Kapitel 10
Kühle Nachtluft schlägt Clive entgegen, als er das große Lazarettzelt verlässt. Unzufrieden von den Zuständen vor Ort. Von der fehlenden Hygiene und der lückenhaften Apotheke. Operationen erfolgten ohne Narkose. Von ungelernten Personal, die kreativ und notbedürftig handelten. Daher spielte die Wundversorgung eine große Rolle für Clive. Um Infektionen, Thrombosen oder eine Blutvergiftung zu vermeiden sah er sich die frisch Operierten besonders gut an. Zum Glück füllt er seine Vorräte wöchentlich auf, so konnte er effizient Folgeschäden verhindern. Thrombosen sind den wenigsten Leuten im Lande bekannt. Kein Wunder, die Thematik spricht sich erst seit wenigen Jahren herum. Zum Glück kennt Clive die Risiken und konnte sein Wissen weitergeben. Die Anwesenden zeigten sich wissbegierig und saugten all die Informationen auf. Sina stach besonders hervor, denn sie machte sich viele Notizen und begutachtete die Wunden aus nächster Nähe. Ohne Ekel und Zurückhaltung. Der Anblick von infiziertem, eitrigem Fleisch und auch der Geruch ließen sie nicht zurückschrecken. Egal, wie schwerwiegend die Verletzung war, sie behielt die Ruhe und lächelte aufmunternd. Gleichzeitig behandelte sie die Patienten mit größtem Respekt und sprach ihnen viel Mut zu. Auch bei den Operationen assistierte sie gewissenhaft und durfte sogar selbst unter seiner Aufsicht Schnitte setzen und die Naht legen. Auch Brandverletzungen setzten ihr nicht zu. Wie schön doch die Vorstellung wäre, sie könnten für immer als Team agieren. Zum Schutz der Reisegruppe hielten sich Sina und Clive von der Quarantänestation fern. Eine Seuche verbreitet sich schnell. Zum Glück scheinen nur wenige Leute betroffen zu sein. Und doch holte das zuständige Personal Clives Ratschlag ein und sie besprachen die Thematik ausführlich für Lösungsansätze und mögliche Behandlungen.
Die Zeit verstrich zu schnell, nur der Körper mag sich an die vielen Stunden bei den Patienten erinnern. Daher streckt Clive den Rücken durch. Er mag sich gründlich vorher gereinigt haben und doch fühlen sich seine Hände noch immer dreckig an. Voll von Blut und Salbe. Sinas Hand drückt ihn sanft am Unterarm. Ihr Lächeln wirkt aufmunternd.
„Du hast heute viele Leben gerettet. Sei stolz auf dich.“
Sie blieb bis zum bitteren Ende. Obwohl Clive ihr mehrfach riet, sich auszuruhen.
Der Umgang mit Frauen war Clive schon immer fremd und doch legt er zögerlich seine freie Hand auf ihre.
„Du warst mein Ruhepol. Vorbildlich hast du assistiert und noch immer wäre ich der Meinung, dass aus dir ebenfalls eine gute Alchemistin werden könne. Wir haben heute so viele Frauen in der Rolle von Soldaten gesehen, dass ich Hoffnung habe, dass auch die Damenwelt meine Berufung in naher Zukunft ausüben könne. Ich mag dir ein Versprechen gegeben haben, dich zurück in die Heimat zu bringen, dabei wächst der Wunsch, dass unsere Teamarbeit nie endet. Ich danke dir, Sina. Du warst mehr als eine große Hilfe, aber nun gut. Du solltest dich nun stärken. Lass uns, was essen und schließlich Schlaf tanken. Morgen wird sicher ein langer Tag.“
Schon eine ganze Weile strahlen ihre Augen. Heller als die Sterne um sie herum. Obwohl Clive immer wieder das Gefühl hatte, sie wolle sich zu einigen Punkten äußern, legte sie stattdessen Professionalität an den Tag. Sie unterbrach ihn nicht und schenkte ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Stille zwischen ihnen wirkt nicht unbehaglich, sondern einladend. Clive genießt Sinas Anblick. Sie mag verhüllt sein, aber allein ihre Augen ziehen ihn in den Bann. Ihr Lächeln wirkt anders als gegenüber den Patienten. Dankbar.
Respektvoll neigt Sina den Kopf.
