Prolog


Prolog
Leeander
Wie jeden Morgen machte ich meinen Rundgang durch das Schloss. Und wie jeden Morgen waren die Grigoroi bereits auf den Beinen. Wir mussten nicht schlafen. Es reichte uns, ein paar Stunden zu ruhen. Daher waren wir diejenigen, die bis spät in die Nacht unserer Arbeit nachgingen und sie schon vor Sonnenaufgang wieder aufnahmen.
In der Küche herrschte bereits reges Treiben, um das Frühstück für die Vampire herzurichten. Neben meinem König und seiner Königin gab es noch zahlreiche Gäste. Der Hohepriester mit seinem Lehrling. Die Minister, die es zuweilen vorzogen, bis spät in die Nacht zu debattieren und daher im Schloss nächtigten. Sie fühlten sich hier mittlerweile schon wie Zuhause und es wurde Zeit, dass dieses arrogante Pack endlich ersetzt wurde. Ich wusste, dass Cyrus seine alten Minister angefordert hatte. Seine Cousine würde ihre eigenen Berater finden.
Das härteste Stück auswählend, griff ich mir einen Überrest vom gestrigen Brot und ging hinunter in den Kerker. Der ehemalige Kronprinz würde bald sterben. Cyrus wusste, dass er von Ashur nichts mehr erfahren würde. Er würde nie herausfinden, warum seine Eltern sterben mussten und mein Herz schmerzte mit ihm. Ich hatte den Tod seines Vaters, meines Erschaffers, am eigenen Leib gespürt und ihn zu beschützen versagt.
Schon bevor ich an der letzten Zellentür ankam, sah ich, dass sie offenstand. Meine Schritte beschleunigten; die letzten Meter rannte ich. In der leeren Zelle warf ich das harte Brot auf den Boden und fluchte ungehalten. Nein! Wie? Wann? Auf dem Absatz drehte ich um, rannte aus der Zelle und eilte zurück in den Flur. In der Nähe des Haupteingangs fand ich Galderon. Also waren sie wieder zurück.
„Galderon! Ruf die Männer wieder zusammen!“
„Was ist passiert? Ist der Hund schon wieder weggelaufen?“ Er schnaufte wütend und spuckte ungeniert auf den Boden.
„Schlimmer! Ich wecke den König. Er wird sich bald bei dir melden.“ Natürlich wollte Galderon mehr Informationen haben, aber ich war nicht gewillt, sie ihm zu geben. Erst würde ich mit meinem König reden! Er würde seine Männer informieren.
Innerhalb kürzester Zeit erreichte ich die königlichen Gemächer im Ostflügel. Lautlos öffnete ich die Tür, betrat das Schlafgemach und zog die schweren, dunklen Vorhänge zurück. Die Sonne übertrat erst gerade den Horizont und die ersten Sonnenstrahlen schienen freundlich ins Zimmer hinein. Diese ermöglichten mir einen kurzen, verträumten Blick auf meinen noch schlafenden König. Wie immer trug er nur eine kurze Leinenhose. Zudem bedeckte die Bettdecke nur seine rechte Seite, womit die andere Hälfte seines stählernen Körpers frei lag. Obschon ich ihn seit über dreihundertfünfzig Jahren kannte, seinen Anblick täglich genießen durfte und jeden Zentimeter seines Körpers sich fest in meinem Verstand festgesetzt hatte, versetzte mich sein Anblick immer noch ins Staunen. Ich liebte jeden Muskel, jede Narbe, jedes Muttermal. Seine zerzausten Haare, die ihm halb ins Gesicht hingen, die langen Wimpern, die makellosen Augenbrauen und vor allem seine Lippen. Für mich gab es nur ihn. Frauen interessierten mich nicht, und andere Männer kamen nicht an Cyrus heran. Nie würde mir ein anderer Mann geben können, was ich für Cyrus empfand. Nie würde mich ein anderer Mann so glücklich machen können. Und obgleich ich ihm unendlich gerne beim Schlafen zusah, so wusste ich doch, dass die Zeit drängte. Also trat ich an das Bett und legte eine Hand auf seine nackte Schulter.
Augenblicklich öffnete Cyrus seine Augen und unsere Blicke begegneten sich. Er sah müde aus. Sie hatten sicherlich die halbe Nacht nach dem entflohenen Wolfswelpen gesucht. „Lee“, brummte Cyrus verschlafen. Er richtete sich im Bett halb auf, sah sich im Zimmer um und blickte dann zum Fenster. „Warum weckst du mich so früh?“ Obwohl er müde war, schwang er seine Beine aus dem Bett, blieb aber am Rand der Matratze noch sitzen. Auf einen Wink hin reichte ich ihm ein schlichtes Wollhemd und die passende Hose.
„Schlechte Nachrichten, mein König“, erwiderte ich möglichst ruhig.
