Der Beginn

~Eine Frau gehört in die Küche! Weder in akademische Felder, noch woanders hin. Sie muss sich um das wirklich Wichtige kümmern. Ein Weib was den Haushalt nicht beherrscht und irgendwelche irrationalen Träume hegt, ist eine schlechte Mutter~

Immer wieder hallten diese Jahre alten Worte durch die Tiefen meiner Gedanken und zogen ein Echo mit sich das zwar leiser wurde, aber nie vollständig verstummte. Es waren die großen Sprüche von Michael, als er bei unserer letzten Familienfeier von meinen beruflichen Vorhaben erfuhr. Seither wurde er offiziell aus unserer Familie verbannt. Meine Mutter schämt sich bis heute für ihre Schwester -die Frau des Ungetüms- die nicht den Mut hatte zu widersprechen. Nach diesem Tag brachen wir den Kontakt zu ihnen ab, keiner von uns brauchte dieses toxische Verhalten unter dem eigenen Dach. Mum hatte so lange versucht Margrit zu helfen, aber sie ließ sich lieber von ihrem Gatten durch das Haus scheuchen, während er neue Liegedellen an diversen Körperstellen entwickelte. Sie tat mir durchaus leid, uns allen, aber manche Menschen lassen sich nicht helfen, egal was man tat.

Versunken in Erinnerungen saß ich auf dem Sofa von Stille umgeben. Meine Glieder schmerzten und die kurzen Minuten der Entspannung fühlten sich ähnlich an wie der Übergang ins Nirvana. Mit jeder Sekunde die verging, sank ich tiefer in die Lederkissen. Schließlich riss mich der Wecker meines Handys mit einem unerträglichen Ton aus der Trance. Da wurde mir wieder die Tragweite der schweren Hausarbeit bewusst. Ächzend lehnte ich mich vor und ließ das Geräusch verstummen ehe ich mir die Oberarme etwas massierte, was jedoch eher unangenehm als befreiend war. „Wenigstens habe ich es rechtzeitig geschafft..“ stöhnte ich angestrengt und beobachtete mit leicht zusammengekniffenen Augen die förmlich glänzende Umgebung. In den beigefarbenen Fliesen spiegelten sich der blaue Himmel und die Sonne wider, ähnlich wie Reflektionen der Natur in einem ruhenden See. Ein stolzes Grinsen schlich sich über meine Lippen, ich konnte es einfach nicht verkneifen. Mit jeder weiteren Woche, konnte man Fortschritte in meiner Reinigungs-Fähigkeit sehen, was das Feuer meines Ehrgeizes weiter entfachte. „Gute Leistung Alex“ zufrieden tätschelte ich meine Schulter wobei ein stechender Schmerz bis in meinen Ellenbogen zog. Karma, da Eigenlob bekanntlich stinkt. Vielleicht war dies das Zeichen, um mit den Lobpreisungen meiner Selbst aufzuhören.



Nach einem tiefen Atemzug, in dem der chemische Geruch von diversen Reinigungsmitteln die Schleimhäute meiner Nase brennen ließ, fiel mir der lärmende Wecker von eben wieder ein. Ich schenkte der angezeigten Uhrzeit keine Beachtung und schaltete ihn einfach stumm. Ein dummer Fehler, wie sich bald herausstellen sollte. Der Blick auf meinen Sperrbildschirm ließ mich beinahe von den Kissen rutschen. Ein erschrockener Ton entwich meiner Kehle. Mit hektischen Armbewegungen versuchte ich, mein Gleichgewicht wiederzufinden. „Verdammte Scheiße!“ fluchend sprang ich auf und lief in die Küche zu meinem Laptop, der auf der Arbeitsfläche zum Laden stand. Schnell klappte ich ihn auf, ließ ihn hochfahren – was gefühlte Ewigkeiten dauerte – und gab das Passwort ein. Währenddessen schenkte ich der aktuellen Uhrzeit in der rechten Bildschirmecke einen flüchtigen Blick „Meine Mutter kommt gleich und ich habe noch nicht angefangen etwas zu kochen. Warum lasse ich mich auch andauernd von meinen Tagträumen ablenken“ kritisierte ich mich frustriert. Es musste alles perfekt sein bevor meine Eltern nach Hause kamen, das habe ich mir selbst geschworen. Enttäuscht von meiner mangelnden Sorgfalt, suchte ich im Browser nach dem Rezept eines Bauernfrühstücks, dafür hatten wir die Zutaten wenigstens im Haus. Ein Einkauf passte nicht mehr in das schmale, verbleibende Zeitfenster.

