Kapitel 12
Schwer hängen die Wolken und verkünden Regen. Freudig für all jene, die unter der Dürre leiden. Doch für Clive ein trüber Tag. Die Abreise steht bevor. Die Kutschen werden beladen. Körperliche Arbeit, die Clive nicht liegt. Um keine weitere Last zu sein, sieht er nach den Patienten und widmet sich dem Gebiet, das ihm liegt. Ein Klopfen lässt ihn beim Putzen seiner Brille aufschrecken.
„Wir wären soweit“, verkündet Cuno ihm.
Der Moment der Wahrheit, den der Alchemist fürchtet. Ein Blick durch das Fenster füttert die Eifersucht. Sina sitzt sorglos auf dem Zaun beim Stallmeister. Grinsend und unbekümmert im Gespräch mit Lysander. Cuno folgt seinem Blick und seufzt laut.
„Ich hatte noch keine erste Liebe, daher kann ich nicht nachempfinden, was du fühlst. Doch ich sehe, es grämt dich. Lass besser los. Du wirst sehen, das kann auf Dauer befreiend sein.“
Clive nickt und teilt die Ansicht. „Nur der erste Schritt fällt mir schwer. Sie wird uns verlassen oder?“
Cuno zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Sina hat nie solche Andeutungen gemacht, aber vielleicht wäre es besser so.“
Die Glocken läuten unheilvoll im Hintergrund und versetzen beide Männer in Alarmbereitschaft.
Ein Angriff?
Trotz schwerer Rüstung eilt Cuno in einem beeindruckenden Tempo hinaus. Durch das Fenster kann Clive beobachten, wie er athletische Sprünge an der Schutzmauer meistert und nicht mal eine Minute braucht, um oben beim Wachposten zu stehen. Das Warnsignal lockt Clive aus der Hütte heraus. Bewusst steuert er die Kutsche mit den Kindern an. Auch wenn sich Luelas Sklavenkinder flegelhaft verhalten, stellte Lysander keine Fragen und überließ die Erziehung der neuen Generation Gerta. Die Traumforscherin bewies sich als sehr geduldig und geschickt im Umgang mit Kindern. Tobendes und lautes Verhalten bekommt sie in einer akzeptablen Lautstärke gemäßigt ohne Strenge und Gewalt, sondern mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl. Die Kinder erwiesen sich bislang als neugierig und brauchen allerhand an Aufgaben, um ihre Langeweile im Griff zu bekommen. Daher bekamen die Kinder viele neue Einblicke im Lager und durften an vielen Stationen helfen und unterstützen. Ihre besonderen Fähigkeiten vielen zwar auf, wurden aber von den Leuten Vorort geschätzt. Wie bei Cuno führt Gerta ein ganz besonderes Band des Vertrauens zu den Kleinen.
Um die Zukunft zu schützen, will Clive nicht von der Seite der Kinder verweilen. Doch die Tore müssen nicht verteidigt werden und öffnen sich bereitwillig. Nur ein einzelner Mann tritt durch die Pforten. Verletzt. In gebeugter Haltung. Schwankend und blutend. Der Kopf kahl. Ein Mann – breit gebaut und ungewöhnlich groß. Die Rüstung aus einer glänzenden, schwarze Schicht. Poliert und teilweise golden umrahmt. Eine eigentlich einschüchternde Bedrohung, wäre sein Gesicht nicht von Tränen überströmt und begleitet von einem klagevollen Wimmern.
Trotz kläglicher Erscheinung halten die Leute eine gesunde Distanz. Vielleicht wegen dem riesigen Großschwert auf seinem Rücken. Mit breiter Klinge. Der Rüstung angepasst, den beides besteht aus demselben schwarzen Material. Obsidian vermutet Clive. Auch Vulkanglas genannt. Es entsteht, wenn Lava zu schnell abkühlt. Solch eine Ausrüstung spricht für einen Adeligen. Doch die wandern selten allein durch die Welt. Von allen Anwesenden stürmt nur der Herzog voran.
