Kapitel 9 – Ignis-Robur
Kapitel 9 – Ignis-Robur
Aurelie
Wäre es wirklich so schlimm, von ihm schwanger zu werden? Das dachte ich mir, während ich ihn auf mich zukommen sah. Seine Hüfte schwang hin und her, und auch noch etwas anderes schwang da bei seinen Lenden herum und fing sowohl meinen Blick als auch meine Aufmerksamkeit. Das muskulöse Dreieck, welches sich unten an seinem Bauch abzeichnete, machte mich sofort wieder bereit für ihn. Insbesondere, als er sich dann über mich lehnte. Seine Muskeln spannten sich an; am liebsten hätte ich ihn wieder berührt.
Also wenn ich mich von ihm begatten ließe … dann wäre da einmal der Vorteil, dass ich mit ihm das Bett teilen könnte, ganz egal wie oft, wo und wann. Und ich könnte seinen Samen in mir aufnehmen, ganz so wie es meinen Körper danach verlangte. Ob ich auch in andere Umstände geriete, wenn ich ihn mit meinem Mund verwöhnte?
Bei den Grigoroi damals war das damals irgendwie anders. Es hatte nicht gut geschmeckt und erst recht keinen Spaß gemacht. Aber Cyrus schmeckte gut. Er schmeckte verflucht gut! Die weiße Flüssigkeit auf meinem Bauch, die er gerade dabei war wegzuwischen; das war es also, was ein Kind in mir machen würde?
Der Nachteil, sollte ich wirklich sein Kind tragen: Meine Tage wären gezählt. Was ein ziemlich großer Nachteil war. War es nicht möglich, ein Mittelmaß zu finden? Er hatte nicht abgeneigt gewirkt, als er mir von meiner Idee berichtet hatte, dass ich mit Gilead und ihm … er hatte nicht abgeneigt gewirkt. Und auch nicht wütend.
„Aurelie?“
„Hm?“ Hatte er etwas gesagt? Wieso legte er sich nicht einfach wieder zu mir? Mir war nach Kuscheln.
„Was geht in deinem Kopf vor? Warum siehst du mich so an?“
Träge rekelte ich mich im Bett. „Wie sehe ich dich denn an?“, seufzte ich.
„Wenn ich es deuten könnte, hätte ich diese Frage nicht gestellt.“ Er warf das Tuch weg, legte sich wieder zu mir und nahm mich in seine Arme. „Was hältst du davon, wenn wir bis zur Reitstunde im Bett bleiben?“
Ich legte mich zur Hälfte auf ihn und bettete meinen Kopf auf seine Brust. „Davon halte ich sehr viel.“ Seine Hände fanden meinen Rücken und streichelten sanft darüber. Schwer spürte ich seinen Atem auf meinen Schultern. „Du … hast gesagt, ich hätte Gilead geküsst …?“ Gespannt wartete ich auf seine Reaktion.
„Ein leichter, unschuldiger Kuss nur“, entgegnete er. „Du findest ihn attraktiv.“
„Und du findest das in Ordnung? Also hat es dich nicht gestört?“ Götter, ich wünschte, ich könnte mich an den Abend erinnern! Das aus Cyrus‘ Mund zu erfahren, war alles so abwegig.
„Nein, gar nicht. Seine Statur ist durchaus ansprechend. Mir gefällt allerdings längeres Haar, an dem ich ziehen kann, wenn mir danach ist.“ Er lachte leise, sodass die Vibration durch seinen Körpe direkt in meinen überging. „Ich war schon mit mehreren Frauen zeitgleich im Bett. Aber auch, wenn eine Frau auf mehrere Männer Lust hatte, habe ich mich gerne darauf eingelassen. Ich komme mit beiden Geschlechtern aus. Beide haben ihren Reiz. Vor allem, wenn mehrere Personen im Spiel sind.“
„Also … würde es dich nicht stören …, wenn wir …“
„Nun, erst solltest du das mit ihm klären. Ich denke nicht, dass er dem zustimmt. Und er darf dich nur nehmen, wenn ich dabei bin.“
Es klopfte an der Tür. Timm brachte ein Tablett mit vielen kleinen Häppchen, das er neben uns auf dem Bett abstellte.