Mit Schweißperlen auf der Stirn begann ich, die Anweisungen zu überfliegen und parallel auszuführen.

Seitdem ich arbeitslos geworden war, übernahm ich all die Aufgaben, welche meine Mutter jahrzehntelang machen musste. Meine beiden Eltern arbeiteten Vollzeit und ich fühlte mich verpflichtet ihnen das Leben bestmöglich zu erleichtern.

Jünger würden sie schließlich nicht mehr werden. Also war es an der Zeit, mich für ihre liebevolle Erziehung zu revanchieren.

Als Einzelkind war ich zwar sehr pflegeleicht und dem Himmel sei Dank kein Problemkind, aber es würde trotzdem keine Faulheit meinerseits entschuldigen. Zudem war es eine gute Übung für später, wenn ich meine eigene Familie habe. Neben der Jobsuche hatte ich sowieso nichts zu tun, und wie Michael auf der faulen Haut zu liegen, kam für mich absolut nicht in Frage. Ich kann mit Stolz sagen, eine gute Erziehung genossen zu haben, dieses Privileg bekommen nicht viele Kinder.



Nachdem ich mich erneut selber aus meinen Gedanken kämpfen musste, konzentrierte ich mich eisern auf das Rezept. Kartoffeln gekocht und gesalzen, parallel rote Zwiebeln geschnitten und mit den Speckwürfeln gemeinsam kurz angebraten, ehe die fertigen Kartoffeln sich in Scheiben noch dazu gesellen durften. Ein wohliger Duft stieg nach oben, der meinen Magen knurren ließ.

Der Geruch mischte sich kurze Zeit später jedoch mit einem beißenden, der mir Tränen in die Augen trieb. Leicht angeekelt fuchtelte ich mit der Hand vor meinem Gesicht herum, um ihn zu verscheuchen, bis ich die Quelle davon fand. Die Herdplatte stand auf voller Leistung, sodass ein paar Kartoffelscheiben schwarze, krustige Unterseiten bekamen „Das hat mir gerade noch gefehlt..“ murmelte ich und drehte die Temperatur etwas runter.

Gerade als ich überlegte, ob ich das Essen pünktlich fertigstellen würde, hörte ich den Schlüssel in der Haustür. Wenig später folgte ein Schnaufen und das Quietschen von Schuhen auf dem Hartboden des Flurs. Automatisch drehte ich den Kopf und mein Blick fiel auf die weiße, schwere Haustür.

Eine zierliche Frau mit kurzen braunen Haaren hing ihren Schlüsselbund an das hölzerne Brett an der Wand gleich neben der Garderobe. Dieses Brettchen mit fünf Haken hat ihr mein Vater zum 40. Geburtstag geschenkt. In großen geschwungen Buchstaben stand darauf: In ewiger Liebe vereint.

