Die Probetage

Das Weckerklingeln ließ mich mürrisch umdrehen. Ich zog die Bettdecke weiter über den Kopf, aber der dumpfe Klang des Alarms drang durch jede Faser des Stoffes. Quengelig kniff ich die Augen zusammen, bevor ich mich auf den Rücken drehte, die Decke nach unten strampelte und nach meinem Handy angelte. Ein Blick auf die aktuelle Zeit verriet mir, dass es fünf Minuten nach 8:00 Uhr war.
Meine Augen überflogen aufmerksam den Raum. Die Bettdecke raschelte bei jedem meiner Bewegungen und von draußen drang dumpfes Vogelgezwitscher herein. Sonnenstrahlen nutzten jeden offenen Winkel zwischen den Vorhängen, um ihre Markierungen auf dem Teppichboden zu hinterlassen. Die Klimaanlage rauschte gleichmäßig und durchgehend. Trotz all den Eindrücken und wie real alles in meine Ohren drang, wollte mein Gehirn nicht wahrhaben, wo ich mich befand. Jedes Mal, sobald ich blinzelte, sah ich anstatt der Finsternis mein vertrautes Heim in Deutschland wieder und es versetzte mir einen intensiven Stich. Mir blieb nichts anderes übrig, als dieses Gefühl vorerst beiseite zu schieben. Ich musste mich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, meine Aufgabe bestand aus etwas anderem.
Schnaufend quälte ich mich aus den Laken und schliff ins Badezimmer, dort musste ich erstmal meine explosionsartige Mähne in den Griff bekommen. Vor dem Spiegel kämmte ich mir die Knoten aus den Haaren, steckte sie nach oben und zog links und rechts parallel über der Mitte meiner Augenbrauen zwei gleich dicke Strähnen heraus. Diese änderte ich von glatt zu wellig mithilfe des Glätteisens und fixierte alles mit Haarspray. Glücklicherweise befanden sich auch im Badezimmer die notwendigen Geräte zum Stylen und Trocknen der widerspenstigen Strähnen.
Normalerweise steckte ich nicht so viel Mühe in mein Äußeres, da ich jedoch heute glänzen musste, blieb mir keine andere Wahl und mein Perfektionismus ließ mir auch keine. Ich kombinierte die Frisur gemeinsam mit einem Spaghettiträger Top aus einem ähnlichen Material wie Seide. Der Stoff mündete in einer Mid-Waist weißen Anzug Hose, die ziemlich weit über meine Füße fiel, dazu musste ich auf jeden Fall Plateau Schuhe tragen, um die Nähte unten nicht schmutzig zu machen. Schlussendlich überprüfte ich den vollständigen Look nochmal von allen Seiten, änderte Kleinigkeiten bis zu meiner vollständigen Zufriedenheit. Durch die helle, schlichte Kleidung stieß das Rot meiner Haare voll raus, ebenso die grünen Augen. Meine Haut verschmolz mit dem hellen Stoff der Kleidung, aber sie ließ mich nicht tot wirken. Allgemein war dieses Outfit vollkommen zu meiner Zufriedenheit.
Um mir einen schnellen Überblick der Außenwelt zu verschaffen, zog ich die schweren Vorhänge beiseite und wurde sofort vom Sonnenlicht geblendet. Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, aber im nächsten Moment bot sich mir ein bunter und lebhafter Anblick. Die Straßen waren gefüllt von Autos und Menschen, die Sonne verbreitete ihr warmes Licht über die gesamte Stadt und auch die Schatten, die die Wolkenkratzer warfen, erschienen mir voller Farbe. Zu Hause war ich anderes gewohnt. Egal wie schön das Wetter schien, kam mir alles trist und farblos vor, ohne Leben. Die Welt in Nürnberg sah ich durch einen Filter, der die Sättigung aus allen Farben fast vollständig verschwinden ließ. Hier jedoch existierte diese Trübung meiner Sicht nicht und es machte mich glücklich, all den Trubel zu sehen und endlich mittendrin zu sein, anstatt nur am Spielfeldrand.
Ich darf mich nicht ablenken lassen…
Mein Handy, das auf dem Bett lag, zeigte nach einem doppelten Tippen auf das Display eine halbe Stunde nach um acht an. Mir blieb damit noch genügend Zeit, um ein schnelles Frühstück zu holen, immerhin musste ich von der Halbpension hier auch profitieren. Ich packte meine süße kleine Handtasche mit den wichtigsten Utensilien und verließ mein Hotelzimmer. Mein Weg führte mich wieder über den beigefarbenen Teppichboden an den meterweise gleichen Türen vorbei zu den Fahrstühlen zurück. Zum Glück begegnete ich keinem anderen, der mein Vorhaben teilte und sich mit in den Raum quetschen wöllte. Nur als ich im Erdgeschoss ausstieg, kam mir eine Frau Mitte vierzig mit stark gebräunter Haut und braunen Extensions entgegen. Sie hatte noch drei Koffer und vermutlich ihren reichen Mann im Schlepptau, der aber nur eine Nebenrolle spielte, sie gackerte wie eine Henne im Stall auf spanisch oder italienisch. Zügig entfernte ich mich von den Fremden und suchte mit den Augen nach einer Beschilderung oder etwas Ähnlichem, was mich zur Cafeteria führte. Zum Glück war der Eingang zum Frühstücksbuffet nicht zu übersehen. Ein breiter Türrahmen aus hellem Holz ließ genügend Tageslicht von der Fensterfront der anderen Seite durchkommen. Darüber deutete ein aus Neonröhrchen bestehendes Brötchen mit links einer Gabel und rechts einem Löffel auf die beste Zeit des Tages hin, das Essen. Die blaue Farbe stach für meinen Geschmack fast zu stark heraus. Im Gegensatz dazu stand eine große Schiefertafel links die mit weißer Schrift und einer schönen Font die Gerichte aufzuzählen schien. Ich musste näher heran gehen, um die Übersetzung auf englisch darunter lesen zu können, vermutlich las ich mir sowieso gerade eher das Mittagessen durch als etwas anderes, denn auf der Tafel standen eher aufwendige und schwere Gerichte.
