Kapitel 7 – Verhör
Kapitel 7 – Verhör
Aurelie
Nach einem bedrückend stillen, gemeinsamen Mittagessen mit meinen Zofen trat ich meinen Gang zum Kerker an. Ganz vorbildlich trug ich ein Kleid, heute in blassem Gelb, mit weißen, verschnörkelten Verzierungen. Auf das Korsett hatte ich verzichtet. Jetzt wusste ich immerhin, woher die gestrigen Schmerzen gekommen waren. Und immer, wenn ich wieder daran dachte, kam regelrechte Panik in mir auf. Um meine Brust hatte ich, auf Aurillias Rat hin, Bandagen gelegt. So war der Unterschied noch nicht wirklich nach außen sichtbar. Oder fiel zumindest nicht sofort auf.
Kaldor, der den Vormittag zu meinen Füßen gelegen hatte, durfte nicht mit in den Kerker. Als ich ging, hatte er an der geschlossenen Tür traurig gejault. Aber wenn alles gut lief, würde ich bald wieder in meinen Gemächern sein, könnte mit Kal in den Garten und noch etwas Zeit mit ihm verbringen, fernab der düsteren Gedanken, die mich unablässig heimsuchten. Ich seufzte tief und legte mir ein paar Fragen zurecht, die ich Seibling stellen wollte. Es würde schwer werden, ihn zum Reden zu bringen. Also wäre Folter wohl doch sinnvoll …
Als ich um die Ecke bog, stolperte ich beinahe in Lee hinein. Dieser verneigte sich sogleich. „Majestät. Graf Targes hat mich soeben davon unterrichtet, dass die Wachen wie gewünscht Stellung bezogen haben.“
„Perfekt. Hast du gerade Zeit? Ich wollte gerade in den Kerker.“
„Selbstverständlich. Ich werde Euch begleiten.“ Allerdings blieb er stehen. „Was wollt Ihr machen, wenn er nicht gewillt ist, zu reden?“
Ich biss mir auf die Lippe, doch ich hielt nicht an, drehte mich nicht um und ging rückwärts Schrittes weiter. „Dann werden wir spielen.“
„Spielen?“, erkundigte sich Leeander verwirrt und dachte vermutlich, er habe sich verhört. Er schloss zu mir auf und ging wie üblich einen Schritt hinter mir her.
Ich grummelte. „Leeander, ich will nicht, dass du hinter mir gehst.“ Seine Frage wurde gefliesslich ignoriert.
Er brauchte nur zwei große Schritte zu machen, um neben mich zu kommen. Dann verlangsamte er seinen Schritt wieder und passte sich meinem Tempo an. „Majestät? Was gedenkt Ihr zu tun?“
„Wir halten einen netten Plausch, Lee. Was sonst? Mit einem Gläschen Wein und leckerem Gebäck …“ Ironisch verdrehte ich die Augen. Die Vorstellung, wie Seibling darauf reagieren würde, wenn ich mit Gebäck im Kerker auftauchte, war durchaus amüsant. Aber nicht zielführend.
„Ihr solltet solch eine Befragung nicht auf die leichte Schulter nehmen, Majestät. Daran sind schon gestandene Männer gebrochen. Und es waren nicht immer jene, denen der Schmerz zugefügt wurde.“ Er beschleunigte seine Schritte und stellte sich vor mich. Eindringlich sah er mich an. „Schmerz und Folter zeigen oft eine Seite eines Vampirs, die man nicht sehen sollte. Weder bei sich noch bei dem, der unter Schmerzen schreit, bettelt und sich in die Hose macht. Jemandem bewusst Schmerzen zuzufügen, verändert den eigenen Charakter nachhaltig. Daher meine Frage: Was macht Ihr, wenn er nicht freiwillig redet? Werdet Ihr selbst Hand anlegen wollen oder es mir überlassen, sodass Ihr Euch darauf konzentrieren könnt, die Befragung fortzusetzen?“
Sprachlos und mit leicht offenem Mund stand ich vor ihm. Das Foltern anderer veränderte einen? Ließ einen zerbrechen? Ich schluckte schwer. Dann atmete ich ergeben aus. „Gut, ich werde die Finger von ihm lassen.“ Vermutlich. „Auch wenn es da nichts mehr gibt, was noch zerbrechen könnte“, flüsterte ich leise vor mich hin, lief um ihn herum und ging weiter.
