28. Dezember – Die Nacht der Wahrheit
Der Tag verging unter einem Himmel aus Glas. Alles wirkte schärfer als zuvor – die Kanten der Dinge, die Farben des Winters, selbst die Stille.
Ailina trug das Wissen der dritten Nacht wie ein verborgenes Feuer in sich. Jeder Schritt durch das Haus ihrer Großmutter hallte nach, als würde der Boden lauschen.
Gegen Abend legte sie das Amulett um den Hals. Es war, als hätte sie damit eine Entscheidung getroffen, auch wenn sie diese noch nicht verstand.
Der Wind frischte auf, die Dunkelheit kam. Er trug den Geruch von Schnee und etwas anderem. Eisen, Rauch, Anderswelt. Ailina ging hinaus, ohne Mantel, ohne Angst. Der Wald empfing sie schweigend. Die Bäume öffneten einen Pfad, der zuvor nicht da gewesen war.
„Du solltest nicht hier sein.“
Cáels Stimme drang aus dem Schatten zweier Eiben zu ihr hinüber. Er trat hervor, fester nun, greifbarer. Sein Haar fiel dunkel über die Stirn, seine Augen spiegelten das fahle Licht der Raunacht.
„Du hast mich gerufen“, sagte Ailina ruhig.
Er schüttelte den Kopf.
„Du hast gelernt zu hören.“
Sie standen sich gegenüber, getrennt von kaum mehr als einem Atemzug und dennoch durch Welten. Das Amulett an Ailinas Brust begann zu glühen.
Cáel schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, lag darin etwas Endgültiges.
„Du kennst einen Teil der Wahrheit. Doch nicht genug.“
Der Wald veränderte sich. Nebel kroch zwischen den Stämmen empor. Der Boden wurde weich, so als wäre er nicht mehr Teil dieser Welt. In der Ferne erklang ein Horn. Ein Ruf aus der Anderswelt.
„Ich bin kein Geist“, fuhr Cáel fort. „Und auch kein Traum.“
Er hob die Hand. Runen erschienen in der Luft, schwebend und leuchtend. Es waren dieselben Zeichen, die Ailina im Rauch gesehen hatte.
„Ich bin ein Hüter der Schwelle. Geboren aus einem Schwur, gebunden an die alten Götter. Ich wache über die Übergänge, damit das Gleichgewicht gewahrt bleibt.“
Ailinas Herz schlug heftig.
„Zwischen Leben und Tod?“
„Zwischen allem, was war, und allem, was sein könnte.“
Der Nebel verdichtete sich, formte Bilder. Cáel, kniend vor dem Schwellenstein. Morrígan, schwarz geflügelt, über ihm. Ein Eid, besiegelt mit Blut.
„Mein Schwur ist älter als dein Dorf. Älter als dein Blut. Ich darf nicht eingreifen. Ich darf nicht wählen. Und ich darf…“ Er stockte. „…nicht lieben.“
Die Worte fielen wie Eissplitter.
Ailina trat einen Schritt näher.
„Warum ich?“
Ein bitteres Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Weil das Schicksal grausam ist. Und weil dein Blut die Schleier öffnet. Du siehst mich, wie andere es nicht können.“
Er wandte sich ab.
„Jede Nähe zu dir schwächt meine Bindung. Jede Berührung lässt die alten Kräfte erwachen und zieht die Aufmerksamkeit der Götter auf uns.“
Der Wind heulte auf. Hoch über ihnen zog ein Schwarm Krähen, die sich schwarz gegen den Himmel abhoben, vorbei.
„Was wird, wenn sie es sehen?“ wagte Ailina zu fragen.
Cáel sah sie wieder an. In seinem Blick lag Angst.
„Dann werde ich gebunden. Oder ausgelöscht. Und du…“
„…würdest den Preis bezahlen“, vollendete sie.
Stille.
Ailina spürte Tränen in ihren Augen aufsteigen, hielt sie aber zurück.
„Du hättest mir das früher sagen müssen.“
„Ich wollte dich schützen…Vor mir.“
Sie lachte bitter auf.
„Dafür ist es zu spät.“
Ein Impuls – stärker als Vernunft – ließ sie die Hand ausstrecken. Ihre Finger berührten seine Brust. Warm. Lebendig. Für einen Herzschlag flackerte die Welt. Runen loderten hell auf. Der Boden bebte. In der Ferne erklang ein Schrei, der nicht menschlich war.
Cáel packte ihr Handgelenk und zog sie zurück.
„Tu das nie wieder!“
Sein Griff war fest, doch seine Stimme bebte.
„Verstehst du jetzt? Diese Wahrheit ist kein Schutz. Sie ist eine Warnung.“
Langsam ließ er sie los. Der Nebel begann sich zurückzuziehen.
„Wenn du klug bist, wirst du mich meiden. Die Raunächte werden gefährlicher. Und ich…“ Er schwieg einen Moment. „Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.“
Ailina blickte ihn an, lange, erkannte die Wahrheit hinter seinen Worten.
„Dann sind wir beide verloren“, meinte sie leise.
Cáel wich zurück, sein Körper löste sich in Schatten und Licht auf. Zurück blieb der Geruch von Rauch, dazu ein Wissen, das nicht mehr weichen würde.
Die vierte Raunacht war vorüber.
Ailina hatte die Wahrheit erfahren. Sie wusste nun, dass Liebe hier kein Geschenk war, sondern ein Vergehen.























































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