Nachdem ich mich traute, über die Türschwelle zu gehen, wurde meine Zimmernummer kontrolliert und mit einer Liste in einem dicken weißen Buch gegengecheckt. Die Mitarbeiterin dahinter sah wieder sehr edel aus. Lange, schwarze Haare zierten ihren Kopf in einem strengen Sleek-Zopf nach hinten gebunden, wo sich keine einzige noch so feine Strähne löste. Ihre Tiefsee blauen Augen musterten mich von oben bis unten abfällig und genervt. Jedes Wort aus ihrem Mund klang qualvoll, als würde sie gezwungen werden hier zu stehen. Als würde ihr Verstand durch diese langweilige Arbeit langsam sterben “Zimmernummer?” fragte sie vollständig akzentfrei, was mich kurz überraschte. “466.” antwortete ich kleinlaut und mehr eingeschüchtert von dieser Frau als ich zugeben wollte. Sie überflog die Zeilen, hielt dann inne und nickte schließlich, ehe sie den gelangweilten Blick wieder hob “Setzen Sie sich dorthin, wo frei ist. Es gibt heute keine feste Platzreservierung.”
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, suchte ich mir einen Platz am Fenster mit Blick auf die belebte Straße hinter den eindrucksvollen Fenstern. Schwarze Autos mit getönten Scheiben standen draußen oder fuhren gerade auf den Hof. Männer in stilistisch teuren Anzügen eilten quer über die Steinpflaster vor der Drehtür. Elegante Frauen in roten langen Kleidern stolzieren auf hohen Schuhen dem Hotelpersonal oder den Männern hinterher. Man sah deutlich ihre gemachten Nägel, die blonden Extensions, Permanent Make-up und aufgespritzte Lippen, die Schlauchbooten ähnelten. Kopfschütteln beobachte ich diese Reality-Show draußen, bevor ich mich an die Zeitdruck erinnerte.
Mehr konzentriert auf mich selbst eilte ich zum einladenden Buffet, lud mir das auf den Teller, was ich schnell verdrücken konnte und fragte nebenbei, ob ich mir was für die Arbeit einpacken konnte. Zu meiner Überraschung brachte mir ein stark tätowierter Mann mit braunen, kurz geschorenen Haaren und einem strahlenden Gesicht eine Box vorbei, wo ich mir alles mitnehmen konnte, was ich wollte unter der Bedingung, sie hier wieder abzugeben sobald ich am Abend wieder zurückkam.
Rechtzeitig beendete ich das unglaublich gute Frühstück, packte die Box ein und ging zurück in die Lobby, um auf den Fahrer zu warten, von dem mir Thomas erzählte. Mir fiel auf, als ich dort wie ein verlorenes Reh stand, dass mir niemand gesagt hatte, wie der Fahrer aussah und an was ich ihn erkennen würde. Hier gehen Chauffeure ein und aus, es könnte jeder sein, der mir hier entgegenkam. Nervös zerkaute ich die Ecken meiner Nägel und legte meine gesamte Achtsamkeit auf jede noch so kleine Bewegung. Plötzlich fuhr ein moderner weißer Audi direkt vor den Eingang. Ein Mann mit sehr heller Haut, scharfen Gesichtszügen und elegant zur Seite gegelten blonden Haaren stieg aus, lief einmal um die Motorhaube und grüßte mit Handzeichen die Herren, die am Eingang standen. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Beifahrertür, holte eine Zigarettenschachtel aus der Anzughose, zog eine Zigarette raus und ließ sie zurück in seine Hosentasche gleiten. Aus der anderen holte er ein Feuerzeug, nahm das weiße Tabak-Röllchen in den Mund, führte das Feuerzeug ran und schirmte mit der freien Hand den Wind ab, damit das Flämmchen nicht wieder ausging. Meine Blick rutschte in dem Moment hinunter auf seine Brust die in eine dunkelgraue Anzug Weste gehüllt war, denn als er die Arme vor seinem Körper zusammenführte begann das Material zu spannen. Die Knöpfe leisteten in der Zeit Schwerstarbeit, um zu halten, während sich in den Zwischenräumen Löcher bildeten, die den Blick auf das feine weiße Hemd darunter freigaben. Erst als eine kleine Wolke nach oben stieg, suchten meine Augen wieder das Gesicht des Mannes. Er reckte das Kinn hoch, um den Rauch von den Leuten in der Nähe fernzuhalten und schloss für einen Moment die Lider.
Ich schluckte, plötzlich fühlte sich mein Mund trocken an und die Wüste breitete sich aus, als sein ausgeprägter Kehlkopf nach oben hüpfte. Seine kristallblauen Augen trafen plötzlich den Eingang und ich fürchtete kurz, er hat mein peinliches Starren bemerkt. Er schien jedoch die Umgebung zu scannen nach einem bekannten Gesicht. Die Haltung des Mannes verriet, dass er auf jemanden zu warten schien und ein Gefühl beschlich mich, dass er auf mich wartete. Zugegeben konnte ich nicht erklären woher ich es erahnte, aber es war eine Art sechster Sinn der sich meldete und mir bestätigte, dass ich nicht falsch lag.