Kitschiger ging es kaum…

„Mama, willkommen zurück. Hattest du einen angenehmen Tag?“ begrüßte ich sie, nachdem meine Augen wieder nach vorne in die Pfanne wanderten, wo sich ein Farbenspiel aus rot, gelb, orange und…schwarz…bot. Ein weiteres angestrengtes Schnauben war aus ihrer Richtung zu hören, gleich danach das Rascheln der Jacke bevor Schritte näher kamen. „Frag nicht, heute war Landunter. Melanie hat mal wieder versucht, mich beim Chef anzukreiden für etwas, womit ich nichts zu tun hatte. Sie ist krankhaft neidisch, dass ich die Beförderung zur Assistenz der Geschäftsleitung erhalten habe. Diese Hexe versucht nicht einmal, es zu verstecken..“ stöhnte sie verzweifelt, ebenso quoll Wut in jedem weiteren Wort, dass sie aussprach, deutlicher hervor. Ich lächelte und stimmte einen besänftigenden Ton an



„Wieder dasselbe Drama? Es ist schon vier Monate her, seitdem du die Stelle bekommen hast. Mama du musst endlich damit abschließen und die vergeblichen Aktionen von Melanie ignorieren“ versuchte ich sie auch geistig vollständig aus der Arbeit rauszuholen. Sie sollte sich hier von den Strapazen der Arbeit erholen und nicht weiter darüber nachdenken. Ihr aufgebrachtes Atmen machte deutlich, dass diese Situation ihr weiterhin ziemlich zu schaffen machte.

„Du hast Recht“ sie hielt kurz Inne. „Hier riecht es ja herrlich und – etwas verbrannt“ stellte sie kichernd fest. Ich schob die Pfanne von der heißen Platte und drehte mich vollständig zu ihr um „Haha, ich weiß ich bin kein Meisterkoch“ entgegnete ich und streckte ihr die Zunge raus. Mama lachte, endlich begann sie sich zu entspannen. Ihre Körperhaltung war nicht mehr so steif wie gerade eben noch. „Ich weiß, ich weiß“ begann sie, kam auf mich zu und wir umarmten uns kurz. Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange ehe wir uns wieder lösten „Ich sehe du hast außerdem wieder sauber gemacht. Ich habe dir gesagt, du musst das nicht machen. Immerhin bist du unsere Tochter und nicht die hauseigene Putzfrau“.

Mich beschlich das Gefühl, dass ihre Aussage eher ein kleiner Vorwurf sein sollte. Mamas Gesichtsausdruck war nicht sonderlich schwer zu deuten. Ich drückte ihren Unterarm sanft „Ich weiß, aber ich mache es gerne und freiwillig“ meine Hand rutschte von ihrem Arm „Kannst du bitte schonmal den Tisch decken? Papa müsste auch jeden Moment zu uns stoßen“ wechselte ich schnell das Thema. Mama beließ es dabei und tat mit einem Nicken was ich ihr sagte. Wenig später hörte man wieder die Haustür.

Wenn man vom Teufel sprach.

Ein großer, breit gebauter Mann mit vollem weißen Haar und gut gebräunter Haut trat ein. „Hallo die Damen“ begrüßte uns Papa strahlend, als er hereinkam. Meine Miene hellte sich auf, Mama fiel ihm um den Hals und sie küssten sich kurz ehe sie voneinander abließen und ich an der Reihe war. Schon in der Umarmung spürte ich, dass Papa angespannt wirkte. Er verlagerte das Gewicht im Sekundentakt vom linken Bein auf das Rechte „Entschuldigt, ich muss schleunigst ins Badezimmer“ teilte er uns die Info problemlos mit. Mama und ich lachten daraufhin laut los. Schnellen Schrittes verschwand er im Flur und man hörte noch das dumpfe Schließen der Badezimmertür.



„Wie geht es mit der Jobsuche voran?“ widmete Mama sich wieder mir. Ihre Frage entlockte mir ein verzweifeltes Seufzen und ich hatte Mühe, die sich anbahnenden Kopfschmerzen zurückzuhalten. Enttäuscht schüttelte ich den Kopf, während Mama einen Topflappen auf der Mitte des Tisches platzierte und ich das Essen darauf abstellte. Dann ließen wir uns beide gegenüber voneinander auf den Holzstühlen nieder.