„LYSANDER! SIE IST TOT! ER HAT SIE UMGEBRACHT!“, jault der Fremde unter all den Tränen.
Angekommen bei dem Besucher, begutachtet Lysander den Schaden nur kurz und dreht sich um.
„ALCHEMIST! Ich flehe dich an, rette ihn!“
Es klingt ernst und obwohl Clive ebenfalls Respekt und Furcht gegenüber dem Zweimeter-Riesen empfindet, setzt er sich in Bewegung.
„Lehn dich an, Lazarus. Du hast viel Blut verloren. Hilfe ist unterwegs!“ Hektisch zucken die Augen des Herzoges umher. „ALCHEMIST!“
„Zur Stelle!“, verkündet Clive und betrachtet das Schadensbild.
Eine Stichwunde am rechten Oberschenkel. Ein Kreuzschnitt am Brustkorb. Nicht tief genug, um die Wunde als lebensbedrohlich zu betiteln, doch in Kombination mit dem hohen Blutverlust sieht die Lage schon wieder anders aus. Außerdem springt Clive die Kopfverletzung ins Auge. Eine Delle am Scheitelbein. Dem ersten Blick zu urteilen durch Krafteinwirkung.
„Eine Liege!“, fordert Clive eilig.
Lysander blickt umher und verliert die Fassung.
„Ihr habt ihn gehört! Sputet euch!“
Ein Wunder, das der Patient noch aufrecht stehen kann und sich bei Bewusstsein zeigt. Etwas treibt den Geist an. Es macht den Anschein, dass Lysander das Ziel war. Denn kaum angekommen, fallen dem Riesen die Augen immer wieder zu.
„Clementia.“ Lysanders Bekannter röchelt und spuckt Blut. „Sie ist tot! Er hat sie umgebracht!“
Lysander schüttelt heftig den Kopf und zweifelt die Botschaft an. „Das würde er nicht tun!“
„Wir wussten, der Tag wird kommen! Du bist in Gefahr, Bruder!“
Kaum zu Ende gesprochen bricht der Schwerverletzte weg. Lysander kann ihn nicht halten und fällt mit ihm auf die Knie. Und doch kämpft er sich hinauf auf die Beine und stemmt den Verletzen hoch.
„Auf die Beine, Bruder!“, befiehlt er streng.
Welch bizarrer Anblick sich ihnen doch bietet, als Lazarus lauthals lacht, während Blut aus sämtlichen Öffnungen fließt und sein Teint einen kränklichen Farbton annimmt. Der Wahn bricht durch, während sich Lysander laut über ihn beschwert und ihn auffordert, bei Verstand zu bleiben. Allein droht er unter dem Gewicht von Lazarus begraben zu werden. Clive weiß, er wird sich blamieren und doch sind die Hemdärmel hochgekrempelt, um zu helfen. Welch Ironie! Umgeben von starken Damen und Herren und doch traut sich keiner an sie heran. Alle sind wie erstarrt.
„Beißt er?“, wird Lysander nun gefragt.
Sowohl der Herzog als auch Clive schauen zu Cuno auf, der sich nähert.
„Ich hörte Geschichten, dass er gerne Ohren abbeißt und einem ins Gesicht spuckt. Lazarus der Wahnsinnige!“
Das Grinsen auf Lazarus‘ Gesicht wird teuflisch. Mit weitaufgerissenen Augen fordert er den Paladin auf: „Komm her und finde es heraus!“
Cuno lächelt herausfordernd. „Ich hörte, du sollst jemand den Hals durchgebissen haben.“
Augenblicklich leuchtet Clive ein, warum niemand zur Tat schreitet. Den Schritt, den er nach vorne setzte, wählt er nun für den Rückwärtsgang.
„Reiß dich zusammen, Lazarus! Ansonsten lege ich dir einen Maulkorb um! Hier ist ein Alchemist, der wird dich retten!“, zischt Lysander.
