Meine Entscheidung

Eine Woche war seit dem Gespräch zwischen Thomas und mir vergangen. In der Zwischenzeit wagte er keinen Kontakt aufzunehmen, er lässt mir vollständig freie Hand in meiner Entscheidung. Ebenso wie meine Eltern. Papa hatte versucht mich ein Tag nach dem Treffen etwas auszuquetschen, aber ich blockte ab. Bis auf ein ‚Es war informativ‘ auf seine Frage, wie es lief, brachte ich nicht hervor. Die weiteren Schritte sollen ausschließlich unter meiner Hand liegen, ohne jeglichen Einfluss von außen.
Ich selbst befand mich für diese Zeit in einem massiven inneren Konflikt. Ständig hallten die Aussagen meiner Eltern und Großeltern in meinen Gedanken wieder. Jeden Tag, immer und immer wieder fand ich mich selbst in dem chaotischen Büro meines Inneren sitzen und alle Eventualitäten sowie die Vor- und Nachteile auswerten. Einen eindeutigen Weg fand ich nicht. Für mich gab es keine hundertprozentigen Entschluss, alles birgte Risiken oder zog massive Probleme mit sich her. Ich musste mich schließlich zwischen dem Galgen und der Guillotine entscheiden. Bleibe ich hier, werde ich vermutlich bis zu meinem 80. Lebensjahr arbeitssuchend bleiben oder unter der Brücke landen. Gehe ich weg, verliere ich jeglichen Bezug zu all meinen Bekanntschaften hier und muss mich vollständig anpassen, ohne einfach mal schnell bei Not nach Hause gehen zu können. Ich kenne dort niemanden und das macht es vermutlich viel schwerer. Andererseits konnte ich nicht leugnen, dass mich der Gedanke reizte, eine neue Erfahrung weit außerhalb meiner Komfortzone zu wagen. Zwischen dem ganzen Abwiegen schlich sich andauernd die Erzählung von Thomas über den Sohn des Inhabers in meinen Geist. Es weckte eine kleine Neugier, diesen Mann kennenzulernen, um seine Grenzen austesten zu können. Der Freund meines Vaters beschrieb ihn maßlos arrogant und selbstsicher trotz vollkommener Ahnungslosigkeit. Nur jemand, der nicht viel Intelligenz besitzt, verteidigt all seine kleinen Errungenschaften und seine Stellung so aggressiv. Zusätzlich verlangte er anscheinend auch von Mitarbeitern, seine Inkompetenz zu kaschieren, deshalb müssen es die Besten der Besten sein. So ein Mensch hat sicherlich keine Freunde und wird nicht bewundert, sondern gefürchtet. Wer Angst verbreitet, bleibt einsam, die Schlussfolgerung daraus ist, sich die Aufmerksamkeit aufsaugen zu müssen und sein ganzes Leben darauf auszurichten, immer ein aktuelles Gesprächsthema zu bleiben, egal welche Emotionen dabei verursacht werden.
Einer meiner Mundwinkel zog sich unbeabsichtigt nach oben. Meine Verachtung gegenüber diesem Mann war bereits beachtlich, ohne dass ich ihn je zuvor gesehen hatte oder je ein Wort mit ihm wechselte.
Der Bürostuhl unter mir drehte sich leicht quietschend im Kreis. Die Farben der Umgebung verschwammen ineinander, ehe die Sicht wieder klarer wurde und ich mit den Beinen wieder für neuen Schwung sorgen musste. Ich hob den Kopf entgegen der leicht gelblich verfärbten Decke, wo einige Gebrauchsspuren verrieten, dass ich diese Einrichtung seit ganzen fünfzehn Jahren besaß. Ein sanfter lila Schatten befand sich direkt über mir, dort bin ich damals beim Tanzen im Zimmer dagegen gekommen, nachdem ich mir frisch die Nägel lackiert hatte. Papa hätte mich umbringen können und ich fand es einfach nur lustig, wie er sich aufregte.
