25. Dezember – Die Nacht des Abschieds
Die Dämmerung lag wie ein schwerer Vorhang über dem Dorf. Ailina kletterte von dem alten Karren hinab. Ihre Hände umklammerten den Griff des Rucksacks, der nach Leder und Zedernholz roch. Die Straßen waren still, nur das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln durchbrach die Stille. Sie war seit Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen. Unzählige Jahre hatte sie die Häuser, die Felder und die knorrigen Apfelbäume gemieden… bis zu diesem Winter.
Das Haus ihrer Großmutter war unverändert. Der Rauch stieg aus dem Schornstein. Ein vertrauter Duft von Beifuß und Salbei wehte ihr entgegen. Doch in Ailina brannte die Erinnerung wie eine Wunde. Geschichten aus ihrer Kindheit, von Verlust und Geheimnissen, die man ihr niemals ganz erzählt hatte.
Sie trat ein. Die Luft war warm, würzig und gefüllt mit dem Rauch des Räucherwerks. Ihre Großmutter, eine gebrechliche Frau mit Augen wie die alten Wälder, saß am Fenster und blickte hinaus in die hereinbrechende Nacht.
„Du bist zurück“, sagte sie leise. Kein Vorwurf, lediglich eine Feststellung.
„Ich musste kommen“, erwiderte Ailina, während sie ihre Jacke ablegte.
Die Großmutter nickte, zog eine Schale mit getrockneten Kräutern heran und entfachte ein kleines Feuer im Räucherbecken. Rauch stieg auf, wirbelte im warmen Licht und nahm Formen an, als wollte er Geschichten erzählen. Ailina folgte dem Muster mit den Augen und bemerkte plötzlich Runen darin. Schimmernd. Flüchtig.
Sie erstarrte. Die Zeichen formten Worte, die sie nicht verstand, doch ihr Herz klopfte schneller. Da war ein Flüstern, das nicht von ihrer Großmutter kam.
„Du bist nicht allein…“
Die Luft kühlte ab, obwohl der Feuerrauch weiterhin wärmte. Und dann spürte sie es. Einen Schatten, der nicht aus Licht oder Rauch bestand. Ein Mann.
Zuerst nur ein Umriss, entstanden aus Nebel und Glanz, die Augen dunkel wie die Tiefen eines Sees in Vollmondnächten. Er stand am Rand des Zimmers, als wäre er gleichzeitig da und doch nicht.
„Wer… bist du?“
Ihre Stimme zitterte.
„Meine Name ist Cáel. Ich bin ein Beobachter“, antwortete er. Seine Stimme klang wie, wenn der Wind durch kahle Äste fegt. „Ein Hüter. Ein Zeuge. Ich bin hier, seit du den Schwellenstein betreten hast.“
Ailina wollte glauben, dass alles Einbildung war, ein Traum, den der Rauch geweckt hatte. Doch als er einen Schritt nähertrat, schien dem Raum jegliche Luft zu entweichen. Jeder Atemzug war schwer und süß zugleich.
„Warum jetzt?“
Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden.
„Weil die Zeit beginnt, sich zu lösen. Die Raunächte sind offen. Alles, was du warst, alles, was du verloren hast, wird sich zeigen oder fallen gelassen werden.“
Ein Zittern durchlief Ailina. Bilder stürzten auf sie ein. Freunde, die fort waren. Wege, die sie nicht gegangen war. Versprechen, die sie nicht gehalten hatte. Jeder Gedanke war ein kleiner Schnitt in ihr Herz.
„Ich wollte nicht zurückkommen“, wisperte sie. „Nicht hierher. Nicht zu diesen Erinnerungen.“
Cáel neigte leicht den Kopf.
„Loslassen ist die erste Prüfung. Du kannst nicht weitergehen, ohne die Schatten der Vergangenheit zu erkennen.“
Er streckte die Hand aus, doch sie verschwand, ehe Ailina sie berühren konnte. Ein Traum? Ein Geist? Sie wusste es nicht. Alles, was sie wusste, war, dass sie nie wieder dieselbe sein würde. Nicht nach dieser Nacht.
Draußen blies der Wind durch die kahlen Äste. Im Rauch des Räucherwerks leuchteten weiterhin Runen auf. Flüchtige Versprechen, Warnungen und Wege, die nur sie sehen konnte.
Ailina sank auf die Fensterbank nieder. Die erste Raunacht war angebrochen. Das Loslassen begann.
Die Schatten der Vergangenheit hatten sie eingeholt, und ein Fremder aus Licht und Nebel wartete darauf, sie zu führen.




































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