Kapitel 8 – Die Entscheidung

Kapitel 8 – Die Entscheidung

 

Aurelius

Ihr Hals lag frei. Direkt vor mir sprach sie eine eindeutige Einladung aus. Nur die Worte waren es, die mich innehalten liessen.

„Töte mich.“

Vielleicht waren es noch nicht mal die Worte, sondern mehr das, was sie aussagten. Sie hatte aufgegeben.

Mir brach das Herz, als ich sie so daliegen sah, eine letzte stumme Träne verabschiedete sich und rann in Richtung Boden. Das hatte sie nicht verdient. Die ganzen drei Jahre. Jedes einzelne Mal, wenn ich sie wieder bewusstlos in ihre Zelle zurückgebracht hatte, nachdem sich Drego an ihr genährt und wieder einmal viel zu viel genommen hatte. Jedes Mal, wenn ich sie, auf seinen Befehl hin, zu ihm gebracht hatte und dabei genau wusste, wie es ausgehen würde. Doch das war nicht einmal das Schlimmste.

Blutsklaven kamen und gingen in diesen Landen, denn das Land stand nicht unter vampirischer Herrschaft und so blieben die Vampire hier unentdeckt und ohne Herrscher.

Nein, das Schlimmste war, dass sie es jedes einzelne Mal aus der Bewusstlosigkeit zurückgeschafft hatte! Jeder andere Blutsklave, zumindest jeder, der Drego diente, war nach weniger als einem Mond gestorben. Doch das Mädchen hielt drei verdammte Jahre durch und lebte noch immer! Als sie dann letztens, wohl aufgrund eines Fiebertraums, ihren Körper von den Kleidungsfezen befreite, die sie noch getragen hatte …, hatte ich die Narben gesehen. Unzählige davon. So viele, dass selbst ich wusste, dass das nicht mehr zufällig sein konnte. Es waren nicht nur Bissnarben, die sich an jeder erdenklichen, beissbaren Stelle überall auf ihrem Körper verteilt finden liessen – und jetzt wegen der fehlenden Sauberhaltung eiterten. Tatsächlich machten diese nur einen winzigen Prozentsatz aus und waren im Vergleich zu dem, was sich auf ihrem Bauch und Rücken befand, eine Nichtigkeit. Diese Flächen schienen mehr aus Narbengewebe als aus normaler Haut zu bestehen!

Zu allem Übel bekam ich auch ziemlich schnell eine sehr klare Vorstellung davon, wer und wie man ihr diese Narben zugefügt hatte. Und in diesem Moment musste ich mich arg zusammenreissen, nicht in die Luft zu gehen.

Die Vampire hier kannten keine Skrupel. Sie waren Mörder, Diebe, Banditen, Halsabschneider. Und somit war ihnen Anstand fremd. Aus dem Land, das sie einst Heimat nannten, verbannt, hatten sie sich zu einer Gruppe zusammengefunden und beschlossen, zusammen gegen Genrals König vorzugehen. Wo sie einst nur Verstossene waren, waren sie heute Verräter. Sie hatten meinem König den Rücken gekehrt und agierten gegen ihn, wenn auch nicht aktiv. Diese Gruppe hier hatte mehr die Aufgabe einer Vermittlungsstelle eingenommen. Sie kauften und Verkauften Informationen, Staatsgeheimnisse oder auch Menschen. Ich war einer der besten Spione seiner Majestät und lebe nun schon seit fünf Jahren unter diesen Bastarden, um Informationen zu sammeln. Was aber auch bedeutete, dass ich bei ihren Verbrechen nicht eingreiffen durfte. Selbst wenn sie mir nicht ansatzweise in die Moral passten.



Auch mein Befehl nun … es stimmte. Es wäre ihr mehr ein Gnadenstoss als ein Mord. Und doch konnte ich es jetzt, wo es an der Zeit dafür wäre, nicht übers Herz bringen. Sie hatte drei Jahre lang – nein, sogar schon zuvor – gekämpft und überlebt …, nur um jetzt aufzugeben?

Würde ich ihr helfen, gefährdete es meine Mission. Mit grosser Wahrscheinlichkeit würde ich auffliegen, und hätte damit gegen den Befehl meines Königs gehandelt. Andererseits konnte ich diesen Befehl hier nicht ausführen. Jeder Teil in mir sträubte sich dagegen. Aber es wäre auch dumm, meine Position hier aufs Spiel zu setzen für jemanden, der so gut wie tot war!

Die Rechtfertigungen, die ich mir die letzten fünf Jahre stetig vorgehalten hatte, fingen an zu bröckeln. Du machst das für deinen König und dein Land! Reiss dich zusammen!

Voller Respekt schaute ich auf das Mädchen unter mir. Und ich … ich konnte es nicht. Verärgert biss ich die Zähne zusammen. Ich hörte schon Schritte, die sich dem Verlies näherten! Mir lief die Zeit davon! Ausserdem musste ich es bis dann erldeigt haben! Die Vampire hier waren vielleicht grausam, aber nicht blöd. Auch die anderen konnten ihr Herz noch klopfen hören!