Der restliche Weg bis zum Kerker verbrachten wir schweigend. Vor der dicken Eisentür angelangt, erwarteten uns zwei Wachen. Graf Targes hatte sie, wie befohlen, platziert. Zufrieden hakte ich eine weitere Sorge in meinem Kopf ab. Als ich allerdings vortrat, stellte sich mir eine der Wachen mit gehobenen Augenbrauen in den Weg.
„Was sucht ihr beide hier?“, wollte er schroff wissen.
Lee räusperte sich und setzte an, etwas zu sagen, doch ich hob die Hand und stoppte ihn. „Ich möchte zu Seibling“, erklärte ich sanft. „Lasst mich durch.“ Ich hatte so eine Befürchtung, was jetzt folgte. Und irgendwie freute ich mich darauf.
Die Wache baute sich vor mir auf und stierte mich beinahe nieder. „Verzieh dich Kind! Wir haben strickten Befehl, niemanden durchzulassen!“
Wieder versuchte ich, Lee aufzuhalten, um das Spielchen noch ein wenig weiterzutreiben, doch jetzt ignorierte er meinen Befehl. Als er sich räusperte und ich leicht schmollend über meine Schulter blickte, begegnete er mir mit strengem Blick. Augenverdrehend gab ich ihm die Erlaubnis, den Mann aufzuklären.
„Vor euch steht eure Königin, Aurelie Nayara Athanasia des Geschlechts der Ignis-Robur, Königin und Herrscherin über das Goldene Reich.“
Der Wachmann blickte ungläubig auf mich herab und schien erst tatsächlich Einspruch erheben zu wollen, wurde von seinem Kollegen aber zur Vernunft gebracht. Ein Ellbogen landete in seiner Magengrube, sodass er sich leicht nach vorn beugte. Fast schon einer Verbeugung gleich.
„Aber das …!“, protestierte er zu seinem Kollegen gewandt, wurde aber schlagartig still, als sich Lee erneut zu Wort meldete.
„Und ich bin Leeander, erster General und rechte Hand von König Cyrus aus dem Geschlecht des Ora-Fides.“
Der Soldat blickte zweifelnd zwischen uns hin und her. Allerdings nickte die Wache an seiner Seite bekräftigend. „Ich habe sie auf dem Balkon bei der Krönung gesehen.“
Der zweifelnde Soldat wurde blass. „M…majestät … ich … bei den Göttern, verzeiht!“ Schnell verneigte er sich und auch die andere Wache schloss sich ihm an.
„Wie heißt du?“, fragte ich freundlich.
Die angesprochene Wache jedoch erbleichte, ehe sie stotterte: „Amond, meine Königin. Amond Algeres.“
„Nun, Amond Algeres, ich freue mich, dass ich und mein König solch tüchtige und pflichtbewusste Soldaten in unserem Kommando wissen dürfen.“ Sachte lächelnd nickte ich zur Tür und fragte: „Darf ich dann durch?“
Sofort öffnete Algeres die große, schwere Tür und trat zur Seite. Leeander trat direkt hinter mir ein. Kurz darauf schlug die Tür wieder zu. Noch immer schweigend, stiegen wir die Treppe hinunter und öffneten auch die zweite Tür. Dann lief Lee zu der ersten Zelle und schloss sie auf.
Seibling lag auf einer Pritsche. Als wir eintraten, machte er sich nicht die Mühe, sich zu erheben. Von seinem Urteil würde ich ihn noch nicht in Kenntnis setzen. Solange er noch Hoffnung hatte, sollte ich sie ausnutzen. Denn die Alternative war, ihm mit seiner Familie zu drohen. Und das war unterirdisch.
