26. Dezember – Die Nacht der Zeichen
Der Morgen erwachte ohne Licht. Ein bleigrauer Himmel spannte sich über dem Dorf, so als hätte die Sonne vergessen, wie sie aufzusteigen hatte.
Ailina stand am Fenster des alten Hauses und hielt die Tasse mit Kräutertee fest umklammert. Beifuß und Holunder. Die Mischung ihrer Großmutter. Sie schmeckte ebenso bitter wie Erinnerungen, die man nicht mehr süßen konnte.
Seit der vergangenen Nacht war etwas anders. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Aber wach.
Der Wald hinter dem Haus war stiller als sonst. Zu still. Kein Vogel sang. Kein Rascheln im Unterholz. Nur der Wind strich durch die kahlen Zweige und brachte die alten Windspiele an der Veranda zum Klingen. Ein leiser, klagender Ton, der Ailinas Nacken prickeln ließ.
„Die Zeichen haben begonnen“, sagte die Großmutter hinter ihr.
Ailina fuhr zusammen. „Welche Zeichen?“
Die alte Frau stellte eine Schale mit Salz und getrockneten Beeren auf den Tisch.
„Diejenigen, die man nicht sehen will oder nicht sehen kann, wenn man ihnen nicht zuhört.“
Ailina schwieg. Sie wusste nicht, wie sie von Runen im Rauch und einem Mann aus Nebel sprechen sollte, ohne sich lächerlich zu machen. Doch ihre Großmutter sah sie an, als wüsste sie längst alles.
„Heute Nacht“, fuhr sie fort, „bleibst du wach.“
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Die Dunkelheit kam früh. Und sie war anders.
Der Wald lebte auf, als die Sonne versank. Füchse, deren Augen im Zwielicht glühten, liefen unruhig zwischen den Bäumen umher. Ein Rabe saß auf dem alten Zaunpfosten und starrte Ailina an, als prüfe er sie. Während sie ihm in die Augen sah, krächzte er einmal – warnend – und flog davon.
Ailina zog ihren Mantel enger um sich und trat hinaus. Der Schnee knirschte unter ihren Füßen, doch es klang gedämpft, als würde die Welt jeden Ton verschlucken.
Sie folgte einem Pfad, den sie als Kind unzählige Male gegangen war. Dennoch wirkte dieser fremd. Die Bäume standen näher beieinander, ihre Schatten war länger, als hätten sie sich verschoben.
Dann erblickte sie etwas.
Symbole.
In die Rinde der Eichen waren Zeichen eingeritzt, die sie nie zuvor bemerkt hatte. Spiralen, Knoten, Triskelen. Manche glühten schwach, so als würden sie über ein eigenes Herz verfügen. Ailina hob die Hand und berührte eine der Spiralen. Sie spürte einen Schlag, der nicht schmerzte, sondern erinnerte.
Hinter sich nahm sie einen Atemzug wahr.
„Du solltest sie nicht berühren.“
Cáel stand zwischen den Bäumen, deutlicher als in der Nacht zuvor. Sein Umriss war fester, sein Blick klarer. Interessanterweise wich der Nebel ihm aus.
„Was sind sie?“ fragte Ailina.
„Omen“, antwortete er. „Spuren alter Bündnisse. Der Wald spricht, wenn die Schleier dünn sind.“
„Schleier?“ Sie wendete sich ihm zu. „Zwischen was?“
„Zwischen dem, was du kennst und dem, was dich kennt.“ Sein Blick ruhte lange auf ihr. „Diese Nacht ist gefährlich.“
Ein Windstoß fuhr durch die Bäume. Die Symbole begannen heller zu leuchten. Der Boden vibrierte leicht unter ihren Füßen.
„Warum ich?“ Ailinas Stimme brach. „Ich habe nichts getan.“
Cáel trat näher an sie heran. Zu nah. Die Luft zwischen ihnen schien zu flimmern
„Doch. Du bist zurückgekehrt.“
Seine Nähe ließ etwas in ihr erwachen. Ein Ziehen tief in der Brust. Eine Wärme, die sie nicht kannte oder zu lange vergessen hatte. Die Runen antworteten darauf. Ihr Leuchten pulsierte nun im gleichen Rhythmus wie ihr Herz.
„Ailina…“ Cáels Stimme war nun leiser, dringlicher. „Deine Wahrnehmung öffnet sich. Und mit ihr Kräfte, die lange geschlafen haben.“
Ein Hirsch trat aus dem Dickicht. Groß, majestätisch. Er blieb stehen und sah sie an. In seinen Augen lag etwas Älteres. Wissendes. Dann senkte er den Kopf. Eine Geste, die mehr war als Instinkt, und verschwand wieder zwischen den Bäumen.
Ailinas Atem ging stoßweise. „Das ist nicht… normal.“
„Das ist wahr“, sagte Cáel.
Er hob die Hand, zögerte, ließ sie wieder sinken.
„Je näher du mir kommst, desto stärker wird es. Die alten Kräfte erinnern sich. Doch nicht alle von ihnen sind gnädig.“
„Dann geh“, bat sie leise. „Wenn ich die Ursache bin.“
Cáel lächelte traurig.
„So funktioniert das nicht.“
Ein ferner Donner rollte, obwohl der Himmel klar war. Die Runen erloschen so plötzlich, wie sie erschienen waren. Der Wald hielt den Atem an.
„Diese Nacht hat dich gesehen. Sie wird dich nicht vergessen.“
Cáel trat zurück. Sein Körper löste sich im Nebel auf. Zurück blieben Kälte und ein pulsierendes Wissen in Ailinas Brust.
Nach ihrer Rückkehr in das Haus, brannte dort eine Kerze auf dem Tisch. Daneben lagen das Amulett ihrer Großmutter sowie eine Triskele aus dunklem Silber.
Ailina nahm diese in die Hand.
Die zweite Raunacht war vorüber.
Die Welt hatte begonnen, mit ihr zu sprechen.



















































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