Kurz zog ich die Luft tief in meine Lungen und stieß sie wieder aus, dann bewegten sich meine Füße fast automatisch vorwärts. Schon als ich die gläsernen Drehtüren betrat, fand mich der Blick des attraktiven Fahrers. “Hallo” begann er und nahm einen kräftigen Zug von seiner Zigarette, ehe er weitersprach “Sie müssen Mrs. Hofmann sein richtig? Man sagte mir bereits, dass man Sie an ihren außergewöhnlichen Haaren erkennt.” Seine Augen klebten förmlichen auf meinem Kopf, ehe er weiter jeden Zentimeter meines Gesichts erforschte und ein leichtes Grinsen auf seinen Lippen erschien “Mir wurde jedoch nicht gesagt, dass Sie noch weitere seltene Merkmale haben.” fügte er noch hinzu und ich verschränkte nur die Arme “Die wären?”.
“Sommersprossen und grüne Augen. Eine Seltenheit und ein Segen von Mutter Natur.” antwortete er schnell und ehrlich auf meine Frage. Kurz perplex blinzelte ich ihn an, ehe ich mich räusperte, um meinen Fokus wieder zu bekommen “Tja, danke? Ich nehme an, mit Ihnen muss ich mich jetzt wohl zufrieden geben…Mr…?” “Sasha Petrov, zu Ihren Diensten.” er neigte kurz den Kopf und schenkte mir ein freches Lächeln, dann schnippste er den Zigarettenstummel lieblos beiseite und öffnete mir die Tür des Beifahrers. Ich brauchte keine weiteren Worte oder eine zweite Einladung, um zu verstehen, was er von mir wollte. In meiner Bewegung stoppte ich für einen Moment “Warum nochmal fahren wir eigentlich bei dem zauberhaften Wetter?” merkte ich an und suchte die Augen von Sasha, der sich kurz selbst vom blauen Himmel überzeugen musste, ehe er kurz lachte “Die Straßen hier sind nicht allzu sicher für junge Frauen und Ausländer sind erst Recht für manche gefundenes Fressen. Vertrau mir und der Firma, wir wissen, was das Beste für Sie ist.” Ungläubig legte ich die Stirn in Falten, aber beließ es dabei. Ich bin hier immerhin fremd und muss meinen Sturkopf mal zurückschrauben, auch wenn es mir gewaltig gegen den Strich ging, mich beugen zu müssen. Schweigend stieg ich ein und wenige Augenblicke später ließ sich Sasha auf dem Fahrerplatz nieder. Sobald seine Tür ins Schloss fiel, füllte sich der Raum relativ schnell mit dem Geruch von Rauch und ich rümpfte angewidert die Nase. Da mir schlecht wurde von dem zunehmenden Gestank, ließ ich meine Scheibe wenige Zentimeter runter, um die stickige Luft im Auto zirkulieren zu lassen.
Der Wind umspielte mein Gesicht und wehte durch die offenen Haarsträhnen, sobald sich das Auto in Bewegung setzte und wir die Einfahrt vom Hotel hinter uns ließen. Heute schien zwar die Sonne ununterbrochen, trotzdem kam mir die Temperatur etwas niedriger vor. Über den Tag hinweg würde es schon deutlich wärmer werden, aber aktuell nahm mich die Gänsehaut auf meinem Körper ein und wurde jedes Mal erneut entfacht, wenn mich ein weiterer kühler Luftzug streifte. Ich blieb bemüht, mir nichts anmerken zu lassen und lenkte meinen Fokus auf andere Sachen.
Sasha’s Hände ruhten locker unten am Lenkrad. So wie es aussah, hielt er es nur mit zwei Fingern fest und benötigte keine großen Bewegungen, um den Wagen durch die vollen Straßen zu fahren. Mehr als den summenden Motor bekam ich nicht mit, genauso wenig, als ich mich leicht zur Seite neigte, sobald sich die Radachse verschob. Nur der kontinuierliche Luftzug behielt meine Gedanken in der Realität.
Er war ein guter Fahrer, das musste ich zugeben, aber er ließ mir keine freie Minute “Stören Sie Raucher?”. Mein Blick wanderte zurück zu ihm, Sasha’s Blick blieb fest und starr auf die Straße gerichtet. Die Konzentration und seine Fähigkeit für Multitasking waren bemerkenswert, das musste ich zugeben, da ich zum Vergleich meine Eltern hatte, die sich entweder zu sehr verquatschten und weniger auf den Verkehr achteten oder gar nichts anderes mehr um sich herum wahrnehmen außer andere Autos. “Ja schon, ich kann Raucher nicht ausstehen“, bestätigte ich seine offensichtliche Vermutung und sah, wie sich sein Mundwinkel leicht hob. „Und haben Sie was gegen Aufmerksamkeit? Sie machen mir den Eindruck, ungern im Rampenlicht zu stehen.” Verwirrt von den Fragen blieb mir kurz das Wort im Mund stecken, ein Kopfschütteln meinerseits sollte die Ratlosigkeit mehr zum Ausdruck bringen “Was sollen die Fragen? Und ich bin eher gerne für mich..”, mein Ton füllte sich mit Bitterkeit. Eine ruhige Ecke im Trubel erfüllte mich mehr mit Frieden als das Maskottchen für die Massen zu spielen. Ich bin schlau, begabt und kann charmant sein, aber nur in notwendigen Situationen. Man muss mich dafür nicht feiern, dass ich irgendwas erreicht habe was ich sowieso geschafft hätte. Ich bin die Beste – ohne arrogant zu wirken – aber das muss nicht jeder wissen.