Cyrus stand auf, schlüpfte in die Hose und stieg daraufhin in die Stiefel. Das Hemd hatte er in der Eile falsch herum angezogen. Er schnaubte, als er es bemerkte, und damit begann, es wieder auszuziehen. „Welche? Ist die Königin diesmal weg?“
„Schlimmer“, gab ich von mir und merkte, dass meine Stimme kurz versagte. Cyurs’ Kopf erschien im Kopfloch. Ich räusperte mich. „Ashur konnte fliehen.“
Mitten in der Bewegung stockte er. „Verflucht!“ Sämtliche Müdigkeit war mit einem Schlag verschwunden. Doch anstatt seine Gemächer zu verlassen, ging er zu der Verbindungstür. Er öffnete sie, schloss sie aber kurz darauf wieder. „Aurelie ist noch da. Ich will, dass Irina rund um die Uhr bei ihr ist, ebenso Elok. Und du.“
„Aber Cy… Wir müssen Ashur finden!“
„Ich nehme meine Leute mit. Nur du und Elok bleiben hier. Und die übrigen Soldaten des alten Königs.“
„Ich werde dich begleiten, Cyrus“, beharrte ich. „Dass Ashur fliehen konnte, hätte mir nicht passieren dürfen. Ich hätte…!“
„Nein!“ Eindringlich begegnete sein Blick dem Meinen. „Ich glaube, Kaldor ist nicht weggelaufen. Es war eine Ablenkung. Und ich bin darauf hereingefallen. Ashur ist von Aurelie besessen. Du musst hierbleiben und auf sie aufpassen!“ Cyrus trat auf mich zu und legte beide Hände an meine Oberarme. In diesem Moment fiel es mir so unglaublich schwer, mich nicht an ihn zu lehnen. Wie gern hätte ich seine starken Arme um mich gespürt. Wie gerne hätte ich jetzt seine Lippen gekostet! Der Gedanke, mehrere Tage, ja, vielleicht sogar Wochen von ihm getrennt zu sein, war eine Qual. Ich war bisher immer an seiner Seite gewesen. Sein Vater hatte mir diesen Befehl gegeben, kurz nachdem er mich in einen Grigoroi verwandelt hatte. Aber schon lange vorher war ich Cyrus zur Seite gestanden.
Wir waren beide noch Kinder gewesen, als sein Vater uns mit auf die Jagd genommen hatte. Cyrus war zwar weit über fünfzig und ich erst vierzehn Jahre alt gewesen, doch im Umgang mit dem Schwert hatte ich ihm damals schon etwas voraus. Doch während der Jagd war mein Pferd durchgebrannt. Cyrus hatte angeboten, mich zurück zum Schloss zu begleiten; sein Vater hatte es erlaubt. Wir alle glaubten damals, das kurze Stück wäre ungefährlich. Aber kurz bevor wir den Wald verlassen konnten, stand plötzlich ein Wildschwein mit seinen Jungtieren direkt vor uns. Cyrus hatte versucht, mich auf sein Pferd zu ziehen, aber das Wildschwein war schneller gewesen. Das Pferd scheute und wir stürzten. An jenem Tag hatte ich mir den linken Arm gebrochen. Nichtsdestotrotz hatte ich mein Schwert gezogen und gebrüllt aus Angst, Wut und Schmerz. Das Wildschwein ergriff die Flucht, sodass Cyrus und ich zusammen zurückkehren konnten. Sein Pferd hatte sich aus dem Staub gemacht und so waren wir zu einem langen Fußmarsch verdammt. Ein Marsch, den wir beide nie wieder vergessen hatten. Das Erlebnis hatte uns aneinandergeschweisst, noch bevor Cyrus‘ Vater mich in einen Grigoroi verwandelt hatte. Cyrus hatte mein Leben gerettet und ich seines. Seit diesem Tag waren wir unzertrennlich. Und daran würde auch Ashurs Flucht nichts ändern!
„Lass Timmok hier, Cy. Oder Galderon“, bat ich eindringlich. „Wir werden Ashur zusammen finden und zur Strecke bringen!“
Nun zog Cyrus mich doch in die Umarmung. Seine Entscheidung war gefallen. Würde mein Herz noch schlagen, hätte es jetzt für einen Moment ausgesetzt. Wäre es möglich, würde mir das Herz bluten. „Lee, ich brauche dich hier. Du musst in meinem Namen die Gespräche mit dem Rat führen. Du musst auf Aurelie aufpassen. Sorge dafür, dass sich nichts ändert, während ich weg bin.“
Meine Schultern sanken nach unten. Ich war ein freier Grigoroi. Cyrus konnte mir nichts befehlen. Und dennoch würde ich hierbleiben. Ich würde tun, worum er mich bat. Weil ich ihn liebte.
„Ich beeile mich. In ein paar Tagen bin ich wieder da“, versicherte Cyrus, zog sich ein Stück zurück und gab mir dann den Kuss, den ich mir so sehr ersehnt hatte.









































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