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“Alex!” rief eine vertraute Stimme. Vor mir befand sich eine kleine Menschenmasse, als ich das Gate mit meinem Gepäck verließ. Hektisch sah ich mich um, denn ich wollte meine Eltern endlich sehen. Plötzlich quetschte sich mein Vater durch die Leute, mit einer ausgestreckten Hand nach hinten, wo wenige Sekunden später seine kleine Frau zum Vorschein kam. Auf meine Gesichtszüge legte sich die reine Freude “Mama! Paps!”, ich begann in ihre Richtung zu joggen und fiel erst meinem Vater um den Hals, nachdem meine Tasche auf dem Boden aufkam. Mama hob sie auf “Alex bitte, das geht doch nicht.” ermahnte sie mich und versuchte ernst zu bleiben, das konnte ich über die Schulter meines Vaters sehen, aber die Freude der Wiedervereinigung wog deutlich stärker als alles andere. Ich hob eine Augenbraue und setzte ein Lächeln auf, während Papa und ich uns voneinander lösten, dann umarmte ich meine Mutter ebenfalls fest “Gott, ich hab euch so vermisst.” murmelte ich in ihre Halsbeuge und genoss den Moment, ihre vertrauten Gerüche wieder in meiner Nase zu haben. Auch die Tatsache, dass ich die Konversationen in der näheren Umgebung wieder verstand, sowie die Durchsagen und Werbetafeln, löste eine tiefe Erleichterung in mir aus.
Papa strich mir über den Rücken, als Zeichen, dass wir los sollten. Ich und Mama ließen voneinander ab. Er nahm seiner Frau die Tasche ab und wir spazierten Arm in Arm aus dem Flughafen raus zum Auto “Wie war es, erzähl! Und lass ja keine Einzelheiten aus.” forderte er mich auf, sein Zwinkern in meine Richtung, entlockte mir ein Lachen “Gleich im Auto, okay?” handelte ich einen Deal aus, mit dem beide einverstanden waren.
Mama stieg gleich auf den Beifahrersitz, ich setzte mich auf die Rückbank in die Mitte und Papa verstaute noch meine Habseligkeiten im Kofferraum, ehe er sich auf dem Fahrersitz niederließ. Sobald Stille im Auto Innenraum herrschte, meldete sich mein Handy zweimal im Sekundenabstand. Verwundert und neugierig wollte ich es aus der Hosentasche holen, dabei verkantete ich mehrmals Stoff und musste mich auf dem Sitz etwas strecken, damit ich es raus bekam. Ohne sich unmenschlich verbiegen zu müssen, konnte man den Kampf gegen die zerknitterte Hosentasche nie gewinnen.
Die Mitteilungen entsprangen einer unbekannten Nummer, also ging ich dem Rätsel nach und öffnete den Chatverlauf. Oben als erste Nachricht stand ein einfaches ‘Hey’, dann vergingen ein paar Stunden und nun folgten zwei weitere:
‘Na, bist du gut gelandet? Wie war es mit der Aufregung vor dem Flug?’
‘Oh und hier ist Sasha Petrov, dein freundlicher und loyaler Chauffeur)))’
Ein breites Grinsen zierte mein Gesicht. Ich war überraschend froh, von ihm zu hören. Auch dass er die vorherige Nervosität vom ersten Flug ansprach, schrie irgendwie nach dem Geplapper von Thomas. Entweder konnte er es nicht Geheim halten oder Sasha hatte kurz nach meiner Abreise nachgefragt. Sicherlich bekam er auch von Thomas meine Nummer, normalerweise würde ich innerlich toben, wenn man ohne zu fragen meine privaten Informationen weitergab, aber in diesem Falle konnte ich ein Auge zudrücken.
Um weitere selbstgemachte Überraschungen zu vermeiden, speicherte ich die Nummer unter seinem Namen ab und verfasste gleich eine schnelle Antwort:
‘Hey Sasha, danke für die Nachfrage, ich habe den Rückflug überlebt und bin überrascht von dir zu hören. Lass mich raten, Thomas hat dir meine Nummer gegeben?’
Sobald ich die Nachricht abschickte, färbten sich die Haken blau und er wurde mir als online angezeigt, was innerhalb einer Sekunde in ‘schreibt…’ wechselte. “Was grinst du denn so Alex?” bemerkte Mama. Ich fühlte mich ertappt und sperrte den Bildschirm. Kurze Zeit später wurde der Nachrichten-Ton wieder ausgelöst. Sie sah mich durch den Rückspiegel fragend an “Mit wem schreibst du denn? Ryan Reynolds? Oder warum bist du so glücklich?” stieg Papa mit ein und zog schelmisch die Augenbraue hoch. Mama warf ihm einen scharfen Blick zu, dass er sich nicht lustig darüber machen sollte. Ich beruhigte die beiden “Es ist nur ein Freund, den ich in Russland kennengelernt habe.” gab ich so wenig Information wie möglich preis.