Unten auf dem Holzboden übersäten Kratzer die Oberflächen von diversen Stühlen, gefallenen Gegenständen oder Straßenschuhen mit Steinchen drinnen. Die Filme der Erinnerungen spielten sich gleichzeitig mit jedem neuen Mängel, welchen ich entdeckte, vor meinem inneren Auge ab. Nostalgie erfüllte mein Herz, bis die realen Probleme diese zerschnitten. Ein verzweifelter Ton rollte über meine Lippen und ich zog die Beine an, umarmte sie und legte das Kinn auf den Knien ab, während der Stuhl sich immer langsamer drehte und schließlich zum Stillstand kam. „Mein Vater würde mich mit allen Mitteln bekräftigen und er hat Recht, also teilweise, ich kann mich auch nach dem Probetag noch umentscheiden“ kurz behielt ich die Worte auf der Zunge, welche ausbrechen wollten, aber ich konnte sie nicht zurückhalten „Ich muss es einfach versuchen, mich überwinden. Vielleicht bereue ich es später, wenn ich mich nun von meiner Angst lähmen lasse“. Meine Hoffnung in diesen Selbstgesprächen bestand darin, eine mögliche Antwort eines Geistes in meinem Zimmer zu bekommen, damit die alleinige Entscheidung nicht nur auf meinen Schultern lastete. Oder irgendeine andere übernatürliche Macht, die mir irgendwie helfen könnte, endlich Klarheit zu erhalten.
„Komm zu mir…“
Ein sanfter Schauer krabbelte meine Wirbelsäule hinunter und die tiefe Stimme hallte in meinen Gedanken wieder. Ich hörte sie nicht klar, sondern dumpf, wie durch Watte oder ein abklingendes Echo einer Höhle. Auch die Tonlage war instabil und wechselte zwischen höheren Oktaven und tieferen. Was ich definitiv sagen konnte ist, dass es sich um eine Männerstimme handelte. Zu wem gehörte sie jedoch und warum erhielt ich diesen merkwürdigen Traum? Würde ich dafür jemals eine Antwort erhalten? Oder blieb mir dieses Rätsel für immer ungelöst?
Wie in Trance nahm ich mein Handy in die Hand, entsperrte es mit dem Daumen und öffnete WhatsApp. Der Chatverlauf mit Thomas war bereits ziemlich weit runter gerutscht und von anderen Gruppen oder Privatchats verdrängt. Zaghaft öffnete ich ihn, nur ein ‘zuletzt online um 14:02’ zierte den freien Raum unter seinem Namen. Auf dem Profilbild saß eine Frau gemeinsam mit einem ungefähr zehn Jahre alten Kind auf einer Bank eng umschlungen. Das kleine Mädchen hatte prächtige blonde Locken, die in alle Richtungen abstanden. Bei einem genaueren Blick befand sich eine zarte Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen. Sie lächelten beide fast bis zu den Ohren. Das musste seine Frau und deren gemeinsame Tochter sein.
Mein Daumen schwebte über dem geöffneten Tastenfeld, ich biss mir angespannt auf die Unterlippe und stieß zitternd einen Schwung Luft aus den Lungen. Mein Herz hüpfte und setzte einen Schlag aus, ehe es begann, über seinen eigenen Beat zu stolpern. Für wenige Sekunden vermengte sich meine Sicht zu einem milchigen Farbspektakel und ein Schwindelgefühl setzte ein, bevor diese Symptome von Angst und übermäßiger Nervosität weniger wurden, sodass ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte.
Einatmen, ausatmen und-
Hallo Thomas, Alexandra hier.
Ich habe mich entschieden, ich möchte den Probetag gerne in Anspruch nehmen. Sag mir gerne was ich dir dafür geben muss und ich bereite es vor.
„Oh Gott, was habe ich getan?“ schockiert schlug ich die Hand vor den Mund. Mein Herz hämmerte erneut, als ich die Zeilen Wort für Wort überflog. Ich könnte es noch löschen, bevor er es sieht – nein, er ist online gekommen und hat es eben gesehen. Mein Ego blockierte diese Option, meine Worte wieder zurückzunehmen. Dieses peinliche Gefühl würde ich mir niemals freiwillig antun. Nun gab es kein zurück mehr und ich wartete angespannt auf die Antwort, die Thomas soeben verfasste.
Oh Alex! Welch eine Überraschung. Ich dachte schon, du hättest das Vorhaben über den Haufen geworfen. Dein Vater deutete Zweifel an, die gesiegt hätten, umso fröhlicher bin ich, eine positive Antwort bekommen zu haben!