Sasha zog die Luft scharf durch die Zähne ein “Dann wird Ihnen die Ankunft in der Firma nicht allzu sehr gefallen, befürchte ich.” schlussfolgerte er, ich zog verwirrt eine Augenbraue nach oben und überschlug die Beine, um gemütlicher zu sitzen “Was meinen Sie damit?” hakte ich nach. Sasha lächelte “Ihre Ankunft ist in aller Munde. Sie sind die erste Frau seit Jahren bei uns, das gefällt der Hälfte der Firma und sie äußern wilde Spekulationen. Die andere Hälfte äußert sich eher negativ, zum Teil auch beachtenswertes. Ich habe schon einiges gehört.” warnte er mich vor. Ich schluckte, meine Luftröhre schnürte sich um einen weiteren Zentimeter zu. Nun war ich genau dem ausgesetzt, was ich so sehr verabscheute, aber ich musste meine Maske gut festschnüren. Sobald die Männer Blut witterten, war ich angreifbar. Das musste ich unter allen Umständen verhindern.
“Und viele Rauchen. Nicht nur in der Firma, aber hier allgemein, weil der Tabak im Gegensatz zum Ausland schmeckt” schmiss Sasha noch mehr Zündstoff in das bereits lodernde Feuer, ohne mir eine kurze Pause zu gönnen. Zu meiner eigenen Sicherheit entschied ich mich gegen eine Nachfrage, was die Geschwätze über mich betraf. Ich hielt mich davon lieber fern und verschob die Tatsache in die hinterste Ecke meiner Gedanken.
“Aber Sie wissen hoffentlich, dass genau das der Sinn dahinter ist? Rauchen ist schlecht und extrem ungesund, für alle, die es aktiv machen oder im Umkreis stehen. Deshalb soll es nicht schmecken, damit man es nicht macht und seine Mitmenschen gefährdet” versuchte ich ihm den logischen Sinn dahinter klarzumachen. Sasha brachte meine Entrüstung zum Lachen und es war melodisch, sehr attraktiv “Sie sind wirklich anders als ich erwartet habe.” gab er zu, aber es klang, als wäre es eine Herausforderung mit meinem Charakter klarzukommen. Meine Augenbraue wanderte weiter nach oben, bis es schmerzte, gleichzeitig zuckte mein Mundwinkel. Sasha seine Art gefiel mir irgendwie und ließ ein wohliges oder eher erleichtertes Gefühl in mir aufsteigen. Wie flüssiges Gold zog sich die Wärme durch jede Zelle meines Körpers. Meine Sorgen klangen endlich ab, vorher zerbrach ich mir den Kopf, ob ich mit den Leuten hier klarkommen würde. Zu meiner Erleichterung war Sasha ein gutes Beispiel und ein ordentlicher Kerl mit einem respektablen Wesen.
Die meisten, die ich kennenlernte versuchten, sich nicht weiter auf mich einzulassen, wenn ich ihnen meine Attitüde zeigte. In der Vergangenheit war ich immer der Meinung, der Kontakt mit anderen würde mich ausbremsen und meine Fähigkeiten einschränken. Es fühlte sich auch immer so an, diese aufgesetzte und falsche Freundlichkeit der Leute. Wie mit schlecht verarbeiteten und teils bereits gebrochenen Masken wagten sich angebliche Freunde in mein Blickfeld, aber die hässlichen Fratzen darunter fielen mir immer sofort ins Auge. Niemand kann mich zum Narren halten und niemand wird es jemals. Ich kenne meinen Standpunkt, meine Ziele und wie ich alles erreichen konnte, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Irgendwelche falschen Menschen, die von mir profitieren wollten, entlarvte ich umgehend und das zwang mich dazu den Weg des einsamen Wolfes zu nehmen. Vielleicht könnte ich hier lockerer sein?
Sasha und ich unterhielten uns den Rest der Fahrt noch. Beziehungsweise antwortete ich kürzer angebunden auf seine Fragen. Zu Anfang wollte ich den Smalltalk vollkommen verweigern, aber letztendlich fühlte es sich falsch an, ihm die Gespräche nicht zu gönnen. Immerhin entpuppte er sich mehr und mehr als ein freundlicher Mann, dem man definitiv vertrauen konnte.
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Als wir ankamen, ließ er mich direkt vor der Türschwelle raus und nach dem ersten Schritt auf den Boden, wurden meine Augen sofort von der gläsernen Gebäudefront angezogen. Die gesamte Vorderseite der ungeahnt riesigen Firma spiegelte das Sonnenlicht, den Himmel und die Bauten gegenüber wieder. Sie waren ohne jeden Makel und ohne ein einziges Staubkorn, vermutlich wurden die Fenster täglich gereinigt, bei Bedarf sogar mehr als einmal.
In der oberen Hälfte der Firma stand in großen Druckbuchstaben “SilovSecure”. Mich beeindruckte der Anblick, es strahlte reine Innovation und Moderne aus. Ein bisschen freute ich mich auf das Innere, also beruhigte ich meine erhöhte Herzfrequenz mit wenigen gezielten Atemübungen und schritt erhobenen Hauptes durch die Eingangstüren hinein. Es wartete eine große Eingangshalle auf mich, gefüllt mit ausschließlich männlichen Mitarbeitern, mich würde schon interessieren, warum ich hier keine weibliche Kollegin finden konnte. Vielleicht waren sie gerade mit anderen Aufgaben betraut, ich sollte mir weniger Gedanken machen und mich auf mein kommendes Gespräch konzentrieren.