Ich wusste, wie sie sich verhielten, sobald ich auch nur ansatzweise positiv gegenüber einem Mann gestimmt war. Vor allem mein Vater wollte dann unnötig viele Details über die kleinsten Gespräche haben. “Schon? Erzähl uns mehr. Immerhin fahren wir schon.” erinnerte mich Mama an meine Aussage von vorhin und ich musste ihr Recht geben.
Zum ersten Mal schenkte ich meiner Umgebung mehr Beachtung. Unser Auto befand sich schon auf der Hauptstraße in die Stadt hinein, die Außenwelt verwischte bei der Fahrgeschwindigkeit. “Entschuldigung, du hast Recht.” kurz räusperte ich mich “Also, der Flug hat mich verstört. Thomas musste mich nach dem Abholen in ein Cafe schleppen, damit ich nicht ohnmächtig werde.”, meine Erzählung hielt ich lustig, denn mittlerweile konnte ich darüber nur lachen. Mama starrte mich an “Das hast du uns gar nicht erzählt.” fiel ihr verwundert auf, die Besorgnis in ihrer Stimme konnte man kaum überhören. “Ach, mir geht’s ja gut, ist nicht der Rede wert. Aber um weiterzuerzählen, das Hotel war unglaublich und viel zu reich aussehend für mich. Dort gab es alles, edle Mitarbeiter in schneidigen Anzügen und eine Menge, eine riesige Menge güldene Akzente und Details. Das Bett dort war verdammt bequem, ich vermisse es fast schon, wie weich es war und der frische Geruch, aber ich habe mich beim ersten eintreten in meine Bleibe übel erschrocken. Da lag ein Fell am Fußende, wo ich dachte, dass es echt war, denn es sah wirklich sehr echt aus. Es war aber glücklicherweise ein Kunstfell.” erzählte ich lachend, schwelgte in der Erinnerung und ließ sie in meinem Kopf nochmal durchlaufen. Papa stieg mit ein, unser Gelächter harmonierte miteinander “Wäre mir aber auch so gegangen.” gestand er. Meine Mutter hörte dem nur lächelnd zu, sie genoss einfach die Erzählungen meinerseits. “Das glaub ich dir sofort. Wisst ihr, der Freund, von dem ich eben sprach, ist der Chauffeur der Firma. Er fährt eigentlich die Chef-Etage umher für außer Haus Termine oder ähnliches. Da ich aus irgendwelchen Gründen die einzige Frau dort war, wurde er mir zugeteilt. Sein Name ist Sasha, ein hübscher junger Mann mit blauen Augen und blonden Haaren. Er ist ein bisschen verspielt, aber auch ernst in gewissen Situationen. Wir hatten viel Spaß miteinander und gestern lud er mich in ein Restaurant ein, was er gut kannte. Ich war zwar nur seine Begleitung, aber er gab mir trotzdem ein Getränk aus. Heute morgen führte er mich aus zum Sightseeing, es war äußerst lehrreich.” erzählte ich stolz, Papa pfiff anerkennend “Wie kommt das denn? Du bist eigentlich eher weniger die Person, die sich irgendwie helfen lässt, geschweige denn etwas anderes.” fasste er meinen eigentlichen Charakter gut zusammen und ich nickte zustimmend “Du hast Recht, aber ich habe mir gedacht, dass ich mal etwas anderes ausprobieren wollte. Am Ende kann ich doch sagen, dass dieses Princess Treatment nichts für mich ist. Ich kümmer mich lieber alleine um mein Wohlergehen. Es war aber eine gute Gelegenheit, Sasha besser kennenzulernen. Er ist ein freundlicher Mann und ein guter Vertrauenspunkt geworden, der mir ein kleines Heimatgefühl gab, während ich so weit weg von zu Hause war.” erzählte ich die Geschichte weiter, meine Mutter legte gerührt den Kopf schief und schob die Unterlippe vor „Nein, wie süß.” merkte sie an. Es freute mich noch mehr, dass sie nach ihrem gekränkten Ausraster zu Anfang endlich das Verständnis für meine Entscheidung aufgebracht und sich aus freiem Willen alles anhörte, ohne beleidigt über mein Glück dazusitzen.
