01. Januar – Die Nacht der Trennung
Der Abschied kam ohne Vorwarnung. Kein Zeichen am Himmel, kein Flüstern im Rauch. Nur Leere. Ailina erwachte mit dem Gefühl, dass etwas Entscheidendes aus der Welt gerissen worden war, wie ein Ton, der plötzlich fehlte und doch alles veränderte.
Cáel war fort. Nicht fern und nicht verborgen. Einfach verschwunden.
Der Wald, der sonst auf ihren Atem reagiert hatte, schwieg. Die Runen waren erloschen. Selbst das Amulett an ihrem Hals lag kalt auf ihrer Haut, so als hätte es den Kontakt verloren.
Ailina ging barfuß hinaus in den Schnee. Die Kälte brannte, doch sie spürte sie kaum. Jeder Schritt war ein Widerstand gegen die Erkenntnis, die sich unausweichlich formte. Die Schwelle war geschlossen worden.
Im Steinkreis lag Asche. Schwarze Asche, die der Schnee nicht bedeckte. Die Runen an den Steinen waren zerbrochen, ihre Linien verzerrt, als hätte jemand sie mit Gewalt ausgelöscht. In der Mitte des Kreises klaffte ein Riss – klein, aber tief. Darin befand sich… nichts.
Ailina sank auf die Knie.
„Cáel“, hauchte sie.
Keine Antwort.
Der Wind setzte ein. Heftig und klagend. Bilder stürzten auf Ailina ein, nicht als Visionen. Es handelte sich dabei um Erinnerungen, die nicht die ihren waren. Jahrhunderte des Wartens. Schwüre, die gebrochen und erneuert worden waren… und dann der Moment, in dem Cáel sich zurückgezogen hatte, freiwillig, um sie zu schützen.
Die Anderswelt hatte ihn zurückgerufen. Und er war gegangen.
Ein Laut entrang sich Ailinas Kehle. Kein Schrei, sondern etwas Tieferes. Ein Ruf, der aus Schmerz geboren wurde und dennoch Macht trug. Der Boden unter ihr reagierte. Die Asche begann zu glimmen.
„Nein!“, rief sie.
Der Schnee um sie herum schmolz. Runen erschienen auf ihren Händen. Sie schienen eingewachsen, wie ein Teil von ihr. Die Erde antwortete. Der Wind drehte sich. Zum ersten Mal spürte Ailina nicht nur die Magie, sie war sie.
Sie stand auf.
„Wenn du fort bist, dann werde ich lernen, ohne dich zu leben.“
Die Worte waren Versprechen und Drohung gleichermaßen.
Aus dem Riss im Kreis stieg ein letzter Laut auf, ein Echo von Cáels Stimme, brüchig und fern: „Vergib mir.“
Tränen liefen über Ailinas Gesicht. Sie wischte sie nicht ab. Jede von ihnen fiel auf den Boden und ließ neue Zeichen entstehen – Spiralen, Knoten und Wege. Die Anderswelt hatte genommen. Nun begann sie zu geben.
Ailina hob die Arme. Der Himmel reagierte. Die Wolken rissen auf. Das Mondlicht fiel auf sie hell und klar herab. Für einen Moment war sie allein… und vollständig.
Die achte Raunacht war vergangen.
Ailina hatte verloren, was sie liebte. Doch in der Stille des Verlusts war ihre Macht erwacht.
























































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