Die Augen seines Bruders verengen sich und machen Clive aus. Um ihm vor die Füße zu spucken. „Bleib mir fern, Alchemist! Die Engel rufen nach mir! Mein Auftrag ist erfüllt! Mein Bruder wurde gewarnt! Nun kann ich abdanken und meiner Schwester Clementia in die Arme fallen!“
Lysander schlängelt sich aus dem Griff, um mit seiner Faust zuschlagen. Ein kräftiger Schlag, der Lazarus in den Dreck befördert.
„OH NEIN! DU STIRBST MIR NICHT WEG! ICH VERBIETE ES DIR!“
Das wahnsinnige Lachen verliert an Lautstärke. Die Augen verdrehen sich und das Bewusstsein bricht weg. Ein kritischer Zustand, der Lysander panisch werden lässt. So fasst sich der Herzog an den Kopf.
„Dieser Spinner!“, beginnt er zu schimpfen und tritt gefrustet einen Stein von sich, „Das ist doch genau, was sich Vater wünscht! Du spielst unserem Erzeuger damit nur in die Karten!“
Ein Familiendrama und dann im hohen Kreise. Clive verflucht seine Anwesenheit. Er fürchtet, es könnte nun ungemütlich werden und wünscht sich, schon längst fort zu sein. Aus gutem Grund, denn Lysander fixiert ihn an.
„Clive, mein Freund!“
Total überspitzt! Und in Anbetracht der beißenden Gefühle fletscht Clive unbewusst die Zähne.
„Du musst ihn retten! Um jeden Preis!“
„Um dann den Zorn von deinem Bruder zu ernten? Lazarus wird Clive zerfleischen und vor so einem Monster werde ich ihn nicht retten können!“, folgt Cunos Einspruch.
Doch Lysander behauptet: „Er wird euch nichts tun. Ich sorge persönlich dafür!“
Der Magisterturm wird Clive den Kopf abreißen, wenn er den Zorn des Adels auf sich zieht. Nur lässt sich dies anscheinend nicht vermeiden, denn der Vater eines Herzoges wird sicherlich ebenfalls sehr einflussreich im Lande sein. Womöglich ein königlicher Berater. Doch sollte Lysander erfolgreich an Macht gelangen, dann hätte Clive ebenfalls nichts zu lachen, wenn er ihn nun erzürne.
Zögern bestraft Lysander mit einer gezückten Klinge. Drohend tritt der Herzog auf ihn zu.
„Rette meinen Bruder, Clive! Das ist keine Bitte mehr!“
„Warte, Cuno! Überstürze nicht!“ Sina stürmt heran und wendet sich anschließend an den Herzog. „Beruhige dich, Lysander!“
Als sei Sina der Schlüssel zur Lösung, schnappt Lysander zu und Clives Ausdruck verdüstert sich, als der Herzog die Fee einfängt und das Schwert drohend an ihren Hals legt.
„Verzeih, Sina. Aber hier geht es um meinen Bruder! Du bist dem Alchemisten wichtig, daher wird er dich auch nicht aufopfern und brav dafür sorgen, dass Lazarus dem Tod entrinnt!“
„Lass dich nicht erpressen, Clive!“, ruft Cuno und zieht bereits sein Paladinschwert.
Sina steht unter Schock. Vor Unglauben bekommt sie den Mund nicht zu und rührt sich nicht. Dabei schneidet die Klinge bereits in ihren Hals. Blut tropft hinab. Cuno wird sie nicht rechtzeitig retten können, daher hebt Clive kapitulierend die Hände hoch.
„Ich kümmere mich um deinen Bruder, also lass Sina gehen!“, fordert er mit steifem Kiefer.
Dunkelheit und Misstrauen blicken ihm entgegen. Das Schwert mag sinken und doch wirft er Sina über die Schulter und beschließt: „Sina und der Rest deiner Reisegruppe zählt solange zu meinen Gefangenen, bis mein Bruder nicht mehr in Lebensgefahr schwebt! Ich sperre deine Leute weg, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen!“
Welch ein Desaster! Clives Enttäuschung lässt sich kaum noch länger in Worte fassen. Doch zum Glück braucht er Assistenten.