“Und wie lief die Arbeit?” lenkte Papa das Thema auf den eigentlichen Grund, warum ich die Reise angetreten habe. Kurz überlegte ich, ob es eine gute Idee war, ihnen die Details des fragwürdigen Tages zu erzählen. Jedoch entschied ich mich dagegen und blieb beim professionellen Teil “Es war mit Abstand das Beste, was ich erlebt habe. In der Firma bereitete mich Thomas nochmal auf das vor, was mich erwartete. Der Inhaber erscheint vom Optischen her sehr streng und ich bin mir sicher, dass er auch sehr angsteinflößend sein kann, aber er hat mich freundlich empfangen und mir grob den Tagesablauf beschrieben. Er war dabei nicht alleine, sein Sohn wurde mir dann als mein Vorgesetzter vorgestellt. Alexej Iwanow ist sein Name, mein erster Eindruck von ihm war schlecht und es zog sich so weiter. Die Arbeit fiel mir leicht, ich konnte alle Aufgaben erfüllen und mir das Sicherheitssystem angucken, beziehungsweise einen Plan machen, wie man es verbessern kann. Es war recht primitiv aufgebaut und es wundert mich, dass es noch keiner hacken konnte. Aber um nochmal zurück auf Alexej zu kommen-” begann ich und rieb mir mit Daumen und Zeigefinger verzweifelt über die Stirn, um die aufkommenden Kopfschmerzen loszuwerden “Er ist so ein arroganter Schnösel, ein richtiges Arschloch. Mehr als kalt dreinschauen und einen für dämlich halten konnte er nicht. Der Typ hat es auf mich abgesehen und mir jeden letzten Nerv geraubt.” kotzte ich mich nun vor meinen Eltern aus. Wut und tausend offene Fragen brachten mir die Gefühle wieder zurück, für die ich ihn hätte umbringen können. “Das klingt, als hätte er es dir unnötig schwer gemacht. Ich weiß jedoch, dass du es trotzdem gerockt hast. Vielleicht war es auch nur ein Test, um deine Belastbarkeit auszutesten. Interpretiere nicht allzu viel in das Verhalten.” versicherte mir Mama und traf damit den Nagel auf den Kopf. Sie kannten mich einfach zu gut und sprach einen validen Punkt an. Vielleicht machte ich mir unnötige Gedanken, aber meine Version der Vorkommnisse werde ich vorerst nicht so schnell verdrängen.
“Stimmt genau, aber…irgendwie auch nicht. Heute morgen war das finale Gespräch, Alexej sollte aufschreiben wie ich mich schlug. Eigentlich war meine Vermutung, dass er absichtlich meine gute Arbeit schlecht reden wird, aber im Gegenteil. Er schrieb ehrlich über meine Kompetenz und überzeugte seinen Vater damit von mir.” Papa setzte kurz einen überlegenen Gesichtsausdruck auf “Aber das klingt doch gut.”, Mama nickte “Dein Vater hat Recht. Was zählt ist letztendlich, dass alles gut ausgegangen ist, egal aus welchen Motiven Alexej handeln mag.”
Meine Gedanken kreisten viel zu sehr um unbeantwortete Fragen. Eher sollte ich mich darauf fokussieren, dass alles genauso ausging, wie ich es mir gewünscht hatte. Angestrengt und bemüht, mich zu beruhigen, atmete ich aus “Aus der Sicht habe ich es tatsächlich noch nicht betrachtet.” Meine Eltern warfen sich kurz unsichere Blicke zu, da sie etwas Fragen mussten, was entweder ihre größte Angst oder die größte Freude für mich bestätigte “Und? Was kam raus beim Gespräch?” Mein Handy auf dem Schoß vibrierte, dann nochmal und brachte mich für einen Wimpernschlag aus dem Konzept. “Nikolaj – der Inhaber – hat mir die Stelle als eine Festanstellung angeboten. Ich habe zwei Wochen Zeit, mich zu entscheiden oder das Angebot abzulehnen.” begann ich und sah die gebannten Blicke meiner Eltern, ob ich ihnen noch meine Entscheidung erzählen würde. Ich schüttelte den Kopf “Nein, keine Sorge, ich habe mich noch nicht entschieden, was ich machen will.” beruhigte ich die beiden für den Moment “Du hast ja auch noch Zeit, wir setzen dich da nicht unter Druck. Sag uns einfach Bescheid, sobald du eine Entscheidung getroffen hast.” nahm mir Papa etwas die Bedenken und Sorgen. Ich dachte sie erwarteten gleich, dass ich ihnen einen ausgeklügelten Plan vorlegte, wie ich mich von den beiden entfernen könnte und sie nie wieder sehen müsste. Ich war dankbar, dass ich mich täuschte.