„Danke, Timm. Gib Bescheid, wenn der Reitunterricht anfängt.“
Der Grigoroi nickte und verschwand. Dabei hatte er meinem nackten Ich keinen einzigen Blick zugeworfen, was mich erleichtert aufatmen ließ.
Doch meine Gedanken brachten mich schnell zum vorherigen Thema zurück. Ob es eine gute Idee war oder nicht, ich wollte das jetzt wissen! „Wieso sollte er ablehnen? Etwa, weil er dich nicht mag? Dabei könnte er seine Königin penetrieren, das mögen doch alle Männer?“
„Es geht dabei vor allem um Vertrauen. Wenn er dich nehmen werden will, dann nur in meinem Beisein.“ Cyrus griff nach einem kleinen Stück Brot mit Käse und hielt es mir an die Lippen. „Und ich will nicht, dass es zu einer Art Machtkampf kommt. Denn deine Lust steht an oberster Stelle. Weder sein noch mein Wohlbefinden. Ich werde nicht zulassen, dass er dich nur fickt, um mir eins auszuwischen. Oder dass er der Meinung ist, er darf dich mit seinem Samen füllen.“
„Also liegt deine eigentliche Angst darin, dass er mich begatten könnte und potenter ist als du“, platzte es frech aus mir heraus. Schnell schnappte ich mir das Essen aus seiner Hand und begann grinsend, aber natürlich mit geschlossenem Mund zu kauen.
„Nein, meine Sorge ist, dass er irgendwann der Meinung ist, mit mir Krieg führen zu müssen und dein Körper das Schlachtfeld wird. Und ich will nicht, dass er behauptet, das erste Kind sei seines.“ Cyrus verstummte, griff nach einem weiteren Häppchen und schob es sich in den Mund. Anschließend griff er erneut zu, hielt es dieses Mal aber mir an meine Lippen. „Wenn man einmal seine Einwilligung gibt, dann ist es schwer, zukünftige Zusammentreffen zu vermeiden.“
Ernst nickte ich, hatte aber Mühe, nicht sofort loszulachen. Denn dafür war es definitiv zu spät. Um Zeit zu schinden und mich wieder zu beruhigen, ließ ich mir das Häppchen in den Mund schieben und kaute. Anschließend mutmaßte ich: „Ich glaube nicht, dass du dir da Sorgen machen musst. So wie ich ihn kenne, wäre er lieber Bettler als König.“
Wir speisten, tranken und unterhielten uns angenehm. Auch über andere Themen als nur das rein hypothetische Intimwerden mit meinem Liebsten. Nackt beieinander zu liegen, hatte etwas. Es war schön und am liebsten wäre ich liegen geblieben. Aber wäre ich das, dann hätte mein Reitunterricht damit begonnen, dass ich nach Schweiß, männlichem Samen und meiner eigenen Lust roch. Nein, danke.
Nach einem kurzen Bad – welches ich beschlossen hatte, allein zu nehmen – fand ich mich bei den Stallungen wieder. Gilead stand bereits mit Sharifa bei den Pferden und machte sie mit dem Umgang mit ihnen vertraut. Kurz darauf folgte Cyrus, dem Elaboris hinterher trottete. Und so begann die erste Reitstunde der Königin. Die sich sogar verdächtig gut im Sattel hielt, wie ihr Gemahl mit einem Anflug von Frustration feststellen musste.
„Sag nur, das hast du dir auch schon selbst beigebracht?“
Ehrlich schüttelte ich den Kopf, trug aber ein breites Grinsen auf den Lippen. „Nein!“, entgegnete ich lachend. Es fühlte sich unglaublich an, so hoch zu sitzen!
