Das Gefährtenband
Das dunkle Dröhnen von Reapers Bike war aus der Ferne zu hören und Johanna sprang auf.
Erleichterung durchströmte sie, als sie auch wirklich Reaper auf dem Bike erkannte.
Er fuhr auf den Hof und parkte sein Bike da, wo es hin gehörte, stieg ächzend ab und ging auf Johanna zu.
Sie umarmte ihn, küsste ihn, doch dann schreckte sie zurück.
„Du bist verletzt!“
„Nicht so schlimm, du hast mich heftiger erwischt.“, grinste er und zog sie wieder an sich heran.
Es stimmte, die Wunde, die sie ihm an der Flanke zugefügt hatte, hatte eine grosse, hässliche Narbe hinterlassen.
„Das mag sein, aber ich muss es mir trotzdem ansehen.“
Ein paar Minuten später standen sie in ihrem Badezimmer oben und Reaper entblösste seinen Rücken.
Johanna musste die Wunde nähen, sie war zwar nicht tief, aber sie war lang und würde ständig aufgehen, wenn er sich bewegte.
Wie gewöhnlich säuberte Johanna die Wunde peinlich genau und nähte sie dann voll konzentriert zu.
„Warum kannst du sowas eigentlich?“, fragte Reaper mit zusammen gebissenen Zähnen.
„Glaubst du, ich lebe 300 Jahre und habe keine Ausbildung?“, fragte Johanna scharf und zog sich die Einweghandschuhe aus, warf sie zusammen mit dem Nähmaterial in den Müll.
„Ich bin als Kriegerin aufgewachsen, habe später Schneiderin gelernt und habe vor 40 Jahren mein Examen in Humanmedizin und vor 20 Jahren mein Examen in Veterinärmedizin absolviert und auch promoviert.“
„Oh… das erklärt vieles.“, meinte Reaper und erhob sich.
„Kann ich jetzt duschen?“
„Nur, wenn du kein Wasser über Naht laufen lässt.“, antwortete Johanna und räumte die restlichen Utensilien weg.
Reaper schnappte sie und zog sie an sich, seine blutverschmierte Brust saute ihren kompletten Rücken ein, doch genau das wollte er.
„Dann hilf mir dabei, Mama“, raunte er in ihr Ohr.
Sie wandte sich um und gab ihm einen Klaps auf die Schulter.
„Idiot!“
Sie zog sich aus und warf ihre Klamotten in den Wäschekorb, stellte die Dusche an und verschwand unter dem Wasserstrahl.
Reaper schlüpfte aus seinen Shorts und folgte ihr, sie erwartete ihn bereits mit Schwamm und Seife.
Sie wusch ihn sorgfältig, insbesondere um die frische Naht, danach schrubbte er ihren Rücken sauber.
„Komm“, meinte sie leise und sah ihn mit müden Augen an, „lass uns schlafen gehen.“
Als Reaper die Augen öffnete, konnte er durch das Fenster die Sterne sehen.
Johanna lag dicht an ihn gekuschelt neben ihm und atmete ruhig.
Seine Gedanken wanderten umher, während er mit ihren Haarspitzen spielte.
Womit hatte er sie verdient?
War sie nur bei ihm, weil sie Gefährten waren?
Hätte sie ihn auch ohne das Band irgendwann gewollt?
Würde sie ihn verlassen, wenn sie seiner überdrüssig wurde?
Die Selbstzweifel nagten heftig an seinem Herzen, als sich Johannas warme Hand auf seine Wange legte und sein Gesicht zu ihr drehte.
Sie küsste ihn sanft auf die Lippen.
„Womit du mich verdient hast, weiss ich nicht, aber ich weiss auch nicht, womit ich dich verdient habe, denn ich habe weitaus Schrecklicheres getan, als du.“, murmelte sie und blickte ihn an.
„Natürlich bin ich bei dir, weil wir Gefährten sind. Jemand anderes hat keinen Platz in meinem Herzen. Und ich weiss nicht, ob ich dich ohne das Band irgendwann gewollt hätte, denn ich habe nie darüber nachgedacht. Und, wenn wir schon dabei sind: selbst wenn wir noch 3000 Jahre leben, ich werde meinen Gefährten niemals verlassen. Vorher sterbe ich lieber.“
Reaper starrte sie an, „Wie hast du…?“
Das Gefährtenband, hörte er Johannas Stimme in seinem Kopf, irgendwann ist es so stark und tief verwurzelt, dass man die Gedanken des anderen hören kann und sich sogar körperliche und seelische Verletzungen teilt. Versuch, noch ein bisschen zu schlafen. Wir reden beim Frühstück darüber.
