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In der nächsten Zeit ging alles ziemlich schnell, zumindest konnte mein Kopf nichts davon so wirklich verarbeiten. Es fühlte sich an wie in einem Traum oder in einer surrealen Welt, wo all meine Gedanken und Gefühle nur dumpf in meinem Körper wohnten. Ich fühlte mich abgestumpft, als würde mein Geist außerhalb seiner Hülle leben. Alles, was ich tat, geschah nur automatisch.
Meine Eltern erklärten sich bereit, mir beim Umzug zu helfen. Ich wollte sie ursprünglich erst raushalten, aber sie akzeptierten kein Nein in diesem aufwändigen Unterfangen.
Telefonate, Besuche beim Amt. Alles zehrte endlos an meiner Energie. Ich machte mich teilweise so verrückt bei Anträgen, dass ich Tagelang keinen richtigen Schlaf bekam. Es war viel schwieriger, sich in Deutschland als Auswanderer zu melden, seinen Wohnsitz zu kündigen und alle anderen Ämter abzumelden, als in Russland besagte Sachen zu beantragen. Innerhalb von einem Monat wurde mir eine befristete Aufenthaltserlaubnis, Niederlassungserlaubnis und Arbeitserlaubnis ausgestellt, binnen weniger Tage hatten meine Eltern das Visum, ich ebenso. Nichts davon musste über Papiere laufen, alles ging online, wie ein perfekt geöltes Uhrwerk. Zugegeben wäre es nicht ansatzweise so schnell gegangen, wenn ich keinen Arbeitsplatz vorzuweisen hatte und einen schlechten Lebenslauf. Sasha und Thomas schlossen sich zusammen, um mir von der anderen Landesseite aus zu helfen, aber es war nicht einfach. So vieles musste überprüft werden. Was ich plane mitzunehmen, eine Erneuerung meiner Ausweise – falls es nötig war – sowie den Impfpass. Meine Krankenversicherung machte Probleme und wir mussten uns mit so vielen neuen Gesetzen auseinandersetzen.
Warum musste ich auch unbedingt außerhalb der EU auswandern?
Mit jedem Tag, der verging, rückte meine finale Abreise näher. Es machte mich krank und ich betete dem Moment entgegen, wo sich endlich alles regelte und ich wieder frei atmen konnte, anstatt täglich mit der Schnappatmung klarkommen zu müssen.
Es war ein Albtraum innerhalb eines schönen Traumes, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich war bei jedem Termin auf dem Amt seriös und eisern in allen Entscheidungen. Mir war klar, dass mein Körper nur so reagierte, weil ich mich 26 Jahre lang nur innerhalb meiner Komfortzone aufgehalten habe, ohne auch nur einen Blick auf meine Möglichkeiten zu werfen. Mit dem Jobangebot so weit weg, bekam meine mühsam aufgebaute Blase Risse und das machte mir große Angst. Die Risse wurden immer größer, bis die ersten Splitter abplatzten und ich eine neue Art der Luft einatmete. Über diesen Moment musste ich hinweg kommen, danach konnte ich wieder anfangen zu leben. Zugegeben war meine Entwicklung in den letzten Monaten trotzdem bemerkenswert. Wer hätte gedacht, dass mich der Kontakt zu wenigen ausgewählten Menschen so umkrempeln würde. Nichts in mir fühlte sich gleich an. Lediglich die Blicke zurück verrieten mir, wie ich mein Leben lang in einem Gefängnis gesessen habe und es nach so langer Zeit einfach akzeptierte, es gemütlich fand. Nun sträubte sich natürlich vieles in mir gegen mein Vorhaben, aber die andere Seite von mir wollte die Zweifel zum Schweigen bringen. Nun hielt mich nichts mehr auf.
Nikolaj teilte mir inmitten des zermürbenden Prozesses mit, welche Wohnung ich bekam und sendete die Adresse mit sowie die Anzeige von typischen Wohnungsmärkten. Diese Anzeige war jedoch intern und nicht für das öffentliche Auge, deshalb musste ich über den mitgeschickten Link gehen. Neben all dem Chaos sah ich mir die Wohnung gemeinsam mit meinen Eltern an. Sie befand sich im Stadtzentrum nicht weit weg von der Firma und mit allen notwendigen Läden greifbar. Sie war zu unserer Überraschung vollständig möbliert mit Küche und allem anderen, zusätzlich hatte sie einen Balkon, aber von dem gab es keine Bilder, nur im Grundriss der Wohnung war er mit eingezeichnet. Die Kosten erinnerten mich an die hier zu Hause, 750 Euro inklusive Nebenkosten für 62 Quadratmeter. Zugegeben ging der allgemeine Preis für die Größe voll klar, hier zu Hause wucherten solche Wohnungen gerne bis zu 1.300 Euro.
Zusammen mit den Informationen über meine neue Bleibe, teilte mir Nikolaj mit, dass mein erster Arbeitstag der 13.06 sein wird. Noch exakt sieben Tage, also eine Woche, bis endlich die Sturmwolken vorbeizogen und der Frühling den endlosen Winter in mir vertrieb.