Bitte schicke mir deinen Bildungsweg, von der Grundschule bis zum Studium mit allen ausgestellten Zertifikaten plus natürlich den letzten Abschluss an meine E-Mail Adresse. Die Anhänge gehen nur als PDF-Dateien, nur als kleine Randnotiz, falls du andere Pläne hattest ))))
Leicht panisch wedelte ich mir mit der Hand einen sanften Luftstrom zu, um nicht umzukippen. Die Realisation schlug hart auf mich ein, aber nun musste ich den Weg gehen, für den ich mich entschieden hatte. Mein Stolz könnte es nicht verkraften, nun den Schwanz einzuziehen und alle meine Worte zurückzunehmen und ich vertraute auf meine spontane Entscheidung, denn früher oder später würde sie sich absolut positiv auszahlen. Es hatte immer einen wichtigen Grund, wenn ich in diese gedankenlose Trance verfalle und einen Entschluss ziehe, ohne mich aktiv dafür oder dagegen entschieden zu haben.
Tief atmete ich durch und sammelte meine Gedanken, dann widmete ich mich dem Raussuchen der nötigen Unterlagen. Zu meinem Glück war alles bereits angelegt wegen meiner erfolglosen Jobsuche hier in der Umgebung. Nur das Bewerbungsschreiben fügte ich eigenständig mit ein und schrieb es so um, dass es sich auf den Probetag bezog und bereits einen Vorgeschmack auf meine Intelligenz bot. Nun musste ich einen ausgezeichneten Eindruck schinden, damit ich die Person am längeren Hebel blieb. Lieber entscheide ich mich selbst gegen ein Jobangebot, als zu versagen überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Diese Denkweise hatte sich so stark gefestigt, dass mein Bestreben nun eindeutig vor mir lag.
Bewerben, Probetag beschreiten, eine Arbeit angeboten bekommen und ablehnen.
Meine eigenen Wege zu verstehen, war auch für mich nie einfach. Des Öfteren fragte ich mich selbst, aus welchen Gründen ich manchmal einen komplett anderen Weg einschlug oder mich für etwas entschied, was ich niemals in meinem Leben vorher gemacht hätte. Daraus wurden auch meine Eltern nie schlau.
Entschlossen ballte ich die Fäuste. Überschrieb das Bewerbungsschreiben, suchte alle meine Abschlüsse und Zertifikate zusammen, dann übertrug ich die Mail-Adresse von Thomas in den Empfänger der noch leeren E-Mail, fügte alle Anhänge mit ein und verfasste noch eine kurze Nachricht.
Hier, bitte schicke unbedingt alles weiter, was du bekommen hast. Ich möchte einen ausgezeichneten Eindruck erwecken und mit vollen einhundert Prozent an die Sache rangehen.
LG
Alexandra Minerva Hofmann
PS: Bitte all meine Namen angeben
Ohne einen weiteren Gewissensbiss, schickte ich die E-Mail auf Reisen. Meine Brust fühlte sich leichter an, jetzt wo eine Entscheidung gefallen war. Dieser endlose Kampf in mir zerrte an meinen Kräften, das wurde mir jetzt erst so wirklich bewusst, je leichter sich meine Seele im Nachhinein anfühlte.
Danke Alex, ich habe die Sachen bekommen und versuche den Chef in einem weniger hektischen Moment zu erwischen..hoffentlich auch mit guter Laune, ich melde mich!
Meine Hand sank nach unten auf meinen Oberschenkel und ich ließ den Kopf in den Nacken fallen, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Die schnellen Schläge reichten bis in die Fingerkuppen und Zehenspitzen. Ich spürte die Erschütterung dadurch in meinem Körper überall. Zusätzlich setzte sich nun das Warten auf Thomas seine Rückmeldung an mein Inneres an, wie ein weiterer Blutegel, der gierig auf meine Lebensenergie war. Wie lief das eigentlich ab? Kann man einfach so überhaupt nach Russland reisen? Mehr und immer mehr Fragen überschlugen sich in meinem Kopf. Um diesen etwas Klarheit zu verschaffen, setzte ich mich bis zum Abendessen noch an eine ausgiebige Recherche. Binnen der weiteren Stunden erstellte ich mir eine Stichwortliste, mit einer kurzen Beschreibung zu jedem Punkt.
