Kapitel 71 – Wo ist Aurelie?
Kapitel 71 – Wo ist Aurelie?
Cyrus
Es fiel mir schwer, meinen Blick von Leeanders Grab abzuwenden. Die Erde hatte sich mittlerweile etwas gesetzt und türmte sich nicht mehr so hoch auf. Bald würde das Grab komplett ebenerdig sein und nur noch sein Grabstein seinen letzten Ruheort zeigen.
Tränen brannten in meinen Augen, weswegen ich den Blick hob. Ich wollte sie nicht fallen lassen. Die untergehende Sonne strahlte die Baumwipfel an. Hinter den Bäumen lag der See. Sofort sah ich Aurelie vor mir, die im Wasser stand. Der dünne Stoff klebte ihr am Körper und hob ihre Brüste hervor. Der Kuss …, das Verlangen nach mehr.
Bewusst langsam atmete ich aus, wandte mich vom Fenster ab und ging in den Speisesaal. Das Essen war ohne Gesellschaft nur noch reine Pflichterfüllung, um bei Kräften zu bleiben. Es schmeckte längst nicht mehr so gut. Immer wieder sah ich auf den Platz rechts neben mir. Aurelie fehlte. Ihre Stimme, ihre wunderschönen Augen. Selbst, wenn sie mir nur Hass und Ablehnung entgegenbrachte. Andererseits konnte ich auf ihre Gefühle nicht ewig Rücksicht nehmen. Wir brauchten ein Kind.
Während der Taufe hatte ich geglaubt, auch Aurelie würde der Gedanke gefallen, ein eigenes Kind in den Armen zu halten. Nun, Hauptsache, es wäre nicht meines. Dessen war ich mir sicher. Die Idee, unser Blut erst in der nächsten Generation zu vermischen, kam mir wieder in den Sinn. Ob die Nachfahren der Ignis-Robur deshalb immer Geschwister miteinander verheiratet hatten? Es war bekannt, dass sie das Blut reinhalten wollten.
Nachdem ich genug gegessen hatte, ging ich in meine Gemächer, um mich umzuziehen. Danach machte ich mich auf den Weg in den Harem. Die Frauen saßen im Wohnzimmer und nähten Kleider. Dabei hatte erst kürzlich jede von ihnen zwei neue Kleider erhalten. Wahrscheinlich hatte Timm in weiser Voraussicht ein paar Ballen Stoffe dazu bestellt. So waren die Frauen wenigstens beschäftigt.
Aurelie sah ich nicht unter ihnen, was mich nicht wunderte. Sie schien nur zu der Jüngsten ein gutes Verhältnis zu haben und hatte sich wahrscheinlich wieder in dem Schlafzimmer verkrochen, das die beiden sich teilten.
Ines und Fenna ließen ihre Sachen sofort liegen und eilten auf mich zu. Auch Tarischa gesellte sich dazu. Bevor ich etwas sagen konnte, wurde ich in eines der Schlafzimmer gezerrt. Weiche, geschmeidige Körper pressten sich an mich, sodass wir uns bald schon von unserer Lust treiben ließen. Längst wusste ich nicht mehr, wen ich küsste oder in wessen Schoß ich stieß. Wenn ich die Augen schloss, stand ich mit Aurelie im See. Sie war es, die ich küsste, in der ich mich versenkte.
Mitten in der Nacht verließ ich den Harem wieder. Am nächsten Tag wies ich Irina an, dass sie für Aurelie ein Ballkleid zurechtlegen und ein heißes Bad bereiten sollte. Gegen Mittag würde Aurelie aus dem Harem geholt und fertig gemacht werden. Unser erster, gemeinsamer Ball. Jedoch war er nur ein Mittel zum Zweck und keine Gelegenheit, bei der wir uns gar amüsiert hätten.
Ich sah auf die Liste mit den Namen. Herzog Lelier hatte Wort gehalten und mir die Namen der Aufständischen gegeben, die eine wichtige Rolle zu spielen hatten. Einige von ihnen würden auch auf dem Ball sein. Meine Grigoroi waren bereits instruiert, diese Vampire ganz besonders im Auge zu behalten. Zwar waren Grigoroi auf Bällen unerwünscht, aber man hatte sich meinem Wunsch nach eigenen Wachen beugen müssen.
Mir fehlten vier Grigoroi. Leeander, die Zwillinge und Elok. Er war immer noch nicht zurück und mittlerweile musste ich mich wohl oder übel der Wahrheit stellen. Er war bei der Suche nach dem Anführer der Aufständischen gestorben.