Cyrus brummte wie ein alter, schlecht gelaunter Mann. „Die gute Haltung hast du vermutlich vom Schwertkampf.“
Etwas weiter rechts kümmerte sich Galdi um Boris und Sharifa, wobei Gilead jederzeit eine stützende Hand darbot, wenn seine kleine Schwester, oder auch dem zukünftigen Grigoroi, der Hilfe bedurften. Cyrus kümmerte sich nur um mich.
Mit Blick auf Elaboris wollte ich leise wissen: „Wirst du ihm die Wahl lassen?“
„Natürlich. Ich lasse jedem die Wahl. Er soll zehn Jahre lernen und an meiner Seite sein. Danach kann er gehen und eine Familie gründen oder bei mir bleiben. Als Mensch oder als Grigoroi.“ Cyrus führte mein Pferd im Kreis, dann gab er ihm die Rute, sodass es in einen leichten Trab verfiel. „Wann hast du eigentlich vor, deine Zofen zurückzuholen?“
Ich verlor kurzzeitig die Konzentration und fiel fast vom Pferd. Sobald ich wieder einigermaßen sicher im Sattel saß, beruhigte ich das Tier unter mir. Seine Frage überging ich geflissentlich. „Gut. Dann hast du augenscheinlich ebenso ein Mündel wie ich. Jetzt sind wir schon Eltern, da brauchen wir ja kein eigenes mehr.“
„Nun, ich denke vielmehr, die Vormundschaft ist eine Art, sich darauf vorzubereiten, ein eigenes Kind zu haben. Denkst du hin und wieder an den Sohn von Herzog und Herzogin Lelier?“
„N…nein“, stotterte ich verunsichert und setzte mich auf dem Sattel anders hin. Das Kind und die Tatsache, dass ich seine Patentante war, waren irgendwie vergessen gegangen. Oder ich hatte es verdrängt.
„Ich sehe das Bild beinahe täglich, wenn ich die Augen schließe. Du, mit einem Neugeborenen auf den Armen.“ Cyrus‘ Stimme klang weich, sehnsüchtig. „Ich wollte nie Kinder. In all den Jahrhunderten nicht. Und nun vergeht kein Tag, an dem ich es mir nicht wünsche.“ Wieder ließ er die Zügel locker, gab dem Pferd einen Klaps und es trabte langsam los.
Mich im Sattel zu halten, während sich unter mir irgendwie alles bewegte, war nicht so einfach, wie man es vielleicht denken mochte. Im Schritt hatte das noch ganz gut geklappt, aber jetzt? Meine Innenschenkel kitzelten und brannten zeitgleich. Außerdem wusste ich wirklich nicht, wie Männer das machten, aber das war eine unaufhörliche Stimulation!
Das Bild, welches mir Cyrus mit seinen Worten in den Kopf gepflanzt hatte, wollte auch den restlichen Tag nicht weichen. Ein schwangeres Ich, die Arme meines Gatten von hinten um mich geschlungen, etwa. Oder ich mit einem Neugeborenen in den Armen …
Mit Mänteln bewaffnet – weil so unsere Gewandung zumindest sauber bliebe – machten wir uns nach dem Reiten auf den Weg in die Reliquienkammer. Wie bereits am Morgen geplant, hatte Cyrus ein Tuch mitgenommen.
Der Gedanke an den heutigen Morgen trieb mir die Röte ins Gesicht. Scham brannte in meinem Magen. Wieso konnte ich nicht einfach die Hände von ihm lassen? Es wäre das Beste für alle Beteiligten. Ich hatte Lyssa noch nicht einmal von der guten Nachricht erzählt! Immerhin hatte ich heute Vorkehrungen getroffen, sodass dieses Bild von einem schwangeren Ich niemals Wirklichkeit würde.
„Du konzentrierst dich, richtig?“, versicherte sich der König hinter mir, eine Hand in meiner.
Ich räusperte mich kurz. „Natürlich!“ Hatte ich nicht … Ich hatte keine Ahnung mehr, wo wir wahren. Ich ließ mich eine Weile einfach von meinem Gefühl leiten. Hier unten kannte ich mich zwar nicht besonders gut aus – respektive, ich konnte mich hier nicht gut orientieren – aber irgendwo ging es immer raus. Das Problem mit den Gängen in dieser Tiefe war, dass viele Zugänge versperrt waren. Ob vorsätzlich oder durch Verschüttung, sie ließen sich nicht öffnen.