Rechts befand sich ein Tresen, vermutlich arbeiteten dort die Sekretäre die Kunden empfingen oder potentielle Kundenprofile hoch in die Chefetage weiterleiten. Die Herren dahinter in vornehmer Kleidung sprangen von einem Telefonat in das nächste. Einer brachte Notizblock und Stift zum Mann am Telefon, ein anderer hantierte mit einem Tablett. Was mich an der Szene wunderte war, dass ich wenig bis gar keine Papierstapel, Dokumente oder Formulare entdecken konnte. Knapp über den Tresen schauten die Ränder von drei Computer Bildschirmen heraus und auf der steinernen Oberfläche lag noch ein weiteres Tablett. Staunend ging ich weiter, dabei stieß ich fast mit einem Mann zusammen, der gerade auf dem Weg zum Tresen war. Er fluchte und schob sich an mir vorbei, ohne einen Blick auf mich zu vergeuden und eilte zu seinen Kollegen an einen der Computer. Der Herr mit dem Tablett in der Hand löste den Blick vom Bildschirm und nahm mich ins Visier, dann stieß er seinem Nebenmann den Ellenbogen gegen die Schulter und deutete mit einem Kopfnicken in meine Richtung. Wie automatisch hoben auch die anderen hinterm Tresen ihren Blick und spuckten mir verächtliche Mienen entgegen. Sie tuschelten miteinander und auch wenn ich nichts hören konnte, wusste ich, dass es definitiv keine Komplimente waren.
Plötzlich zog ein wildes Fuchteln, das ich aus dem Augenwinkel sah, meine Aufmerksamkeit zu sich. Thomas stand neben einer Pflanze, die seiner Körpergröße gleich war. Sein Gesichtsausdruck war konzentriert und auch gefüllt mit Sorge. Ich signalisierte ihm mit einer Handgeste, dass er seine heftige Artikulierung zurückschrauben soll, dann eilte ich zu ihm “Ich hab dich schon gesehen, kein Grund so einen Aufriss zu machen” zischte ich, mein Tonfall klang peinlich berührt und ich schaute mich hektisch um. Daraufhin entfuhr ihm nur ein Lachen „Du bist hier sowieso das Zentrum aller Aufmerksamkeit, daran kann ich weder im positiven Sinne, noch im negativen was ändern” bestätigte er meine Vermutung, die ich nicht wahrhaben wollte. Überwältigt stieß ich die übrige Luft in meinen Lungen aus und schloss kurz die Augen, um meine Selbstsicherheit wiederzufinden “Womöglich hast du Recht“ gab ich zu. Thomas klopfte mir ermutigend auf die Schulter “Du weißt was du kannst, beweis es ihnen. Der Chef kommt in fünf Minuten, ich hatte die Order, dich hier zu empfangen und seelisch darauf vorzubereiten. Dort drüben ist ein Wartebereich” er deutete mit dem Finger auf ein Abteil hinter der Ecke, wo sich Stühle befanden “Der ist eigentlich für potenzielle Kunden, aber du kannst dich dort noch kurz hinsetzen” riet er mir, wissentlich was auf mich zukommen wird. Ich nickte, ließ noch ein kurzes Danke über meine Lippen rollen und ging zu einem der Stühle in dem abgegrenzten Bereich. Dort standen Automaten mit Snacks und ein Wasserspender, die Leere hier füllte ich gut mit meiner verlorenen Erscheinung. Die Nervosität setzte mehr ein, ich spürte mein Herz in der Brust so stark schlagen, dass es sich bis in die Magengrube erstreckte und ich beim Herunterschauen meine Brust schlagartig heben und wieder senken sehen konnte. Jeder Atemzug kam zittrig wieder raus, egal wie sehr ich versuchte meine Körperreaktion zu regulieren. Um mich abzulenken ließ ich meinen Blick weiter schweifen, ein paar Meter vor mir befanden sich zwei Fahrstühle, rechts daneben ein Treppenhaus welches im Notfall eines Stromaufalls den Personentransport ersetzte. Ein weißes Männchen auf grünem Hintergrund über der gläsernen Tür deutete auf den Notausgang drauf hin.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich, meine Augen suchten automatisch das Ereignis und fünf Männer mit strengen Blicken und feinen Anzügen traten heraus. Meine Kehle zog sich zusammen, es fühlte sich an, als würde mein eigener Körper mich Tot sehen wollen. Die Herren kamen schnellen Schrittes auf mich zu. Ihre Anzugschuhe ließen einen hellen Klang ertönen bei den Berührungen mit dem festen Boden und die Leute drumherum stellten ihre Arbeiten ein und sahen dem Schauspiel zu. Eine kleine Schweißperle bildete sich unter meinem Haaransatz und bahnte sich ihren Weg nach unten, bis sie auf dem Rand meiner Augenbraue hängen blieb. Ich nahm all meine Kraft zusammen, reckte das Kinn und stand auf, bevor sie wenige Meter vor mir stehen blieben. Der Mann, der die Truppe anführte, senkte den strengen Blick auf mich. Seine Haut zwischen den Brauen war in Falten gelegt, seine Gesichtszüge stramm. Er hatte eine schmale Oberlippe, aber eine volle, rosige Unterlippe. Ein drei Tage Bart versteckte leicht das markante Kinn und die herausstechenden Kieferknochen. Man sah ihm an, dass er älter als 40 sein musste, aber nur wenige graue Haare blitzen auf Grund des Tageslichtes durch die schwarze und volle Mähne. Er hatte schöne hellblaue Augen, die ein starker Kontrast zum Schwarz waren. Er trug einen schlichten schwarzen Anzug mit einem dunkelgrauen Hemd darunter. Die vier anderen Männer erschienen mir teilweise deutlich jünger und beim Blick an seine rechte Seite fiel mir alles aus dem Gesicht. Verdattert starrte ich ihn an und sofort schossen die Bilder vom Flughafen in meinen Kopf. Der Ältere ließ den Blick kurz fragend zur Seite gleiten, ehe er ein breites Lächeln aufsetzte “Mrs. Hofmann, es freut mich Sie kennenzulernen“, unterbrach er die kurze Stille und hielt mir die Hand entgegen. Überrascht sah ich ihn an und streckte leicht zögerlich meine Entgegen. Er sprach Englisch mit einem starken russischen Akzent “Freut mich ebenfalls. Danke für die Möglichkeit” respektvoll neigte ich den Kopf.
