Kapitel 17
Mit durchgestreckten Rücken und einem bezaubernden Lächeln schreitet Sina durch die beschneiten Gassen der Stadt. Lukas findet sie beunruhigend geheimnisvoll. Skyla fühlt ihr gegenüber Bewunderung und wünscht sich, ebenfalls irgendwann mit beiden Beinen im Leben zu stehen. Die vergangenen Ereignisse rüttelten schließlich stark an ihrem Selbstbewusstsein und lassen Skyla zweifeln, das die Normalität heimkehrt. Trotz bekannter Gefahr schafft es Sina zu lächeln und ihren Alltag zu meistern.
Immer aufs Neue dreht sich Sina um und überprüft, ob die beiden Freunde ihr folgen. Die Gassen werden immer leerer und ruhiger, je weiter sie fortschreiten.
„Skyla, das könnte eine Falle sein“, flüstert Lukas ihr ins Ohr.
Zugebener Maßen wird Skyla ebenfalls misstrauisch. Jeder Versuch, Sina anzusprechen, endet damit, dass sie den Finger auf die Lippen legt und weiter voranschreitet. Bis es Lukas reicht und er nach Skyla schnappt. Beschützend schließt er sie fest in die Arme und gibt seine Freundin nicht mehr her. Überwältigt von einem Überfall kann Skyla nicht anders, als mit offenen Mund zu starren.
„Was soll das?“
„Ich bin dieses Spiel satt. Wer sie auch sein mag, wir halten uns von ihr fern. Vielleicht hat sie Emilie entführt“, teilt er ihr leise seine Gedanken mit.
Die beiden schrecken auf, als Sina plötzlich neben ihnen steht und sie mit großen Augen mustert. Obwohl sie meterweit vor ihnen lief, kam sie lautlos angeschlichen. Wie ein Profi. Was Lukas‘ Zweifel mehr Gewicht schenkt.
„Dein Beschützerinstinkt ist so niedlich“, flötet die Fremde.
Sie kneift Lukas in die Wange, woraufhin seine Augen schmal werden.
„Du willst reden? Dann sprich. Aber wir gehen keinen Schritt weiter!“, übernimmt er das Kommando.
Die Bedingungen haben sich geändert und doch blickt Sina in die Ferne. Fast sehnsüchtig visiert sie einen Durchgang an. Ein Schnaufen, bevor sich die Foodbloggerin gezielt zu Skyla dreht und ihre Hände einfängt.
„Wir ähneln uns mehr, als du glaubst. Mehr darf ich nicht sagen. Nicht hier. Ich kann euch nicht zwingen, mir zu folgen. Diese Entscheidung müsst ihr selbst treffen. Gleich da vorne befindet sich eine Safezone. Deine Entscheidung, Skyla.“
„Safezone?“, wiederholt Lukas misstrauisch.
Aber Sina schüttelt nur flehend den Kopf und läuft eilig davon. Sie verschwindet hinter einem offen stehenden Gitter zu einem Innenhof. Skyla blickt hinab zu ihrer Tasche, wo Kai baumelt. Der Bär erkennt, dass er angesehen wird und zuckt unschlüssig mit den Schultern. Einen kurzen Moment lässt sich Skyla die Sache durch den Kopf gehen. Lukas‘ Zweifel sind berechtigt. Der Orden zeigte sich heimtückisch und gefährlich. Es könnte ein Hinterhalt sein. Zumal sich Sina auffällig verhält. Vielleicht ließ Janik sie nur glauben, dass er Sina beschattet. Aber womöglich entgeht ihnen hier auch die Chance auf einen Vorteil. Emilies Rettungsaktion könnte mehr Fahrt aufnehmen.
Frech kneift Lukas ihr in die Wange, da er erkennt. „Du überlegst doch nicht wirklich, ihr zu folgen oder?“
„Für Emilie.“ Das Flüstern löst eine Flut Erinnerungen aus. Ein Strom an Rückblicke, die sie gemeinsam mit ihrer Klassenkameradin durchlebt hat. Glückliche Zeiten. Emilies sorgloses Lachen hallt dabei noch einige Sekunden in ihrem Kopf wider. „Mein Entschluss steht, Lukas! Warte hier, wenn du willst, aber ich gehe da jetzt hinein!“
Ihr Kindheitsfreund brummt und ein Blick über die Schulter zeigt, wie genervt er von ihrer Naivität ist. Dennoch nickt er zögernd.
