Kapitel 14
Während der Mond hell am Himmel leuchtet, belohnt sich Skyla mit einer Mangafortsetzung. In den letzten Stunden gehörte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit dem Prüfungsstoff für die nächste Klausur. Die bekritzelten Notizen liegen noch immer auf dem Schreibtisch. Als Beweisstück, dass Skyla ihre Ausbildung ernst nimmt. Ganz ohne Emilie setzte sie sich mit dem Schulstoff auseinander und auch wenn sie heute viel Spaß mit Lukas hatte, vermisst Skyla die Treffen mit ihrer Schulkameradin.
Die Zeit beim Lesen gerät gerne in Vergessenheit. Erst als Skyla den Manga zuschlägt, bemerkt sie ihr leuchtendes Handy. Ein Blick auf die Uhr lässt sie aufschrecken, denn es ist bereits viel zu spät geworden. Der Grund für das Leuchten erweist sich als eine Nachricht von Lukas. Ihr bester Freund hat ihr Bilder geschickt. Daher legt sie den geliebten Lesestoff zur Seite und ruft die zugeschickten Fotos auf. Was sie dort jedoch zu Gesicht bekommt, verschlägt ihr den Atem. Ungläubig starrt sie ihr Handy an. In der Hoffnung, er erlaube sich einen wirklich bösen Scherz mit ihr.
Misstrauisch blickt Kai von den Comics auf. Der Bär hat ebenfalls Gefallen an der Mangareihe gefunden. Oft unterhalten sich Dämon und Medium über den Inhalt. Aber nun wird ihr Schutzgeist ungeduldig.
„Stimmt was nicht?“
Skyla blickt angsterfüllt von den Fotos auf. Noch immer haben die Bilder ihr die Sprache verschlagen. Statt einer Antwort wird das Handy vor die Nase des Dämons gehalten, sodass er den zusammengeschlagen Lukas zu sehen bekommt. Das angeschwollene Gesicht ihres besten Freundes sieht bereits schrecklich aus. Es ist gezeichnet von sämtlichen Blutergüssen. Sein Geist wirkt gebrochen und abwesend.
Der Bär versteht den Ernst der Lage und legt den Manga weg. Schließlich erhebt sich Kai.
„Okay, das lassen wir uns nicht bieten!“, beginnt er und schlägt seine Bärenpfoten entschlossen gegeneinander. „Suchen und finden wir die Leute. Dann hauen wir sie zu Brei!“
Auch wenn Skyla seinen Tatendrang gutheißen mag, hält sie ihm ein entscheidendes Detail vor Augen: „Justin ist ein viel besser Nahkämpfer und er hat versagt.“
Denn sie hält Milans und Justins Jäger für die Täter. Jemand anderes käme ihr nicht in den Sinn.
Der Dämon prustet los. „Die Brillenschlange? Wirklich? Ihr überschätzt den Kerl, meine Grausamkeit.“
Sie bleckt die Zähne, denn nach Albernheiten ist ihr gerade nicht zumute. Aber bevor sie ihn davon abraten kann, ihr weiterhin solche dämlichen Namen zu geben, folgt eine Nachricht von Lukas Handy.
Das ist erst der Anfang. Wir behalten dich immer im Auge!
Eine Warnung mit einer klaren Botschaft. Nur zu schade, dass sich Skyla nicht alles gefallen lässt. Ihre Finger machen sich daraufhin selbstständig:
Lasst ihn in Ruhe!
Und sagt mir lieber, wo er sich befindet!
Die Mitteilung einer Adresse kommt so prompt, als haben man nur darauf gewartet. Ohne zu zögern springt Skyla auf und steckt wenige Augenblicke später in Jacke und Schuhe. Lukas‘ Zustand auf den Fotos bereitet Skyla große Sorge, daher folgt der Griff zu Kühlkompressen. Auch die Pflasterbox und die Wundsalbe landen eilig im Gepäck. Schnell ist die Route rausgesucht und die Rettungsaktion kann starten!