„Auch mir ist es eine Freude, von dir zu lernen. Ich erkenne, wie wichtig deine Arbeit ist. Lass uns daher die gemeinsame Reise so gut es geht auskosten.“
Clive sollte sich über ihre Worte freuen und doch spricht sie vielleicht unbewusst die Wahrheit noch einmal an. Die Reise wird enden und dann trennen sich ihre Wege. Statt sich davon die Laune zu verderben, winkt Clive sie Richtung Wirtshaus. Cuno kam zwischendurch vorbei und versprach, dass er dort auf die beide warten würde. Egal, zu welcher Stunde. Nur fürchtet Clive um den Zustand seines Freundes. Wie mag sich der Paladin die Zeit vertrieben haben? Wird Cuno zu sehr ins Glas geschaut haben und vielleicht seinen Rausch in irgendeiner Ecke ausschlafen? Zutrauen würde Clive ihm dies.
Die Tür zum Wirtshaus hält Clive seiner fleißigen Assistentin einladend offen und beim Duft von warmen Speisen meldet sich der Hunger. Kaum treten die beiden in die volle Stube, greift Sina instinktiv nach seiner Hand. Furcht vor Menschenmassen sucht er bei ihr vergebens, stattdessen lächelt sie ihm freundlich zu.
„Damit wir uns nicht verlieren“, flötet sie.
Verlegen erwidert er ihr Lächeln und lässt sich von ihr durch den belebten Raum führen. Eine große Holzhütte. Abgestandene Luft fördert die Müdigkeit. Nur der Hunger hält den Geist wach. Die angenehmen Gerüche von der Kochstelle vermischen sich an vielen Stellen mit beißendem Geruch von Bier. Sina scheint ihre Reisegefährten gut zu kennen. Cuno setzt sich gern von der Gesellschaft fern. Oft rändlich, wo er den stillen Beobachter spielt. Sina macht ihn nahe der Kochstelle aus und auch wenn ein Krug vor dem Paladin steht, wirkt ihr Freund nüchtern.
„Na endlich. Habe schon gedacht, ihr arbeitet die Nacht durch!“, beschwert er sich bei ihnen und setzt den Krug zögerlich an.
„Setz dich, Sina. Ich organisiere uns warme Speisen. Darf ich dir meinen Koffer anvertrauen?“
„Natürlich.“ Mit einem auffälligen Grinsen nimmt Sina Clives Schatz entgegen und lächelt Cuno nun zu. „Du siehst müde aus, Cuno.“
Der Angesprochene brummt schlechtgelaunt. „Ihr wart ja auch Ewigkeiten fort!“
„Bleib sitzen, Alchemist!“ Clive wird konsequent neben Sina auf den Stuhl gedrückt. „Tina! Vier warme Mahlzeiten bitte!“
„Kommt sofort!“, folgt ein Ruf aus der Küche.
Clive beobachtet überrascht wie der Lehnsheer Lysander von ihm wegtritt und neben Cuno mit einem verschmitzten Gesicht Platz nimmt.
„Lysander!“ Cuno klingt erschöpft. „Haben wir nicht genug miteinander gesprochen?“
Kumpelhaft klopft Lysander ihm auf die Schulter und hält nur deshalb inne, weil die Vogeldame Mina angriffslustig schnattert.
„Ach ja, der Vogel. Den habe ich schon wieder vergessen“, nuschelt Lysander und wendet sich von Mina einfach ab. Seine Augen fixieren nun Sina und Clive. Doch eine ältere Dame bringt ihnen vier volle Schüsseln Suppe. Sie wirkt lebensfroh trotz hohem Alter und ungewöhnlich fit und motiviert. Wie die grobe Mehrheit unter Lysanders Leuten. Alle sprechen und grüßen den Herzog mit großem Respekt. Nicht förmlich, sondern mehr familiär. Auch im Lazarett wurde in hohen Tönen von ihm gesprochen.
„Lasst es euch schmecken. Ihr habt Glück, das sind die Reste.“
Charmant lächelt Lysander ihr zu. „Danke, Tina.“
„Immer wieder gerne.“
Kaum tritt die Dame in den Hintergrund, wendet sich Lysander an die anderen.
„Das Essen ist warm, also greift zu und lasst es euch schmecken.“
Clive zögert jedoch. „Was schulde ich Euch, Herzog Lysander?“
„Nichts, werter Alchemist. Ihr habt Euch gewissenhaft um meine Verwundeten gekümmert, daher lasst mich bei euch revanchieren. Außerdem seid nicht so förmlich. Nennt mich einfach nur Lysander.“
Ein Blick zur Seite zeigt, dass Sina auf Clives Urteilsvermögen wartet. Erst mit seinem Nicken schnappt sie sich die Schüssel Suppe. Während Cuno bereits die Hälfte hungrig verdrückt hat.