„Cyrus“ Timm deutete auf mein Schlafzimmer. „Es ist Zeit. Die Königin ist beinahe fertig und du musst dich noch umziehen.“
Ich nickte langsam und machte mich ebenfalls fertig. Eine Übernachtung war nicht geplant. Wir würden mitten in der Nacht zurückkehren, immerhin war der Ball nur eine Stunde entfernt.
Wenig später standen wir vor der Kutsche. Aurelie kam soeben in Begleitung von Irina auf mich zu. Sie trug ein dunkelrotes Kleid aus Brokat und Seide. Der Ausschnitt betonte ihre vollen Brüste und ließ mich schwer schlucken. Sie sah atemberaubend aus.
„Meine Königin“, begrüßte ich und reichte ihr die Hand, um ihr in die Kutsche zu helfen. Galderon saß auf dem Kutschbock und Timm stand noch neben mir. Er würde ihm Schloss bleiben. Die anderen Grigoroi saßen schon auf ihren Pferden und waren bereit, die Kutsche zu eskortieren.
„Mein König.“ Aurelie knickste leicht, griff nach meiner Hand und ließ sich in die Kutsche helfen. Ihre Wangen waren gerötet. War sie beschämt? In der Kutsche setzte sie sich wortlos hin und schaute konzentriert auf die gegenüberliegende Wand. Als ob sie sich größte Mühe dabei gab, mich nicht noch einmal anzusehen.
Ich stieg ebenfalls ein. Timmok schloss die Tür, kurz darauf setzte sich die Kutsche in Bewegung. Mein Blick huschte über Aurelie. Der Rock war ausladend. Ich hasste es, wenn meine Beine gegen so viele Schichten Stoff ankämpfen mussten. Zum Glück trug sie keinen Reifrock. „Heute ist der erste Ball. Ich habe leider nicht so oft mit dir das Tanzen geübt, wie ich es gern gehabt hätte. Aber es wird schon funktionieren. Wir machen einen Tanz und mehr nicht.“
„Verstanden, Majestät“, sagte sie angespannt und entschied sich, ihren Blick nach draußen zu richten.
„Trägst du den Dolch?“ Ich lehnte mich zu ihr vor. Ich hätte schwören können, in diesem Moment wurden ihre Wangen noch etwas rosiger. Zweifellos dachte sie daran, wie ich ihn ihr das erste Mal umgeschnallt hatte.
„Ja, Majestät. Danke dafür.“
Ich verkniff mir die Frage, ob ich prüfen durfte, ob er richtig saß. Es würde bloß dazu führen, dass ich die nächste Stunde mit einer harten Beule in der Hose sitzen würde. Daher lenkte ich das Gespräch auf das, was vor uns lag.
„Wenn wir nachher die Gastgeber begrüßen, werden wir direkt im Anschluss tanzen. Der perfekte Zeitpunkt, um jedem zu zeigen, dass du nun erwachsen bist.“ Ich machte eine kurze Pause. „Wir werden unsere Zähne zeigen, als Zeichen unserer Macht und Stellung als König und Königin.“
Als wollte sie Widerspruch erheben, öffnete sich ihr Mund. Doch im Endeffekt kam lediglich erneut ein „Ja, Majestät“, heraus.
„Gut. Danach werden wir nicht mehr tanzen. Ich werde die Zeit nutzen, um mit verschiedenen Männern zu reden. Du darfst dich anschließen oder das Buffet plündern. Aber du bleibst in Sichtweite! Verstanden?“
„Verstanden.“
Wir schwiegen den Rest der Kutschfahrt. Jedoch fiel es mir schwer, mich auf den Abend zu konzentrieren, denn mir stieg ein verführerischer Duft in die Nase, der meine Fangzähne dazu brachte, ausfahren zu wollen. Nur mit höchster Konzentration schaffte ich es, den Geruch auszublenden. Ich öffnete eines der kleinen Schiebefenster. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Aurelie auf dem Polster immer wieder unbehaglich hin und her rutschte.
Die Kutsche hielt. Einen kurzen Moment später wurde die Tür geöffnet. Ein Knurren unterdrückend, stieg ich aus. Mein Schwanz war knüppelhart und drückte schmerzhaft gegen die enge Stoffhose. Nur kurz warf ich einen skeptischen Blick nach unten. Dank der Gürtel fiel es nicht so sehr auf. Hoffte ich. Aber tanzen würde damit zu einer Qual werden. Tief durchatmend, wandte ich mich um und reichte Aurelie meine Hand. Dieser Geruch …! Schnell öffnete ich den Mund und atmete möglichst flach.
