn alles in mir danach schreit, sie dir vom Leib zu reißen.“ Er lachte dunkel und leise. „Andererseits siehst du viel zu gut in einem Kleid aus und ich will dieses Bild nicht zerstören.“
„Hm, ich gefalle dir also in einem Kleid?“, brummte ich, spreizte meine Beine über ihn und rieb mich an seinem Gemächt. Ich spürte, wie ich meine Nässe auf seiner Hose verteilte, direkt da, wo mir sein erigiertes Glied entgegen stach – direkt unter dem nervigen Stoff.
„Vermutlich der Gedanke, dass du unter diesem Zelt komplett nackt bist“, flüsterte er. Seine Hände wanderten unter meinen Rock, wo er damit begann, meine Schenkel zu streicheln. Nur langsam bewegte er sie auf meine intimste Stelle zu. „Ich wüsste gern, wo deine Grenzen sind und wie oft du hintereinander kommen kannst.“ Mit den Worten glitt er mit zwei Fingern durch meine Spalte.
Mein Mund öffnete sich in einem stummen, entzückten Schrei. „Wie … wie oft … hintereinander?“, fragte ich stöhnend und wölbte mich seinen Fingern entgegen. Immer wieder rieben sie hoch und runter. Dabei steckte er seine Fingerkuppen nur kurz in meine pochende Öffnung, um wieder gleich darauf hinaufzuwandern und meine Knospe zu umspielen.
„Hm …“, machte er langgezogen, „Wenn man es langsam angehen lässt, dann ist der erste Orgasmus der Auslöser für weitere. Du schwimmst von einer Welle der Lust zur Nächsten.“
Aus meiner Kehle drangen wohlige, bedürftige Laute. „Zeig es mir“, hauchte ich flehentlich.
Schnellen Schrittes machte ich mich auf den Weg zurück in meine Gemächer. Als ich es tatsächlich unbehelligt zurückgeschafft hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen. Zwar hatte ich mich bei Gilead gewaschen, aber dennoch roch ich ihn noch. War es nur Einbildung? Nein. Sicherlich roch das Kleid auch noch nach ihm.
Innerlich fluchte ich. Wie sollte ich das dieses Mal verstecken? Ich konnte das Kleid nicht einfach wieder verbrennen …
Ich zog es aus und brachte es auf den Balkon. Dort hing ich es auf. Der Wind würde es von seinem Geruch befreien. Und ich selbst wusch mich auch nochmal. Danach verteilte ich etwas Rosenwasser auf meiner Haut. So würde ich nicht mehr nach meinem Liebsten riechen. Ich seufzte leise. Wieso nur musste die Welt so grausam sein?
Ich streifte mir das Nachtgewand über und legte mich in mein Bett. Lange dachte ich noch daran, was Gilead heute mit mir gemacht hatte. Und das ausschließlich mit Fingern und Mund. Unfassbar … Ein Lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab. Und so versank ich in den Schlaf.





































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