„Aurelie? Dein Herz straft deine Worte Lüge.“
„Verflucht!“ Wie vom Donner gerührt blieb ich stehen. „Wieso musstest du denn auch wieder mit diesem Thema anfangen!“, beschwerte ich mich. Zwar hatte ich das Thema ‚Kinder‘ angesprochen, aber es fühlte sich besser an, ihm die Schuld in die Stiefel zu schieben.
„Sollen wir zurück zur letzten Abzweigung gehen? Dann kannst du dich neu orientieren.“ Er blieb stehen, sodass seine Hand aus meiner rutschte. „Oder wir brechen ab, wenn du nicht richtig bei der Sache bist.“
„Nein, ich finde den Weg schon wieder.“ Vermutlich. „Ich muss nur … irgendeinen Zugang finden, der sich hier öffnen lässt.“ Und in dessen Raum dann auch noch Licht wäre – vorteilhafterweise. Also war das eigentlich nur Wunschdenken. Ich seufzte. „Gut, wir gehen bei der nächsten Gelegenheit wieder nach oben. Aber zurückgehen bringt nichts. Hier unten sind die Gänge völlig sinnfrei angelegt worden. Es ist … ein einziges Labyrinth“, gestand ich kleinlaut. Ja, es war unglaublich unbedacht gewesen, hier unten meine Konzentration schweifen zu lassen.
Cyrus nahm wieder meine Hand und drückte diese. „Ich vertraue dir. Lass dir Zeit, Aurelie.“
„Kannst du bitte, bitte endlich aufhören, mich immer so zu nennen, Cyrus?!“, brauste ich zornig auf.
„Wie sonst? Ich dachte, über die förmliche Anrede wären wir längst hinweg. Oder möchtest du Kosenamen?“
„Nayara, Dummkopf! Ich verabscheue meinen ersten Namen! Schlimm genug, dass ich ihn an offiziellen Anlässen nutzen muss, du bitte nicht auch noch!“, kam es jetzt weinerlich aus mir heraus.
Plötzlich zog Cyrus mich zurück, drehte mich dabei und legte eine Hand um mich. Die andere Hand legte er an meine Wange. Sanft schob er sie unter mein Kinn und hob meinen Kopf dadurch ein wenig an. „Du hast mich nie gebeten, dich Nayara zu nennen. Ich ließ es, in der Annahme, dass du nur von deinen engsten Freunden so genannt werden magst.“
Verneinend schüttelte ich den Kopf. „Ich will den anderen einfach nicht hören. Und nur um das klarzustellen, sollten wir jemals, und ich meine jemals, ein Kind bekommen, dann nichts mit A!“
„Zwischen A und C liegt B. Aber bitte nicht Boris.“ Bevor ich darauf etwas erwidern konnte, legte er seine Lippen auf meine.
Zögerlich erwiderte ich den Kuss, löste mich aber wieder von ihm, ehe er ihn vertiefen konnte. „Wie wäre es mit Borisa?“ Immerhin war die Chance fünfzig-fünfzig, dass es ein Mädchen wäre. Wenn … ich ein Kind bekäme. Wieso dachte ich darüber nach, verdammt?!
„Auf keinen Fall!“, entgegnete er lachend. „Bastil? Berthol? Bergan?“, schlug er vor und grinste dabei hörbar. „Wir können die nächsten ein, zweihundert Jahre eine Liste mit Namen machen.“ Er bedeutete, weiterzugehen. „Komm, ich möchte heute wieder zurück in unser warmes, kuscheliges Bett.“
Ja. Und wenn es nach ihm ginge, dann wären das offensichtlich alles Jungennamen, stellte ich nüchtern fest.
Wir liefen weiter. Eine Weile war wohl vergangen, als er wieder das Wort an mich richtete. „Was ist das für ein Lied?“
„Hm?“, machte ich verwirrt.
