Kapitel 7 – Grinsebacke
Kapitel 7 – Grinsebacke
Rjna
„Jetzt lass deine Schwester in Ruhe schlafen, Frederike!“
„Aber es geht ihr doch nicht gut, Mutter! Wir müssen ihr helfen!“
„Frederike, Nein! Du wirst dich ihr nicht nähern, hast du verstanden? Ansonsten liegst du bald genau so da und ich kann nichts mehr für dich tun! Genauso wie ich jetzt auch nichts mehr für sie tun kann!“
„Was meint Ihr, Mutter?“
Ein Seufzen, darauf folgte Stille. „Sie liegt im Fieber, Fredi. Das überlebt man nicht. Nicht ohne Mediziner und einen solchen können wir uns nicht leisten.“
„Aber … sie ist doch meine Schwester.“
„Na komm. Geh nach draussen. Die anderen Kinder warten bestimmt schon.“
Trampelnde Kinderschritte schallten durch die kleine Holzhütte, ehe es wieder still wurde, sodass man selbst ein Blatt hätte fallen hören.
Ein Krächzen liess die hochschwangere Frau aufhorchen. Das Kind hatte sich bewegt. Dabei sollte es doch nur endlich sterben. Es blockierte den Schlafraum und die Frau wollte wieder im Bett schlafen. Doch so bald würde ihr dieser Wunsch nicht erfüllt werden. Denn diese eine, unscheinbare Nacht, hielt zwei schreckliche Überraschungen bereit.
Mit einem Stöhnen, wie es sonst nur Sterbende ausstiessen, erwachte ich aus meinem Traum. War es überhaupt ein Traum gewesen? Es hatte sich nicht so angefühlt. An das Gespräch zwischen meiner Schwester und Mutter konnte ich mich sogar noch bruchstückhaft erinnern. Damals hatte ich im Fieber gelegen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt. Doch nach dieser Nacht ging es mir besser. Ich war genesen. Und unser Haus abgebrannt.
Wieso hatte ich ausgerechnet von damals geträumt? Wollten mir die Götter damit ein Zeichen senden? Eine Warnung, dass es bald so weit wäre? Dass ich kurz davor war, zu meinem Erschaffer zurückzukehren? War ich denn nun noch immer nicht tot? Wie lange konnte man den Tod verschmähen?
Als ich mich konzentrierte, bemerkte ich, dass ich gar nicht mehr alleine war. Vor meinem Verlies schien jetzt jemand zu stehen. Dabei hatten sie die Wachdienste doch für unnötig erklärt. Doch als ich den Kopf anhob, um nachzusehen, war da niemand. Hatte ich mir das nur eingebildet?
Durch einen starken Hustenanfall aufgeschreckt, brachte ich mich in eine sitzende Position. Mein Kopf hämmerte und die Luft in meinen Lungen fühlte sich an wie kochendes Wasser. Atemlos keuchte ich, noch immer in einem Versuch, Luft – kalte Luft – in meine Lunge zu bekommen, doch es brachte nichts. Keuchend wälzte sich mein nackter Körper im Dreck herum, bis ich mich schilesslich hilflos schluchzend zusammenrollte, unfähig Ruhe zu finden. Endlose Hitze durchzog meine Adern und das Gefühl, innerlich gleich zu verbrennen, liess mich nach Wasser schreien.
Welch Überraschung, Wasser bekam ich keins. Dafür stand aber plötzlich wieder diese Gestalt vor meinem Verlies.
„Bitte“, wimmerte ich flehentlich. Wie tief war ich gefallen, so zu betteln? Das tat ich höchstens für meine Schwester, niemals für mich! Eigentlich … „Wasser.“ Meine Stimme war überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen. Rau wie Sand und grob wie Stein kratzte sie sich meine Kehle hoch.
Die Silhouette schloss, dem Quietschen nach zu urteilen, meine Zelle auf und näherte sich mir langsam. Sanft legte sie eine Hand auf meine Stirn, zog sie jedoch sogleich laut fauchend wieder zurück.
„Verdammte …!“, stiess die Person aus.
„Mein Herr?“ Oha. Das war Grinsebacke! Die Stimme würde ich mittlerweile vermutlich überall erkennen. Der Herr starrte aber nur entgeistert auf seine Hand hinab, welche mich vorher noch berührt hatte. Zögernd betrat Grinsebacke meine Zelle und ging auf den neben mir hurenden Mann zu. „Mein Herr, was ist los? Was ist …“ Erschrocken zog er die Luft ein, als er auf des Herrn Hand starrte. „Wie?“, brachte er hervor, woraufhin der Herr nur abwehrend den Kopf schüttelte.
„Beende das endlich. Es ist mir egal, was Drego noch für kranke Spiele mit ihr im Sinn hat. Wir sind keine Monster … zumindest nicht gegenüber kleinen Mädchen“, sagt er bestimmt, den zweiten Teil allerdings nur leise ergänzend.