Am wichtigsten: Das Visum – ein Dokument, das man auf der Homepage der Russischen Föderation beantragen muss. Geld muss für die Erstellung bezahlt werden, danach kann man sechzehn Tage – inklusive der An- und Abreise – das gesamte Land besuchen. Es ist zwei Monate gültig und wird innerhalb weniger Stunden genehmigt oder abgelehnt. Man benötigt dazu den aktuellen Reisepass und die Karte, mit der gezahlt werden soll. Ein aktuelles Passfoto musste mit beigefügt werden, denn auf den offiziellen Dokumenten kann sich die Haarfarbe, Haarlänge oder anderes bereits geändert haben. Das kann ich verstehen, sie müssen ja wissen, dass auch die Person den Antrag stellt, die dann den Stempel im Reisepass dann einfordert.
Danach erkundete ich per Google Maps die Stadt Moskau grob. Ob es vollständig aktuell war, konnte ich nicht sagen, aber es verschaffte mir erste Eindrücke, womit ich rechnen kann, falls ich zugelassen werde. Videos anzusehen, wie andere Leute in fremde Länder reisen, kamen nicht in Frage. Es würde meine Entscheidung mehr negativ beeinflussen als sie zu bestärken, in meinem Inneren könnte ein noch größerer Konflikt auslösen, welcher mich am Ende noch zerriss. Wie in jeder Großstadt gab es schöne Parks und Wohngebiete sowie Ghettos und alte, abgeranzte Plattenbauten mit Graffiti übersät. Neue Straßen gesellten sich zu kaputten Straßen auf denen neuwertige Autos und alte Rost Schleudern fuhren. Wie überall auf dieser Welt spürte man selbst durch die Bilder den großen Unterschied zwischen Arm und Reich.
Nach einigen interessanten und aufschlussreichen Stunden war es Zeit, zum Abendessen zu gehen. Ich brach auf nach unten in die Küche, wo meine Eltern bereits alles vorbereitet hatten. Bei dem Anblick von ihnen entschied ich mich dagegen, auch nur irgendwas von meinem Vorhaben oder den Ereignissen zu berichten. Mehr Kerosin musste ich dem schon lodernden Feuer nicht beifügen. Erst sobald die Wogen wieder geglättet sind, kann ich meine fröhlichen Neuigkeiten verkünden und vielleicht etwas Positives zu hören bekommen.
Nach dem Essen begab ich mich gleich in mein Bett. Der Tag war lang genug und ich brauchte etwas Ruhe. Es dauerte nicht lange, bis ich eingeschlafen war.
—————–
Die weiteren Tage verflogen schnell in meinem eintönigen Alltag, geprägt von Hausarbeit und minderwertigen Kochkünsten. Am heutigen Abend musste ich ausnahmsweise nur für mich selbst kochen und das fade Gericht kosten, was dabei rauskam. Meine Eltern waren eingeladen zum sechzigsten Geburtstag einer guten Kollegin meiner Mama, also konnte es spät werden und ich hatte sturmfrei. In gemütlichen Klamotten machte ich mir im Wohnzimmer die Serie Shadow Hunter an und genoss mehr denn je die weichen Sofakissen, welche mich komplett in sich aufnahmen. Mir kam es vor, als wollten sie verhindern, dass ich in Versuchung kommen könnte, wieder aufzustehen.
Mein Handy lag still auf der Tischoberfläche, bis es sich zu bewegen begann. Fragend senkte ich den Blick. In Sekunden Abständen wanderte es etwas über das Holz, dann stand es kurz still und wiederholte schließlich den Vorgang. Irritiert nahm ich es in die Hand und erblickte zwei neue Nachrichten von niemand geringerem als Thomas, der Neuigkeiten für mich zu haben schien. Eine Welle der Hitze rollte über meine Haut, als die Synapsen in meinem Gehirn begriffen, um was es sich handeln musste. Anspannung machte sich breit und hielt all meine Bewegungen, sowie den kurzen Atem im Zaum. Einatmen, ausatmen und durchlesen.