„Du summst“, erklärte er mit leichtem Händedruck und schon wieder konnte ich sein Lächeln hören.
„Tue ich gar nicht …“ Zumindest hatte ich es nicht bemerkt. Wortlos ging ich weiter; er folgte. In einer Sackgasse hielt ich inne. Verwirrt krauste ich die Stirn. Ich kannte diese Sackgasse, wenngleich ich keine Ahnung hatte, wo sie sich befand oder wie ich hierhergekommen war. Wie schon beim letzten Mal, als ich hier war, ertönte kurz darauf das laute, raue Schleifen von Stein auf Stein.
„Aurelie Nayara Athanasia!“, rief Cyrus hinter mir. Die Hand, die er auf meine Schulter gelegt hatte, packte fester zu.
„Was?“ Sowohl erschrocken als auch verwirrt, drehte ich mich zu ihm um. Seit wann war seine Hand auf meiner Schulter? Wieso nannte er mich bei meinem vollen Namen?
„Du hast nicht reagiert. Schon wieder. Und das eine ganze Weile! Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?“
In dem Moment glitt die Tür vor uns auf und lockte mich in die Dunkelheit.
„Ich weiß nicht, wo wir sind …“, begann ich zögerlich. „Aber ich weiß, was hier ist. Ich habe das letzte Mal, als ich hier war, hier geschlafen. Das war … kurz vor dem Ball“, überlegte ich laut. Sollte ich wieder hineingehen? Was, wenn der Raum uns wieder einschloss?
„Kurz vor dem Ball?“ Cyrus atmete tief durch. „Darüber reden wir noch!“, knurrte er.
Ich zuckte zusammen. Das hätte ich nicht laut sagen dürfen.
„Und was ist hier?“ Cyrus trat neugierig ein und stolperte über die Stufe direkt am Eingang. Danach machte er ganz kleine Schritte, da der Raum in völliger Dunkelheit vor uns lag und er wohl weitere Stolperfallen vermutete.
„W…warte! Nicht!“ Wieso gingen die Fackeln nicht an? „Da ist …!“ Ich stürmte ihm hinterher. In dem Moment, als ich die Stufe hinter mich gebracht hatte und den ersten Schritt in den Raum getreten war, entflammten die Fackeln zischend und der Raum wurde in sanftes Gelb getaucht.
Das Ei war noch da. Und Cyrus stand gefährlich nah davor.
„Oh“, entfuhr es ihm leise. Er kam zum Stehen. „Was …?“ Mehr brachte er nicht hervor, da begann er, es neugierig zu umrunden. „Waren die Risse beim letzten Mal auch schon da?“
„Risse? Nein … ich war da nur so heiß. Und hab … äh, naja, hier geschlafen.“ Ich traute mich nicht, zu ihm aufzusehen. Er war wütend auf mich, das konnte ich spüren.
„Also hat auch der Harem einen Geheimgang. Wozu habe ich dich dann überhaupt eingesperrt?!“ Er strich sich durch die Haare, zog den Mantel aus und warf ihn auf den Boden. „Warst du auch hier, bevor du den Harem abgefackelt hast?“
„Ich, ja, das … weiß ich doch nicht!“, fuhr ich ihn auf einmal wieder wütend an. „Wieso du mich eingesperrt hast, solltest du eigentlich am besten Wis…!“
Ich verstummte abrupt. Ein Knacken erfüllte den Raum. Sowohl mein als auch Cyrus‘ Blick glitten zu dem Ei hinunter, das zwischen uns lag. Und dessen Oberfläche nunmehr nicht mehr nur mit partiellen, kleinen Rissen versehen war, sondern allem voran einen großen, unübersehbaren Riss in der Mitte bekommen hatte.
Wir beide hielten den Atem an. Und je leiser wir wurden, desto lauter wurden die Herzschläge. Drei an der Zahl. Nur dass der Dritte sehr, sehr viel langsamer war als die unseren. Kurz suchte ich wieder Cyrus‘ Blick. Als er ihn erwiderte, wurde er blass.