Da wir vorausschauend arbeiteten und mir Thomas sagte, dass die Wohnungen möbliert vergeben werden und ich meine wichtigsten Sachen schon in Kisten verstauen sollte, da sie zuerst auf die Reise gehen werden. Wir sorgten dafür, dass meine privaten Gegenstände 24 Stunden vor meiner eigenen Abreise schon rüber fliegen, wo Thomas sich dann darum kümmerte, dass alles zu meiner neuen Wohnung gebracht wurde und nicht durch fremde Hände ging. Erneut konnte ich ihm nicht genug für seinen Einsatz danken, aber ich musste mir was einfallen lassen, sobald ich in Russland wohnte, dass ich mich revanchierte.
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„Steffen Hofmann, jetzt komm endlich, sonst verpassen wir noch unseren Flug!“ rief Mama vom Türrahmen aus ins Innere des Hauses. Ihr Blick war konzentriert und sie hielt den Oberkörper nach vorne gelehnt in den Flur, um die kleinsten Geräusche auffassen zu können. Ich lehnte am Auto, die Arme vor der Brust verschränkt, während mein Fußballen in einem gleichen Rhythmus auf den Boden tippte. Alle halbe Sekunde warf ich einen Blick auf die aktuelle Zeit, die kaum zu vergehen schien, aber doch immer knapper wurde. Die Sonne prasselte bereits auf uns nieder und mischte sich mit der kühlen Morgenluft. Ich fröstelte und zuckte kurz zusammen, ehe sich die Gänsehaut auf meinem gesamten Körper ausbreitete.
Mama kam schließlich auf mich zu und verstaute ihre Tasche noch im geöffneten Kofferraum, ehe mein Vater fast aus dem Haus herausfiel. In der linken Hand hielt er seinen roten Plastikkoffer, rechts eine gut gefüllte Tasche „Entschuldigung, ich habe meinen Reisepass und das Flugticket gesucht, aber ich hab alles.“ begründete er, warum wir nicht pünktlich losfahren konnten. Ich schüttelte nur leicht schmunzelnd den Kopf, während meine Mutter mit dem Zeitdruck überhaupt nicht zurechtkam. Genervt spornte sie meinen Vater an mit hektischen Handbewegungen „Dann komm jetzt, rein mit deinem Zeug.“ sie sah kurz zu mir, während Papa ihr die Tasche in die Hand drückte, um diese wegzupacken „Steig bitte schon mal ein Alex.“ koordinierte sie mich, um Zeit rauszuholen und kein weiteres Chaos zu verursachen. Kurzerhand drehte ich mich um, stieg hinten auf der Rückbank ein und schnallte mich bereits an.
Mama hatte mitgedacht und das Auto bereits gestartet, damit die Klimaanlage den kalten Innenraum aufwärmen konnte. Trotzdem überkam mich eine neue Welle von Gänsehaut, sobald meine nackte Haut den ledernen Autositz berührte. Ich trug extra kurze Sachen, da ich alles andere vermutlich im Laufe des Tages bereuen würde. Die lockere kurze Jeanshose endete in der Mitte meiner Oberschenkel und bildete Falten im Sitzen, die gegen meine Hüftknochen drückten und mein Handy enger an mich schmiegten. Der schwarze Body mit halblangen Ärmeln fühlte sich eher an wie eine nasse Decke, sobald der Stoff die kühle Luft in sich speicherte und meine Körpertemperatur nach unten trieb. Um mich davon abzulenken, warf ich einen Blick nach draußen durch die verdunkelten Fenster auf die Natur.
Alle Grünstreifen neben der Straße, die Gärten und Felder, die ohne den Schutz von Baumkronen auskommen mussten, verloren ihre saftige Farbe und starben ab. Es hatte seit zwei Tagen nicht mehr geregnet, das merkte man dem gesamten Umfeld an. Nicht nur die Pflanzen litten, die Tiere wurden träge und verkrochen sich zu schattigen Plätzen und auch die Menschen mieden den direkten Kontakt mit der Außenwelt. An so vielen Fenstern der Häuser und Wohnungen ragten dicke Schläuche durch die Scheiben hindurch, provisorische Klimaanlagen.
Plötzlich vibrierte mein Handy und ich begrüßte die Ablenkung mit offenen Armen, während ich dem Geräusch lauschte, wie Plastik auf Plastik rieb oder metallene Schnallen gegen andere schlugen. Zwischendurch hörte man die Stimme meiner Eltern, die sich gerade uneinig schienen, welche Tasche an welchen Platz gehörte. Die Zeit wurde immer knapper und meine Nerven immer kürzer.
Hey Alex, seid ihr schon unterwegs?
Ein Lächeln flog kurz über meine Lippen, als ich die Nachricht sah und ich verfasste eine schnelle Antwort.
Nein, meine Eltern kämpfen noch mit dem Gepäck…
Plötzlich schlug die Kofferraumtür zu, was das ganze Auto ins Wackeln brachte. Mama schwang sich auf den Beifahrersitz, Papa quetschte sich hinters Lenkrad und nahezu gleichzeitig fielen ihre Türen ins Schloss. „Zauberhaft, danke für deine Hilfe, mein Schatz!“ sagte Mama sarkastisch mit einem sehr genervten Ton, während Papa das Auto ins Rollen brachte und unsere Einfahrt auf die Hauptstraße verließ. „Entschuldige, aber die Damen beanspruchen einfach zu viel Platz mit ihren fünf Koffern pro Person.“ zischte mein Vater zurück, „Jetzt konzentriere dich auf die Straße und beeil dich, wenn wir deinetwegen den Flug verpassen, dann fährst du uns alle drei persönlich rüber. Egal wie lange es dauert!“ drohte seine Frau, dann war Ruhe. Sie stritten sich ständig in solchen Angelegenheiten, deshalb fuhren wir auch nach meinem 15 Lebensjahr nicht mehr gemeinsam in den Urlaub. Sie machten sich mehr Stress als alles andere, aber nach zehn Minuten begruben sie ihren gegenseitigen Groll meist wieder.
