Kapitel 19
Von Unkraut verwildert schlummert das Versteck des Geisterjägers in einem gepflegten Viertel und sticht wie ein Lost Place heraus. Im Fensterrahmen prangen die größten Spinnenweben, die Skyla je gesehen hat, und die Außenfassade hat die schönsten Tage hinter sich. Die Wandfarbe blättert ab und Efeu wuchert hinauf. Auch das Dach wirkt renovierungsbedürftig. Die Ziegel machen einen losen Eindruck, sodass der Wunsch nach einem Sicherheitshelm wächst.
Eins steht für Skyla fest: Der Garten braucht dringend mehr wie etwas Pflege, denn die Pflanzen sind völlig ausgedorrt und das Unkraut reicht ihr bis zur Hüfte. Zu fegen würde auch nicht schaden, da ein gewaltiger Laubteppich den Weg zum Haus versteckt. Wer weiß, was unter den Blättern lauert. Vor einigen Jahren hatte Skyla Augenkontakt zu einer dunklen Wolfsspinne und trotz, dass sie einen hohen Bogen um das Tier machte, muss diese als blinder Passagier aufgestiegen sein. Denn gegen Abend schrie ihre Mutter das Haus zusammen und Skyla sah der Spinne erneut in die Augen. Diesmal jedoch an der Wohnwand über dem Fernseher.
Welche Ironie – der Geisterjäger wohnt auf einem Grundstück, das als Spukhaus durchgehen kann. Die Nachbarn in der gepflegten Allee tuscheln seit Skylas Ankunft fleißig. Es fühlt sich an, als befinde sie sich auf unheiligen Boden und ihre Beobachter beten innig für ihre Rückkehr. Über dieses Haus scheinen sich die Leute die Mäuler zu zerreißen.
Zögerlich betätigt Skyla die rostige Klingel. Ein Blick hinunter und schon scannt sie ihre Hose nach irgendwelchem Krabbelzeug ab, das sie aus der wilden Steppe mitanschleppen könne. Zum Glück ist nichts zu sehen, aber das heißt nichts, wie ihr die Erfahrung mit der Wolfsspinne zeigte.
Geduld ist eine Tugend, die bei Skyla vergessen wurde. Keine Laute lassen sich hinter der Tür vernehmen. Der Ort wirkt verlassen und wie ein blöder Streich auf Milans Kostens. Genervt betätigt sie die Klingel unzählige Male, mit den Gedanken bei Milan, dem unverschämten Geisterjäger.
Wie konnte sie nur darauf vertrauen, seine Sorge wäre ehrlich?
Sicherlich sitzt der Kerl in einem der herumstehenden Autos und lacht sich heimlich ins Fäustchen. Seine kleine Rache für all die Unannehmlichkeiten. Sollte dies der Fall sein, unterschätzt er Skyla. Emilie hat sich bereits als Super-Spürhund erwiesen.
Wie mag er wohl reinblicken, wenn Emilie ihn erneut erwischt?
Gegen Skylas Erwartung springt die Tür auf. Quietschend wie in einem Horrorfilm, sodass es ihr kurz eiskalt den Rücken hinunterläuft. Es mag stockfinster im Haus sein und doch macht sie eine Person durch den Türspalt aus. Ungefähr Milans Größe. Genervt atmet sie aus und brummt miesgelaunt.
„Na endlich! Dein Glück, dass du endlich die verdammte Tür öffnest. Ich dachte schon, du erlaubst dir einen blöden Streich mit mir! Sag mal hast du die Verabredung schon vergessen oder warum hast du so lange gebraucht?“
Wie ein Wasserfall bricht die lange Liste der Beschwerde aus ihr hinaus und es hätte auch weitergehen können. Aber das Tageslicht fällt auf jene Person hinter der Tür. Skyla mustert ihr Gegenüber ausgiebig, um schnell festzustellen, dass sie den Kerl mit Milan verwechselte. Der Fremde richtet seine Brille mit einem tödlichen Blick gerade. Sein dunkles Haar reicht ihm bis zu den Schultern. Skyla schätzt ihn auf die dreißig Jahre. Der Schlabberlook, die wilde Mähne und die Tatsache, dass er barfuß läuft, lassen sie ahnen, dass sie ihn geweckt haben muss. Streng taxieren die dunkelbraunen Augen sie. Schließlich reckt die hagere Gestalt trotzig das Kinn und bleckt die Zähne.