Die Wärme unter den Händen mag wohltun. Der Duft der süßen Erbse einladend. Doch auch ihr Gastgeber übt sich in Geduld. Verdächtig. Zum Glück ist der Koffer in Griffnähe und Clive kann seine Freunde zur Not bei einer Vergiftung retten.
„Ihr seid misstrauisch, Alchemist.“
„Das bin ich.“
„Stärke dich, mein Freund. Du hast nichts zu befürchten“, meldet sich Cuno.
Mein Freund – wärmend sind die Worte. Wärmender als die Suppe es je könnte. Cuno taut während der Reise auf und vertraut ihm. Doch Clive traut den wachsamen Augen des Herzoges nicht.
„Offensichtlich hast du ein Anliegen, Lysander“, spricht Clive seinen Gedanken aus und wählt das Putzen der Brille als Ausrede für den späteren Verzehr der Mahlzeit.
Auch der Herzog gönnt sich einen Löffel und nimmt sich für diesen auffällig lange Zeit. Sein Blick löst sich von Clive und wandert hinüber zu Sina.
„Warum haltet ihr eure Begleiterin versteckt?“, erkundigt sich die Neugier des Gastgebers.
Clive befürchtete, dass ihm die Frage wohl oder übel gestellt wird. Früher als gedacht und er ist vorbereitet. Doch die Lüge will nicht über seine Lippen.
„Eine Hautkrankheit. Kein schöner Anblick“, übernimmt Cuno daher.
Der Herzog lächelt breit und schüttelt den Kopf. „Ihr seid ein schlechter Lügner.“
„Borkenflechte“, unterstützt Clive seinen Freund.
Eine bekannte Hauterkrankung mit roten Flecken und Eiterblasen. Bekannt für den honiggelben Schorf. Heilbar auch ohne Behandlung, aber ungern gesehen. Betroffene Patienten werden gemieden. Sina beweist sich in der Schauspielkunst, als sie mit fallenden Mundwinkeln die Kapuze tiefer ins Gesicht zieht.
„Entschuldigt. Das muss Euch wahrlich unangenehm sein“, spricht der Herzog zu ihr und scheint das Schauspiel zu schlucken.
Stumm nickt Sina und widmet sich dem Essen zu.
„Doch solltet Ihr eine Hexe sein…“
Kaum vom Herzog ausgesprochen, verschluckt sich Cuno und hustet laut. Clive erhebt sich mit Sorge, dass dem Paladin Nahrung in die Luftröhre geglitten ist.
„Alles gut, Cuno?“
Ein Schluck aus dem Krug und Cuno nickt mit hochrotem Kopf. Er vergibt Entwarnung, als er seine Hand hebt.
Nur kurz betrachtet der Herzog ihn mit großen Augen, um schließlich neu anzusetzen.
„Eine Hexe hat nichts vor mir zu befürchten. Im Gegenteil. Die dunklen Zeiten müssen enden. Eine neue Ära will ich einläuten. Wir müssen lernen zu unterscheiden. Nicht jede Hexe will uns Menschen schaden. Doch die Umstände zwingen sie oft zur Notwehr. Ich wünsche mir eine strahlende Zukunft für die Hexen. Als geschätzte Berater und Kriegsherrinnen. Eine Hexe hat es mir besonders angetan. Ich hatte Kontakt zu ihr und habe ihre eisige Umarmung überstanden. Kennt ihr die Hexe Jenara?“
„Ich hörte von ihr“, meldet sich Cuno, „Ländereien sind dank ihr unbewohnbar. Schlummernd unter einer dicken Schicht Eis und Schnee. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihr eine Begegnung mit ihr überlebt habt.“
Lysander nickt und lächelt breit. „Verständlich. Doch sie bringt nicht nur Tod. Sie blickt in die Herzen der Menschen und urteilt schließlich. Selten hinterlässt sie Überlebende.“
Als schwelge er in Gedanken, wirkt sein Geist plötzlich fern. Eine leichte Röte ziert seine Wangen. Anzeichen, die gegen eine Lügengeschichte sprechen.