Schweren Herzens fasste ich einen Entschluss. Ich beugte mich zu ihr hinunter, ganz nah an ihr Ohr heran. „Sobald du aufwachst, laufe nach Norden bis ins Reiche Genral. Da suchst du nach dem König. Sag ihm, Aurelius schickt dich! Du wirst dort Zuflucht finden.“ Den letzten Satz gab ich nur noch hauchend von mir, denn es war ein Versprechen, für dessen Einhaltung ich nicht garantieren konnte. Wenn sie ihr nicht glaubten, käme sie vielleicht nicht einmal bis zum König durch. Aber andererseits war nicht meine ganze Rasse so barbarisch, wie einige Wenige unter uns … sie würden sie aufnehmen.

Kurz liess ich ihr Zeit zum Verdauen dieser Informationen, ehe ich leise raunte: „Es tut mir leid.“ Meine Stimme klang erschreckend bedrückt. Doch ich hatte keine Zeit, emotional zu werden.

Ohne zu zögern, biss ich mir in mein Handgelenk und presste es dem Mädchen auf den Mund. „Schluck!“, verlangte ich leise und sie gehorchte gierig. Ich bezweifelte, dass sie überhaupt noch wahrnahm, was sie da trank. Sie lag seit Monden im Fieber, hatte kaum zu trinken bekommen und war kurz vorm Verdursten. Und während sie weiter an meinem Handgelenk nuckelte, verlängerte ich meine Fänge, beugte mich zu ihr herab und durchdrang damit vorsichtig die zarte Haut ihres Halses.



Kurz sah ich Sterne. Sie schmeckte absolut köstlich, was nur dadurch gehemmt wurde, dass sie es ganz offensichtlich als abstossend empfand, gebissen zu werden. Sie hatte sich versteift, das Saugen an meinem Handgelenk hatte aufgeört. Nichts, was ich ihr verdenken konnte.

Meine Arme klammerten sich krampfhaft fest um meinen baldigen Abkömmling, während ich ihr mein Vampirgen verabreichte und ihr gleichzeitig auch den letzten Tropfen Blut aussaugte. Zur gleichen Zeit erschlaffte sie vollends in meinen Armen. Jetzt oblag es ganz allein den Göttern, ob sie wieder aufwachen würde. Ob wir als Schützling und Meister kompatibel wären oder nicht. Ich betete darum, denn sie hatte es wahrlich verdient, zu leben.

 

„Wie ich sehe, hat dir meine Blutsklavin gemundet!“, stellte Drego voller Wut fest, als er mich mit meiner Kleinen im Arm vorfand. Die Wunde an meinem Handgelenk war bereits wieder verheilt, sodass nichts auf ihre Verwandlung hindeutete. Ausser vielleicht dem leichten Geruch meines Blutes, der noch in der Luft hing. Anhand der Menge Blut, die meine Kleine aber gerade abgegeben hatte, würde das keinem Vampir auffallen. Der penetrante, süssliche Geruch ihres Blutes schien den ganzen Kerker zu erfüllen. Es wirkte fast schon wie eine Droge.

„Ja, sie schmeckte in der Tat vorzüglich“, antwortete ich auf seinen Wutausbruch hin und grinste selbstgefällig. Sosehr ich meine Rolle hier hasste, so gut war auch meine Fähigkeit zum Schauspiel. Allein die Erinnerung an den Spitznamen, den sie mir gegeben hatte, brachte mich dahingehend zum Grinsen. Grinsebacke. Hätten wir uns unter anderen Umständen getroffen, hätte ich sie dafür ausgekitzelt. Vielleicht hätte ich ihr den Hof gemacht und sie irgendwann, unter ganz anderen Umständen, verwandelt. „Möchtest du sie dann entsorgen? Wenn du sie so lieb hast?“, schlug ich grinsend vor und rückte etwas von dem kleinen, schlaffen Körper ab, sodass er meine Bisswunde gut zusehen bekam.

Man könnte jetzt meinen, einen wütenden Vampir weiter zu provozieren, sei nicht die beste Idee. Aber so formuliert, musste er es fast schon ablehnen.

„Sicher nicht! Du hast den sie leergesoffen, dann kannst du die Leiche auch entsorgen!“, zischte er wütend. „Ich räume dir sicher nicht hinterher, elender Jüngling!“



Ein Jüngling war ich seit geschlagenen Tausend Jahren keiner mehr. Aber das sollte er besser nicht wissen, daher hatte ich mich um einige hundert Jahre jünger vorgestellt und hielt mich in Kämpfen natürlich auch dementsprechend zurück.

„Na schön“, gab ich mit einem leicht angefressenen Unterton von mir und hüpfte innerlich vor Freude, wie gut man das Ego dieses Volltrottels doch manipulieren konnte. Ich packte also meinen kleinen, baldigen Jungvampir unter dem Rücken und den Kniekehlen und brachte sie raus. Auf dem Weg nach draussen begegnete uns niemand und das war auch gut so.