„Nein, noch nichts“ begann ich und ballte eine Faust auf der Tischoberfläche. Meine ehemalige Uni-Kollegin hatte mir eine Firma in Bonn empfohlen wo ihr Mann arbeitet. Jedoch machte mich die offizielle Homepage stutzig und wie sich herausstellte, bezahlen sie nicht nur ihre Mitarbeiter miserabel, sondern waren auch noch in einen Finanzskandal verwickelt. Meine moralischen Vorstellungen beißen sich mit denen der Firma. Sowas möchte ich mir nicht antun. Dafür habe ich zu viel Zeit in mein Studium investiert. Wie ein Fisch in einer austrocknenden Pfütze will ich nicht leben. Ich ließ meiner Verbitterung freien Lauf und ärgerte mich insgeheim, dass es so verdammt schwer war einen geeigneten Job zu finden. Mamas Stirn legte sich leicht in Falten als Sorge und Mitleid ihre Miene zierten „Und was wenn du dich doch arbeitslos meldest und die Hilfe der Bundesagentur für Arbeit in Anspruch nimmst?“ schlug sie eine Möglichkeit vor, der ich von Anfang an absagte. Sie wusste auch, warum ich es auf keinen Fall auf diese Weise machen wollte. „Gute Idee, dann lande ich mit einem ausgezeichneten Masterabschluss im IT Studium noch als Tellerwäscherin bei McDonalds“ presste ich sarkastisch zwischen den Zähnen hervor. Die Sorgenfalte zwischen ihren Brauen wurde größer, während meine sich nur tiefer über die Augen senkten. Damit traf sie einen wunden Punkt.

Mama wich meinem Blick aus „Ich weiß, aber..“ sie hielt inne und suchte nach den passenden Worten, um mich nicht weiter zu verärgern. Erwartungsvoll versuchte ich ihren Blick zu fixieren, was mir nicht gelang. Ihre Augen huschten hektisch über den Tisch und versuchten dort eine passende Formulierung zu finden, die es nicht gab. Wenn diese Frau mal nach den richtigen Worten suchte, konnte es grundsätzlich nichts Gutes bedeuten. „Aber?“ wiederholte ich und drängte sie damit nachdrücklich, mit der Sprache herauszurücken „Ich hatte heute in meiner Mittagspause ein unangenehmes Gespräch mit deiner Großmutter. Sie hat sich nach dir erkundigt“. Sofort schoss mir das Blut in den Kopf und ich musste noch stärker als vorher an mich halten. Um mich zu beruhigen, ballte ich die Fäuste fester, sodass sich meine Nägel spürbar in die Haut gruben und die Knöchel weiß hervortraten. Wieder konnte ich mir dieselben Sprüche in Dauerschleife anhören „Sie versteht dieses ewige Theater mit der Jobsuche nicht. Oma meint, du hast zu viele Ansprüche und scheiterst deshalb ständig, etwas zu finden. Ihr wäre es am liebsten, du suchst dir einen gutverdienenden Mann, setzt dich zur Ruhe und schenkst ihr endlich Enkelkinder. Opa denkt genauso, sie möchten noch zu ihren Lebzeiten deine Kinder sehen“.



Missmutig wandte ich den Blick von ihr ab und starrte in den Flur. Ich presste die Lippen aufeinander und spürte, wie sich meine Kiefermuskulatur verspannte. Diese unendlichen Parolen über mein Leben gingen mir gehörig gegen den Strich. Immer mischten sie sich ein und versuchten meine Entscheidungen nach ihrem Willen zu lenken, weil sie alle davon ausgingen zu wissen, was das Beste für mich wäre. Immerhin war ich die einzige Tochter und musste die Blutlinie weitertragen…

bla bla bla.

Natürlich mochte ich Kinder schon immer und will selber welche haben, aber aktuell und auch in der nahen Zukunft passen sie nicht in mein Leben. Es würde alle meine Karriereaussichten zunichte machen. Dieses für mich unpassende Leben würde ich nicht wählen. Eher friert die Hölle zu.

