Kapitel 12

Mit dem Läuten der Schulglocke beginnt der ganze Wahnsinn vom heutigen Morgen erneut. Emilie redet ohne Punkt und Komma. Ihre lästigen Wiederholungen hängen Skyla aus den Ohren heraus. Dabei sind zwei Wochen seit Milans Begegnung vergangen und bisher gab es keine weiteren Vorkommnisse. Ihr gewöhnlicher Alltag kehrte zurück. Nur die Alpträume erinnern an die furchtbaren Momente zurück. Und doch donnert Emilies nervige Art erbarmungslos auf Skyla nieder und reißt sämtliche Schutzwälle ein, die Skyla mit Mühe und Not aufbaut. Es ist ein Ding des Unmöglichen, Emilie zu ignorieren.

Daher wechselt sie erschöpft das Thema. „Also geht es klar, wenn ich Lukas mitbringe?“

Selten schlägt Emilie ein Treffen mit Begleitung vor. Eine kleine und lockere Gruppenaktivität. Und selten bittet Skyla um einen freien Tag.  David trug ihr diesen am gestrigen Tag ohne Murren im Dienstplan ein. Fast schon mit Stolz in den Augen. Sicherlich weil er ständig davon predigt, wie wichtig es sei, sich auch mal zu erholen. Doch noch liegen ein paar Tage zwischen dem gewünschten freien Tag. Darunter fällt auch der Besuch der Berufsschule. Ein Tag, der eigentlich zum entspannten Planen dienen sollte. Noch haben Emilie und sie zu wenig abgesprochen. Nur erweist sich dies als kleines Problem, solange Emilie die Beleidigte spielt.

 

Die Stille, die sich wie ein schauriger Nebel zwischen den beiden Mädels ausbreitet, lässt sie frösteln. Ein Blick hinauf in das beleidigte Gesicht ihrer Freundin erinnert Skyla an ein trotziges Kindergartenkind mit den aufgeblasenen Wangen und dem bösen Funkeln in den Augen. Skyla muss sich eingestehen, wie langatmig Emilie sein kann. Ihre Klassenkameradin weigert sich, dass Kriegsbeil niederzulegen.

Ihre Mission: Skyla ein schlechtes Gewissen einzuhämmern!

Egal wie stur Skyla auch sein mag. Die Diskussion raubt Skyla nicht nur unnötig Kraft, es  kündigen sich auch Kopfschmerzen an. Rechts über ihrer Stirn beginnt es zu pochen. Ein seltener Fall, denn zum Glück blieb sie von solch einer Plage größtenteils verschont.

 

„Du warst so gemein zu Milan! Wie konntest du nur so einen gutaussehenden Kerl abservieren?“ Egal, wie Skyla darauf antwortet, Emilie spielt am Ende die beleidigte Leberwurst. Ihre Vernarrtheit kennt kaum Grenzen. Ihre Schwärmerei erinnert an ein treues Fangirl von irgendeiner bekannten Boygroup. All die Zeichen, die Skylas Wutausbruch ankündigen, werden gekonnt von ihrer Freundin ignoriert. Skyla kann noch so finster blicken und sich schweigsam verhalten, aber die Sticheleien und Vorwürfe nehmen kein Ende. Die gefühlten Endlosschleifen bringen ihr Blut zum Kochen.



 

Erneut setzt Emily zum Reden an und allein Milans Name bringt das Fass zum Überlaufen. Erzürnt haut Skyla auf den Tisch. „Ich habe mir extra deinetwegen frei genommen, also lass Milan aus dem Spiel! Du sagtest, ich darf jemanden mitbringen und Lukas ist mein bester Freund. Ihn möchte ich dabei haben und nicht irgendein Fremder, der mich gestalkt hat!“

Es geht hier schließlich um ihren freien Tag und das ist in der Gastronomie Gold wert. Noch genießt sie das Leben als Auszubildende, aber nach der Lehre beginnt der Ernst des Lebens. Überstunden lassen grüßen.

„Als ich sagte, du könntest jemanden mitbringen, wollte ich, dass du Milan mitbringst!“

Würde Emilie nur einmal ihren Kopf einschalten, dann hätte sie sich denken können, dass Skyla jeden außer Milan als Begleitung in Betracht ziehen würde. Zumal sie keinerlei Möglichkeit hat, mit dem Geisterjäger in Kontakt zu treten.

 

Die beiden Freundinnen blicken auf, als sich Herr Den auffällig vor ihnen räuspert. Ihre Pause fing vor einigen Minuten an und sie sind immer noch dabei, ihre Tasche einzuräumen.

Statt die unausgesprochene Bitte des Lehrers zu registrieren, sieht Emilie in ihm eine unterstützende Kraft, daher konfrontiert sie ihren Lehrer: „Herr Den, was sagen Sie dazu?“

Skyla zieht scharf die Luft ein. Es beschämt sie, dass ihre Freundin auch noch diesen armen Kerl in die Sache hineinzieht. Dabei möchte die Lehrkraft wahrscheinlich nur Pause machen, Energie tanken und sich für die nächste Klasse voller Clowns wappnen. Es ist Skyla wahrlich unangenehm, wie verbissen Emilie sein kann und dass ihr Umfeld hiervon mitbekommt.