Unterwegs gibt sich Kai nicht geschlagen, Skylas Unterfangen anzufechten. Laut ihm läuft sie blind in eine Falle. Möglich! Aber diese Adresse ist der einzige Anhaltspunkt, den sie hat. Lukas hat mit all dem nichts zu tun und nur ihretwegen wurde er zum Opfer eines Gewaltverbrechens. Hoffentlich ist auf die Ortsangabe Verlass. Ihr Feuer mag entfacht sein und doch fürchtet das Herz die angehende Gefahr. Als erhöre eine höhere Macht ihren Hilferuf, kommt der Bus wie gerufen. Laut Navigationssystem ist der Fußmarsch nach dem Ausstieg in nur wenigen Minuten überwunden.
Die Adresse gehört zu einem Supermarkt. Ein trostloser Ort bei Nacht, dessen flackernde Laternen eine schaurige Atmosphäre verleihen. Ein Ort der bedrückenden Stille. Ein leergefegter Parkplatz. Fern vom Stadtkern. Trotz Ladenschluss parken vor Ort wenige Fahrzeuge. Keine Menschenseele lässt sich ausmachen. Aufgrund der Totenstille schlägt das Herz furchterfüllt. Verstärkt durch den Schutz der Dunkelheit. Nur wenige Laternen versuchen diese vergebens zu brechen. Zu spärlich. Als konkurriere die Atmosphäre vor Ort nicht nur mit dem traumatischen Erlebnis aus der Tiefgarage, beginnt der Wind zwischendurch laut zu heulen.
Mut fassen fällt Skyla in dem schaurigen Moment nicht leicht. Die Sorge um Lukas ist groß, aber der Körper starr. Trotz Dämon im Gepäck. Der Griff in den Rucksack und schon beginnt die Suche nach der Taschenlampe. Kai kommt ihr entgegen und reicht ihr das gute Stück. Ein kleines Gadget, um die Erfolgschancen nach der Suche ihres besten Freundes zu steigern. Ein tiefer Atemzug und schon verrät ihre kleine Lichtquelle ihr Dasein. Skyla leuchtet sich den Weg und sucht gründlich zwischen den Fahrzeugen. Lukas wirkte auf den Fotos, als sei er nicht mehr in der Lage, aufrecht zu stehen, daher vermutet sie ihn am Boden. Mit dem ersten Schritt auf dem fremden Areal fühlt sie sich ständig beobachtet. Ihr Körper befindet sich in Alarmbereitschaft und jenes noch so kleine Geräusch lässt das Medium aufschrecken.
Die Armbanduhr tickt gefährlich im Hintergrund. Laut und provozierend. Die Kälte frisst sich unter ihre Haut und macht die Finger steif. Zu viel Zeit vergeht, bis sie Lukas wie vermutet zwischen zwei Autos findet. Er ist zum Glück beim Bewusstsein und doch wurde ihm übel zugerichtet. Ihre Erscheinung beschleunigt seine Atmung und lässt den Körper zittern. Es scheint, als erkenne er sie nicht. So spricht sie behutsam auf ihn ein. Der Klang ihrer Stimme bewirkt Wunder, schließlich beruhigt sich seine Atmung und sein angespannter Körper lockert sich. Lukas betrachtet sie perplex wie eine Spuckerscheinung. Fast, als könne er nicht glauben, wer ihm zur Hilfe geeilt ist. Sofort legt Skyla ihm die Kühlkompresse auf die angeschwollene Stelle in seinem Gesicht und kümmert sich ums Verarzten.
Beim Anblick ihres gebrochenen Freundes, platzen die Emotionen aus ihr heraus. Angefangen mit einer Entschuldigung: „Es tut mir so leid, Lukas. Das alles ist nur meine Schuld. Hätte ich verhindern können, dass man euch filmt, dann wäre das sicher nicht passiert.“
„Gib dir nicht hierfür die Schuld. Du kannst nichts dafür.“
Seine Stimme klingt schwach und angsterfüllt. Er spricht leise, als fürchtet er sich, schlafende Hunde zu wecken. Sie schüttelt den Kopf, denn ihr Freund weiß einfach zu wenig von all dem Ärger, in dem sie steckt.