„Kind.. du bist mittlerweile sechsundzwanzig Jahre alt. Denkst du nicht, dass es langsam an der Zeit wäre? Du wirst auch nicht mehr jünger und deine biologische Uhr tickt. Ich unterstütze damit nicht die Denkweise meiner Eltern, ich will nur, dass du weißt, was dich erwartet wenn du dich nicht bald entscheidest. Ein Leben ohne Kinder ist qualvoll, bitte tu dir das selber nicht an“ erinnerte sie mich eindringlich. In ihrer Stimme schwappten so viele verschiedene Emotionen über, dass ich nicht einschätzen konnte, ob sie nun auf der Seite ihrer Eltern oder auf meiner stand. Zum Glück wusste ich besser, dass jeder weitere Versuch meinerseits, sich zu rechtfertigen, nur auf taube Ohren stoßen würde. Deshalb ließ ich es bleiben und ignorierte sie stattdessen. Nicht der beste Weg, ich weiß. Aber wenn man sich immer dieselbe Leier anhören durfte, wird der Geduldsfaden immer dünner und er drohte jetzt schon jeden Moment zu zerreißen.

Wir schwiegen uns gut zehn Minuten lang an. Aus dem Augenwinkel erkannte ich ihren geschlagenen Blick und wie sie fieberhaft die Daumen umeinander drehte. Mama öffnete den Mund um für neue Worte anzusetzen, da erschien Papa im Türrahmen und gesellte sich kurz darauf zu uns. In seinem Blick lag Erleichterung, als hätte er eben das Ende des Regenbogens gefunden und den damit verbundenen Schatz. Seine Anwesenheit ließ einen Teil meiner Verstimmung verfliegen „Oh man..“ begann er und zupfte am Bund seiner Hose herum, um diese zu richten „Das hätte auch schiefgehen können“ erkannte er lachend, aber verstummte sobald er die Spannung in der Luft wahrnahm. Fragend wechselte er die Blicke zwischen uns und stemmte eine Hand in die Hüfte „Was ist denn hier los? War der Tod persönlich da und hat jemanden aus der Familie mitgenommen?“ fragte er mit einem scherzenden Unterton. Da aber niemand darauf einging, wurde seine Miene ernster. Papa richtete den Blick auf mich „Alex, was ist eben vorgefallen?“. Meine Augen huschten kurz rüber zu seiner Frau. Dieser Bewegung folgte er aufmerksam „Dreimal darfst du raten“. Die Stimmung im Raum wirkte mittlerweile so erdrückend, als wären wir drei unter eine Walze geraten. „Die Eltern deiner Mutter?“ traf er dem Nagel genau auf den Kopf „Bingo“ brachte ich als einziges hervor und schenkte ihr keine weitere Beachtung. Meinem Vater sah man nun an, dass es nichts Gutes gewesen sein konnte, was seine Schwiegereltern von sich gaben „Ich kann mir zwar nur denken, um was es gegangen ist, aber du bist eine starke Frau Alex. Du hast alleine die vollständige Kontrolle über all deine Taten und Entscheidungen, genau wie über deine Zukunft“ wählte er seine Worte aufrichtig und kam etwas näher. Dabei legte er eine Hand sanft auf die seiner Frau „Nimm es deiner Mutter nicht übel. Sie versucht einfach dich auf alles vorzubereiten, genau wie Oma und Opa. Keinesfalls wird jemand von uns die Hand in das Lenkrad deines Lebens strecken in dem Versuch, es zu übernehmen“ sagte er bestimmt und mit eisernem Unterton. Letzteres war eher als Tadel an meine Mutter gerichtet.