Trotzdem kam es bei mir immer noch nicht im Gehirn an, dass derselbe junge Mann vom Flughafen hier vor mir steht und mich nicht mal eines Blickes würdigt. Er starrte nur streng nach vorne und zuckte mit keinem einzigen Muskel. Nicht mal seine Augen bewegten sich in meine Nähe, er starrte nur stur gegen die Wand hinter mir. Komischer Kauz.
“Mein Name ist Nikolaj Iwanow und ich leite die gesamte Firma. Das hier-” er deutete mit einer nickend Geste neben sich auf den Unbekannten vom Flughafen “Ist mein Sohn Alexej Iwanow, er leitet die Personalabteilung. Seine Meinung ist mir heilig“, lachte er. Nun kam ich auf nichts mehr klar und mein Blick schwenkte wieder zum Jüngeren. Immer noch sah er nicht zu mir, nicht mal als sein Name fiel. Ich presste die Zähne aufeinander. Dieses eingebildete Arschloch. “Geht es Ihnen gut?” fragte Herr Iwanow und flachte die aufsteigende Wut wieder ab. Ich schüttelte den Kopf und blinzelte einige Male “Alles gut, keine Sorge” log ich, aber anscheinend gut genug, um ihn zu täuschen. Er schenkte mir erneut ein breites Lächeln “Sehr gut, dann gehen wir kurz in mein Büro, ich weise Sie ein und teile Sie dann zu. Folgen sie mir” Die beiden unscheinbaren Herren gingen voraus, Nikolaj und Alexej folgten ihnen und verschränkten die Arme hinter dem Rücken. Ich trottete ihnen nach und musste meine Schritte beschleunigen, da alle ziemlich groß waren und lange Beine hatten, liefen sie um einiges schneller als ich.
Wir betraten zu dritt den Fahrstuhl, die anderen beiden nahmen den neben uns. Nikolaj betätigte die Taste mit der Sieben und wenige Sekunden später setzte er sich in Bewegung. Auf engem Raum mit ihnen füllte sich die Luft mit den herben Parfums der Männer. Es mischte sich Sandelholz mit Kiefer, eine leichte süßliche Note mit kräftigem Moos-Duft. Hätte ich die Augen geschlossen, würde ich denken, ich befände mich mit einer Liege, die von Duftkerzen umgeben war, in einem dichten Mischwald frisch nach starkem Regen. Geruch von feuchtem Holz nahm mich ein, der ziemlich intensiv war, er brannte sich durch meine Nasenlöcher und ich hatte Mühe, einen seriösen Gesichtsausdruck zu halten. Als wir im Stockwerk ankamen, stand mir die Erleichterung über die neue Luft auf die Stirn geschrieben. Als wir heraus auf den grauen Teppichboden traten, schwappte ein frisch gemahlenes Kaffee Aroma zu mir rüber und ich zog die Luft tief ein. Der Parfum-Geruch wurde neutralisiert und ich konnte endlich wieder die Umgebung mit der Nase wahrnehmen, anstatt in dieser Wolke von künstlichem Odeur stecken zu bleiben. Die Männer führten mich an Sammelbüros vorbei, welche durch Glasscheiben abgeschnitten waren. Dahinter tummelten sich Mitarbeiter an mindestens zwanzig Schreibtischen, die ihre Köpfe tief in die Bildschirme neigten. Einige schienen zu verzweifeln, andere schlürften genüsslich ruhig ihren Kaffee, alles war dabei. Aber als sie die Chefs erblickten, verwandelten sich alle in Roboter, die emotionslos ihrer Arbeit nachgingen. Der plötzliche Umschwung der Arbeitsmoral erstaunte mich, aber er war gleichzeitig auch enttäuschend. Den Faulenzern hier, hätte ich bereits die Leviten gelesen für ihre traurige Performance. Ich dachte, dies ist eine Firma mit hohen Ansprüchen. Vielleicht sollte ich zukünftig weniger von einem bekannten Namen und strengen Chefs erwarten. Oder ich sollte nicht anhand dem urteilen, was ich mit meinen Augen wahrnahm.
Wir machten vor einer dunklen Holztür halt, die nur ein goldenes Schild in ihrer Mitte trug, aber die Schriftzeichen darauf konnte ich nicht lesen, vermutlich das Büro von Nikolaj. “Das ist mein Reich, wenn Sie Anliegen oder Fragen haben, dann kommen Sie gerne hierher.“ bot der Ältere an mit einer freudigen Tonlage, dann bat er uns herein. Es bot sich mir ein Anblick, der mir den Mund leicht offen stehen ließ. Ein dunkelbrauner Parkettboden zog sich bis nach hinten zu einer ungefähr zehn Zentimeter hohen Kante. Dahinter stand ein schwarzer Schreibtisch mit vielen Unterlagen, Stiftehaltern und Bilderrahmen auf der Oberfläche. Dahinter lud ein schwarzer Bürostuhl mit Kunstfell überzogen zum Sitzen ein.