„Deine Augen“, hauchte er und blickte von mir zum Ei und wieder zurück. Das nächste Knacken erklang, gefolgt von einem lauten Knall. Erschrocken zuckte ich zurück. Es dauerte einen Moment, bis ich begriffen hatte, dass ein Teil der schuppigen, funkelnden Schale Bekanntschaft mit einer der Steinwände gemacht hatte. An der Stelle, wo nun ein Loch klaffen sollte, drängte sich eine kleine, schuppen besetzte Klaue hindurch. Im Fackellicht schimmerte sie schwarz. Dunkler als die Nacht.
„Was ist das?“ Cyrus‘ Stimme klang fasziniert und irritiert zugleich. Neugierig näherte er sich dem Ei. Ein leises Fauchen ertönte aus dessen Innern und brachte Cyrus dazu, stehenzubleiben. Erneut knackte es laut und eine weitere, winzige Klaue kaum zum Vorschein. Ein weiteres Knacken und ein spitzer Schwanz, welcher zum Ei hin dicker wurde, schoss heraus. Der Schwanz wedelte wild hin und her, bis das Ei von dem Geröll direkt auf Cyrus‘ Seite fiel. Kaum hatte das Wesen Boden unter seinen Klauen, wurde es wieder ruhiger, wenn auch nicht leiser.
Leise fauchende Geräusche drangen heraus. Mehrere Male hörte es sich an, als klopfte jemand an einer Tür, ehe sich die andere, bisher noch größtenteils verschonte Seite des Eis, welche auf dem Geröllhaufen nach unten gekehrt gewesen war, beinahe in Zeitlupe knirschend anhob. Rauch quoll aus den Schlitzen und verpestete die sowieso schon rar gesäte Luft hier unten.
„Bei den Göttern …“, hauchte ich, als mir feuerrote Augen entgegenblickten. Ein Teil der Schale balancierte noch auf dem Kopf des Wesens. Wie hypnotisiert näherte ich mich dem mittlerweile deutlich malträtierten Ei. Das war nicht … möglich! Ich … scheiße!
Was als Nächstes erklang, ließ sich eigentlich nur mit einem Niesen vergleichen und passte absolut nicht in die fast schon epische Stimmung. Das Ei schüttelte sich, ein zweites Niesen erklang und die restliche Schale zerbrach. Sofort fanden zwei kleine, unglaublich süße Klauen die Nase des Getiers und fuhren tapsig darüber. Noch einmal nieste es, wobei dieses Mal eine Rauchwolke die Folge war, die Cyrus stark husten ließ. Daraufhin wurde er angeknurrt. Von einem süßen, drolligen …
Das Tier fand wieder meinen rotglühenden Blick und begann, auf mich zuzuhüpfen. Wobei es ledrige Flügel ausstreckte und versuchte, damit in die Schwebe zu kommen.
Wie von selbst hatten sich meine Hände nach dem kleinen … ja es gab keinen Zweifel daran, was ich da vor mir hatte. Ich hatte meine Hände nach dem kleinen Drachen ausgestreckt und fing ihn auf, als er es nicht mehr schaffte, vor mir zu landen. Das Fabelwesen schmiegte sein Köpfchen sofort an mich.
Das Tier war schwer, realisierte ich. Das hier war kein Traum. Das Wort lag mir auf den Lippen. Ignis-Robur. Aber konnte das denn wirklich sein? Hielt ich gerade meine Göttin in den Armen? Wie abstrus allein der Gedanke daran schon war! Nein, wohl kaum … vielleicht war dies hier einfach ein Drache. Einer, der vor Urzeiten von seinem Volk zurückgelassen worden war, was auch immer die Gründe dafür sein mochten. Denn dass es sich um einen Drachen handelte, ein Tier, welches es eigentlich gar nicht gab – nicht in den letzten Äonen – daran gab es keinen Zweifel.































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