Sofort beschleunigte sich mein Atem und meine Glieder wurden steif. Beinahe war ich selbst überrascht. Dass ich noch Energie für eine solche Reaktion aufbringen konnte. Hatte er wirklich gerade das vorgeschlagen – oder eher befohlen, was ich glaube, was es war? Zitternd suchten meine Augen Grinsebacke’s Blick. Wäre sein Gesicht jetzt wirklich das Letzte, was ich sehen würde?
Der andere war mittlerweile wieder verschwunden. Fast glaubte ich, einen Funken Missfallen und vielleicht sogar etwas Mitgefühl in Grinsebacke’s Augen zu entdecken, doch dann waren sie auch schon wieder leer. Langsam beugte er sich über meinen liegenden Körper, hielt dann kurz inne, lauschte und blickte mir wieder in die Augen. „Hör zu“, verlangte er. Bedächtig nickte ich. Es war nicht so, dass er eine Frage gestellt hätte, dennoch hatte ich das Gefühl, bestätigen zu müssen. Andererseits drehte ich am Rad. Mir war heiss und ich bekam kaum noch Luft. „Ich muss jetzt meinen Befehl ausführen; am einfachsten wäre es für dich mit einem Biss. Kurz und schmerzlos“, flüsterte er leise.
Panisch schüttelte ich den Kopf. Nein, das wollte ich nicht! Sollte er mich doch umbringen, aber bitte nicht auch noch, indem er mir das Blut aussaugte! Und schmerzlos. Ha! Dass ich nicht lachte!
Einmal seufzte er. „Dachte ich mir schon.“ Leicht liess er seinen Kopf hängen, blickte mir im nächsten Moment aber schon wieder in die Augen. „Weisst du, du hast meinen Respekt. Du hast unter diesen miserablen Bedingungen bis jetzt überlebt und selbst das Fieber … aber es wird dich bald schon dahinraffen und das wäre noch wesentlich grausamer als dir jetzt das Leben zu nehmen. Verstehst du das?“
Verstand ich das? Nein! Wieso um alles in der Welt war Grinsebacke plötzlich nett zu mir? Oder wollte er wissen, ob ich verstand, wieso ich jetzt sterben musste? Und dass es nur ein Gnadenstoss war? Das wollte er mir weiss machen? Sich die Hände in Unschuld waschen. Er trüge kein Blut an den Händen, wenn ich zustimmte!
„Was ist mit meiner Schwester?“, fragte ich leise und kraftlos. Sie war mir das einzig Wichtige auf dieser Welt. Wenn ich die Welt schon verlassen müsste, wollte ich zumindest wissen, dass es ihr gut ging. Es waren, glaube ich, die ersten Worte, die ich jemals normal mit Grinsebacke wechselte.
„Schwester also“, antwortete er mit verstehendem Blick. „Fredi ist deine Schwester.“ Steif nickte ich, woraufhin ihm ein Seufzer entfuhr. „War deine Schwester im Dorf, in dessen Nähe wir dich fanden?“ Wieder nickte ich bestätigend, doch in seinen Augen lag nun ein trauriger Schimmer. „Dann ist sie tot. Wenn sie dort war, dann starb sie vor drei Jahren. Als wir dich fanden, kamen wir gerade von einem Überfall auf dein Dorf“, gestand er und die restliche Farbe in meinem Gesicht schwand dahin.
Meine Schwester – mein Ein und Alles – das Einzige, worin ich noch einen Sinn zu leben sah: Tot.
Heisse Tränen liefen mir die Wangen hinab und verbrannten meine geschundene Haut. Ohne weiter darüber nachzudenken, legte ich meinen Kopf in den Nacken, so wie Drego mich immer festgehalten hatte, wenn er sich an mir labte. Eine klare und unmissverständliche Aufforderung.
Beiss mich.
„Töte mich“, hörte ich mich sagen, bar aller Emotionen. Völlig apathisch lag ich unter dem Vampir und wartete geduldig auf mein Ende. Mein Blick zeigte ins Nirgendwo und mein Verstand setzte aus.
Weiterzukämpfen hatte keinen Sinn mehr. Mein Leben hatte keinen Sinn mehr. Und das schon seit drei Jahren! Meine Güte, ich war jetzt zwanzig! Wie schnell die Zeit verging, wenn man weder Sonne noch Mond sah.
Rjna. Tochter von Odem und Sela, Schwester von Frederike, zwanzig Jahre, durchgehend misshandelt und geschlagen, gefangengenommen und ausgenutzt; liess sich schliesslich freiwillig von einem Vampir töten.
Na, das war doch mal eine Biografie, dachte ich mir, bevor ich die Augen schloss und mich endlich meinem Schicksal ergab.
Tod, ich komme. Fredi …
Eine letzte stumme Träne machte sich auf, glitt über meine Wange, hinunter zu meinem Ohr, wo sie leicht kitzelte. Mit der Hoffnung, meine kleine Schwester bald wieder im Arm zu halten, schloss ich mit meinem Leben ab.




































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