Sie war seit drei Jahren nicht mehr draussen, bemerkte ich plötzlich und dann fiel mir noch etwas ganz anderes, weitaus wichtigeres – nein, immens Wichtiges ein! Sie würde als Jungvampir erwachen! Sie müsste Blut trinken und hatte keine Ahnung, wie man an solches kam, ohne grosses Aufsehen zu erregen! Und, fast noch schlimmer: Sie wäre der Sonne und allen Umwelteinflüssen gleichzeitig ausgesetzt! Sie würde niemanden haben, der ihr das alles erklärte und sie in dieser Zeit umsorgte! Nicht ohne Grund war es verboten, einen Jungvampir zu verstossen! Wen man machte, für den übernahm man auch die Verantwortung! Ich musste gestehen, dass ich in meinen eintausenddreihundertzwölf Jahren noch nie jemanden verwandelt hatte. Ich hatte einfach nie das Bedürfnis dazu verspürt. Und jetzt würde ich sie vollkommen schutzlos und ohne eine Ahnung, was mit ihr passierte, der Welt überlassen. Was, wenn sie in einen Blutrausch geriet? Nicht abwegig für einen Jungvampir ohne jede Anleitung!

Aber mehr konnte ich jetzt nicht mehr tun. Das musste ich akzeptieren. Ich konnte ihr lediglich diese eine Chance geben und hoffen, dass sie eine verdammt diamantene Selbstbeherrschung an den Tag legen würde! Das grundlegende Wissen über unsere Ernährung sollte sie theoretisch haben …

Mit schnellen Schritten lief ich in den Wald hinein. Wenn wir Leichen im Haus fabrizierten, brachten wir diese immer tief in den Wald. Ansonsten würde uns bald schon ein ungeheuerlich ekelhafter Gestank heimsuchen. Immer tiefer drang ich in den Wald ein, sodass niemand sie finden würde, der nicht auch explizit nach ihr suchte. Und das würde keiner. An einem schönen Fleckchen angekommen, fing ich an, zu buddeln. Zwar war das nicht die übliche Vorgehensweise, doch wenn ich sie Dauer der Verwandlung der prallen Sonne aussetzen würde, hätte ich mir den ganzen Spass auch sparen können. Vampire verbrannten zwar nicht in der Sonne, aber für Jungvampire konnte sie doch ziemlich unangenehm werden.



Behutsam legte ich meine Kleine in das flache Loch und besah sie mir noch einmal ganz genau. Ich konnte ihr keine weiteren Hinweise oder dergleichen hinterlassen, denn würden sie oder die Hinweise gefunden werden, flöge ich unweigerlich auf.

Entgeistert klatschte meine Hand auf meine Stirn. „Ich weiss gar nicht, wie du heisst, mein kleines Vampirkind!“, flüsterte ich leise und spürte immer mehr Schuld in mir aufsteigen. Ich hatte sie mir auch nie wirklich angeschaut, fiel mir dann auf. Welche Augenfarbe hatte sie? Ihr Haar war damals beim Überfall schon lang gewesen, doch nun reichten ihr die dunkelbraunen, verfilzten Haare bis über den Po. Bei genauerem Hinsehen konnte man sogar einen leichten Rotstich in dem doch recht glanzlosen Haar erkennen. Ihr Gesicht hatte eine eher schmale Form, was aber auch an den schrecklichen Lebensumständen der letzten Jahre liegen konnte. Ansonsten war ihr Körper war eher klein. Gute zwei Köpfe kleiner als ich. Und absolut abgemagert, sodass sämtliche Knochen stark hervorstachen. Aber auch das war nicht weiter verwunderlich. Zudem trug sie noch immer keine Kleidung am Leib, was sich auf die Schnelle bedauerlicherweise nicht ändern liess.

Sie würde es schon schaffen. Irgendwie.

Seufzend blickte ich sie noch einen Moment an und musste unweigerlich an meine eigene Verwandlung denken. „Es tut mir so leid. Aber nun wird alles besser. Du bekommst eine zweite Chance. Du musst nur durchhalten“, sprach ihr leise zu. Und sehr, sehr schnell, sehr selbstständig werden, dachte ich mir traurig dazu.

Mein Meister hatte mich, wie es sich auch gehörte, einige Jahrhunderte bei sich behalten, mich alles gelehrt, was ich wusste, inklusive eiserner Selbstkontrolle und unzähliger Kampftechniken. Letzteres käme sowieso nicht auf den Ausbildungsplan einer Frau, aber ein Grundwissen in Selbstverteidigung schadete keinem.

Seufzend gab ich ihr noch einen Kuss auf die Stirn und bedeckte dann ihren Körper mit einer dünnen Schicht Erde, der Sonne wegen.

Überlebe. Überlebe, wie du es immer getan hast, meine kleine Vampirtochter. Mit diesem Gedanken drehte ich mich um und kehrte so schnell wie möglich zum Haus meines Auftrags zurück.

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