31. Dezember – Die Nacht des Opfers
Der Morgen nach den Schatten war still. Zu still.
Ailina saß am Tisch im Haus ihrer Großmutter, die Hände um eine Tasse gelegt. Sie spürte, wie sich etwas in ihr verschoben hatte. Die Angst war nicht verschwunden, sie hatte ihren Platz gewechselt. Sie war nicht mehr lähmend, stattdessen war sie nun richtungsweisend.
Als die Dämmerung hereinbrach, erschien der Riss. Er zog sich durch den Wald wie eine schlecht verheilte Wunde. Die Luft flimmerte, Farben verloren ihre Klarheit. Ein fernes Pochen lag darunter, wie ein Herz, das nicht mehr im richtigen Takt schlug.
Ailina wusste, was es war, noch bevor sie es verstand. Der Schwur.
Der Boden unter ihren Füßen war warm und lebendig, so als würde er auf sie reagieren. Aus dem Riss drang ein fahles Licht, und sie erblickte Cáel.
Er war gekettet. Nicht mit Eisen, sondern mit Zeichen. Runen aus schwarzem Licht wanden sich um seine Arme und seine Brust, brannten sich in ihn hinein. Seine Augen leuchteten schwach, doch sein Blick war klar und voller Entsetzen, nachdem er Ailina bemerkt hatte.
„Nein“, sagte er heiser. „Du solltest nicht hier sein.“
„Ich wusste, dass sie dich binden würden.“
„Nicht binden“, korrigierte er. „Erinnern. An das, was ich bin.“
Sie trat näher. Jeder Schritt ließ die Runen an seinem Körper heller aufglühen.
„Hör mir zu“, mahnte Cáel eindringlich. „Was auch immer sie dir anbieten, nimm es nicht an.“
„Ich weiß, was sie wollen“, erwiderte Ailina ruhig. „Einen Teil von mir.“
Cáels Atem stockte.
„Sie wollen deine Menschlichkeit.“
Stille senkte sich über den Ort. Selbst der Wald schien zurückzuweichen.
„Deine Sterblichkeit. Dein Anker in dieser Welt“, fuhr er fort. „Wenn du ihn aufgibst, wirst du nie wieder komplett hier sein. Du wirst… dazwischen leben.“
Ailina legte eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlug gleichmäßig und entschlossen.
„Zwischen den Welten lebst auch du.“
„Das ist kein Leben“, erwidert er scharf, dann weicher: „Nicht für dich.“
Sie sah ihn an – wirklich an. Erkannte die Einsamkeit hinter seiner Stärke, die Jahrhunderte des Wartens, die Schuld, die er trug.
„Ich könnte dich befreien.“
„Und mich damit verlieren.“
Die Runen begannen sich zu verändern. Worte erschienen in der Luft – alt und unerbittlich: Ein Leben für ein Leben. Ein Band für ein Band.
Der Boden bebte. Die Anderswelt lauschte.
Ailina schloss die Augen. Bilder stiegen auf: Lachen, Schmerz, Berührung, Zeit. Alles, was menschlich war. Endlich und kostbar.
„Geh“, sagte Cáel plötzlich. Seine Stimme brach. „Vergiss mich. Die Welt wird sich schließen. Du wirst weiterleben.“
Sie öffnete die Augen. Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Und du?“
Er lächelte – ein echtes, liebevolles Lächeln. „Ich bin daran gewöhnt.“
Das war es, was sie beinahe zerbrach.
Ailina hob die Hand. Die Runen an ihrem eigenen Körper begannen zu glühen. Silbern, weich, lebendig. Die Ahnen flüsterten. Morrígan beobachtete.
„Liebe ist kein Besitz“, sagte Ailina leise. „Doch sie ist gleichfalls keine Flucht.“
Sie trat zurück.
Cáel starrte sie an.
„Was tust du?“
„Ich entscheide mich.“
Der Riss begann sich zu schließen. Die Runen an Cáels Körper verblassten langsam.
„Nein!“ Seine Stimme hallte über die Schwelle. „Ailina, bitte –“
„Nicht heute“, sagte sie, mit zitternder Stimme. „Ich werde nicht aufhören, Mensch zu sein. Aber ich werde auch nicht aufhören, dich zu lieben.“
Der Wald kam in Bewegung. Der Riss verschwand. Cáel war fort.
Ailina sank auf die Knie, ihr Körper bebte vor Schmerz und Stärke zugleich.
Die siebte Raunacht war vergangen.
Ailina hatte gelernt, dass ein Opfer nicht immer das ist, was man gibt. Manchmal ist es auch das, was man nicht gibt.

























































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