Etwas unbeholfen sah ich zu Leeander. Er hatte sicherlich schon deutlich mehr Verhöre geführt als ich. Auf meinen Blick hin ging der Grigoroi direkt auf Seibling zu, packte den Vampir am Kragen und zog ihn von der Pritsche, sodass er vor mir auf die Knie ging. „Sie ist immer noch Eure Königin!“ Während Lee mir zunickte, packte er den Vampir mit einer Hand am Nacken, die andere lag auf Seiblings Schulter und drückte diesen erbarmungslos auf die Knie.
Ich legte indessen eine eiserne Maske über mein Gesicht und ließ jegliche Gefühlsregungen erkalten. „Also da wäre einmal das unterschlagene Gold“, fing ich an. „Die Beweise ließen sich ohne großen Aufwand finden. Seibling dein Versteck war wirklich erbärmlich.“ Herablassend betont wirkten die Worte auf ihn wie Zündholz. Er hob den Kopf, blickte mir entgegen, spottete jedoch.
„Nichts habt ihr gefunden. Es gibt kein unterschlagenes Gold. Ich hätte meinen König niemals betrogen!“
Ich ignorierte ihn und fuhr fort. Mit meinen Worten allerdings schockierte ich mich selbst, denn das, was ich sagte, hatte ich so gar nicht geplant. Aber die Worte kamen über meine Lippen, noch ehe ich etwas dagegen hätte tun können. „Meiner Vermutung nach war deine Familie in deine Machenschaften eingeweiht. Entsprechend trifft sie genau so viel Schuld …“ Ich seufzte schwer.
„Nein!“, rief Seibling und versuchte, sich aufzurichten. Allerdings packte Lee noch fester zu, sodass der Vampir keine Chance hatte. Dennoch wehrte er sich nach Leibeskräften und schlug wild um sich. Lee ließ seinen Nacken los und schaffte es, ein Handgelenk Seiblings zu packen. Dieses verdrehte er und drückte es auf seinen Rücken, bis der Gefangene unter Schmerzen aufschrie und sich leicht nach vorn beugte. „Nein! Meine Frau hat damit nichts zu tun! Das ist eine Lüge! Eine verdammte Lüge!“
Ich lächelte sachte. Denn damit hatte er gestanden. „Ach nein? Sag mir“, ich beugte mich näher zu ihm, wohl wissend, dass er sich aus Lees Griff nicht befreien konnte, „wieso sollte ich dir das glauben?“ Glücklicherweise kam er nicht auf die Idee, dass wir das Versteck bei ihm Zuhause noch gar nicht gefunden haben konnten. Dafür hätte die Zeit noch nicht gereicht. Aber hier unten verlor man recht schnell das Zeitgefühl. Damit kannte ich mich aus.
„Weil es eine geheime Vereinbarung zwischen mir und König Alaric war!“
Weil Seibling nun schwieg, packte Lee die Haare des Vampirs und riss seinen Kopf zur Seite. Dabei ließ der Vampir bestimmt ein paar Haare. Zudem war es eine Demütigung, vor einem anderen Vampir oder Grigoroi so sichtbar den Hals zu zeigen. „Weiter!“, verlangte Lee und seine Zähne glitten heraus.
Seibling schluckte, sichtlich erbost. „Ich unterschlug das Gold im Auftrag des Königs! Er füllte seine Schatzkammer damit und als Dank durfte ich mir einen Teil davon nehmen!“
„Und wieso sind die Kassen dann scheinbar, zumindest deinen Aufzeichnungen nach, vollkommen leer?“
Jetzt lachte Seibling auf. Sein Lachen klang schon fast verrückt. „Hat dein Vater dir nie davon erzählt, Kindchen?“
„Der ehemalige König war nicht mein Vater“, erinnerte ich ihn stumpf.