Zahlreiche grüne Pflanzen standen überall. Am Boden, auf Regalen oder Ablagen. Ein großes, von außen abgedunkeltes Fenster erstreckte sich über die gesamte Länge rechts von uns mit Blick über die Stadt. Gedämpfte Sonnenstrahlen berührten den Boden und Teile des Schreibtisches, jedoch behielt der Raum weiterhin eine dunkle und geheimnisvolle Atmosphäre. Nikolaj ließ sich auf seinem Thron nieder, Alexej stellte sich daneben und senkte kurz den Blick auf mich. Es kribbelte auf meiner Haut, überall wo seine Iriden sich hin bewegten, aber nach wenigen Sekunden starrte er wieder stur und unberührt nach vorne. Diesmal war es jedoch anders, ich erkannte, wie sich sein Kiefermuskel anspannte. Leider konnte ich mir keinen Reim darauf bilden, ob er sich ein Lachen oder einen Wutanfall verkniff.
“Setzen Sie sich bitte” Nikolaj deutete mit einem Nicken vor sich, dort stand ein schwarzer, weniger eleganter Stuhl. Ich machte einen Schritt auf die Kante und ließ mich sanft nieder. Elegant überschlug ich die Beine und verschränkte die Finger ineinander, um möglichst seriös zu wirken. Iwanow Senior lehnte ich nach vorne “Hatten Sie einen guten Flug? Ich habe gehört, es gab wohl Komplikationen bei der Ankunft.”, kurz fiel ein böser Blick auf den Junior. Er hat mich ausspioniert, ich wusste es! Seine Präsenz war nicht zufällig, er hatte einen Auftrag und konnte erfolgreich Bericht erstatten. Ich bemühte mich, die aufkochende Wut krampfhaft herunterzuschlucken. Ein Lächeln meinerseits zeigte, dass ich mich nicht beirren ließ „Ich bin das erste Mal geflogen, da wiegt die Aufregung schwer. Ansonsten hatte ich eine gute Ankunft, das Hotel ist weit über meinen Vorstellungen und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen kann“, würdigte ich die Reise und Einladung. Iwanow Senior stieß Alexej begeistert den Ellenbogen mehrfach in die Seite und sprach zu ihm einige Worte auf Russisch. Der junge Mann verdrehte nur die Augen, ohne eine weitere große Reaktion zu zeigen “Wir freuen uns sehr, dass es trotzdem gut geklappt hat. Wie ist Ihr erster Eindruck von Russland?”, kurz war ich skeptisch, warum die persönlichen Fragen wichtig sein sollten, aber ich war nicht in der Position für Zurückhaltung, es könnte mir den Job kosten “Ehm, noch surreal. Ich kann es noch nicht wirklich glauben, hier zu sein. Allgemein bis jetzt bin ich beeindruckt und sehr neugierig, mehr Unterschiede zu meiner Heimat und den Leuten zu erfahren“, gab ich wieder und lächelte, aber ohne, dass es meine Augen erreichte. So schnell lasse ich meine Mauern nicht fallen und gebe nur das nötigste von mir Preis. Zugegeben ist meine Neugier aber nicht gelogen, es kribbelte mich wirklich in den Fingerspitzen, mehr zu sehen.
Mein Blick fiel wieder auf den kalten Felsen namens Alexej. Ihm stand die Freude über mein Dasein ins Gesicht geschrieben, so viel Euphorie habe ich noch nie in einem menschlichen Wesen gesehen. Er könnte wenigstens versuchen, es glaubhaft rüberzubringen.
“Gut, lass uns über die Arbeit sprechen” riss mich Iwanow Senior aus der inneren Verachtung gegenüber seinem Sohn “Wie sind Sie auf den Berufszweig der IT gekommen? Sie haben einen ausgezeichneten Abschluss und sogar zwei Auszeichnungen für besondere Leistungen.“ stellte er die üblichen Fragen eines Vorstellungsgesprächs, zog aber überzeugend die Augenbrauen nach oben und nickte leicht mit dem Kopf, als würde er solche Abschlüsse nur selten zu Gesicht bekommen. Zum Glück hatte ich schon eine gewisse Routine beim Beantworten der typischen Fragen „Als Kind war ich in der Schule unterfordert, also wurde ich getestet und daraufhin in Mathematik und Physik besonders geschult. Es weckte mein Interesse mehr über die komplexen Vorgänge zu erfahren und sie im gleichen Atemzug zu lösen. Nach dem Abitur schlug mir meine ehemalige Klassenlehrerin vor, mich für das Masterstudium in IT-Sicherheit zu bewerben. Da ich keine weiteren Ideen hatte, zog ich das Studium durch, worin ich immer mehr gefallen fand. Letztendlich stellte ich fest, dass es mir äußerst leicht fällt, Sicherheitskonzepte von Firmen zu optimieren. In Deutschland gibt es jedoch nicht genug Firmen, die solche Leute brauchen oder nur unter schlechten Arbeitsbedingungen, beziehungsweise schreckliche Bezahlung und niedrige Stellen anboten, obwohl man einen ausgezeichneten schulischen Werdegang vorweisen kann.” Diese Worte verließen meinen Mund mit einer erschreckenden Leichtigkeit. Wie ein einstudierter Text waren die typischen Gesprächsthemen in meinem Gehirn eingebrannt. “Sehr schön, dann bin ich gespannt, was Sie heute alles leisten. Mein Sohn wird Ihren Arbeitstag begleiten und Protokoll über Ihre Fortschritte schreiben, die er mir zum Feierabend vorlegt. Bis dahin lasse ich mich überraschen und frage Sie nicht weiter aus. Sie sind entlassen Mrs. Hofmann. Viel Erfolg!” beendete er das überraschend kurze persönliche Gespräch und forderte mich mit einer Handbewegung auf, mich zu erheben. Ich folgte seiner Anweisung, Alexej setzte sich stumm in Bewegung und lief an mir vorbei. Ein sanfter Windhauch traf mich und bewegte kurz die offenen Strähnen, meine Nase wurde im gleichen Moment von dem Geruch nach feuchtem Waldboden und Tannennadeln verführt. Ein Schauder kroch meine Wirbelsäule herunter und meine Füße fesselten mich noch kurz auf der Stelle bis die Aromawolke verflogen war, dann eilte ich meinem Vorgesetzten nach der mit großen Schritten schon die Hälfte des Flurs hinter sich gelassen hat. Genervt schaltete ich einen höheren Gang ein, um zu ihm aufzuschließen.