Guten Abend, es hat ein bisschen gedauert, aber ich konnte gestern deine Dokumente Herrn Iwanow vorlegen. Heute hat er mir die Rückmeldung gegeben, dass er zwar skeptisch war, aber doch ziemlich beeindruckt von deinem Bildungsweg ist. Deshalb gibt er dir die Möglichkeit, einen Probetag abzulegen, wenn du möchtest. Er gab mir den Zeitraum vom 1.5. bis zum 3.5 – inklusive An- und Abreise – den du nehmen kannst.
Ich bin wirklich positiv überrascht. Er hat sich gefreut, sein Sohn eher weniger und die Tatsache, dass eine Frau angefragt hat, macht schon die Runde. Es tut mir Leid, aber das konnte ich leider nicht verhindern..
Mein Herz machte einen kleinen Freudensprung und ich begann zu quietschen und mit der freien Hand zu fuchteln. Ohne weiter zu überlegen, schrieb ich ihm eine Zusage und trug mir besagtes Datum in meinen Kalender ein, dabei kam mir ein Einfall. Ich hielt kurz inne, hob den Blick und legte den Kopf leicht schief, ehe ich den aktuellen Chatverlauf schloss und den meiner Familie öffnete. „Warum warten, wenn ich die Bombe auch gleich zünden kann“, grinsend verfasste ich einen kleinen Text und schickte ihn ab, nachdem ich ihn nochmal überflog:
La Familia,
Ich habe Neuigkeiten, die viele überraschen werden und im selben Atemzug werde ich gleich ein paar Dinge los.
Auf privater Ebene, habe ich mich mit jemandem getroffen, der mir eine Jobperspektive in Aussicht stellte. Ich habe den Probetag soeben angenommen und werde Anfang Mai nach Russland gehen. Mein Interesse und die Bewerbung gilt dem Unternehmen SilovSecure (Könnt ihr gerne nachlesen). Ich sage es so plötzlich und inoffiziell über den Chat, da ich es leid bin, von jedem Kommentare in mein Gesicht geworfen zu bekommen, die all meine Entscheidungen kritisieren. Hier könnt ihr selbst entscheiden, ob euch meine Neuigkeit freut oder ihr euch enthaltet, aber ich werde den Weg gehen und ein glorreiches Leben leben, von dem ihr nur träumen könnt.
Alex out
Die Verbitterung und angestaute Wut triefte aus meiner Nachricht. Stolz wartete ich auf Antworten, die nicht lange auf sich warten ließen. In diesem Chat war immer etwas los. Jeder stand auf Tratsch und der Austausch fand hier immer im Geheimen statt. Ich wohnte dem nie bei und brachte mich allgemein wenig ein, umso ungewöhnlicher ist es, eine Nachricht von mir zu erhalten. Meine Familie wird vor Neugier nach dieser hechten, wie Fische nach dem Köder.
Oma:
Ich glaube und bete, dass ich mich verlesen habe! Du verbaust dir mit den halbherzigen Sachen wie Studieren und ein bisschen Probearbeiten deine ganze Zukunft! Und auch noch nach Russland, du hast vollständig den Verstand verloren @Mama sowas haben wir aber nicht besprochen! Was ist da los?!
Papa:
Alex! Das sind wunderbare Neuigkeiten! Ich bin so endlos stolz auf dich, mein großes Mädchen, welches das Elternhaus verlassen möchte..
Mama:
@Oma, der Deal ist aus. Ich werde die Verbindung zu meiner Tochter nicht länger aufs Spiel setzen! Wie ihr seht, kann man sie nicht davon abhalten! @Alexandra wir freuen uns für dich 🙂
Opa:
Ich bin empört @Mama, du hast deine Tochter nicht mehr unter Kontrolle!
Papa:
@Opa, Papa, das ist auch logisch! Sie ist alt genug, erwachsen und ihr eigener Mensch. Entweder ihr freut euch oder lasst es bleiben.
Oma:
@Papa, sie ist immer noch eure Tochter und schuldet euch Gehorsam!
Mama:
Jetzt reicht es aber! –
Bing, bing, bing, bing, bing.