Sie gab ihm nochmals einen sanften Kuss und legte ihren Kopf zurück auf seine Schulter.
Als die Sonne aufging, war Reaper alleine im Bett.
Nach seinen Gedanken in der Nacht hätte er eigentlich unruhig sein sollen, doch er konnte spüren, dass Johanna in der Nähe war und nicht vor hatte, irgendwie weg zu gehen.
Er hörte, wie die Dusche eingestellt wurde und setzte sich auf die Bettkante.
Sein Rücken schmerzte, dann erinnerte er sich an die Naht und was er getan hatte.
Er erhob sich und ging ins Badezimmer, lehnte sich neben der Dusche an die Wand.
„Was ist schrecklicher, als ein Rudel abzuschlachten?“, fragte er über das Geräusch des prasselnden Wassers hinweg.
„Verrat“, war die kurze Antwort, kurz darauf drehte Johanna das Wasser ab.
Reaper reichte ihr ein Duschtuch und sie trocknete sich ab, schlang es danach wie einen Turban um ihren Kopf, damit es die Haare antrocknete.
„Ich habe sowohl meine Eltern, als auch den König verraten.“, führte sie ihre Antwort weiter aus.
„Was hast du mit dem König aller Werwölfe zu tun?“, wollte er wissen und betrachtete jeden Zentimeter ihres perfekten Körpers.
„Diamantwölfe sind eigentlich die Leibwache des Königs. Oder seine Auftragsmörder, die mit der Aufgabe betraut sind, Reaper zu töten.“
Reaper hob eine Augenbraue: „Aber der König ist ein Titanwolf, er kann nicht getötet werden.“
„Doch… er hat einen Feind, den Fürst der Reaper. Ein Werwolf, der mächtig genug ist, alle anderen Reaper zu befehligen. Und ein Titanwolf wurde er nur, weil er als Diamantwolf seine eigenen Eltern tötete.“
Johanna schlüpfte in ihre Shorts und zog sich ein ärmelloses Shirt über. Wie üblich verzichtete sie auf Unterwäsche, sie hatte 250 Jahre lang keine getragen und würde jetzt auch nicht damit anfangen.
„Und du glaubst diese Legenden und Prophezeiungen?“, fragte Reaper etwas ungläubig.
„Ja.“, meinte sie und blickte ihn an. „Meine Eltern sind seine Jäger und ich hätte auch einer werden sollen. Ich habe mich aber dagegen entschieden, wie du sehen kannst und habe nun sogar einen Reaper als Gefährten. Einen grösseren Verrat gibt es nicht.“
Sie fischte sich eines ihrer Halstücher aus ihrer Kommode und legte es sich um.
Ein paar Minuten später waren sie unten und Johanna bereitete das Frühstück zu.
Leider waren ein paar Jungwölfe da und sie konnten nicht offen reden.
Reaper trank gereizt seinen Kaffee, als einer der Jungwölfe an den Bartresen trat und sich an Johanna wandte: „Darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich!“
Johanna unterbrach ihre Mahlzeit und wandte sich dem Jungwolf zu. „Was möchtest du denn wissen?“
„Was genau ist das Gefährtenband?“
Reaper verschluckte sich an seinem Kaffee und schlug sich stark hustend mit der Faust gegen die Brust.
Teufel und eins, war das gerade wirklich ein Zufall?
„Nun…“, begann Johanna und blitze kurz zu ihm rüber.
„Das Gefährtenband ist eine emotionale Verbindung zwischen den beiden Gefährten, unabhängig von Alter und Geschlecht.
Diese Verbindung löst sich erst mit dem Tod eines Gefährten und gibt den anderen wieder frei.“
„Man kann mehrere Gefährten haben?“, fragte nun Reaper neugierig. Das war ihm neu.
„Ja“, antwortete Johanna und gönnte sich einen Schluck Kaffee.
„Aber nicht gleichzeitig. Das Gefährtenband bleibt immer bis zum Tod bestehen, vorher kann es nichts durchtrennen.
Erst danach kann ein neues Band geknüpft werden.