„Du weißt, ich weiche nicht mehr von deiner Seite.“
Er bringt sie zum Lächeln. Geschickt schlängelt sie sich aus seinem Griff und schnappt sich seine Hand. Zielorientiert und ohne Ablenkungen nähert sie sich mit ihm dem Gatter. Der Innenhof wirkt verwahrlost und von Sina fehlt jede Spur. Dennoch treten sie ein und werden von einem Temperaturunterschied überrascht.
Sonnenstrahlen brechen durch die graue Wolkendecke und der Schnee schmilzt unter ihren Füßen. Die Temperatur steigt beachtlich an und ein Orchester beginnt. Freudige Vogellaute und summende Insekten erreichen ihre Ohren. Blumenbeete erstrahlen in nur wenigen Augenblicken. Die beiden Freunde können den Pflanzen beim Wachsen zu sehen und Schmetterlinge tanzen plötzlich vor ihrer Nase. Das Gras hat einen gesunden Farbton und der Duft von Rosen folgt mit dem nächsten Windzug. In der warmen Kleidung beginnt Skyla zu schwitzen, aber dies wirkt belanglos in Anbetracht des hübsch eingedeckten Bistrotisches mittig des prachtvollen Gartens. Zwischen Rosenhecken und Sonnenblumen sitzt Sina an einem weißen Tisch und lauscht einer jungen Brünetten. Eine schlanke Persönlichkeit, deren fliederfarbenes Kleid sich eng an dem Körper schmiegt. Aufwendig wurde das seidige Haar hochgesteckt. Geschickt schüttet die junge Dame ihrem Besuch Tee ein. Die smaragdfarbenen Augen der Gastgeberin strahlen, als sie Lukas und Skyla erfasst. Freudig legt sie die behandschuhten Hände vor dem Mund.
„Oh, da kommen ja noch zwei. Wie schön. Kommt doch rein und setzt euch.“
Sie winkt die beiden mit einem strahlenden Lächeln heran.
Verwirrt beugt sich Lukas an Skylas Ohr. „Siehst du das auch? Ist das etwa Magie? Wir befinden uns plötzlich im Sommer.“
Seine Freundin nickt und nähert sich zögernd dem Tisch.
Die Brünette greift nach dem Medium und haucht ihr einen Kuss auf jede Wange, bevor sie abwendet und beeindruckt Lukas mustert.
„Du bist ja ein Hübscher.“
Sie umrundet ihn tänzelnd und strahlt bis zu beiden Ohren. Etwas, was Lukas nicht geheuer scheint. Besonders dann nicht, als sie ihm auffordernd die Hand hinhält und um einen Tanz bittet. Der Schmollmund ist groß, als er dankend ablehnt und eilig an Skylas Seite tritt. Sina kichert erheitert.
„Birgit ist eine sehr offenherzige Person. Ihre Welt ist voller Schönheit und Frohsinn. Ich bin gerne bei ihr zu Besuch“, teilt Sina ihnen glücklich mit.
„Ich freue mich auch immer, wenn du Zeit für mich findest“, lacht die Brünette fröhlich und tänzelt sorglos durch den Garten.
Skyla betrachtet das Schauspiel skeptisch und hinterfragt: „Bist du eine Hexe, Sina?“
Die Foodbloggerin trommelt kurz mit den Fingern auf der Tischplatte, bevor sie antwortet: „Der Orden ist davon überzeugt, aber er irrt sich. Sie stufen mich falsch ein. So wie sie dich falsch eingestuft haben.“
Die Tanzeinlage endet abrupt und Birgit tritt eilig heran. Dabei hebt sie den langen Rock an, um nicht über diesen zu stolpern.
„Ist sie das? Das Medium, wovon alle sprechen?“, fragt sie ganz außer Puste und mit geweiteten Augen.
