Kapitel 13

Noch bevor der Zug den Bahnhof erreicht, herrscht eine fürchterliche Hektik im Wagon. Als liefe den Leuten die Zeit davon, drängen sich alle Richtung Tür. Ihren freien Tag lässt sich Skyla von dem Gehetze nicht vermiesen, zumal Lukas am Bahnsteig bereits auf sie wartet. Ihr Freund ist immer überpünktlich. Wie sein Vater. Kaum hält der Zug am Gleis, droht Skyla im Strom zu ertrinken, wenn sie sich dem Tempo der Meute nicht anpasst. Bewusst begibt sie sich zum Rand der Menschentraube. Hauptsache schnell raus aus dem Schwarm. Der Ruf aus den hinteren Reihen hätte sie vielleicht vorwarnen sollen, denn es bahnt sich ein Kerl durch die Masse, um aufzuholen. Ziel ist die Gruppe junger Männer vor Skyla. Mit seinem Rucksack stößt er Skyla hinaus aus dem Gedränge. Direkt in die Arme ihres besten Freundes. Skyla blinzelt erschrocken, während Lukas frech grinst und sie mit leuchtenden Augen betrachtet. Er muss sie anscheinend aus dem Zug steigen gesehen haben. Das ist nicht das erste Mal, dass ihre bessere Hälfte eingreift, bevor sie sich blamiert.

 

„Sorry!“

Der Kerl mit dem Rucksack hebt entschuldigend die Hand und doch bekommt er von den beiden Freunden keinerlei Beachtung.

„Dir geht es doch hoffentlich gut oder?“, erkundigt sich Lukas.

Sein Blick gleitet sorgevoll über sie. Skyla nickt verdattert.

„Woher weißt du immer, wo ich zu finden bin?“

„Warum? Wolltest du mich erschrecken?“ Er lächelt freundlich über seinen Scherz und schnauft, als sei die Wahrheit offensichtlich. „Du bist ein Gewohnheitsmensch. Du bevorzugst immer den vorderen Wagon und die erste Tür. Ich wusste, ich müsse mich nur hier gedulden und mit deiner wunderschönen Haarfarbe und deinen großen, neugierigen Augen machst du es mir zu leicht.“

Ein ehrliches Lächeln ziert ihre Lippen. Ihr Herz schlägt vor Freude. Wenn sie Lukas nicht hätte, wäre sie im Leben aufgeschmissen. Das Glück platzt aus ihr heraus und entlockt ihr ein leises Lachen. Halb in der Luft zu hängen wird auf Dauer anstrengend, daher zieht sie sich hoch in seine feste Umarmung. Ihr Ohr liegt nun an seinem Brustkorb an, sodass ihr nicht entgeht, wie der Motor seines Lebens große Freudensprünge macht.

 




Lukas‘ Anwesenheit hat eine entspannende Wirkung auf Skyla, womit der Stress der vergangenen Zugfahrt vergessen ist. Sie fühlt sich bei ihm geborgen wie bei keinem anderen. Lukas strahlt vor Freude, als sie in seine dunklen Augen blickt. Nach all den Jahren Freundschaft hat sich dies nie geändert. Trotz ihrer Launen und ihrer Bissigkeit. Mit ihrem fehlenden Feingefühl hat Skyla bereits viele Menschen auf Distanz gehalten. Aber Lukas verweilt selbst an schlechten Tagen an ihrer Seite. Lukas wurde zu ihrer Insel. Die Person, die ihrem Leben Halt gibt und die sie niemals missen möchte.

 

Der Schalk blitzt in ihren Augen hervor, aber bevor Skyla ihn wegen dem freudigen Rhythmus seines Herzens ansprechen kann, legen sich seine Hände auf ihre Taille. Lukas handelt schnell und befördert sie mit einer halben Umdrehung in Sicherheit, sodass sie einem Rammbock entkommen. Es handelt sich um einen jungen Mann, der einen Zug ansteuert, als ginge es um Leben und Tod. Nun ist es Skylas Herz, das mit schnellen Schlägen darauf reagiert, herumgeschleudert zu werden.

„Na du. Bereit für die Kirmes?“, haucht Lukas ihr die Worte ins Ohr und genießt ihren verdutzten Blick.

Nicht ganz.

Vor dem Vergnügen folgen die Pflichten. Kaum gleiten seine Finger von ihr, holt Skyla aus ihrer Tasche den ausgeliehenen Manga.

„Du hast recht, der macht süchtig. Wie viele Teile sind bisher erschienen und wie viele sollen noch folgen?“

In ihren Fragen steckt ganz viel Hoffnung. Es ist immer eine riesige Qual, auf die Fortsetzungen zu warten.