Herr Den verschränkt ungeduldig seine Arme. „Dass ihr beiden jetzt bitte eure Tasche packt und in die Pause geht!“

Nichts anders hat Skyla von ihm erwartet und dafür ist sie auch dankbar. Denn dieses Problem betrifft nur die beiden Mädels.

 

„Du hast ihn gehört!“, brummt Skyla mies gelaunt und bemerkt, wie ihre Klassenkameradin zum Widerspruch ansetzen möchte. „Vorsicht! Emilie! Ich will über Milan nichts mehr hören!“

„Ihr wart so ein süßes Paar! Was hat er dir nur getan?“

„Das ist mir echt zu blöd!“

Skyla ignoriert die Unordnung in ihrer Tasche und stopft einfach alles hinein. Ein wenig hier quetschen und da schütteln. Wichtig ist nur, dass sie all ihre Utensilien untergebracht bekommt. Dass ihr Lernmaterial in Mitleidenschaft gezogen wird, nimmt sie in dem Moment ohne Bedenken in Kauf. Genervt verlässt Skyla die Klasse und ignoriert, wie Emilie ihr hinterherruft. Zum Glück legt ihre Freundin viel Wert auf Ordnung, anders als Skyla und damit verschafft sie sich etwas Zeit.



 

Die Schüler weichen ihr auf den Fluren ehrfürchtig aus. Kein Wunder, denn Skyla hätte sich fast vor ihrem eigenen grimmigen Spiegelbild erschreckt. Sie stampft durch die Schule und bleckt unbewusst die Zähne, sobald sich ihr jemand nähert. Ihr Tempo drosselt sich jedoch in einem leeren Gang. Jemand scheint genauso schlechte Laune wie sie zu haben und überbietet sie im Stampfen. Die lauten Schritte klingen nah und zwischendurch werden Tische verschoben. Skyla dreht ihren Kopf zur Seite und visiert die Kleidergarderobe an. Hinter der Wand schnaubt jemand. Wenn sich die Schülerin recht entsinnt, befindet sich dort eines der Klassenzimmer. Ehrfürchtig tritt sie an die Holzvertäfelung heran. Ein Temperaturfall macht sich bemerkbar durch die Wolke, die ausatmet. Ihr Körper reagiert auf die frostigen Temperaturen und beginnt zu zittern. Skyla schlingt ihre Arme eng um ihren Körper, als bringe dies Linderung.

 

Die Wand beweist sich als dünn genug, um die Person im Klassenraum atmen zu hören. Es klingt schwer, als habe der oder die Betroffene Asthma. Eine fürchterliche Gänsehaut breitet sich auf Skylas Armen aus, als nahe ihr ein Geräusch ertönt, das wie Kratzen an der Tafel klingt. Ein Schlag gegen die Wand und Skyla schreckt zurück. Die Wand vibrierte unter der Schlagkraft. Nur kurz verharrt Skyla und starrt an jene Stelle. Doch das beklemmende Gefühl wird stärker, daher läuft sie eilig weiter und doch hört es sich an, als habe sie einen Verfolger. Eine kratzige Stimme dringt hinaus aus der Räumlichkeit. Zuerst versteht Skyla kein Wort, aber das Gemurmel wird immer lauter und als sie ihren Namen mehrfach heraushört, folgt ein Sprint. Die Tür vom betroffenen Raum wackelt verdächtig und wird so stark gerüttelt, dass es aussieht, als breche diese gleich aus dem Rahmen.

„Du kannst nicht weglaufen, Skyla! Vielleicht vor mir, aber nicht vor den anderen!“

Sie hält inne. Aus Sorge, ihre Paranoia bereite auch ihrer Umgebung Schwierigkeiten. Skyla fürchtet sich vor einem weiteren Monster. Aber vielleicht handelt es sich hier um einen Schüler, der eingeschlossen wurde und Hilfe braucht.

„Wer bist du und woher kennst du mich?“, stellt sie mit zittriger Stimme die alles entscheidende Frage.



Zur Antwort bekommt sie ein leises Lachen zu hören, das von einem Hustenanfall unterbrochen wird. Die Schritte entfernen sich von der Tür und es kehrt Ruhe ein. Die Lage scheint sich zu beruhigen, als sich eine Gruppe Schüler aus der Ferne nähert. Skyla steht wie angewurzelt an Ort und Stelle. Sie lässt die Leute passieren und starrt weiterhin stur auf den Eingang ins Klassenzimmer. Solche Begegnungen schlagen wahrlich auf die Psyche und obwohl sie nichts mehr von Milan hören wollte, wünscht sie sich in Momenten wie diesen seelische Unterstützung. Jemanden, der sie nicht für verrückt hält oder sie behandelt, als sei das eine Krankheit, die sie plagt. Niemand anderes außer Milan fällt ihr ein, mit dem sie hierüber reden könnte. Dabei hat der Spuk vorübergehend geendet und nun öffnet sich eine weitere Fallakte zu mysteriösen Begegnungen.