Dabei ist es auch egal, wie tief das Band verwurzelt ist.“
„Was meinst du damit, Mama?“
Nun waren auch die anderen Jungwölfe näher getreten, die Neugier war gross. Kaum jemand sprach je über das Gefährtenband, das hatte allerdings auch seinen guten Grund.
Johanna holte Luft und fuhr fort.
„Es gibt Bande, die sind relativ ‚oberflächlich‘, salopp gesagt. Man spürt im Herzen, dass man den anderen braucht und würde alles zutun, um ihn zu beschützen.
Dann gibt es Bande, die sehr tief verwurzelt sind. Je tiefer verwurzelt, umso gefährlicher wird es für die Gefährten, deshalb wird auch nicht viel darüber gesprochen.
Die Tiefe der Verwurzelung sagt übrigens nichts über die Stärke des Gefährtenbandes aus, dies ist unabhängig voneinander.“
Die Jungwölfe rückten noch näher und auch Reaper wandte sich nun offen interessiert zu.
In der Tat wurde sehr selten so offen über das Band gesprochen.
Es war wie ein Geheimnis eines jeden Paars.
„Es gibt Bande, die sind so tief, dass man die Gedanken des anderen hören kann, was die Kommunikation über den Geist ermöglicht.“
Also ist unser Band tief…, dachte Reaper und blickte zu seiner Wölfin, die ihm leicht zuzwinkerte.
„Geht es tiefer, so ist es möglich, seinen Gefährten überall auf der Welt zu finden, selbst wenn man nicht weiss, wo er sich befindet. Das Band führt sie zusammen. Hier ist es gefährlich, da man – sofern man über die Tiefe des Bandes Bescheid weiss – einfach den Gefährten entführen kann, wenn man den verfeindeten Wolf an einem bestimmten Ort haben möchte. Er wird auf jeden Fall kommen.“
Die Jungwölfe sahen schockiert aus, doch Johanna fuhr fort.
„Die tiefste Verwurzelung ist definitiv die gefährlichste: neben allem anderen, das ich gerade aufgeführt habe, kommt dazu, dass man sich körperliche und seelische Verletzungen teilt.“
„Wie geht das?“, warf einer der Jungen dazwischen.
Johanna fuhr eine ihrer Krallen aus und schlitzte ihren Unterarm auf.
Reaper zuckte kaum merklich zusammen und drehte sich etwas auf seinem Hocker.
„Ist das Band so tief, dann haben beide Wölfe die selbe Verletzung. Allerdings ist sie halb so gross und halb so heftig. Das ist uralte Magie, wie genau sie funktioniert, weiss ich nicht. Die Wunden heilen dreimal schneller, als wenn das Band nicht so tief ist. Das Gefährliche hieran ist jedoch, wenn einer von beiden tödlich verletzt ist, also beispielsweise die Kehle bis zur Wirbelsäule aufgeschlitzt wird, dann sterben beide Gefährten.“
Im Raum wurde es still.
„Deshalb redet niemand darüber, wie tief das Band mit seinem Gefährten ist.“, durchbrach Reaper leise die Stille und nahm seinen letzten Schluck Kaffee.
„Mama, hast du noch Nachschub?“, fragte und und reichte ihr die Tasse mit seiner rechten Hand.
Johannas Blick ruhte einen Augenblick auf seinem Unterarm, dann nahm sie Tasse entgegen und lächelte.
„Natürlich, Sensenmann.“, erwiderte sie und goss ihm neuen Kaffee ein.
„Solltet ihr nicht langsam zur Schule?“, fragte sie die Jungwölfe und reichte Reaper seine Tasse zurück.
Hastig packten die Jungen ihre Sachen und machten sich aus dem Staub.
Kaum war die Tür im Schloss, packte Johanna Reapers Arm und starrte die Wunde an.
Sie war schon wieder halb geschlossen, so, wie ihre eigene auch.
Das ist nicht gut, hörte sie Reapers Stimme in seinem Kopf.
Nein…, antwortete sie und blickte ihn an.
Das ist gar nicht gut. Natürlich, du wirst als Sensenmann noch mehr im Vorteil sein, aber es könnte uns verraten…
Warte mal!
Johanna sprang auf und lief zum Bücherregal.
Sie zog ein uraltes, dickes und schweres Buch aus dem obersten Fach und knallte es neben Reaper auf die Bar.
Sie schlug es auf und begann hektisch zu Blättern, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte.





























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