Ich korrigiere, wir sind vor wenigen Minuten los. Mein Vater rast zum Flughafen.
Schrieb ich gleich nach meiner ersten Nachricht an Sasha.
Hast du gerade Pause? Oder warum kannst du schreiben?
Die Nachrichten kamen zwar an, aber gelesen wurden sie nicht. Vermutlich hätte ich mir die Frage sparen können und er muss gerade wieder seinen Aufgaben nachgehen. Er nutzte sicherlich die kurze Raucherpause an seinem Auto, bevor ihn der Boss wieder beanspruchte.
Nach zehn Minuten erreichten wir den Flughafen. Papa fuhr auf den Parkplatz und suchte den für uns reservierten, wo das Auto stehen wird, bis meine Eltern wieder zurückkamen. Diese waren meist in einem speziellen Abschnitt weiter abgelegen von den herkömmlichen Parklücken und zu unserem Glück näher am Eingang. Papa fuhr hektisch in die Lücke und blieb ein bisschen wild stehen, das erkannte ich beim Aussteigen. Die weiße Linie als Markierung schmiegte sich immer weiter ans Auto von meiner Position aus.
Mama war schon draußen und öffnete den Kofferraum, um uns den Inhalt lieblos vor die Füße zu stellen. Eigentlich hatten wir alle nicht so viel, nur ich musste meine Klamotten auf einen großen und mittleren Koffer aufteilen. Meine Eltern hatten beide nur einen mittleren mit jeweils einer Tasche, aber der Kofferraum des Autos war nicht gerade geräumig. „Los geht’s, kommt.“, mit einem Kopfnicken in Richtung des großen Gebäudes deutete ich ihnen an, dass wir jetzt gehen mussten. Papa schloss das Auto noch ab und wir eilten zum Eingang. Zum Glück wusste ich, von wo aus der Flug ging, denn es war dasselbe Gate wie zur Probearbeit, so konnten wir kostbare Zeit sparen durch diesen glücklichen Zufall.
Wir lieferten unsere Koffer ab und ordneten uns mit dem Handgepäck in die zarte Schlange ein, wo andere Fluggäste bereits eincheckten. Während wir noch kurz warten mussten, kramte jeder seinen Reisepass und das Ticket hervor. Damit wir alle vorbereitet waren und keine unangenehmen Situationen entstanden, wenn jemand von uns den Verkehr unnötigerweise aufhielten.
Mein Herz schlug immer schneller, je näher wir der Frau hinter dem Tresen kamen. Meine Finger umschlungen den Pass mehr, dabei fiel mir auf, wie verschwitzt ich war. Als mein Daumen seine Liegeposition anpassen wollte, blieb er kurz an der Schutzhülle kleben, was ein sehr ekelhaftes Geräusch verursachte. Trotz der Tatsache, dass ich das alles schon einmal durch hatte, holte mich die Nervosität dennoch wieder ein. Mein ganzer Körper vibrierte mit jedem Herzschlag, den ich bis in den Hals spürte. Nur eine gleichmäßige Atmung verschaffte mir für einen Augenblick Entlastung von der heftigen Reaktion. All die Bemühungen waren jedoch hin, als ich an der Reihe war, der Frau meine Unterlagen zu geben. Ich zwang mich zu einem Lächeln, umklammerte den Tragegurt meines Handgepäcks fester und sah der Frau aufmerksam zu, als sie irgendwas in den Computer vor sich eintippte.
Plötzlich spürte ich, wie sich eine Hand von hinten auf meine Schulter legte. Kurz drehte ich den Kopf zur Seite und erblickte meine Mutter, die ihren Arm ausgestreckt hielt und warm lächelte. Ich war nie gut darin, meine Emotionen zu überspielen, aber dieser sanfte Körperkontakt beruhigte mich. Kurz darauf seufzte ich „Danke, hier bekommen Sie ihren Pass zurück. Einen guten Flug wünsche ich.“ Sagte die Angestellte und lächelte mich kurz an, ehe sie an mir vorbei sah „Der nächste bitte.“ Ich trat beiseite und ging schon mal vor durch den längeren Gang zum Inneren des Flugzeugs. An der Tür begrüßten mich junge Flugbegleiterinnen „Guten Morgen.“, ich erwiderte ihre Begrüßung, was jedoch etwas heißer rüberkam. Schnell ging ich weiter und quetschte mich durch den Gang zu meiner Sitzplatznummer, die diesmal mehr in der Mitte war. Diesmal war hier alles voll, jeder Platz war belegt und überall stapelte sich das Handgepäck der Passagiere, ehe sie es in die Kabinen über ihren Plätzen packen konnten. Aus diesem Grund staute es sich in beiden Gängen und ich erreichte meine Reihe nur sehr langsam.
Ich hatte den Fensterplatz, meine Mutter den in der Mitte und Papa wollte unbedingt am Gang sitzen. Laut ihm war es dort einfacher, mit seiner Körpergröße gemütlich sitzen zu können. Mama und ich verstanden das natürlich, auch wenn solche Sardinenbüchsen-Flüge für größere Menschen allgemein nicht gemacht worden sind.