„Entschuldigt mich kurz“ unterbrach Mama, stand auf und eilte aus dem Raum. Wir beide sahen ihr noch nach ehe ich mich wieder auf Papa richtete und die Schultern hängen ließ. Ich konnte nicht bestreiten, dass seine Worte die Wahrheit sprachen. Er ging zu seinem Platz und rieb gierig die Handflächen gegeneinander „Ich kann doch sicherlich schonmal beginnen oder? Ich habe einen Riesenhunger!“. Belustigt nickte ich „Natürlich, ich warte noch auf Mama“. Bevor ich den Satz aussprach, ließ er sich schon auf den Stuhl fallen und schaufelte sich Löffel um Löffel aus der Pfanne auf seinen Teller. Bei dem Anblick musste ich aus vollem Hals lachen, damit schwand auch der Rest meines Grolls und ich konnte endlich wieder einen klaren Gedanken fassen.

Während des Essens erzählte Papa wieder aufregende Geschichten von seiner Arbeit. Manchmal konnte ich nicht anders als lauthals zu lachen und insgeheim zu denken, dass einiges davon sicher weniger dramatisch gewesen sein musste. Niemals konnte ein Mensch durch eine Wand brechen, nur um jemandem zur Hilfe zu eilen.

Nach der erregten Geschichten Runde räumte Mama mit mir den Tisch ab. Gerade als ich Papa’s seinen Teller mitnehmen wollte, deutete er mit einer Handbewegung an, mich zu setzen. Überrascht ließ ich mich nieder und zog die Augenbrauen hoch, während er sich den Mund mit einer Serviette sauber wischte. Er lehnte sich etwas zu mir nach vorne, damit er nicht so laut reden musste und warf noch einmal einen prüfenden Blick nach links und rechts um sicherzugehen, dass Mama uns nicht hörte. „Weißt du, mein alter Freund Thomas ist gerade wieder auf Heimaturlaub. Er und seine Familie leben jetzt schon seit langem in Russland, aber er kommt einmal im Jahr her um nach seinen Eltern zu sehen, die im Seniorenheim um die Ecke leben“ begann er. Eine Augenbraue senkte sich wieder, die andere blieb weiterhin skeptisch oben. Ich suchte in Papa’s Gesicht nach dem Grund, wieso er mir nun plötzlich von Thomas berichtete. Normalerweise erwähnt er ihn kaum in Gesprächen. „Er hat wieder mit Stolz von seiner Firma berichtete und wie es der Zufall will suchen sie gerade schlaue Köpfe in der IT-Sicherheit. Eine Voraussetzung, dass die Bewerber russische Bürger sein müssen gibt es nicht und so einen kleinen Einstein wie dich nehmen sie doch sicher ohne mit der Wimper zu zucken“.



Mir fiel die Kinnlade bis auf den Boden. Ich saß da und starrte ihn an, als würde ein Zeitreisender vor mir sitzen und von der Zukunft erzählen. Ehe ich eine Antwort in meinem Kopf formulieren konnte, stürmte Mama zum Tisch und stemmte die Arme auf der Tischkante ab. Sie war ebenso aufgebracht wie ich, jedoch strömten ihr die Worte regelrecht aus dem Mund, wie Wasser, dass zu Boden rauschte, während meine Kehle durch einen tennisballgroßen Kloß blockiert wurde. „Spinnst du? Was setzt du ihr denn für Flausen in den Kopf?“ hysterisch warf sie die Hände wieder in die Luft, fuchtelte mit ihnen herum und schüttelte ununterbrochen den Kopf. Ihre Haare kamen bei der Bewegung nicht hinterher, sodass ihr hochrotes Gesicht gelegentlich hinter den Strähnen verschwand. Papa hob die Arme leicht überfordert mit ihrer Reaktion und gleichzeitig entrüstet „Schatz beruhig dich. Ich möchte ihr nur eine Aussicht zur Verfügung stellen, was sie damit nun macht ist allein ihre Entscheidung“ verteidigte er sich, aber Mama konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. Bevor sie die Treppen hinter sich ließ hörte man noch ein paar letzte Worte „Das ist doch Irrsinn-“ fluchte sie und dann. Stille.