Unbehagliche Stille breitet sich am Tisch aus. Clives Hände wandern instinktiv unter dem Tisch, wo er die Brandmale versteckt. Ein Geschenk von Luela. All die bekannten Namen der Weißhexen, die Luela jagte. Die Reaktion bleibt dem Herzog nicht verborgen. Lysander starrt hinab und seine Mundwinkel zucken.
„Erklärt mir doch, Herr Alchemist, warum Namen auf Euren Armen gebrannt worden.“
Kurz bleibt Clive die Luft weg. „Woher wisst ihr davon?“
„Ich habe Augen und Ohren im gesamten Lager. Als Ihr Euch gereinigt habt, sind Brandmale aufgefallen.“
Clive blickt entrüstet und fürchtet, auf Risiko die Wahrheit zu enthüllen. Er sorgt sich um versteckte Klingen und spürt prüfende Blicke von allen Seiten.
Erzürnt donnert Cuno die Faust auf den Tisch und bellt. „Welch Todesmut! Ihr wisst schon, ein Paladin sitzt an Eurem Tisch, Herzog Lysander? Stellt Ihr meinen Glauben auf die Probe? Meine Loyalität gegenüber der Krone und dem Volk? Die Spur von Tod und Verwüstung stammt ausschließlich von Hexen!“
Doch sein Zorn wird vom Gastgeber belächelt. Der Herzog lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und korrigiert ihn besonnen: „Eine in die Enge gedrängte Hexe. Oft gepeinigt durch das Umfeld und im Schmerz ertrunken. Gejagt, erschöpft und übermüdet. Vielleicht begleitet von hohen Verlusten. Beschäftigt Euch doch bitte mit der Vorgeschichte der Hexen. Kennt Ihr den Schmerz und die Dunkelheit? Ihre treuen Begleiter.“
Eine Thematik, die Clive auf dem Herzen liegt. Unweigerlich muss er an Luela denken. An ihr Schicksal. Ohne Frage tat sie schlimmer Dinge. Ihr Herz war aus Stein und die Seele getränkt in Hass. Doch wer war sie davor?
Schreckhaft zieht sich das Herz zusammen, als seine Hand sanft umfasst wird. Sina schenkt ihm Trost und Wärme. Erneut. Allein der Blick in ihre blauen Augen hilft ihm, um die Anspannung zu lösen.
„Dein Essen wird kalt“, erinnert sie ihn.
„Oh! Sie spricht!“, freut sich Lysander.
Sorge keimt in Clive. Ein Knoten im Magen verhärtet sich. Auch Cuno beginnt nun zu drängen: „Iss jetzt endlich, Clive! Bevor du mir umkippst! Lass uns schnell verschwinden!“
Für Sina mag Clive dem zustimmen, doch der Alchemist hofft inständig, der Herzog spiele ihnen nichts vor. Es wäre schön auf jemanden zu treffen, der ehrlich so denkt.
„Eine neue Ära würde auch ich willkommen heißen, Herzog Lysander. Eine ohne Sklaverei und Gleichberechtigung beider Geschlechter. Ich teile viele Eurer Ansichten, doch allein dieses Gespräch birgt große Risiken für meine Karriere. Ich wünschte wir hätten uns zu anderen Zeiten getroffen. Ich wünschte, ich könne mich offen und ehrlich mit Euch unterhalten, doch mir sind die Hände gebunden.“
Der Herzog hebt beschwichtigend die Hand. „Ich verstehe. Vielleicht erhalten wir noch einmal die Chance. Solltet Ihr in Schwierigkeiten stecken, dann sucht mich doch bitte auf. Ihr seid an meinem Tisch immer willkommen. Ein jeder von Euch.“
Der nächste Löffel Suppe wandert daraufhin in seinen Mund und die lieben Worte sickern langsam in Clive ein.
Auch der Alchemist will sich endlich seiner Mahlzeit bedienen, da schockiert Sinas nächste Aktion ihn. Denn die Fee wirft ihre Kapuze zurück und offenbart dem Herzog ihre Identität.
„Mein Name lautet Sina und nein ich bin keine Hexe, sondern eine Fee. Freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen, Herzog Lysander.“
Stille füllt den Raum. Entsetzen breitet sich in ihren Gefährte aus. Während der Herzog vor Staunen den Löffel fallen lässt und auffällig starrt. Alle Blicke sind nun auf Sina gerichtet. Große Augen. Noch lässt sich nicht ausschließen, ob Feindseligkeit in der Luft liegt.























































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