„Abgeschlossen mit zwölf Teilen.“ Zufrieden nimmt er den ersten Band entgegen. „Ich wusste doch, der wird dir gefallen.“

Freudig reibt sie sich die Hände, denn das heißt für die kommenden Tage genügend Lesematerial.

 

Auf den Weg vom Bahnsteig kommt Skyla zu ihrer nächsten Pflicht.

„Ich entschuldige mich jetzt schon mal für meine Klassenkameradin Emilie. Sie kann manchmal schon sehr anstrengend sein.“

„Ist okay. Wenn sie mir zu doof wird, dann entführe ich dich einfach und wir verschwinden.“

Skyla versetzt ihm neckisch einen Stoß in die Seite, dabei grinsen sich die beiden Freunde an. Das hört sich ganz nach Lukas an. Er würde Emilie jederzeit dumm aus der Wäsche schauen lassen und mit Skyla das Weite suchen. Sobald er erkennt, dass sie sich nicht wohlfühlt. Etwas, was sie an ihm schätzt. Abgesehen von den Gewissensbissen, die sie im Anschluss quälen. Manchmal fühlt es sich an, als sei Lukas ihr großer Bruder, der ständig in Sorge um ihr Wohlergehen ist. Andersherum ist es genau gleich. Niemand kommt ungestraft davon, wenn Lukas absichtlich geschadet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Schmerz physisch oder psychisch ist. Die beiden Freunde passen gegenseitig auf sich auf. So war das schon immer und so wird das auch immer sein.



 

Als vereinbarten Treffpunkt wählte Emilie einen wunderschönen Springbrunnen aus Stein mit vielen Gravuren und eingemeißelten Bildern von Tieren. Einer von Emilies Lieblingsplätzen, allein wegen der japanischen Bäckerei, die an der Ecke zu finden ist. Ein Blick auf Skylas Schulkameradin zeigt auch bereit, dass der Einkauf erfolgte. Den himmlischen Genuss des Gebäcks hält sie der Welt mit ihrer lauten Schwärmerei vor Augen. Die Augen grinsen ebenfalls. Doch kaum erfasst Emilie ihre Freundin hält sie das Puddingteilchen auffordernd hoch. Skyla muss nur kopfschüttelnd und schon lässt Emilie dieses schulterzuckend in ihrer Tasche verschwinden.

„Du verpasst was!“, folgt der freudige Ruf von Emilie. „Es ist himmlisch süß und fluffig.“

„Du bist eine Naschkatze!“, kontert Skyla lächelnd.

In der Schule sprach Emilie von einer Begleitperson namens Teresa – einem positiv gestimmten und wibbeligen Menschen. Zuerst dachte Skyla daran, dass Emilie von sich selbst spreche, aber anscheinend hat ihre Schulfreundin eine Gleichgesinnte gefunden. Verdächtig ist jedoch, dass diese Person noch nicht eingetroffen ist und Emilie dennoch grinst wie ein Honigkuchenpferd. Skyla kennt ihre Schulkameradin zu gut. Versetzt zu werden oder verspätet einzutreffen straft Emilie mit Vorwürfen und Gejammer.

 

Es trifft Skyla wie ein Blitzschlag, als sie das bekannte Gesicht neben ihrer Klassenkameradin wiedererkennt. Sie bleibt so plötzlich stehen, dass Lukas seine Kindheitsfreundin verwundert anspricht. Doch seine Worte prallen an einer Mauer ab. Vielmehr steht ihr der Schock ins Gesicht geschrieben. Emilie greift mit einem selbstgefälligen Grinsen zur Seite und hält einen Kerl auf, der die Flucht ergreifen will. Milan scheint ebenfalls nicht erfreut zu sein. Der ach so tolle Geisterjäger muss schlucken und die Panik blitzt in seinen Augen hervor.

 

Zum Glück schiebt sich Lukas in Skylas Bild und verhindert, dass ihr Temperament mit ihr durchgeht. In ihrem Kopf war sie schon dabei gewesen, Milan Vorwürfe zu machen und ihn offen zu konfrontieren. Skyla braucht einen kühlen Kopf, denn der panische Ausdruck auf Milans Gesicht spricht nicht dafür, dass er sie weiter verfolgt hat. Skyla will es für den Geisterjäger hoffen.



„Hey.“ In einem sanften Ton spricht Lukas auf sie ein. „Geht es dir gut?“

„Ja schon.“

Ihre Antwort kommt zögerlich und weckt Verdacht, das ist ihr bewusst. Frustriert fährt sich Skyla durch die Haare.

 

Ausgerechnet Milan. Er bedeutet sicherlich Ärger.

Mit dem Geisterjäger verbindet Skyla ein böses Omen, allerdings hat sie genug von den Monstersichtungen. Skyla sucht gezielt den Blickkontakt zu Lukas und beruhigt sich schlagartig, als der warme Farbton seiner Augen sie umarmt und ihr ein Gefühl von Sicherheit gibt.