„Wirklich Dad..das ist doch verrückt. Mein Leben spielt hier und ich könnte euch doch niemals verlassen um so weit wegzugehen!“ stimmte ich der Reaktion meiner Mutter zu und hob skeptisch eine Augenbraue. Papa zuckte mit den Schultern und richtete sich auf „Wie gesagt, es ist eine Möglichkeit und du musst dich nicht umgehend entscheiden. Thomas ist bereit dir mehr zu erzählen, hör dir wenigstens an was er zu sagen hat ehe du den Vorschlag verteufelst“ brachte er mich zum Denken.

Kurz zog ich mich zurück in die Stille meines Inneren. Alle Stimmen der Vernunft schrien und tobten bei der alleinigen Vorstellung, es in Betracht zu ziehen. Es wurde mir selbst fast zu viel. Die wirren Worte hinterließen ein Klingeln in meinen Kopf. Ich drückte die Handflächen auf die Ohren und kniff die Lider aufeinander.

Ich hielt es nicht mehr aus..

Ehe ich die Flucht ergreifen konnte, schimmerte ein gedämpftes Licht durch meine geschlossenen Augen. Langsam öffnete ich erst eines, dann das andere und entdeckte inmitten der schreienden Schatten ein kleines weißes Wesen auf dem Boden kauern. Um es herum tanzte Licht, das einzige in diesem Raum. Langsam wich der eben noch dagewesene Lärm zunehmend der Stille. Die Schatten gaben den Weg zu diesem unbekannten Etwas frei. Umso näher ich kam, desto mehr konnte ich an dem Wesen erkennen. Es lag mit dem Rücken gedreht zu mir und war winzig. Langsam streckte ich die Hand danach aus und zögerte kurz. Angst und Neugier mischten sich zu einer gefährlichen Dosis Adrenalin. Zaghaft berührte ich mit den Fingerkuppen die Haut, welche sich wie Porzellan anfühlte. Im selben Moment durchströmten mich Wärme und tausende positive Emotionen, Erinnerungen und Gefühle. Aber es waren alles unbekannte Momente, die noch nie passiert waren und aus denen ich mir keinen Reim bilden konnte. Plötzlich ertönte eine dunkle Stimme in meinem Kopf wie das Flüstern eines Geistes:



Komm zu mir..

Augenblicklich kehrte ich zurück in die Realität und nahm für wenige Sekunden einen hölzernen, angenehmen Geruch wahr ehe all diese Einblicke verschwanden. Die Schläge meines Herzens hatten sich verdoppelt und hämmerten erbarmungslos gegen meinen Brustkorb. Erst jetzt musste ich feststellen, wie tief ich in meine innersten Schichten vorgestoßen war. In eine unbekannte oder kaum erforschte Ebene. Noch wegen den Nachwirkungen der selbstverschuldeten Hypnose benommen, blickte ich zu Papa der mich mit großen Augen betrachtete. Schnell schüttelte ich jegliche Verwirrung, Überforderung und Selbstzweifel an meinem Verstand ab und lenkte die Konversation zurück auf das vorherige Thema „Ich mache es, ich höre mir an was Thomas zu sagen hat..“ gab ich mich geschlagen. Zugegeben, dieser Zwischenfall eben ließ einen Hauch an Positivität in meinem Körper zurück, die vorher nicht da war. Das Gesicht des Mannes mir gegenüber füllte sich mit purer Freude „Wunderbar! Du wirst es sicherlich nicht bereuen. Ich sage ihm gleich Bescheid und arrangiere ein Treffen“ äußerte er sich enthusiastisch „Jetzt gehe ich erstmal nach deiner Mutter sehen“ rief er sich sein eigentliches Vorhaben wieder in Erinnerung und lief los. Ich blieb zurück und verlor mich wieder in meiner Welt.

Was war das? Ein Hinweis des Universums? Wem gehörte diese Stimme und welche Sprache war das? Oder der Geruch, den ich nicht einmal mehr beschreiben kann? Darauf würde ich wohl so schnell keine Antwort bekommen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Geschehene erstmal so im Hinterkopf zu behalten.

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