30. Dezember – Die Nacht der Schatten

Die Angst kam leise. Nicht als Schrei, nicht als Fluchtimpuls. Sie näherte sich als Zweifel. Ailina spürte ihn bereits beim Erwachen, wie einen dunklen Film auf der Haut der Welt. Das Feuer im Herd war erloschen. Asche lag kalt und grau da, als hätte die Glut beschlossen, sich zurückzuziehen.
Cáel war fort.
Diese Erkenntnis schnürte ihr die Kehle zu. Nicht, weil sie ihn sehen wollte, sondern weil sie ihn fühlte. Fern. Gedämpft. Als wäre etwas zwischen sie getreten.
Der Tag verging wie unter einer Glocke. Schatten lagen dort, wo keine hätten sein dürfen. Spiegel zeigten ihr Gesicht einen Herzschlag zu spät. Und immer wieder hatte sie dieses Gefühl, beobachtet zu werden.
Als die sechste Raunacht hereinbrach, wusste Ailina: Dies war keine Nacht für Rituale. Es war eine Nacht für Prüfungen.
Der Wald empfing sie mit fremden Geräuschen. Ein seltsames Flüstern kroch zwischen den Bäumen entlang, brach ab, setzte neu an. Etwas bewegte sich im Augenwinkel. Zu schnell, zu niedrig, zu falsch.
Dann erblickte sie sie.
Gestalten lösten sich aus dem Dunkel. Dünn wie Rauch, mit Gliedern, die sich zu oft bogen. Ihre Augen glommen wie kalte Sterne. Sie rochen nach Moder und alter Zeit.
Sídhe. Verirrte Wesen der Anderswelt. Oder Gesandte.
Ailina wich zurück. Das Amulett an ihrem Hals brannte heiß. Die Schatten kamen näher. Lautlos und hungrig.
„Grenzgängerin…“
„Blut der Schwelle…“
„Was wirst du geben?“
„Zurück!“
Ihre Stimme zitterte, doch wich sie nicht zurück. Sie hob die Hand, und die Runen, die sie noch nicht kannte, an die sie sich jedoch erinnerte, flammten auf ihrer Haut auf.
Die Wesen wichen zischend zurück.
Dann fiel der Himmel. Nicht physisch, vielmehr in Bedeutung. Alles verdunkelte sich, wurde schwer, beinahe flüssig. Schwarze Federn trieben aus dem Nichts herab. Und sie trat aus dem Schatten…Morrígan.
Ihre Gestalt war wandelbar. Frau und Rabe, Schönheit und Schrecken zugleich. Schwarze Schwingen spannten sich hinter ihr auf. Ihre Augen spiegelten Schlachtfelder, Abschiede, Neubeginne.
„Du hast mich gerufen“, sagte sie ruhig.
Ailina sank nicht auf die Knie. Sie wusste nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie blieb aufrecht stehen.
„Ich habe dich nicht gerufen.“




Morrígan lächelte.
„Oh doch. Mit deinem Begehren. Mit deinem Kuss.“
Die Schatten hielten den Atem an.
„Du liebst ihn“, fuhr die Göttin fort. „Liebe ist niemals unschuldig.“
„Ich weiß“, erwiderte Ailina leise.
Morrígan kam näher. Jeder ihrer Schritt ließ den Boden altern.
„Dann weißt du auch, dass Liebe immer einen Preis fordert.“
Ailinas Herz schlug hart.
„Welchen?“
Die Göttin hob eine Kralle und berührte Ailinas Stirn.
Bilder explodierten in ihrem Geist: Cáel, gebunden. Blutend. Aus Licht. Die Anderswelt, aus dem Gleichgewicht gerissen. Sie selbst – allein, mächtig, leer.
„Angst“, sagte Morrígan. „Zweifel. Verlust.“
Sie neigte den Kopf.
„Was bist du bereit zu opfern?“
Tränen stiegen Ailina in die Augen, doch sie ließ sie nicht fallen.
„Falls Liebe nur existieren darf, wenn sie uns zerstört, was ist sie dann wert?“
Morrígan lachte leise.
„Eine gefährliche Frage.“
Die Göttin trat zurück, ihre Gestalt begann zu flackern.
„Die Schatten werden dich prüfen und dein Herz ebenfalls.“
Die dunklen Wesen zogen sich zurück, lautlos wie sie gekommen waren. Der Wald atmete wieder.
Bevor Morrígan verschwand, hielt sie inne.
„Entscheide weise, Grenzgängerin. Nicht jede Liebe überlebt die Wahrheit.“
Dann war sie verschwunden.
Ailina sank auf die Knie. Ihr Körper bebte vor Erkenntnis. Angst und Zweifel lagen schwer auf ihr. Dennoch loderte unter ihnen etwas Unbeugsames.
Die sechste Raunacht war vergangen.
Ailina wusste nun: Nicht die Dunkelheit war ihr größter Feind. Es war der Preis, den sie womöglich würde zahlen müssen.

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