Gemeinsam fuhren wir in den 4. Stock zurück. Sobald sich die Türen öffneten, schoss er wieder raus auf den Flur und lief erneut so schnell einen ähnlichen Gang nach hinten durch weitere große Büroräume zur nächsten hölzernen Tür. Meiner Vermutung nach, musste das wohl der Spielplatz von Alexej sein “Die anderen Arbeiter hier, gehören auch zur IT-Abteilung. Unsere Systeme sind äußerst komplex und benötigen viele Hände, um es am Laufen zu halten.” Ich war fast überwältigt davon, dass er zum ersten Mal das Wort mit mir wechselte. Ein Seufzen verließ meinen Mund und ich ließ die Schultern leicht hängen “Aha..” war alles, was ich über die Lippen brachte. Seine Aussage jedoch erfüllte mich leicht mit Demut, er sprach vollkommen akzentfreies Englisch. Warum erleuchtete er mich nicht schon eher damit?
Mich interessierte gerade ein anderes Thema mehr “Warum haben Sie mich eigentlich im Cafè am Flughafen beobachtet?“ warf ich direkt in den Raum. Er hielt kurz inne, seine Hand verharrte auf der Türklinke „Tut mir Leid, ich kann mich nicht an irgendeine Begegnung mit Ihnen erinnern“ stritt er ab und log dabei so perfekt, wie ich es selten erlebt habe. Es wirkte glaubwürdig und ich würde es ihm abkaufen, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre. Er behielt eine perfekt antrainierte Fassade, ich musste mir mehr überlegen, um sie zum Bröckeln zu bringen. “Da muss ich Sie enttäuschen, aber ich vergesse niemals ein besonderes Gesicht. Sie haben in der Iride Ihres linken Auge einen kreisrunden gelben Fleck nahe der Pupille, der sehr auffällig wird, wenn die Sonnenstrahlen einfallen.“, erklärte ich selbstsicher und strickt ohne jeglichen Zweifel hindurch sickern zu lassen. “Sie finden mein Gesicht also besonders? So eine Aussage kann ich sehr leicht als Belästigung am Arbeitsplatz durchgehen lassen.” lenkte er vom Thema ab und stieß die Tür auf. Er schritt über die Schwelle und ich folgte ihm, um hinter mir die Privatsphäre wieder zu sichern. “Halten Sie mich nicht zum Narren. Ich bin nicht in der Stimmung für dämliche Spielchen. Wenn Sie einfach ehrlich sind, Iwanow Junior, bekommen wir keine Probleme miteinander.” warnte ich ihn und verschränkte herausfordern die Arme vor der Brust. Mein Blick war genauso unerschrocken wie seiner. Alexej ging zu seinem Schreibtisch und lehnte sich mit dem unteren Rücken gegen die Kante. Gelassen sah er zu mir “Soll das eine Drohung sein?”. In der Stimme meines Gegenübers schwang Interesse und leichte Schadenfreude mit. Sein Mundwinkel zuckte nach oben. Meine Augenbrauen schossen nach unten und legten die Haut dazwischen in tiefe Falten „Schätzchen, ich war zufällig dort. Sie scheinen echt viel von sich selbst zu halten, aber da muss ich Ihre Traumwelt einreißen.” schlug er verbal auf mich ein, aber mit einem provokanten Unterton der mein Blut in Wallung brachte “Erstens, nennen Sie mich nicht so und zweitens, wir werden sehen wer am Ende wirklich zu viel von sich hält.”, begann ich und tat zwei Schritte nach vorne “Bis jetzt sieht es so aus, als würde nur einer von uns beiden so selbstsicher bei völliger Ahnungslosigkeit reden.” herausfordernd und stolz auf meinen Konter fixierte ich ihn. Alexej hob die Augenbrauen und wippte leicht mit dem Kopf als Zeichen von Respekt “Sie haben viel Temperament, so habe ich Sie nicht eingeschätzt, aber dann sei es so” begann er und lehnte sich leicht nach vorne. Ein Glitzern von Gefahr erschien in seinen Augen “Ich freue mich auf Ihren Untergang.”
Empört schüttelte ich den Kopf. So leicht zwingt er mich nicht in die Knie.

























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