 

Etwas frische Luft könnte helfen und so tragen Skylas Beine sie hinaus auf den Pausenhof. Kaum steht die Schülerin draußen unter freiem Himmel, folgen die ersten Regentropfen, bevor der Platzregen sie überwältigt. Skyla atmet erschöpft aus und beobachtet, wie die Schüler Schutz vor dem Regen suchen. Der Neid nagt an ihr. Wie sehr wünscht sie sich ihr sorgloses Leben zurück. Allein aus Bequemlichkeit verharrt Skyla an Ort und Stelle. Das kühle Wasser hat eine reinigende Wirkung auf sie, denn es spült den Nebel im Kopf fort und gibt ihren Verstand frei. Eine Abkühlung, die ihr gelegen kommt. Würde sich Emilie nur mehr Zeit lassen, hätte die Regentherapie größeren Erfolg. Denn kaum tritt sie ins Bild, funkeln Skylas Augen böse. Emilies Adleraugen haben ihre Freundin schnell ausgemacht. Während ihres kleinen Sprints wippen ihre Engelslocken wild durch die Luft. Sofort werden die Jungs auf sie aufmerksam.

 

Ein Blick in Emilies entschlossenes Gesicht und all der Streit ist vergessen. Ihre besorgte Klassenkameradin lässt sich von nichts bremsen. Sie eilt in den strömenden Regen hinaus. Auch im Sturm würde sie sicherlich auf die offene See segeln, um ihre Freundin mit einem Rettungsring einzufangen. Selbst wenn ein tragisches Ende für die beiden Freundinnen heraufzieht. Emilies große Augen wandern von oben bis unten über Skyla. Ein Griff und sie zieht Skyla unter den überdachten Weg und somit raus aus dem Regen.



 

Noch ehe Skyla ihren Mund öffnen kann, schlägt Emilie vor: „Also schön! Dann bringe diesen Lukas mit! Mir doch egal, wen du mitbringst! Hauptsache du bist dabei!“

Ungläubig blinzelt Skyla. Es klingt nach einem Haken, denn so leicht gibt ihr Gegenüber sich für gewöhnlich nicht geschlagen. Aber Emilies steife Gesichtszüge deuten darauf hin, dass sie es ernst meint. Es folgen keine Bedingungen und auch keine weiteren Anschuldigungen. Scheint, als habe sie verstanden, dass sie sonst auf taube Ohren stößt. Und doch traut Skyla dem Braten nicht. Ihre Intuition sagt ihr, dass Emilie sich hiermit nicht anfreundet. Aber vorerst hat Skyla ihr Ziel erreicht – Lukas wird dabei sein. Sie nickt zögerlich und bevorzugt das Schweigen, als hoffe sie, ihre Klassenkameradin könne sich irgendwie verplappern.

 

Aber für Emilie ist die Sache vom Tisch. Sie pellt sich entschlossen aus ihrer Strickjacke und wirft diese als Handtuchersatz über Skylas Kopf. Der betörende Duft des Parfüms steigt Skyla ruckartig in die Nase. Eine zarte Rosennote und ein Hauch Vanille erkennt Skyla aus der Mischung. Brummig zieht sie den weichen Stoff hinab, um der süßen Doofnuss ihren bösen Blick zu demonstrieren. Frech wie Emilie ist, erlaubt sie es sich und rubbelt das blaue Haar trocken. Als Skyla ein genervtes „Hey“ von sich gibt, beginnt die Freundin zu kichern. Kaum nimmt ihre Klassenkameradin ihre Jacke entgegen, deutet sie lachend auf Skyla.

„Warum lachst du?“

„Löwenmähne!“

Ein Blick zum verglasten Eingang und schon fällt Skyla die Kinnlade hinunter. Ihre Frisur gleicht einem Vogelnest. Keine Haarbürste weit und breit wird dieses Knäuel bändigen können. Wie gut, dass zu ihrem Hoodie eine Kapuze gehört und sie schnell das Grauen verstecken kann, bevor ein Vogel anfängt zu glauben, sich in ihrem Haar einnisten zu können. Dabei fällt ihr Blick hinauf in die erste Etage. Das Klassenzimmer mit der unheimlichen Geräuschkulisse springt ihr direkt ins Auge. Anders als erwartet, wirkt dieses leer und verlassen. Nichts Auffälliges lässt sich dort erblicken und doch fühlt es sich an, als stehe sie unter Beobachtung. Eine Lösung muss her. Irgendwas, was ihr helfen kann, besser mit solchen Erfahrungen umzugehen. Doch darüber will sich Skyla später Gedanken machen und sich lieber auf das Treffen mit Emilie und Lukas fokussieren. Nur noch wenige Tage und sie darf Zeit mit zwei Personen verbringen, die ihr wichtig sind und ihre Welt erhellen. Eine Auszeit, die sie dringender denn je braucht.



Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare