Prolog

Prolog
Demos Targes
Ein halbes Jahr war es her, da erreichte mich eine Lieferung. Ein Paket, ein Geschenk, hatte der Zubringer es mit schleimigem Grinsen im Gesicht genannt, ehe er sich umgedreht hatte und verschwunden war. Ein halbes Jahr lebte ich nun schon in Angst. Zu einer erbärmlichen Marionette war ich geworden.
Mit stolz geblähter Brust hatte ich mein Leben lang behauptet, der Königsfamilie treu ergeben zu sein. Und mit Freuden hatte ich meiner neuen Königin gedient, hatte ich doch erkannt, was für ein Gerechtigkeitssinn in diesem zarten und doch keineswegs dummen Wesen schlummerte. Klug, verfechterisch, manchmal halsbrecherisch verfolgte sie ihre Ziele, doch mit einer Empathie, die weder ihrem Onkel noch dessen Vorgänger zu eigen gewesen war. Weise holte sie sich die Ratschläge der Älteren und Erfahreneren ein, war ihr doch durchaus bewusst, dass sie selbst erst gerade dem Kindesalter entstiegen war.
Doch wenn man nach Hause kam, den sonst liebevoll begrüßenden Kuss seines Weibes missend, ein Paket in die Hände gedrückt bekam und daraufhin drei kleine, abgeschnittene Finger in den Händen hielt – daran brach so mancher Mann. Meine Frau, meine Tochter und meine Enkelin. Ein Brief, in krakeliger Schrift verfasst, drohte mir den Erhalt weiterer Körperteile meiner Liebsten an, sollte ich nicht gehorchen.
Und ich hatte gehorcht. Wie ein dummes Lamm hatte ich ihnen die Tore zum Palast geöffnet, ihre Schergen in der Palast- und Stadtwache willkommen geheißen und ihnen Informationen weitergegeben. Gebetet hatte ich, die Königin möge fernbleiben. Was mit dem König passierte … er hatte sie nicht verdient. Ein dreiviertel Jahr trugen meine Gebete Früchte. So sollte es zumindest den Anschein haben. Bis zum gestrigen Tag.
„Jemand muss uns verraten haben! König und Königin!“, fauchte Herzog Mir, der noch immer stand, anstatt sich zu setzen und einzusehen, dass wir verloren hatten. Vermutlich empfand er den wüsten Kerkerboden seinem hochnäsigen Hinterteil nicht würdig.
Dreidolch hatte sich in einer Ecke zusammengekauert und murmelte angsterfüllt unverständliche Worte vor sich hin.
„Da stimme ich dir zu, alter Freund“, entgegnete Baron Loich und stierte den jungen Seibling in Grund und Boden. „Wer wollte denn gestern noch mit der Königin reden?!“ Er spuckte auf den Boden. „Bestimmt noch irgendwelche Forderungen stellen, mit denen sie dem heutigen Desaster hätte entgehen können!“
„Nein!“, konterte der junge Seibling scharf. „Ich wollte ihr lediglich unter vier Augen zu dem Kind gratulieren!“
Baron Loich schnaufte abfällig. „Denkt Ihr, uns sind Eure Blicke entgangen? Auch gab Euch der König vor seiner Abreise weder Ländereien noch Titel zurück. Er vertraut Euch nicht. Zurecht!“
„Unsinn!“, knurrte Seibling. „Ich hätte weder den König noch die Königin verraten! Niemals!“
Graf Dreidolch lachte spitz. „Wie der Vater, so der Sohn.“ Dann murmelte er vor sich hin.
„Meine Schwester ist dort oben!“, schrie der junge Seibling. „Meine kleine, geliebte Schwester ist gerade irgendwo im Schloss und diese Männer… sie…!“ Seine Stimme brach. „Und meine Verlobte, die ich doch gerade erst wieder zurück habe …!“
„Hört auf, Schuldzuweisungen zu machen“, mischte ich mich leise ein. Ich hatte keine Kraft mehr. Gestern hatte ich noch versucht, den Plan der Aufständischen, ohne dass es jemand bemerkte, zu vereiteln. Schluckend griff ich in meine Hosentasche und erschauderte.
Stets war ich der Erste im Ratssaal. Heute hatte auf mich ein neues Geschenk gewartet. Drei Ringfinger. Kurz bevor Dreidolch den Raum betreten hatte, hatte ich sie mir in die Hosentasche gesteckt. Jetzt berührte ich sie trauernd. War es das Letzte, was ich von meinen Liebsten noch sehen würde? Denn jetzt hatte ich keinen Nutzen mehr für die Erpresser. Sie hatten, was sie wollten.
Eine stille Träne rann mir die Wange hinab. Wann hatte ich zuletzt geweint? Mein Leben war schön verlaufen. Ich hatte Frau, Kind und Enkelkind. Alle gesund und … munter. Ich hatte meiner Königin mit Wissen und Rat zur Seite stehen dürfen. Nach all den Jahren durfte ich einer Königin dienen, hinter deren Taten ich voll und ganz stehen konnte. Hatte sie im Schwertkampf unterrichtet, wo sie mich mit ihren Fortschritten und ihrer unbrechbaren Entschlossenheit stets von einer zur nächsten Überraschung getrieben hatte.
„Wer denn sonst?!“, drang Loichs Stimme wütend zu mir durch. Sie hatten noch immer nicht zu streiten aufgehört. Gerade wollte Mir schon wieder einstimmen, da unterbrach ich die Streithähne wütend.
„Genug jetzt! Die Königin hat Seibling vertraut. Und das haben wir zu respektieren. So wie sie, auf Leeanders Fürsprache hin, euch beiden vertraut hat!“ Ohne diese hätte sie die beiden Berater nicht so vertrauensvoll in unsere Mitte genommen. Doch keiner der beiden war derjenige, der uns verraten hatte. Die Schuld nagte an mir; fraß mich auf. Nichts hatte ich durch meinen Verrat gewonnen. Die Aufständischen brauchten mich nicht mehr länger. Damit wurde meine Familie für sie zu Ballast, der zu viel wusste. Zudem hatte ich meine Königin verraten. Mein Reich. Meine Ehre.
„Was wird nun mit uns geschehen?“ Die Unterlippe bebend, schaute Dreidolch in die Runde.
„Wenn sie sich ein Vorbild an der Königin nehmen …“, begann Herzog Mir.
„… dann hängen sie uns“, endete Baron Loich und brachte damit die nächsten Stunden nachdenkliches Schweigen über den gefallenen Rat.























































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