Als ich auf meinen vier Buchstaben einen halben Herzinfarkt bekam, sah ich meine Mutter kommen, die sich wenig später auf den Platz neben mich setzte „Meine Güte ist das voll hier. Ich dachte wirklich, wir hätten so viel Glück wie du.“ klagte sie und kämpfte mit ihrer Tasche und dem schmalen Fußraum, wo auch noch ihre Beine Platz finden mussten. Ich beobachtete das Schauspiel und lachte leicht „Dachte ich auch, aber heute scheinen wohl viele nach Moskau zu wollen. Für das Handgepäck sind übrigens die Fächer über uns gedacht.“ Wies ich sie darauf hin, falls ihr das nicht bewusst war. Mama hielt kurz inne und sah mich an „Ich weiß, aber es ist einfacher von hier an meine Sachen die ich brauche heranzukommen, als wenn ich deinen Vater ständig aufscheuchen müsste.“ Insgeheim stimmte ich ihr zu und ließ sie weiterkämpfen. Wenig später stieß Papa zu uns und schlug sich beim setzten fast den Kopf an einem der Fächer ein „Meine Fresse ist das eng hier..“ fluchte er und quetschte sich auf den Platz. „Wieso hattest du das letzte Mal so viel Glück und jetzt wo wir mitkommen nicht mehr?“ beschwerte sich Papa und ließ sich gegen die Lehne fallen, wobei sein Kopf fast vollständig darüber ragte. Bei dem Anblick musste ich Lachen „Ich weiß, ich weiß. keine Ahnung warum es diesmal nicht so ist. Vielleicht hätten wir doch auf Thomas hören sollen.“ Warf ich so nebenbei in den Raum. Meine Eltern drehten die Köpfe gleichzeitig zu mir „Und damit schon um drei Uhr morgens aufstehen? Vergiss es, da komme ich lieber mit dieser Situation hier klar.“ Sprach Papa das aus, was sich auch meine Mutter dachte, denn sie nickte mehrfach zustimmend. Ich hob die Hände „Alles klar, dann beschwert euch aber nicht.“ Direkt nach meinem Satz ertönte das laute Geräusch, als die Flugzeugtür zugezogen wurde. Wir sahen alle automatisch nach vorne. Die Stewardess strich gerade ihren dunkelblauen Rock glatt, ehe sie ans Board-Telefon ging „Guten Morgen nochmal an alle Reisenden und danke, dass Sie unsere Airline gewählt haben. Der Flug startet in Kürze, die Dauer liegt bei knapp fünf Stunden. Bitte zögern Sie nicht, bei Fragen oder Anliegen das Personal zu instruieren. Sobald der Flieger in der Luft ist, dürfen Sie sich frei im Flugzeug bewegen. Danke für Ihre Aufmerksamkeit und ich wünsche Ihnen allen einen guten Flug.“, kurz nach der Ansprache machten sich alle bereit für den Start.
Zugegeben überwältigte der Flug mich nicht so sehr wie der erste. Vielleicht weil meine Eltern dabei waren oder ich bereits eine Art Routine vom ersten Mal hatte, das konnte ich nicht einschätzen, aber die Erleichterung darüber war immens. Der Großteil meiner Angst bestand darin, wieder so einen Horror-Trip wie zuvor zu erleben. Diese klangen zum Start ab und es fühlte
Während der Reise las meine Mutter ein Buch, Papa schnarchte auf seinem Platz gemütlich vor sich hin. Seine Beine waren bis in den Gang ausgestreckt und eine schmale Speichel-Spur lief seinen linken Mundwinkel runter. Ich lenkte mich ab mit dem Blickwechsel zwischen Fenster und meinem Handy, leider kamen meine Nachrichten an Sasha weiterhin nicht durch, deshalb wurde mir ziemlich schnell langweilig und ich spielte ein paar Szenarien über mein Wiedersehen mit Alexej im Kopf durch. Auf die Begegnung vorbereiten konnte ich mich jedoch nicht, egal was ich mir ausmalen würde in den hintersten Ecken meiner Gedanken, am Ende würde sicherlich alles anders kommen.
Als wir auf neuem Boden ankamen und das Flugzeug verließen, war die Aufregung und Neugier bei uns allen spürbar vorhanden. Bei meinen Eltern, weil sie hier zum ersten Mal waren und bei mir, weil es für mich keinen Rückflug mehr geben wird. „Wir sind wirklich hier, auf fremden Boden. Wir sind wirklich da.“ gab meine Mutter staunend zu und ließ den Blick durch die riesige Halle des Flughafens schweifen. Wir befanden uns gerade auf dem Weg zur Gepäckausgabe, um auf unsere Sachen zu warten. „Wer wird uns eigentlich abholen?“ stellte Papa die Frage, über die ich mir bis jetzt keine wirklichen Gedanken machte, deshalb war ich kurz überfordert und suchte mit den Augen in der Umgebung nach einer passenden Antwort „Ehm, gute Frage, ich hoffe Sasha.“ Gab ich schulterzuckend zurück, da schlang Papa plötzlich einen Arm um meine Schultern und zog mich gegen ihn. Leicht überrascht von seiner Geste, blinzelte ich ihn an und musste den Kopf leicht in den Nacken legen, um sein Gesicht sehen zu können. In seiner Miene spiegelten sich Aufregung, Traurigkeit und Freude wider „Was machst du?“, die Überforderung in meiner Stimme war nicht zu überhören. Papa lachte „Was denn? Darf ich meine Tochter nicht in den Arm nehmen?“ verteidigte er sich, ich senkte kurz den Blick und richtete ihn auf meine Mutter, die zum Laufband ging und den Arm ausstreckte, um auf etwas zu zeigen. Unsere Koffer „Kommt, da sind sie.“ Unterstrich sie ihre Geste mit Worten, um sicherzugehen, dass wir es mit bekamen.