Sina lächelt wissend und gesteht: „Ich habe die Reise nur auf mich genommen, um Skyla zu treffen.“
Verwirrt deutet Skyla auf sich. „Wegen mir? Aber wieso?“
„Weil du dem Orden trotzt, obwohl du zu spüren bekommen hast, was er anrichtet. Ohne den Orden der roten Sonne würden wir furchtlos leben. Wir unterdrücken unsere Macht und verkriechen uns im Schatten. Es gab immer einige Aufstände, aber ohne Erfolg. Unsere Schlächter sind vorbereitet und terrorisieren uns. Die Meinungen über dich spalten sich, Skyla, denn fast niemand lässt sich auf einen Dämon ein. Du aber hast zwei Dämonen und einen bösen Geist an dich gebunden.“
Skyla schüttelt ihren Kopf. „Dalika ist kein böser Geist.“
Eine Behauptung, die Sina belächelt. „Schön, glaube das ruhig, wenn du nachts besser schlafen kannst.“
„Hey!“ Skyla funkelt sie böse an. „Woher weißt du eigentlich so viel über mich?“
„Du bist ein wichtiges Thema in der Geisterwelt, Skyla. Sei vorsichtig, denn ich hörte von einigen bösen Machenschaften, wie sie die Finger nach dir lecken und planen, dich in ihr Reich zu verschleppen. Manche wollen dich besitzen, andere brechen und einige interessieren sich mehr für deinen Tod.“
„Wer?“
„Alles, was sich in der Geisterwelt unterhält.“
Beunruhigt schnappt sich Skyla zu und löst Kai mit einem Ruck von der Tasche, um ihn zornig auf Augenhöhe zuhalten. „Kai! Weißt du, was davon?“
Der Bär zuckt gleichgültig mit den Schultern. „Ab und zu habe ich etwas aufgeschnappt, aber es hat mich nicht interessiert.“
„Scheiße! Erst der Orden und jetzt kommen noch andere hinzu? Ich verstehe das nicht! Was habe ich getan?“, ärgert sich Skyla laut.
„Dein Licht strahlt heller als das der anderen.“
Sinas Worte hörte Skyla bereits schon einmal. Doch verstehen tut sie es nicht.
„Und das bedeutet?“
„Du hast viel Potenzial“, antwortet die Foodbloggerin mit dem Blick auf ihren Tee gerichtet, „ich sehe eine Kriegerin vor mir. Jemand, der immer wieder aufsteht.“
„Dein Licht ist anziehend und so hell, dass es blendet“, fügt Kai hinzu.
Aber all das hilft Skyla nicht weiter. Erschöpft setzt sie sich auf den Stuhl gegenüber von Sina und seufzt laut.
„Du bist eine Anführerin, Skyla. Erkennst du das nicht? Ich bin nicht das einzige Medium, das nach dir sucht. Es werden noch andere kommen, weil wir dieses Versteckspiel satt sind. Ich will nicht länger vor dem Orden flüchten und hören, wie sie meine Freunde schnappen. Ich sehe, du brauchst etwas Zeit. Aber sei dir gewiss, dass du meine Unterstützung hast“, spricht Sina auf sie ein.
Beruhigend kreisen Lukas‘ Finger auf Skylas Schultern. Seine Wärme und seine Präsenz geben ihr Halt. Ihr Freund erkennt sicherlich, wie überfordert sie ist, denn er übernimmt das Ruder.
„Zuerst erzähl uns mehr von diesem Ort, Sina.“
„Ihr seid in eine Safezone eingetreten. Ich nenne sie so, weil ihr hier sicher vor unseren Feinden seid. Der Orden mag sich am gleichen Ort aufhalten und doch verweilen wir in zwei verschiedenen Parallelwelten. Birgit ist ein Geist. Ich habe Kontakt zu ihr aufgenommen und kann jederzeit an ihrer Tür klopfen. Wenn sie es mir erlaubt, dann dürfen wir in ihrem Reich eintreten. Die Kontaktaufnahme kostet mich jedoch etwas Zeit, daher sind wir ein wenig rumgewandert.“
Lukas lässt diese Informationen im Raum stehen und interessiert sich nun für etwas anders. „Du sagtest, du seist wie Skyla. Also ein Medium?“
Sina bestätigt dies zuerst mit einem Nicken.
„Leider bin ich nicht annähernd so stark wie Skyla. Meine Fähigkeiten beschränken sich auf die Kontaktaufnahme zu Ruhelosen. Neben der Manipulation von Gefühlen kann ich Erinnerungen aufrufen und verändern.“
„Das klingt toll“, findet Skyla und blickt sehnsüchtig auf, „willst du mit meiner Fähigkeit tauschen? Aber sei gewarnt, denn ich habe ein Monster erschaffen.“
Lukas beugt sich hinab und blickt ihr in die Augen. „Das war nicht deine Absicht. Es war mehr ein Unfall.“
Ihre Augen werden schmal. „Nenne es wie du willst, Lukas. Aber das befreit mich nicht von meiner Schuld!“
„Es scheint mir, als sei der Zeitraum meiner Ankunft passend. Du hast Zweifel. Das verstehe ich. Aber nun hast du eine Verbündete mehr, auf die du dich verlassen kannst“, spricht Sina zuversichtlich über die Zukunft.
Skyla schnaubt, denn für sie läuft alles aus dem Ruder. Aber Sina holt nun aus ihrer zartrosafarbenen Aktentasche einen Umschlag hervor, wo sich allerlei Informationen über Emilie und ihr Umfeld befinden.