„Deswegen weißt du auch nichts! Dein Vater war ein jämmerlicher Mensch!“ Er lachte wieder. „Der König hat ihm die Kehle herausgerissen und damit die lächerliche Affäre deiner Mutter beendet! Du hast König Alaric immer an die Verfehlungen seiner schwächlichen Schwester erinnert! Deine Mutter war erbärmlich!“
„König Alaric hatte genauso viele Affären. Das ist in unserer Gesellschaft nicht verpönt.“ Ungläubig über seine Einstellung verdrehte ich die Augen. Es war keineswegs so, dass er selbst seiner Gemahlin treu gewesen wäre. „Hören wir auf, um den heißen Brei zu reden. Wo ist das Gold, das Alaric versteckt hat? Und wieso hat er es getan, gehörte es doch schon ihm?“
Statt zu antworten, spuckte Seibling mir vor die Füße. In seinen Augen lag kein Schimmer Respekt für mich. Und das ungeachtet dessen, dass meine Vermählung mit Ashur geplant war! Ich wäre so oder so seine Königin geworden! Aber erwachsen …
Das brachte mich auf eine Idee, sodass ich begann, diabolisch zu grinsen. „Gut. Wenn wir sowieso nichts aus ihm herausbekommen, dann darf ich jetzt sicher mit ihm spielen, nicht Leeander? Ich hole schnell das Spielzeug!“ Gespielt vorfreudig, hopste ich auf und ab und klatschte in die Hände. Dazu giggelte ich aufgeregt. Na, wenn das nicht einmal wahnsinnig wirkte. Wahnsinnig kindisch. Aber das wollte Seibling ja. Er war fest überzeugt, ich wäre bloß ein Kind. Also würde ich jetzt … spielen. Wie ein Kind. Ich drehte mich hüpfend um und verschwand im Gang, in dem auch Ashur immer verschwunden war, um sein Werkzeug zu holen. Es waren nur wenige Schritte, die ich gehen musste. Weiter in die Dunkelheit hinein. Und mit jedem Schritt wurde mir mulmiger zumute. Denn mit jedem Schritt kam ich Ashurs Zelle näher. Lee hatte mich nicht aufgehalten. Also war Ashur vermutlich stark genug geschwächt. Sonst hätte er mich nicht alleine nach hier hinten gehen lassen.
Kaum war ich außer Seiblings Sicht, hörte mein Hüpfen auf und meine künstlich angehobenen Wangen sackten herab. Es fiel mir unglaublich schwer, hier unten einen auf unbeschwert zu machen. Trotzdem hielt ich meinen Schritt zackig. Seibling war durchaus noch in der Lage, mich zu hören. Und ich durfte keinesfalls unsicher wirken. Nicht in dieser Situation, in der ich alles auf eine Karte setzte. Er musste an meine Naivität und Dummheit glauben. Er musste denken, dass ich sein Leben als ein Spiel sähe und seinen Körper als eine Puppe, mit der ich spielen konnte. Ein grausiger Gedanke. Welches Kind hätte das Bedürfnis, mit einem Leben zu spielen? Aber so wie er mich sah … das verwöhnte, kleine Ding, das auf den Thron gesetzt worden war, ohne jegliche Berechtigung dazu …
Vor der letzten Zelle blieb ich wie angewurzelt stehen. Die Tür war offen. Offen! Ashur war …
Um nicht laut, erschrocken aufzuschreien, schlug ich mir schnell die Hand vor den Mund. Er war weg. Meine Augen wurden groß, als ich die Bedeutung dessen verstand. Ashur war weg und der König, ohne mir Bescheid zu sagen, ausgeritten. Mit seinen besten Leuten. Seinen engsten Vertrauten aber ließ er bei mir! Schwer atmete ich aus, langsam und kontrolliert. Dann kam mir aber noch ein anderer Gedanke. Was, wenn Ashur erst nach Cyrus‘ Aufbruch entkommen war und mein Gemahl aus einem anderen Grund gegangen war? Dann wäre das meine Schuld. Dann würde mich der König dafür bestrafen! Ich schluckte und schloss einen kurzen Moment die Augen. Ich hatte jetzt etwas zu tun. Es war wichtig, das Gold zu finden. Ohne konnten wir kein Königreich führen. Und sollte Ashur jetzt in diesem Moment frei im Schloss herumschleichen … könnte ich sowieso nichts dagegen tun. Nur Leeander als Leibwache würde Ashur nicht aufhalten, wenn er mich holen wollte.