Meine Augen kamen mit der Menge an Nachrichten nicht mehr klar. Lachend, mit einer gesunden Menge Empörung in der Stimme, ließ ich mein Handy sinken und entzog mich dem ausbrechenden Familienstreit. Noch das Handy auf stumm geschalten und sie konnten sich alle in Ruhe zerfetzen, während ich mich wieder der Serie widmete. Es war mir fast klar, dass meine Eltern mit Oma und Opa irgendeinen Deal hatten, ansonsten hätte meine Mutter sich nicht so aktiv eingemischt in meine Jobsuche. Meine Großeltern sind stark christlich und konservativ, sie verstehen das Konzept von Träumen nicht und verstehen es noch weniger, wie Eltern ihre Kinder nicht in deren eigenen Vorstellungen vom Leben zwingen konnten. Mein Vater wusste davon, besaß aber nie viel Rückgrad, um es mir ins Gesicht zu sagen. Nur meine Mutter ließ sich noch von ihrer Mutter manipulieren und wechselte so ihre Meinungen wie Slips. Der toxischen Art meiner Familie war ich früh bewusst und gerade jetzt in meinem Alter interessierte es mich nicht mehr die Bohne, was sie sich aushandelten oder beschlossen, um mich zu kontrollieren und einzusperren.
Gegen 22:40 Uhr kamen meine Eltern nach Hause. Papa umarmte mich gleich fest und schnürte mir fast die Luft ab „Ich konnte in meiner Nachricht die wirkliche Freude gar nicht ausdrücken, aber ich bin unendlich glücklich, dass du es versuchen wirst“. Er sprudelte vor Stolz fast über und ich musste ihm einen Klaps an den Oberarm geben, damit er mich wieder atmen ließ „Danke, ich bin auch froh über die Fügung und die äußerst interessante Unterhaltung im Familienchat“. Papa und ich grinsten einander an, dann sah ich hinter seiner großen Gestalt meine Mutter hervortreten. Ihr Mann trat beiseite, damit ich einen vollen Blick in ihr schuldiges Gesicht werfen konnte. Sie machte sich noch kleiner als sie schon war und kam näher „Es tut mir Leid Alex. Also meine Überreaktion von damals. Es wurde von mir ein bisschen zu sehr verteufelt. Heute hat mir eine Freundin zugeredet und mir die Augen geöffnet“ sie legte ihre Hände auf meine Schultern, ehe sie eine hervortretende rote Haarsträhne hinter mein Ohr strich „Ich will einfach, dass du glücklich bist. Du bist dein eigener Mensch und wir sind so stolz auf deine Entwicklung und jede Entscheidung, die du noch treffen wirst“. Überrascht hob ich die Brauen „Wie kommt der Sinneswandel zustande? Was hat deine Freundin gesagt? Hat sie dich verzaubert?“ witzelte ich, um die Stimmung aufzulockern. Mama sollte wissen, dass ich ihr nie böse war. Sie schien meinen Hinweis richtig zu deuten. Ein warmer Ausdruck wich den eben noch verspannten Zügen und sie lächelte warm „Kann man so sagen“ stimmte sie lachend zu und zog mich dann in eine feste Umarmung, die ich erwiderte „Ist schon gut Mama, ich bin froh dass wir den Konflikt beiseite legen konnten“. Papa kam dazu und schlang seine Arme um meine Taille, sowie um Mamas Schultern. Für einen Moment genossen wir die gegenseitige Wärme und es versetzte mir einen Stich. Vielleicht war es das Letzte mal, dass wir uns so nahe standen. Wenn es mir in Russland gefällt, bleibe ich, dann sind diese Knuddel-Einheiten nicht mehr so schnell möglich. Also musste ich diese Momente intensiv aufnehmen.
Wir lösten uns voneinander, meine Eltern verabschiedeten sich ins Bett, während ich das Wohnzimmer noch herrichtete und alles ausschaltete. Danach ging ich ebenfalls in mein Zimmer. Dort stellte ich noch den Antrag für das Visum, damit ich auch gehen kann und überbrückte die Wartezeit mit Schlaf.
Langsam fügte sich endlich alles, die großen Knoten meiner Seele lösten sich.
































Kommentare