Gefrustet spricht Skyla ihre Überzeugung aus: „Hätte ich die Stadt verlassen, dann hätte man euch verschont.“
„Das kannst du nichts wissen.“ Lukas lächelt selbst jetzt. Ein Lächeln, womit er sie aufmuntern möchte – erfolglos. „Außerdem, warum solltest du die Stadt verlassen? Du hast doch gar nichts getan.“
Skyla hilft ihm beim Aufsetzen auf und antwortet schuldbewusst: „Milans Mitbewohner hat mich bereits vor diesen Leuten gewarnt. Allein, weil Milan Zeit mit mir verbrachte, bringt uns dies alle in Schwierigkeiten. Nur habe ich mir hier etwas aufgebaut und wie könnte ich euch alle einfach zurücklassen.“
Das ist zwar nur die halbe Wahrheit, doch das sollte ihren besten Freund als Antwort ausreichen.
„Ich bin derjenige, der sich mit ihm geprügelt hat. Ich war auf dem Video zu sehen und nicht du“, widerspricht Lukas ihr.
„Und ich bin diejenige, die eine Weile an Milans Seite verweilte!“
„Verstehe.“ Lukas runzelt mit der Stirn und versinkt für einen kurzen Moment in Gedanken. „Diesen Leuten scheint es ja ziemlich ernst zu sein, Milan in die Finger zu kriegen. Aber warum? Hat er davon gesprochen?“
„Nein“, belügt sie ihn und spürt noch im gleichen Moment die nagenden Gewissensbisse. „Ich glaube, er hatte seine Gründe.“
Lukas nickt und lässt es zu, wie sie sich weiter um ihn kümmert, schließlich überwältigt Skyla ihn.
Sie schließt ihn in eine liebevolle Umarmung und gesteht: „Ich bin so froh, dass ich dich gefunden habe. Ich habe mir wahnsinnige Sorgen gemacht und hegte Zweifel, ob die Adresse stimmt.“
„Wie genau hast du mich überhaupt gefunden?“
Lukas klingt verwundert und als Skyla ihm antworten will, schreckt sie zusammen. Eine dunkle, große Gestalt stiert zu ihnen herab. Sie hat sich lautlos genähert und steht nur wenige Schritte fern von Lukas. Genau vor der Parklücke. Durch die schwarze Kleidung wird der Fremde fast mit der Nacht eins. Der Kopf befindet sich versteckt unter einer Kapuze.
Der Herzschlag verdoppelt sich, denn diese Präsenz ist furchteinflößend. Wenn Justin solche Leute nicht bezwingen konnte, dann wird auch Skyla scheitern. Daran zweifelt sie nicht. Der Fremde wirft ihnen Lukas Handy zu. Doch Skylas Blick ruht eher auf diese einschüchternde Erscheinung, die keine Anstalten macht, zu gehen. Nun treten aus dem Hintergrund fünf weitere dunkle Gestalten hervor. Alle verstecken sich unter den schwarzen Kapuzen. Bei jedem dieser Leute entdeckt sie eine lange Machete, die am Mantel mit einer Schnalle befestigt ist. In Anbetracht der Ausrüstung schluckt Skyla schwer. Kai hatte sie gewarnt und doch lief sie bereitwillig in eine Falle.
„Bist du ein Geisterjäger?“, wird sie von einer rauen Stimme gefragt.
Skyla will ehrlich antworten, aber dann erinnert sie sich an Milans Warnung. Also versucht sie trotz der wahnsinnigen Angst zu spotten: „Geisterjäger? Was erzählt ihr da? Ist das irgend so ein dummes Spiel?“
Die Fremden gehen jedoch auf ihre Albernheiten nicht ein. „Bist du ein Medium?“
Volltreffer!
Dafür, dass Milan zu Beginn überzeugt war, dass Skyla zur Kategorie Hexe passt, scheinen diese Leute sie besser einstufen zu können.
„Bitte was?“
Ihr fällt es wirklich schwer, verwundert zu wirken.
„Kennst du diesen Mann? Sieh auf das Handy!“
Die Stimme ist streng und klirrt vor Kälte, daher folgt Skyla der Aufforderung.
Skyla muss schlucken, als sie auf ein Bild von Milan blickt. Es wäre töricht, dies zu leugnen, schließlich widerlegt das Video von der Prügelei eine Lüge und dann wären ihre bisherigen vorgespielten Antworten für die Katz.
„Was soll mit Milan sein?“
„Wo finden wir ihn?“
„Er ist fort. Einfach gegangen!“, antwortet sie verärgert, denn der angestaute Frust bricht durch.