Ich ging weiter und stand wenige Schritte später vor den Folterinstrumenten. Sachte hielt ich meine Hand über ihnen, nicht wissend, zu welchem ich greifen sollte. Von jedem Einzelnen kannte ich … diverse … Anwendungsmöglichkeiten. Zange, Peitsche, Messer und dann waren da noch größere Utensilien. Ein Schraubstock, mit dem man Leuten den Kopf zerquetschen konnte, bis die Gehirnmasse herausquoll. Oder ganz kleine, spitze Nadeln. Einmal hatte Ashur mir damit gedroht, sie mir in die Augen zu stechen.
Unversehens begann meine Hand zu zittern und mein Atem kam nur noch stoßweise. Er hatte mir so viele Möglichkeiten zur Folter gezeigt. Und mich so unglaublich viele davon spüren lassen. Kurzerhand griff ich nach einer Peitsche ohne Widerhaken und einem kleinen Dolch. Peitschen mit Widerhaken würde ich noch nicht einmal meinem ärgsten Feind wünschen. Normale Peitschen taten ihren Dienst ebenso. Nur wurde es nicht so schnell blutig.
Noch einmal atmete ich tief durch, ehe ich wieder in einen gekünstelten, leicht hüpfenden Schritt verfiel und damit begann, eine Melodie vor mich hinzusummen. Etwas Glückliches, etwas, was die Düsternis hier unten zumindest ein klein wenig vertreiben sollte.
Lee hob die Augenbrauen, als er mich so sah und legte leicht den Kopf schief. Allerdings sagte er nichts zu meinem Verhalten. Seibling hingegen reagierte heftiger. Er versuchte, sich aus Lees Griff zu befreien, die Augen geweitet. Allerdings war der Vampir wesentlich schwächer als der Grigoroi, mit dem er es zu tun hatte. Langsam stand Lee auf und sah sich um. Dann bugsierte er Seibling in die Mitte des kleinen Raumes, wo ein Haken mit einer Kette hing. Nach dieser Kette griff Lee, allerdings schaffte Seibling es in diesem Moment, Leeanders Kontrolle zu entfliehen. Fauchend stellte sich Lee in Vampirgeschwindigkeit zwischen den geschwächten Seibling und mich, und fauchte. „Soll ich ihn für einen Moment ins Land der Träume schicken?“
Ich zog eine Schnute. „Aber dann muss ich damit warten!“, schmollte ich und hob die beiden Instrumente hoch. „Aber ja.“ Ich seufzte theatralisch. „Wenn er sich nicht benehmen kann …“
Es entstand ein kurzer Kampf, indem Lee den Vampir niederdrückte. Dann schlug er ihm mit voller Wucht gegen die Schläfe und kurz darauf sackte Seibling in sich zusammen.