„Cuno wird dir beim Tragen helfen und mir mit Sina bei der Behandlung helfen. Das ist meine Bedingung.“
Herzog Lysander überlegt zu lange für seinen Geschmack. Zum Glück bleibt Cuno nicht untätig und stoppt den Blutverlust des Patienten. Als Paladin kann er erste Hilfe leisten und auch wenn Cuno es nicht zugeben mag, ist Clive aufgefallen, wie aufmerksam er oft fachkundigen Gesprächen lauscht.
„Paladin! Stich dein Schwert in den Boden! Ich lasse dich nur unbewaffnet an der Behandlung teilnehmen!“, beschließt Lysander.
Damit beschwört er Cunos Zorn herauf. Erbost hebt er den Kopf. Mit gebleckten Zähnen.
„Dreiste Forderung!“
Lysander zuckt gleichgültig mit den Schultern, nachdem er Sina zu Boden setzt. „So oder so würden wir dir dein stolzes Schwert abnehmen!“
Cunos Blick schweift umher. Er sollte erkennen, dass sie sich in der Unterzahl befinden und ein Kampf aussichtslos wäre. Auch Sina erwacht aus dem Schockzustand und ihr Temperament dreht durch. Die Lippen presst sie zu einem schmalen Strich und die Zornesröte steigt ihr ins Gesicht. Mit Schwung holt sie aus, um Lysander eine schallende Ohrfeige vom Feinsten zu verpassen. Eine, die ihn schwankend zurückweichen lässt. Die Augen des Herzoges weiten sich, als er ihr entgegen blickt. Erbost sticht Sina auf seine Brust mit dem Finger ein.
„Ich bin maßlos von dir enttäuscht, Lysander!“
Ihr Gegenüber keucht und fasst sich schneller als sie. Grimmig schüttelt er seinen Kopf.
„Für Lazarus und Clementina würde ich Städte niederbrennen! Sie sind der Teil meiner Familie, der mich immer willkommen heißt. Wir haben uns geschworen, aufeinander Acht zu geben! Daher denke, was du willst über mich, hier geht es um meinen Bruder und da nehme ich deinen Zorn gerne in Kauf!“
Verständnislos tritt Sina von ihm fern. In den Hintergrund. Clive hingegen betrachtet beunruhigt, wie die Königskinder mit Gerta und Violante abgeführt werden. Stress, den niemand gebrauchen kann.
„Ich kooperiere freiwillig, Herzog Lysander. Bitte nehmt keine Gefangenen. Sollte ich scheitern, dann bestraft nur mich. Nehmt meinetwegen mein Leben, aber nicht das der anderen.“
„Idiot!“, schimpft Cuno, „Du bist so ein Idiot! Denkst du auch mal bitte an mich? Wie soll ich das dem Grafen erklären, wenn du versagst?“
„Die Wahrheit wird der Graf schon verkraften.“
Daran zweifelt Clive nicht.
Beeindruckt klatscht Herzog Lysander in die Hände. „Sehr ehrenhaft und ich würde der Bitte gerne Folge leisten, doch ich sehe den Funken der Rebellion in deinen Leuten. Sie werden dir zu Hilfe eilen und zu unser aller Schutz werde ich sie daher besser in Gewahrsam nehmen.“
Damit ist für ihn alles gesagt und er begibt sich zu seinem bewusstlosen Bruder.
„Helft mir besser, Paladin! Bereiten wir meinen Bruder für die Operation vor.“
Cuno stiert jedoch rüber zu Clive, dessen Hände auffällig schwitzen. Mal wieder lasten hohe Erwartungen auf ihn und zu viel steht auf dem Spiel. Hoffentlich erweist sich sein Patient als das Monster aus den vielen Geschichten. Jemand, der nicht leicht zu töten sei. Doch der Verlust ihrer Schwester scheint Lazarus‘ Lebenswillen genommen zu haben. Ob die Seele dann auch weiter kämpfen wird?






















































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