27. Dezember – Die Nacht der Ahnen

Der Schlaf kam wie ein Schleier aus Wasser.
Ailina hatte das Amulett unter das Kopfkissen gelegt, ohne recht zu wissen warum. Die Triskele fühlte sich warm an, lebendig beinahe, als sie das Licht löschte. Draußen pfiff der Wind durch den Schornstein, ein tiefer, klagender Ton, der sich mit ihrem Atem vermischte.
Nachdem sie die Augen geschlossen hatte, fiel sie nicht in die Dunkelheit. Sie sank. Nebelschichten glitten an ihr vorbei, kühl und dennoch vertraut. Der Boden unter ihren Füßen formte sich aus Licht und Erinnerung, bis sie schließlich barfuß auf feuchter Erde stand.
Der Druidenkreis. Er war nicht verschneit. Farn und Heidekraut wuchsen zwischen den Steinen, der Himmel darüber war bernsteinfarben, als stünde die Welt kurz vor dem Sonnenaufgang. Feuer brannten in Schalen und Stimmen sangen leise in einer Sprache, die sie niemals gelernt hatte  und trotzdem verstand.
„Du bist gekommen.“
Ailina drehte sich um.
Ihre Großmutter stand hinter ihr. Nicht gebeugt, nicht grau. Das Haar fiel ihr dunkel über die Schultern, ihre Augen leuchteten klar und wach. Um ihren Hals hing das Amulett der Triskele.
„Das… bist nicht du“, flüsterte Ailina.
Die Frau lächelte sanft. „Doch. So, wie ich war. Und wie ich immer noch bin, jenseits der Zeit.“
„Bin ich tot?“ Panik stieg in ihr auf.
„Nein, Kind.“ Die Großmutter legte ihr eine Hand auf die Brust. „Du träumst und erinnerst dich.“
Der Gesang verstummte. Der Kreis schien näher zu rücken, als würde er lauschen.
„Du warst eine Seherin. Nicht wahr?“
Ihre Großmutter nickte zustimmend. „Eine Grenzgängerin. Wie du.“
Bei diesen Worten begann das Amulett zu glühen. Bilder flackerten auf. Frauen mit bemalten Gesichtern, Männer mit Hirschgeweihen, Rituale im Rauch der Kräuter. Und immer wieder die Anderswelt. Nah, atmend, wartend.
„Unser Blut“, fuhr die Großmutter fort, „ist gebunden an die Schwellen. Wir sehen, was andere nicht sehen. Wir hören, wenn die Ahnen rufen.“
„Deshalb… der Wald. Die Zeichen.“ Ailinas Stimme bebte.
„Ja.“ Ein Schatten huschte über das Gesicht der Großmutter. „Aber das ist nicht alles.“
Der Himmel verdunkelte sich. Der Kreis veränderte sich, wurde kälter. Ein zweites Bild entstand. Eine jüngere Version ihrer Großmutter, kniend vor dem Schwellenstein. Vor ihr ein Mann aus Licht und Nebel. Seine Züge waren anders als Cáels, dennoch trug er dieselbe Fremdheit.




„Er war ein Hüter“, sagte die Großmutter leise. „Gebunden an einen Schwur. Und ich… war töricht.“
Ailina spürte den Schmerz in diesen Worten wie einen Stich.
„Wir liebten uns“, fuhr sie fort. „Gegen jedes Gesetz. Gegen jede Warnung. Dafür zahlten wir den Preis.“
„Was ist geschehen?“
Ailinas Kehle war trocken.
„Die Götter dulden keine Grenzüberschreitungen ohne Opfer.“
Der Wind frischte auf, Asche wirbelte durch den Kreis.
„Er wurde gebunden. Wir wurden getrennt. Die Zeit verschloss die Wunde.“
Das Bild zerfiel.
Ailina sank auf die Knie. „Cáel…“ Der Name verließ ihre Lippen, ohne dass sie es bedacht hätte.
Die Großmutter sah sie scharf an. „Du hast ihn bereits getroffen.“
Es war keine Frage.
„Ich wollte es nicht“, flüsterte Ailina. „Es geschieht einfach.“
Die Großmutter hockte sich neben sie.
„So beginnt es immer. Liebe fragt nicht nach Erlaubnis, aber sie fordert Wahrheit.“
Sie legte Ailina beide Hände auf die Wangen. Ihre Augen wurden tief wie Brunnen.
„Hör mir zu. Dein Band zur Anderswelt ist stärker als meines es jemals war. Wenn du diesen Weg einschlägst, wird er dich verändern. Möglicherweise wirst du verlieren, möglicherweise alles neu erschaffen.“
„Und wenn ich es nicht tue?“
Ein Lächeln, voller Trauer war die Antwort.
„Dann wird die Welt dich niemals ganz halten und die Anderswelt dich immer rufen.“
Der Gesang der Ahnen setzte wieder ein. Lauter und kraftvoller. Namen wurden geflüstert. Frauen, Männer, Leben, die vor ihr gewesen waren. Sie alle sahen Ailina an.
„Du bist nicht allein“, sagte die Großmutter. „Du warst es nie.“
Der Nebel kehrte zurück, dieses Mal dichter. Der Kreis verblasste.
„Großmutter!“ rief Ailina. „Werde ich ihn retten können?“
Die Antwort kam aus der Ferne, zersplittert wie ein Echo.
„Nicht jede Rettung bedeutet Bewahren.“
Ailina erwachte schweißgebadet. Das Morgengrauen sickerte durch die Fenster. Das Amulett lag auf ihrer Brust, heiß wie frisch geschmiedetes Metall.
In ihrem Kopf hallten die Stimmen der Ahnen nach.
Die dritte Raunacht war vergangen.
Ailina wusste nun, dass ihre Liebe kein Zufall war, sondern ein Echo einer verbotenen Vergangenheit.

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