Lee richtete sich wieder auf und schnaufte. „Ich hole eben Seile und Wasser, um ihn wieder aufzuwecken. Braucht Ihr noch etwas?“
„Nein“, entgegnete ich, nun wieder in meiner normalen Stimmlage. „Oder, doch“, revidierte ich. „Wo bei den Göttern ist Ashur?!“
Für einen Moment traten Leeanders Wangenknochen hervor, als er die Kiefer zusammenpresste. Dann atmete er langsam aus, obwohl er gar nicht mehr zu atmen brauchte. „Wir wissen es nicht. Der König ist aufgebrochen, um ihn zu finden und zu richten.“ Sein Blick glitt kurz über den bewusstlosen Seibling. „Niemand weiß, dass Ashur noch lebt und niemand weiß, dass er fliehen konnte. Und dennoch hatte er offenbar Hilfe. Daher sind Elok und ich hier.“
„Da gab es sehr wohl einige, die das wussten.“ Bei den anderen Fürsten fing es an. Carina hatte sich ebenfalls im Saal befunden, als die Übernahme stattgefunden hatte. Und jeder einzelne Sklave hatte ebenfalls gesehen, dass Ashur nicht sofort umgebracht worden war. Sie konnten zwar nicht wissen, ob er jetzt noch lebte, aber es war kein Geheimnis, dass er nicht mit dem Rest der königlichen Familie in den Tod gegangen war. Ich winkte ihm zu. „Hol das Zeug.“ Ich trat indessen aus der Zelle und schloss sie vorsichtshalber wieder ab. Nicht, dass Seibling noch zu früh wieder zu Sinnen kam.
Es dauerte nicht lange, da kam Leeander wieder zurück. Er trug einen Eimer Wasser und hatte sich ein großes, aufgewickeltes Seil auf seine Schultern gelegt. Wortlos trat er neben mich und nickte knapp. Ich öffnete die Zelle und Lee machte sich sofort daran, Seibling zu fesseln. Kurz darauf hing dieser, an seinen Handgelenken gefesselt, von der Decke. Die Füße berührten kaum den Boden. „Soll ich ihn wecken?“ Lee griff nach dem Eimer und sah mich abwartend an.
„Dir ist klar, dass ich das spiele, ja?“ Ich konnte es nicht gebrauchen, wenn jetzt auch noch Lee das Vertrauen zu mir verlor.
„Natürlich, Eure Majestät. Auch wenn ich es zu stark aufgesetzt finde. Aber wenn es hilft, Seibling zum Reden zu bringen, habe ich keine Einwände. Gebt mir einfach ein Zeichen, wenn Ihr meine Hilfe benötigt.“ Er betrachtete mich noch kurz, dann holte er mit dem Eimer aus und kippte ihn in Seiblings Gesicht und auf dessen Oberkörper.
Der Angekettete wachte prustend auf. Einige Male blinzelte er unkontrolliert, ehe er seinen Blick finster auf mich richtete. Vor meinen Füßen spuckte er aus. „Und jetzt? Will mich ein Kind für Informationen foltern?“ Er lachte höhnisch auf.
Mein Gesicht, in welchem vor kurzem noch purer Ernst gestanden hatte, begann langsam aber sicher wieder ein breites Grinsen aufzusetzen. „Weißt du, es ist schon interessant …“ Ich ging in die Hocke und griff nach dem Messer. „Die Vorbereitung darauf, Königin zu sein, ist ziemlich lasch ausgefallen.“
Er lachte höhnisch auf und beleidigte mich erneut, was Lee zu einem warnenden Knurren verleitete.
„Aber ausgebildet wurde ich.“ Sachte strich ich über die Klinge. „Wunderschön, nicht? Und so wunderbar mannigfaltig. Man kann damit schneiden, sicher, aber das ist so unkreativ. Kleinere Gliedmaßen lassen sich damit wunderbar abtrennen.“ Überlegend biss ich mir auf die Lippe. „Vielleicht … ein Finger? Oder … oh, wie wäre es mit deiner Männlichkeit? Die brauchst du ja nicht mehr …“ Hätte ich über meine Worte nachgedacht, wäre mir wohl selbst schlecht geworden. Aber das tat ich nicht. Ich redete nur genauso, wie Ashur es immer getan hatte. Er fand etwas, an dem ich hing, und bedrohte es. Und etwas, woran zweifellos jeder Mann hing, war das Körperteil, mit dem er sich die größte Lust verschaffte. Vampire waren süchtig nach sexueller Befriedigung. Ein männlicher Vampir ohne sein Glied wäre …
Seibling zappelte wild, sodass Lee hinter ihn trat und seine Hände auf dessen Hüften legte, sodass der Vampir nicht mehr groß ausweichen konnte.