Ihre Miene war verbissen, als sie nach meiner Hand griff und sich aus dem Gefährt helfen ließ. Zwei Diener in bunter Livree warteten am Eingang auf uns. Ich straffte mich. Selbst die Schritte bis zur Freitreppe würden mehr als unangenehm werden.
„Hör auf damit!“, zischte ich leise. Meine Fangzähne schmerzten bereits, weil sie sich unbedingt herausdrücken wollten.
„Ich mache doch gar nichts!“, zischte sie zurück und klammerte sich an meinen Arm, als ein Schauder über sie hinweg rollte.
„Ja, schieb die Schuld nur auf mich, dass du die letzten Wochen nicht gefickt wurdest und dein Körper nun regelrecht danach duftet, dass du einen harten Schwanz in deinem Schoß spüren willst!“, knurrte ich. War sie kurz vor dem Eisprung? Auch dann roch eine Frau verführerisch. Aber der Duft, den Aurelie versprühte, war um ein Vielfaches intensiver! Und sinnlicher!
„Das tue ich nicht!“, entgegnete sie empört und atmete tief durch. „Reiß dich gefälligst zusammen!“, verlangte sie und deutete auf die Beule bei meinen Lenden.
„Oh, du hast ja gar keine Ahnung, was du da verlangst …“ Jeder verdammte Vampir auf dem Ball würde es riechen und ihr hinterherlaufen, als wäre sie eine läufige Hündin.
Wir gingen auf den Eingang zu. Jeder Schritt schmerzte und erregte mich zugleich. Sehr zu meinem Bedauern schwoll das Problem zwischen meinen Beinen nicht ab, sondern wurde noch größer.
Wir begrüßten die Gastgeber, die auf einer Empore standen. Der Ballsaal war riesig, aber ich verschwendete keinen Blick auf die Dekoration. Meine Grigoroi hatten sich unauffällig verteilt und die Gäste hielten genügend Abstand. Dennoch fiel es mir schwer, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Wie in Trance trat ich mit Aurelie an den Rand des Geländers, hob ihre Hand und sah zu den Gästen hinunter. Endlich erlaubte ich meinen schmerzenden Zähnen, ihrem Urinstinkt nachzugeben. Beinahe hätte ich aufgestöhnt, als sie herausglitten. Ich wandte mich Aurelie zu und hob ihre Hand an meine Lippen. Dabei ging mein Blick zu ihrem Mund, um ihre Fänge zu sehen. Schön, lang, absolut verführerisch. Ihre Fänge waren die eines mächtigen Vampirs. Ich hatte es ihr nie gesagt, und das würde ich auch nie, aber allein ihre Fangzähne troffen vor Macht und ließen jeden Vampir in Sichtweite wissen, dass man sich mit ihr besser nicht anlegen sollte.
Aurelie knickste elegant. Dann wandten wir uns beide wieder unserem Volk zu, die Gesichter zu Masken verzogen, geflochten aus Schein und Trug. Wir sahen aus wie das perfekte Paar. Stolz an der Seite des anderen stehend, gemeinsam regierend, so wie die Götter es ursprünglich gewollt hatten. Zusätzlich verkörperten wir – sehr zu meinem Leidwesen – den Inbegriff von vampirischer Sexualität. Meine Beule groß, ihre Nippel spitz, wie ich problemlos durch den Stoff sehen konnte. Zu diesem Kleid trug sie lediglich ein Taillen-Korsett. Doch wohl am schlimmsten war ihr Geruch, der geradezu darum bettelte, bestiegen und begattet zu werden.
Durch den Mund atmen!, rief ich mir in Erinnerung und führte sie zur Tanzfläche. Die Musik erklang, ich verbeugte mich, sie knickste erneut und wir drehten uns im Takt der Musik. Immer wieder glitten meine Augen an Aurelie vorbei. Mehr als ein Mann atmete gierig durch die Nase ein und leckte sich dann lüstern über die Lippen.
Aurelie bewegte sich wie eine wahre Königin. Ihre Schritte waren perfekt und anmutig. Ihr ganzer Körper strahlte eine überirdische Eleganz aus, sodass es beinahe unmöglich war, den Blick von ihr abzuwenden.