„Was bedeutest du ihm?“
Wenn diese Leute so unberechenbar sind, dann muss sie aufpassen, wie sie antwortet.
Also entscheidet sie sich hierfür: „Ich hatte geglaubt, ich würde ihm etwas bedeuten. Aber wie sich herausstellte, bin ich nur eine von den vielen Mädchen mit denen er sich vergnügt hatte. Solltet ihr ihn finden, dann sagt ihm, dass ich ihm nie vergeben werde, für das, was er mir vorgespielt hat. Er hat mir mein Herz gebrochen!“
Ein Einzelner löst sich aus der Formation und jeder Schritt in ihre Richtung, lässt sie erschauern. Die Person bewegt sich geräuschlos fort. Wie eine Katze auf Beutezug. Jeder Schritt ist genauestens durchdacht. Vor den beiden Freunden geht die Gestalt in die Hocke. Dank der Kapuze blickt Skyla weiterhin in eine verschlingende Dunkelheit, obwohl es sich anfühlt, als habe sie Augenkontakt. Selbst aus nächster Nähe lässt sich schwer sagen, mit welchem Geschlecht Skyla es zu tun hat. Sollte es ein Kerl sein, dann niemand mit großer Statur und recht dünnem Körper. Skyla rechnet mit einem Angriff oder einer Fortsetzung des Verhörs. Doch es folgt ein Griff unter eins der Autos und schon ergattert die fremde Person ein Tonaufnahmegerät. Ein Knopfdruck und die Aufnahme wird gestoppt, was bedeutet, diese Leute haben auch das Gespräch vor ihrer Ankunft aufgenommen. Ein cleverer Schachzug. Nur kurz spult Skyla ihre Erinnerung zurück und hofft inständig, nichts Unüberlegtes gesagt zu haben. Das Tongerät verschwindet in die Manteltasche und stattdessen wird ein anderes Werkzeug hervorgeholt. Etwas, was aussieht wie ein elektromagnetisches Feldmessgerät wird nun angeschaltet. Beunruhigt blickt Skyla auf das Gerät hinab.
„Kein Ausschlag!“ Ihr Gegenüber spricht. Streng, aber gefasst. Eine Frauenstimme. „Eine leichte Note von Schwefel liegt in der Luft! Keine dämonische Aktivität!“
Skyla schluckt. Sie muss sich ermahnen, auf ihre Tasche hinab zu blicken. Damit würde sie Kai verraten und die Sache könnte übel für sie ausgehen.
„Dämonisch?“ Keucht sie stattdessen. „Was soll das heißen?“
Doch ihr Gegenüber studiert lieber, statt zu antworten. Ganz langsam wird die Gerätschaft verstaut und die Person erhebt sich zögerlich. Ein kurzes Starren und schon läuft diese rückwärts zurück in die Reihe. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.
Was für ein Auftreten! Was für eine Aura!
Noch immer machen die Gestalten keine Anstalten, sich von der Stelle zu bewegen. Sie spürt ihre prüfenden und eiskalten Blicke auf ihr liegen. Als fällen sie ein Urteil. Skyla fürchtet einen Kampf oder eine Hinrichtung. Die Stille macht sie ganz nervös. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit entfernt sich endlich die erste Gestalt. Nach und nach löst sich die Gruppe auf, bis nur noch ein Vermummter vor ihnen steht.
„Wir behalten euch im Auge! Stellt nichts Dummes an! Geht ihr zur Polizei, spießen wir den Kopf deines Freundes an einen Pfahl und stellen ihn dir vor die Haustür auf!“, folgt die eisige Drohung, bevor auch der Letzte leise aus ihrem Bild tritt.
Skyla steht der Mund offen.
Bitte was? Was sollen das denn für kranke Methoden sein? Das ist ja barbarisch!
Und doch wird sie das Gefühl nicht los, dass diese Leute es ernst meinen. Dankbar beobachten die beiden Freunde, wie die bedrohliche Gefahr eins mit der Dunkelheit wird und verschwindet.

























































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