„Hm …“ Ich ging auf ihn zu und zerschnitt langsam sein Oberteil. Ich war nicht besonders vorsichtig. Noch ehe das Gewand ganz durchgeschnitten war, rann ein kleines Rinnsal Blut zu seinen Lenden hinunter. Meine Augen folgten dem Blut und der Geruch drang mir in meine Nase, deren Flügel sich augenblicklich begehrend weiteten. Meine Zunge schnellte heraus und benetzte meine Lippen.
Lee schossen bei diesem Geruch sofort wieder die Fangzähne heraus.
Prüfend sah ich Seibling ins Gesicht. Und seufzte. „Also … wenn du redest, muss ich aufhören. So läuft das Spiel halt.“ Wieder setzte ich ein Grinsen auf, das selbst dem niederträchtigsten Vampir noch das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen. „Aber ganz inoffiziell bitte ich dich … lass mir doch meinen Spaß, ja?“
„Was willst du wissen, Kind?“ Den Blick bangend auf seine Lenden gerichtet, fauchte der Vampir laut und zog an seinen Fesseln. Was allerdings absolut nichts brachte.
„Das weißt du. Ich habe dir meine Fragen bereits gestellt.“ Ich ging näher auf ihn zu und ließ das kalte Metall seine Haut streifen. Langsam fuhr ich damit von seiner Brust hinunter zu seinem Bauchnabel und weiter, bis zum Bund seiner Hose. Seine Brust hob und senkte sich schnell und immer schneller. Je mehr Zeit ich mir ließ, desto schwerer atmete der Vampir; bei seinem Herzen musste es gleich sein.
Er fauchte. „Die weiß ich doch gar nicht mehr!“, schrie er panisch. Und im nächsten Moment roch es unangenehm. Seine Hose verfärbte sich am Schritt dunkel und wurde nass.
„Ugh! Wie eklig!“, rief ich verächtlich und hielt mir die Hand vor den Mund. Dabei stank es hier unten sowieso schon fürchterlich. „Du sollst mir sagen, wo das viele Gold ist, Schwachkopf! Und wieso der ehemalige König es versteckt hat!“ Ich hielt ihm mein Messer an die Kehle, woraufhin seine Fangzähne herausschossen. Kleine, krumme Dinger. Er fauchte. Ich stöhnte.
„Meine Güte …“, murmelte ich. Ich selbst war mein Spiel mittlerweile mehr als leid. Obwohl es eigentlich ganz gut funktionierte. „Leeander, ich denke“, ich führte das Messer an die Seite von Seiblings Hals, „unser Gast vertrüge einen kleinen Aderlass. Hast du Hunger?“ Leicht ritzte ich Seiblings Hals auf, sodass nun auch von dort ein dünnes Rinnsal Blut herausfloss.
Seibling fauchte. Lee leckte sich unterbewusst über die Lippen und ich unterdrückte mühselig ein Stöhnen. Denn in Wahrheit wollte ich es selbst trinken. Aber was würde passieren? Ich würde mich übergeben.
„Ich weiß es nicht!“, rief Seibling panisch. Was für ein Weichei. Ich hatte ihm noch nicht einmal wirklich Schmerzen bereitet.
In dem Moment rammte Leeander schon seine Fänge in den Hals des Vampirs und begann zu trinken. Und ich konnte mit einer ungesunden Faszination beobachten, wie Leeanders Adamsapfel auf und ab hüpfte.
„Ich weiß nicht, warum der König das Gold versteckt hat!“ Seibling stockte. Der Mann hatte soeben auch den Rest seines Stolzes verloren. Denn was könnte für einen Vampir schlimmer sein, als sein Blut unwillig an einen niederen Diener geben zu müssen? Krächzend und heulend meinte er schließlich: „Er sprach nur von einer Schatzkammer. Einer geheimen!“





































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