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Zu Hause angekommen, belegten meine Eltern das Wohnzimmer. Ich hingegen verabschiedete mich nach oben auf mein Zimmer. Dort packte ich meine Sachen zurück in die Schränke und brachte die getragene Kleidung gleich ins Badezimmer damit sie gewaschen werden konnte, sobald sich weitere helle Sachen ansammelten. Nach dieser Aufgabe, legte ich mich aufs Bett und öffnete erneut den Chatverlauf mit Sasha:
‘Wieso überrascht? Ich möchte wissen, ob es dir gut geht und natürlich auch, wie dein Leben in Deutschland so abläuft. immerhin hab ich Russland nie verlassen..Bist du eigentlich schon zu Hause?’
‚Achso, wie lief eigentlich das Abschlussgespräch mit Iwanow Senior? So wie ich nach meinem Abliefern heute morgen gesehen habe, war sein Sohn ziemlich…wie soll ich sagen…genervt?’
Kurz überlegte ich mir eine Antwort und brachte meine Neugier über seine Aussage zum Ausdruck:
‘Ich bin nur nicht davon ausgegangen, dass wir außerhalb deiner Heimat miteinander reden würden, aber ich hab natürlich nichts dagegen. Danke, dass man sich mit dir so einfach unterhalten kann. Eh ja, wir sind eben angekommen, ich bin echt kaputt.’
‘Nikolaj hat mir den Job als Festanstellung angeboten. Ich habe zwei Wochen Zeit mich zu entscheiden, ehe sie wieder ausgeschrieben wird. Aber was mich mehr interessiert, ist er denn je anders? Oder warum sprichst du das an?’
Sasha schien inne zu halten und sich eine passende Antwort zu überlegen, zumindest fühlte es sich so an, als wollte er eine Notlüge suchen, die mich sättigen sollte.
‘Klingt doch super! Hast du dich schon entschieden?’
‘Du hast Recht, er ist nie sonderlich anders. Aber er machte sich vorher noch nie die Mühe, jemanden zu holen. Auch seine Ausstrahlung hat sich verändert. Wenn es um dich geht, wird er meist noch bedrohlicher als so schon und das nur mit seinen Blicken, da muss nicht mal seine Körpersprache hinzukommen.’
Skeptisch überflogen meine Augen seinen Text, aber er klang nicht unwahrscheinlich. Vielleicht interpretierte er einfach zu viel hinein, wenn Alexej sich mal ein wenig anders verhielt als sonst. Insgeheim wusste ich jetzt natürlich, warum er sich so verhielt. Einen Teil hat er mir schon gestanden, den Rest konnte ich nur mutmaßen.
‘Nein, noch keine Ahnung was ich machen soll. Ich gebe dir Bescheid oder du wirst es in der Firma erfahren, wie ich mich entscheide. Danke nochmal für deine Unterstützung und entschuldige das Chaos oder Wirrwarr was ich verursacht habe.’
Bei dem letzten Satz musste ich selber lachen, denn es beschrieb, was ich beobachten musste und wie sich mein gesamter Aufenthalt angefühlt hatte auf den Punkt genau.
‘Keine große Ursache. Es war nur ungewöhnlich, was deine Anwesenheit ausgelöst hat und ich kann die anderen durchaus in ihrer Reaktion verstehen. Die Abwertung jedoch nicht. Du bist hübsch und intelligent, eine seltene Kombination.’
‘Du weißt, wenn du dich dafür entscheidest, dass du russisch lernen musst und ich stehe zur Verfügung, dir zu helfen. Einfach wird es jedoch nicht, unterschätze diesen Punkt nicht.’
Er hatte Recht, das muss ich dann. So weit hatte ich gar nicht gedacht und es graute mir davor, diese Sprache lernen zu müssen. Zumindest konnte ich schon mal ein Contra festlegen, welches gegen den Umzug nach Russland sprach.
‘Danke das du mich daran erinnerst, jetzt überlege ich mir zweimal, ob ich nach Russland umziehen möchte ;)’
‘Ich leg mich hin für eine Weile, langsam übermannt mich die Müdigkeit’
Verabschiedete ich mich von ihm. Ich musste ein kleines Nickerchen machen, um alles, was die letzten Tage passiert ist verarbeiten zu können. Es half mir sicherlich auch, mich zu reflektieren und eine für mich passende Entscheidung zu treffen. Es war aber keineswegs mein Plan, innerhalb der nächsten Stunden zu wissen, was ich machen möchte. Ich gebe dem eine Woche Zeit, bis ich genaueres darüber sagen konnte und welche Seite dieses doppelschneidigen Schwertes komfortabler ist.
Ich legte mein Handy beiseite auf den Nachttisch, drehte mich zur Seite und zog die Bettdecke unter mir hervor, damit sie wenigstens meine Körpermitte bedeckte. Es dauerte auch nicht lange, bis die Traumwelt die Realität ablöste.





































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