Die letzten Töne klangen nach und ich verbeugte mich wieder, Aurelie knickste. „Danke für diesen Tanz“, murmelte ich und führte sie von der Tanzfläche. Jeden Schritt, den wir durch die Menge gingen, verfolgten uns die Blicke. Nicht nur Männer, tatsächlich. Auch Frauen warfen uns lüsterne Blicke zu. Schlussendlich fühlte ich mich, als wäre ich in einem Freudenhaus, umgeben von lustgetränkten Blicken. Ich musste mir in Erinnerung rufen, dass dies hier ein gesellschaftlicher Anlass von großer Wichtigkeit war. Heute war Aurelies erster öffentlicher Auftritt, seitdem sie ihre Reife hinter sich gebracht hatte.
Ich entdeckte Herzog und Herzogin Lelier und steuerte direkt auf sie zu. Sie knickste und er verbeugte sich galant.
„Schön, euch hier anzutreffen“, begrüßte ich sie.
„Wie geht es Eurem Sohn?“, erkundigte sich Aurelie.
„Er ist ein Sonnenschein“, entgegnete die Herzogin lächelnd. „Es sei denn, er muss ins Bett.“
Wir entfernten uns noch ein paar Schritte weiter, bis wir am Rand standen. Dann wandte sich der Herzog an mich. „Ich war so frei und ließ mir eine Abschrift der letzten Audienz geben.“ Ich nickte und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, weiterzureden. „Es gibt da eine Frau, die Ehemann und Kinder verlor. Ich möchte sie aufsuchen und meine Unterstützung anbieten.“
Aurelies und mein Blick trafen sich. „Tyra“, murmelte sie leise.
Der Herzog wollte ausgerechnet Tyra um Hilfe bitten, das Frauenhaus zu leiten. Es würde schwierig werden, mit ihr zu reden, dennoch war die Idee gut. Also bot ich an, den Herzog zu begleiten, wenn er mit Tyra reden wollte. Ob der Junge noch bei ihr war? Oder war er abgehauen und raubte wieder anständige Bürger aus?
Abrupt wurde ich aus meinen Gedanken gerissen, als die Herzogin fragte, ob wir zusammen den nächsten Tanz tanzen wollten. Obwohl mir nicht danach war, stimmte ich zu, sodass ich kurz darauf mit der Herzogin auf der Tanzfläche stand. Noch während des Tanzes ging mein Blick zur Tafel. Der nächste wäre ein Reihentanz. Nach jeder Strophe wurde die Frau eins nach rechts gereicht. So würde Aurelie ihren Duft im ganzen Ballsaal verteilen. Na, wunderbar.
Kaum hatte ich den Tanz mit der Herzogin beendet, führte Lelier Aurelie bereits zu mir, um seine eigene Frau wieder abzuholen. Während wir einen Moment beisammenstanden, bis alle Paare sich gefunden hatten, ging ich mit Aurelie die Schritte durch. Drehung, aufeinander zu, voneinander weg, eine Mühle, aufeinander zu, voneinander weg, eine Drehung der Dame nach rechts zum neuen Partner. Und alles wieder von vorn.
Aurelie nickte. Die Schritte kannte sie sicherlich, wenn auch nur in der Theorie. Dennoch war ich nervös, denn diesen Tanz hatten wir nicht miteinander geübt.
Die Musik setzte ein. Die Männer standen den Frauen gegenüber. Ich verbeugte mich, Aurelie knickste. Die folgende Drehung ihrerseits war perfekt. Wie selbstverständlich griff sie nach meiner Hand, wir bewegten uns aufeinander zu …
Für den Moment vergaß ich alles um mich herum und sah ihr sehnsüchtig nach, als sie nach der letzten Drehung vor Herzog Lelier stand. Auch vor mir stand eine neue Dame und der Tanz ging weiter. Immer weiter, bis Herzogin Lelier vor mir stand. Mein Blick ging zur Seite. Gleich wäre Aurelie wieder vor mir. Die letzte Strophe würde erklingen.
Doch als ich die Herzogin nach rechts weiter reichte, stand nicht Aurelie vor mir. Die ältere Frau war offenbar ebenso überrascht wie ich, ließ sich jedoch nichts weiter anmerken und tanzte den Tanz mit mir zu Ende. Als die Musik endete, knickste sie tief. Dann sah sie nach links, zu ihrem Partner.
Meine Gedanken setzten aus. Wo, verdammt noch mal, war Aurelie?


































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