„Ich kann helfen, wenn du mich lässt. Finden wir gemeinsam deine verschollene Freundin. Was hältst du davon?“
Das bin ich ihr schuldig!
„Du musst ein Engel sein, Sina.“ Skylas Worte bringen ihr Gegenüber in Verlegenheit. Bei ihrem hellen Hautton sticht die Röte so richtig ins Auge. „Du hast Recht. Du kommst genau richtig, denn wir kommen nicht voran. Wenn ich verzweifelt und besorgt bin, dann tue ich sehr dumme Dinge. Entscheidungen, die ich später bereue.“
Lukas weiß sicherlich, wovon Skyla spricht, denn für ihn wäre sie einmal fast von der Schule geflogen. Seine Klassenkameraden haben ihn so stark terrorisiert, dass Skyla sie krankenhausreif geschlagen hat. In der Grundschule nannte man sie einen Dämon und wich ihr von allen Seiten aus. Alle außer Lukas.
Eine Reporterin wittert eine Story. Das Glänzen in Sinas Augen scheint verdächtig, aber Skyla winkt ab. Nun geht es allein um Emilie. Daher stellt sie sich allen Fragen und antwortet ehrlich. Zum Glück befindet sich Lukas an ihrer Seite, denn ihm entgeht kaum ein Detail. Er wird sicher besser an Kleinigkeiten erinnern können. Leider besuchen sie nicht mehr die gleiche Schule, sodass er nicht alles mitbekam. Am Ende tauschen sie ihre Nummern und Skyla erfährt ein wenig von Sinas Alltag. Es beruhigt sie zu hören, dass die Reporterin ebenfalls von den Geistern heimgesucht wird. Spurlos gehen solche Begegnungen nicht an dem Albino vorbei. Aber Sina versichert ihr, dass Skyla lernt, damit umzugehen.
Noch ehe die beiden Freunde in Erfahrung bringen können, wie es bei Sina angefing, beginnt Birgit an zu kreischen.
„EINE SCHLANGE!“
Damit sind alle in Alarmbereitschaft. Skyla springt auf und hört es in den Büschen rascheln. Ihr Gefühl behauptet felsenfest, einen Beobachter zu habe. Aber im Gestrüpp lässt sich nichts ausmachen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit kommt Skyla teuer zu stehen, denn das Raubtier schlägt blitzschnell zu und kommt dann hervorgeschossen, als keiner damit rechnet. Skyla bleibt das Herz stehen, als die riesige Schlange auf sie zu springt. Die Größe übertrifft jedes Schlangenexemplar, das Skyla kennt und obwohl es als Schattengestalt getarnt ist, leuchten goldene Kreise am Panzer.
Kai reagiert ebenfalls und schlägt rechtzeitig zu. Er trifft das Tier am Schädel und befördert es von seiner Partnerin fern, bevor es Skyla überhaupt erreichen kann. Damit bekommt Skyla die goldenen Muster an dem schwarzen Schuppenpanzer besser zu sehen. Stutzig wird Skyla, als sie Klauen ausmacht. Viel Zeit zum Begutachten bleibt ihr jedoch nicht, denn sein Ende schlängelt sich noch rechtzeitig um Skylas Bein und reißt sie quer durch die Luft. Die Schlange steckt den Schlag zugut weg und bevorzugt die Flucht. Dabei gibt sie Skyla nicht frei und verschleppt sie quer durch den Hof. Alle versuchen, zur Hilfe zu eilen, aber das Tier zeigt sich flink und schnell. Als Birgit die Arme ausbreitet beugen sich ihre Pflanzen ihrem Willen. Dornenranken schnappen nach dem Eindringling, aber verfehlen.
Ehe sich Skyla versieht, steckt sie in einem der anliegenden Häuser. Die Schlange zerrt sie durch eine Wohnung mit alten Möbeln. Vorbei durch eine geflieste Küche mit Blümchendruck und durch ein staubiges Wohnzimmer. Über einen alten Perserteppich und vorbei an antiken Kommoden. Die Bewohner befinden sich nicht vor Ort, dafür aber zwei Katzen, die auf den Eindringling fauchend reagieren und zurückweichen. Durch ein offenes Fenster geht es hinaus auf die Straße. An dieser Stelle löst sich die Wickel und Skyla stürzt in jemandes Arme.


























































Kommentare