Lukas ist hier. Er ist hier und steht mir in der Not bei.

„Danke“, spricht sie ihren Gedanken sehnsüchtig aus und verwirrt ihren Freund umso mehr.

Deshalb fügt sie hinzu: „Danke, dass es dich gibt.“

Bevor sie sich weiter blamiert, umrundet Skyla ihn, obwohl ihr nicht entgeht, dass er zum Wort ansetzen will. Als sie an ihm vorbeiläuft, schluckt er die Worte jedoch tonlos hinunter.

 

Skyla hebt entschlossen ihr Haupt. Bereit, Milan ins Gesicht zu sehen. Gefasst für jede erdenkliche böse Überraschung. Diesmal entschied sich der Geisterprofi für einen schwarzen Stoffmantel, den er offen trägt. Passend dazu eine dunkle Jeans und ein weißes Hemd. Knitterfrei, dass selbst Skylas Mutter neidisch bei dem Anblick wäre.

Emilie lächelt unschuldig. „Sieh mal, wen ich unterwegs getroffen habe.“

Nie und nimmer kann Skyla hier vom Zufall sprechen. Dafür hat Emilie die letzten Tage ununterbrochen von dem Geisterjäger gesprochen. Da würde es sie nicht wundern, wenn ihre Klassenkameradin nicht alles Mögliche in Bewegung gesetzt hat, um ihn zu finden.

Milan lächelt hilflos und will klarstellen: „Sie hat mich einfach entführt. Wirklich.“

Am Ende klingt er verzweifelt.

„Teresa hat im letzten Moment abgesagt.“ Die Lüge wird sofort enttarnt, als Emilie nicht anders kann, als auffällig zu grinsen. Dennoch legt sie den Kopf schief und spielt auf lieb und unschuldig. Sie klimpert mit ihren langen Wimpern und Skyla kann dem nur widerstehen, weil sie sich genervt abwendet. „Du hast doch nichts dagegen, dass ich Milan als Ersatz nehme oder?“

 

Lukas beweist seinen Scharfsinn erneut, denn er kennt seine Kindheitsfreundin viel zu gut.



„Passt dir das etwa nicht, Skyla?“

Ein erstaunter Laut dringt aus Emilies Kehle. Schließlich lächelt Skylas Klassenkameradin triumphierend. „Ich dachte Lukas wäre dein bester Freund. Erzählst du deinem besten Freund nicht von deinem Verehrer?“

Lukas mustert Milan kritisch. „Verehrer?“

„Das hättest du sehen müssen, …“, setzt Emilie an.

Doch Skyla geht fauchend dazwischen. „Emilie! Das reicht jetzt!“

Der Lockenkopf zuckt mit den Schultern. „Wie du willst.“

 

Eine Mischung aus Wut und Enttäuschung füllt Skylas Bauch. Emilie hat überhaupt keine Ahnung, was sie hier anrichtet. Abgesehen davon, dass sie Skyla ausgetrickst und Milan einfach mitgebracht hat, wird Lukas nicht vergessen, dass sie ihm etwas verschwiegen hat.

Wie muss er sich wohl fühlen, dass ich kein Sterbenswörtchen über Milan erwähnt habe?

Ein Blick zu Lukas zeigt bereits einen grimmigen Ausdruck und schon nagt das Gewissen an Skyla. Dabei will sie ihn mit solchen Thematiken gar nicht erst belasten. Außerdem fühlte sich Skyla nicht bereit, erneut darüber zu reden.

 

Milan atmet genervt aus und richtet seine flehende Bitte an Skyla: „Könntest du deiner Freundin die Sache vielleicht aus dem Kopf reden, Skyla?“

„Er ist ja so süß und so schüchtern. Ganz anders als vorher. Kaum sieht er dich, gerät er schon in Panik. Was hast du ihm nur angetan?“, interessiert es Emilie.

Lukas hat sich wieder gefangen und schenkt ihr ein freches Grinsen. „Soll ich dich entführen, Skyla?“

„Nein, geben wir ihnen eine Chance.“

Aber allein seine Fürsorge nimmt ihr die schlechte Laune und wärmt ihr Herz wie ein flauschiger Schal in kalten Wintertagen. Außerdem gönnt das Schicksal ihr erneut eine Chance auf Antworten zu all den Fragen gegenüber den paranormalen Sichtungen. Das Unglück haftet schließlich an ihr und zieht die Dinger an, nun aber kann sie Rat beim Experten holen. Nur leider war die Start mit Milan misslich und jeder andere Geisterprofi wäre ihr recht. Nur kennt sie keinen anderen, der sich mit der Thematik befasst. Nur muss sich Skyla für das kommende Gespräch mental wappnen.

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