Ich windete mich langsam aus dem Griff meines Vaters, damit ich meine Sachen entgegennehmen konnte. Er ließ es zu und lief mir nach, ohne etwas zu sagen.
Als wir die Hände voll hatten, begaben wir uns gemeinsam zum Ausgang. Unsere Schritte und die der anderen hallten durch das riesige Gebäude. Das gleichmäßige Rollgeräusch wurde ab und zu unterbrochen, als wir die Koffer über die Nähte des Fußbodens zogen. Diese Geräusche mischten sich mit lauten Gesprächen weiterer Fluggäste, den elektronischen Durchsagen auf Russisch, dem Geruch von Kaffee oder Essen aus den umliegenden Cafe’s und Läden. Hier drinnen war es glücklicherweise klimatisiert, aber so wie es draußen aussah, durften wir eine Überraschung erwarten, sobald der erste Schritt über die Schwelle getätigt wurde. Die Sonne stand fast hoch am Himmel, umgeben von dem strahlenden Blau der Atmosphäre, die das Schwarz des Weltalls erhellte. Keine Wolke durchbrach diese makellose Szene.
Mama näherte sich mir und stieß sanft ihren Ellenbogen gegen meinen Arm, also schenkte ich ihr leicht verwirrt meine Aufmerksamkeit „Sieht es wirklich überall so sauber aus? Bei uns zu Hause ist ein Flughafen nie der optimale Ort, um gerne zu verweilen, aber hier sieht es aus wie neu.“ Sprach sie das aus, was ich mir bei meiner ersten Ankunft hier ebenfalls dachte. Papa stieg mit ein „Das wollte ich auch gerade sagen. Es ist sehr faszinierend hier zu sein. Vor allem, da uns aus irgendwelchen Gründen versucht wird weiszumachen, dass dieses Land mit zu denen der dritten Welt gehört. Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich fast beleidigt darüber und ich komme nicht mal von hier.“ Mit einem Nicken stimmte ich ihm zu und bei weiterer Belichtung seiner Aussage, war es wirklich erschreckend, wie manche Leute die Lebensweise hier schlecht reden, ohne jemals einen Fuß auf diesen Boden gesetzt zu haben. Immer sprach jeder vom fortschrittlichen Deutschland, aber hier war der Beweis, dass wir alles andere als High-Tech waren.
Plötzlich blieb meine Mutter abrupt neben mir stehen, ich realisierte ihren Stopp zu spät und verhakte meinen Koffer an ihrem. Dadurch wurde ich ausgebremst und musste mich leicht zur Seite drehen, um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Angesäuert wegen dem grundlosen Halt öffnete ich den Mund, um meiner Mutter die Leviten lesen zu können, aber als ich sah, dass sie etwas vor uns fixierte, folgten meine Augen ihrem Blick neugierig. Wenige Meter vor uns stand eine große männliche Gestalt mit der Sonne im Rücken, was seine Vorderseite in Schatten tauchte. Um mehr erkennen zu können, kniff ich die Augen zusammen und reckte den Kopf weiter nach vorne und da blieb mir der Mund offenstehen. Alexej stand da, gehüllt in einen schwarzen Anzug. Am Kragen lugte das weiße Hemd darunter hervor, aber der Blickfang war die feuerrote Krawatte um seinen Hals, die zwischen seiner Brust hinter den Säumen des Jacketts verschwand. Seine Haare glänzten, als wären es die einer Porzellanpuppe und waren streng nach hinten gekämmt. Kein einziges Härchen wagte es, vom Kopf abzustehen. Seine markanten Gesichtszüge ließen ihn durch den Schatteneinfall bedrohlich wirken. Mit strenger Miene und eiskalten Augen fixierte er meinen Blick und ließ ihn nicht mehr los – nein, er erlaubte meinem nicht sich zu lösen und den intensiven Moment zu unterbrechen. Wut quoll in mir hoch wie Sodbrennen, immer stoßweise überkam mich diese Hitzewelle und brachte jedes Härchen an meinem Körper zum Aufstellen. Mit heruntergezogenen Augenbrauen umklammerte ich den Griff meines Koffers fester, sodass ich meine Nägel wieder an der Handfläche spüren konnte.
„Wer ist das denn? Guckt er in unsere Richtung?“ fragte Mama leise und lehnte sich etwas in meine Richtung. In ihrer Stimme schwang Unsicherheit und Verwirrung mit, was verständlich war, wenn so ein Typ wie ein Stein irgendwo steht und einen anstarrt, als hätte man Staatsgeheimnisse auf Twitter geteilt. Ich wollte ihr gerade eine Antwort geben, da setzte er sich in Bewegung und steuerte strammen Schrittes auf uns zu „Guten Tag.“ Begann er kurz, man hörte sofort wieder seinen starken Akzent. Sein Blick lag bei der Begrüßung auf meinen Eltern, ehe er mich wieder fixierte. Ein kleiner Funke schoss durch seine Iriden, ähnlich wie eine Sternschnuppe durch den Nachthimmel, aber ich konnte diesen nicht gut deuten. „Schön Sie wiederzusehen, Mrs. Hofmann.“ beendete er den Satz schließlich mit einer Tonlage, gemischt aus Vertrautheit und Herausforderung. Als hätte er sein ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet.
Genervt bei seinem Anblick verdrehte ich die Augen. Mama neben mir zuckte plötzlich und ich erschrak „Entzückend! Ist das der Vorgesetzte, von dem du erzählt hast?“ fragte sie und ihre Stimme ging mit jedem Wort weitere Oktaven hoch, das passierte immer, wenn sie aufgeregt oder begeistert war. Geschlagen nickte ich, da schob sich mein Vater zwischen uns durch und stellte sich unmittelbar gegenüber von Alexej. Die beiden glichen sich fast in Größe und Statur, nur im Alter hatten sie ihren Unterschied. Pap’s inspizierte ihn skeptisch „Stimmt das?“, ich wusste, dass diese Frage an mich gerichtet war „Ja, das ist mein Vorgesetzter, also benehmt euch beide! Ihr verhaltet euch ein bisschen peinlich.“ ermahnte ich sie, aber zog nur meinen Vater am Arm wieder ein Stück zurück. Alexej hob einen Mundwinkel „Jetzt weiß ich, wo Sie dieses Feuer herhaben.“ merkte er amüsiert an, ehe er Pap’s die Hand entgegen hielt „Alexej Iwanow, freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Mama schüttelte begeistert seine Hand. Ich hätte schwören können, ihr fliegen Sterne und Herzen um den Kopf, so sehr wie sie diesen Arsch vergötterte „Hallo, ich bin die Mutter von Alexandra.“ Mein Vater erwiderte seine Geste widerwillig „Guten Tag, ich bin ihr Vater.“, mit einem Kopfnicken deutete er in meine Richtung, dann zog er sich zurück zu seinem Koffer, den er direkt hinter uns hatte stehen lassen.
Ich sah mich suchend um, an diesem Eisklotz vor uns vorbei zu der Parkzone für Taxis und Privatfahrzeuge „Wo ist Sasha? Was machen Sie hier?“ sprang ich vor zum wichtigeren Thema. Alexej folgte meiner Suchaktion, indem er einen kurzen Blick über die Schulter riskierte. „Mr. Petrov ist verhindert, deshalb bin ich hier. Ich fahre Sie zur Wohnung und –„
„Halt, halt, halt.“ unterbrach ich ihn und schüttelte heftig den Kopf „Wir brauchen keinen Fahrservice. Danke, aber Sie sind umsonst gekommen Mr. Iwanow.“ fauchte ich ihm entgegen, die letzten Worte kamen mehr abwertend rüber. Alexej seufzte und schloss für einen Moment die Augen, um sich unter Kontrolle zu halten, sein strenges Image vor meinen Eltern nicht zu verlieren „Ich glaube, ich habe mich unklar ausgedrückt.“ Begann er und suchte erneut meinen Blick, diesmal sah er noch strenger und finsterer aus als vorher „Das war keine Bitte und auch kein Angebot. Ich fahre Sie zur Unterkunft.“ wiederholte er, betonte jedes Wort einzeln, sodass am Ende des Satzes kein Platz mehr für Widerworte blieb. Zähneknirschend wendete ich den Blick ab. Mama sah verwundert zu mir herüber „Alex…wo sind deine Manieren. Kommt schon, wir dürfen deine Sachen und die Vermieterin nicht noch länger warten lassen.“ Erinnerte meine Mutter mich an das eigentliche Ziel. Schnaubend nickte ich, riss am Griff meines Koffers und lief in einer großzügigen Bogenlampe um Alexej herum zum Ausgang. Die anderen folgten mir und ich konnte hören, wie meine Eltern untereinander über das, was eben passiert war, lästerten. Sie glaubten wohl, dass ich sie hier vorne nicht hören konnte.
Alexej dirigierte mich zum Auto. Zuerst kam mein größerer Koffer ganz unten rein, dann verstauten meine Eltern ihre. Zuletzt hievte ich den kleineren hoch und zielte schnaufend auf den freien Platz, ehe ich ihn mit einem Ruck auf die restlichen schmiss. „Ich hätte Ihnen auch helfen können.“ bemerkte Alexej von hinten, aber ich ignorierte sein Angebot und richtete mich wieder auf, nachdem ich die Position des Koffers noch sicher justierte. Er schloss den Kofferraum, dann ging er zur Fahrerseite. Ich lief an der gegenüberliegenden Seite des Autos lang und wollte hinten einsteigen, da bemerkte ich, dass meine Eltern die Rückbank eingenommen hatten. Enttäuscht presste ich die Lippen aufeinander und musste zum einzigen Platz, der übrig war: Der Beifahrersitz neben Alexej. Am liebsten hätte ich hier auf der Stelle einen Wutanfall bekommen. Das Bedürfnis mir die Seele aus dem Leib zu schreien war groß, aber ich schluckte jede heftige Emotion still runter und spürte, wie das gläserne Gefäß dem zerbrechen immer näher kam.
Nach einer kurz eingekehrten Stille in der mein Nebenmann das Auto startete, tippte mir von hinten jemand auf die Schulter „Er ist verdammt attraktiv Alex weißt du das?“, peinlich berührt massierte ich mir die Stirn mit Zeigefinger und Daumen „Mama, muss das sein? Ich bin hier wegen der Arbeit. Kollegen oder Chefs attraktiv zu finden, ist nicht Teil meiner Aufgaben. Ich werde mich hüten, irgendwelche intimen Beziehungen mit jemandem hier anzufangen.“ fasste ich genau das zusammen, was sich in ihrer kurzen Frage verbarg. Aus Sicherheitsgründen unterhielten wir uns auf Deutsch, denn es wäre zehnmal peinlicher, wenn Alexej unser Gespräch mitbekam. Dann würde ich mich von diesem Planeten löschen.
Ein Knautschen von Leder verriet mir, dass meine Mutter sich wieder nach hinten gelehnt hatte, um mich nicht mit weiteren Fragen zu nerven. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel zeigte, wie Papa die Hand seiner Frau nahm und sie anlächelte, während sie einen beleidigten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. “Freuen Sie sich auf das neue Leben hier?” unterbrach Alexej die Konversation zwischen mir und meinen Eltern. Für wenige Sekunden war ich ihm dankbar dafür. Unwissend zuckte ich mit den Schultern, ohne einen Blick in die Richtung des Schwarzhaarigen zu verschwenden “Weiß ich noch nicht, wie soll ich es auch wissen? Ich bin vor dreißig Minuten erst angekommen…Lass mir Zeit zum atmen.” verlangte ich genervt, da mir während des Sprechens selbst bewusst wurde, wie schnell er gleich mit der Tür ins Haus fiel. Kurz herrschte Stille, nur das Summen des Motors füllte den Innenraum des Fahrzeugs “Viel Zeit zum gewöhnen haben Sie nicht. Hier müssen Sie schnell Fuß fassen Mrs. Hofmann.” versuchte er erneut, mir Angst einzujagen oder vielleicht versuchte er eine andere Reaktion aus mir heraus zu kitzeln. Ich ließ mich nicht beirren, hielt die steinharte Maske fest in den Händen. “Das ist mir bewusst, ob Sie es glauben oder nicht. Ich bin nicht hergekommen, um Urlaub zu machen, falls Sie das andeuten wollen.”, kurz riskierte ich einen Blick zu meinem Vorgesetzten. Nur eine seiner Hände ruhte oben auf dem Lenkrad. Sogar von dieser Distanz erkannte ich die Adern und Sehnen, die unter seiner Haut spielten, sobald er nur wenige Zentimeter einlenkte. Jede Bewegung seiner Finger war bestimmt und straff, er wusste genau was er machte. Immerhin kannte Alexej die Straßen hier wie seine Westentasche und es schien ihm eine Routine geworden zu sein, im Auto hinterm Steuer zu sitzen. Bei ihm sah es so unfassbar leicht aus, dass ich mich ernsthaft fragte, ob ich es nicht ebenfalls hinbekommen könnte.
Sein sanftes und dunkles Lachen zog mich zurück in die Realität und ich schüttelte schnell den Gedanken ab, automatisch drehte ich den Kopf vollständig zur Seite. Alexej leckte sich kurz über die Unterlippe, als er in den Rückspiegel sah und dann die Spur der breiten Straße wechselte. Jedes Zucken seiner Muskeln, schon seine reine Anwesenheit, ging mir unter die Haut, als hätte mich der Blitz getroffen. Kurz darauf fokussierte ich mich auf die Umgebung, damit er mich nicht weiter betören konnte, ohne aktiv etwas dafür zu tun. “Das ist schon mal gut zu hören.” bestätigte er, aber diese Aussage klang eher, als hätte ich eben einen Test bestanden. Skeptisch verengte ich die Augen, aber ging nicht weiter auf seine fragwürdigen Spielchen ein. Innerlich jedoch gesellten sich zu den offenen tausend Fragen weitere, die dringend eine Antwort benötigten. Langsam hielt ich es nicht mehr aus, aber der passende Zeitpunkt für eine Nachfrage war noch lange nicht gekommen. Erst musste ich ihn durchschauen, bevor ich seine Tricks gegen ihn verwenden konnte. Leichter gesagt als getan.
Als wir auf die Straße meiner Wohnung fuhren, stand der große Transporter, in dem meine Kartons ruhten, halb auf dem Gehweg. Durch die Höhe des Bordsteins drohte das Auto auf die Straße zu kippen, aber es hielt sich auf dem Fleck. In Deutschland wäre schon längst das Ordnungsamt aufgetaucht und hätte ein Exempel statuiert. Gut, dass das hier nicht der Fall war.
Alexej fuhr mit ungefähr drei Metern Abstand zum Transporter vor uns, an den Bordstein heran. Sobald die Räder einen festen Stand hatten, öffnete ich schwungvoll die Tür und quälte mich von dem Sitz herunter in die Freiheit. Tief atmete ich durch und ordnete meine Gedanken, dazu blieb mir jedoch nicht viel Zeit “Hallo! Ich hab schon sehnsüchtig auf Sie gewartet.” brachte mich eine Frauenstimme von hinten dazu, mich herum zu drehen und an der Motorhaube vorbei auf den Bordstein zu laufen. Respektvoll neigte ich den Kopf “Hallo, ich bin die neue Mieterin Alexandra Hofmann.” stellte ich mich kurz vor, da schielte die Dame an mir vorbei. Hinter mir machte sich eine Präsenz bemerkbar. Die Frau gegenüber von mir fragte etwas auf Russisch und ihr antwortete die mir vertraute Stimme von Alexej. Es brachte mich auf die Palme, nichts zu verstehen. Über mich wurde hinweg gesprochen, als wäre ich behindert und könnte keine Entscheidungen für mich selbst treffen oder was auch immer sie zu lästern hatten.
Angespannt ballte ich die Fäuste, noch intensiver als der sanfte Atem von Alexej meinen Scheitel streifte und ein kleines Gewitter auf meinen Armen auslöste. Neben mir reihten sich meine Eltern ein “Aufregend” quietschte Mama erneut und sah sich in der halbwegs normal aussehenden Nachbarschaft um, als wären wir eben auf einem anderen Planeten gelandet.
“Ich stelle mich Ihnen vor. Ich bin Mrs. Melnikow, die Inhaberin Ihrer Hausverwaltung, Mrs. Hofmann.” sagte sie mit einem zuckersüßen Akzent. Meine Aufmerksamkeit traf auf sie. Der Blick von Frau Melnikow war gefüllt von Abneigung uns gegenüber, sie versuchte nicht mal, das zu überspielen. Sie hielt einen schwarzen Ordner vor ihrem Körper, einzelne Haarsträhnen von ihr wehten bei jedem Windstoß locker um ihr Gesicht. Sie schien noch nicht so alt zu sein, nur leichte Einkerbungen machten sich neben ihren Mundwinkeln beim Reden bemerkbar. “Leider ist die Vermieterin heute verhindert, deshalb führe ich Sie stattdessen herum und mache die Schlüsselübergabe. Auf geht’s, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.” drängte sie, machte auf dem Absatz kehrt und eilte zur Haustür. Alexej wollte an mir vorbei laufen und ihr folgen, aber ich hielt ihn am Arm fest und zog ihn ein Stück zurück. Unter dem Stoff seines Ärmels spürte ich, wie die Muskeln seines Unterarmes arbeiteten. “Na na, Sie bleiben hier und fahren bitte die Koffer meiner Eltern zum Hotel. Da sie sowieso jemanden zum Übersetzen brauchen, ist es sicherlich kein Problem, den beiden ihr Zimmer bereits zu besorgen. Achso und lassen Sie mir etwas Geld da für einen Uber für meine Eltern, wenn wir bei mir weitestgehend fertig sind.” grinste ich dunkel.
“Alexandra!” wütete es aus der Richtung meiner Mutter. Ich beachtete sie nicht und fixierte den Blick von Alexej während meine Hand von seinem Arm rutschte. Mit hochgezogenen Augenbrauen wartete ich auf eine Reaktion. Alexej hob eine Hand, um seiner folgenden Frage die nötige Ernsthaftigkeit beizufügen “Ich glaube ich habe mich eben verhört. Sie sind nicht in der Position Forderungen zu stellen Mrs. Hofmann. Überspannen Sie den Bogen nicht.” drohte er und lehnte sich etwas zu mir herunter. Ein Schnauben kam von ihm und der ausgestoßene warme Atem zog über meine Haut wie eine sanfte Sommerbrise. Als Reaktion darauf wirbelte mir ein Schauder den Rücken herunter und ich musste schlucken, um dem intensiven Gefühl ein Ventil zu bieten. “Sie sind freiwillig gekommen, um mich sowie meine Eltern abzuholen. Theoretisch hätten Sie gleich einen Uber schicken können, aber Sie haben sich dafür entschieden uns zu fahren. Jetzt werden Sie es meinen Eltern sicherlich nicht zumuten, alleine und unwissend zu ihrer Unterkunft zu kommen.” Diese Worte kamen fließend, zuckersüß und herausfordernd über meine Lippen, es fiel mir so einfach, fast zu einfach diese Falte zwischen seinen Augenbrauen mit jedem Wort größer werden zu lassen. Alexej richtete sich auf, warf einen kurzen Blick meinen Eltern zu, ehe er wieder auf mich herab sah. Kurz zuckte sein Mundwinkel nach oben “Gut, dann sei es so, aber dafür habe ich etwas gut bei Ihnen.” er lehnte sich diesmal weiter herunter, der Abstand zwischen uns verringerte sich zu schnell für mein Empfinden also lehnte ich mich nach hinten. Jedoch griff er meinen Oberarm, fuhr mit seinen Fingern provokant nach unten und drückte meine Hand. “Ich entscheide, wann ich diesen Gefallen bei Ihnen einlösen werde.” flüsterte Alexej bestimmt und richtete sich wieder auf. Dann widmete er sich meinen Eltern, holte sich von ihnen die Buchungsbestätigung des Hotels und die Adresse. Wie durch Watte hörte ich die Gespräche, aber mein Körper war starr wie Stein. Ich konnte mich keinen Zentimeter bewegen. Nur mein Blick folgte Alexej mit heftig schlagendem Herzen. Eine Hitzewelle füllte meinen Kopf bis zum Rand und ich war mir sicher, dass es jeder sehen konnte. Er lud meine Koffer aus und fuhr dann weg.
Kann mich bitte jemand kneifen?


































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