„Es ist Samstagmorgen! Was willst du hier?“
Ungläubig holt Skyla die Visitenkarte hervor und überprüft die Adresse. Zu ihrem Pech führt sie zu laut Selbstgespräche: „Hat Milan sich also doch einen Scherz mit mir erlaubt?“
„Milan!“ Schlecht gelaunt verschränkt der Kerl die Arme und gönnt sich einen tiefen Atemzug, bevor er sich vergewissert. „Hat er dich also hierher eingeladen?“
Offensichtlich kennt er den unverschämten Geisterjäger. Nun stellt sich die Frage, in welcher Verbindung die beiden Männer zueinanderstehen. Skyla legt den Kopf schief und nimmt sich die Zeit, nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Vielleicht sind sie Brüder. Aber nichts an ihrem Gegenüber erinnert an Milan.
Die unangenehme Stille unterbricht Mia. Zwar lässt sie sich mit dem bloßen Auge nicht ausmachen und doch erkennt Skyla dieses freche Insekt an der Stimme wieder.
„Das ist diese Göre, die den Geist in Energie umgewandelt hat.“
Ein entscheidendes Detail, das viele Fragen aufwirft. Besonders für Skyla, die erst begreifen muss, was überhaupt mit ihr geschieht und wozu sie in der Lage überhaupt sein kann. Mia klingt überzeugt, als sei ihr solch eine Macht nicht fremd. Aber auch ihr Partner wird hellhörig. Ruppig greift der Kerl nach Skyla und reißt sie mit einem Ruck in die fast leere Wohnung. Überfordert vom Überfall und Mias Einwurf huschen Skylas Augen hektisch umher. Das Herz pumpt. Das Blut rauscht in den Ohren. Das Umfeld spendet wenig Trost und versetzt sie weiterhin auf Alarmbereitschaft. Dabei hoffte sie, dass die Inneneinrichtung einladender wirkt, als der erste Eindruck hergab. Hinter Skyla knallt die Tür zu, womit sich das Gefühl, in einem Spukhaus gelandet zu sein, verstärkt. Der Gestank von billigem Filterkaffee lässt sie angewidert aufblicken. Zwischen dem Fremden und ihr besteht kaum Luft, denn der Brillenträger hat sie ganz nah an sich gerissen und mustert sie abschätzend.
Überrascht von seiner Grobheit betrachtet Skyla ihr Gegenüber kurz, bevor sie sich von ihm reißt und ein paar Schritte Abstand nimmt. Die Stille wird unerträglich und sie wünscht sich gerade nichts anders, als dass Milan ins Licht tritt.
Daher konfrontiert sie ihn: „Wo ist Milan?“
Aber sie stößt auf taube Ohren, schließlich nimmt er sich die Unverschämtheit, ihr Arbeit aufdrücken zu wollen. „Du bist Köchin oder? Dann ab an den Herd und mach uns Frühstück!“
Vor Empörung beginnt Skyla zu starren. Ihr Mund steht offen und will sich nicht schließen. Mias Bekanntschaft hält wenige Augenblicke später inne und dreht sich erwartungsvoll um.
„Bist du festgefroren oder was?“
Fassungslos von seiner kaltherzigen Art, wie er die Dinge in Angriff nimmt, kommt von ihrer Seite nichts mehr wie ein Blinzeln.
Wie spricht dieser Kerl überhaupt mit mir?
Dennoch fühlt sie sich verpflichtet, etwas klarzustellen: „Ich bin in der Ausbildung. Köchin darf ich mich noch nicht schimpfen!“
„Du bist hier, weil du von uns Informationen erhalten willst. Also revanchiere dich und mach uns Frühstück!“
Bei diesem respektlosen Ton fehlen ihr fürs Erste die Worte. Das scheint ihn zu nerven, denn der Kerl verzieht sein Gesicht und atmet laut aus.
Schnell aus der Starre geschüttelt, fordert Skyla Antworten. Zuerst mag sie den Namen in Erfahrung bringen wollen.
„Anscheinend kennen Sie mich. Darf ich daher bitte erfahren, wie die Unverschämtheit in Person vor mir heißt?“
Sie klingt pampiger, als beabsichtigt. Doch bereits in der Küchen-Hierarchie lernte sie sich unter all den vielen Kerlen zu behaupten. Auch dieser Mann wird sie nicht unterbuttern. Anders als erhofft, entlockt sie dem Brillenträger ein kurzes Lächeln. Fast schon teuflisch.
„Justin.“
Äußerste Geheimhaltung scheint an jenen Ort einen hohen Stellenwert zu haben. Denn Justin gibt nur das Nötigste preis. Nur kurz geduldet sich Skyla, aber mehr als den Vornamen rückt er nicht raus.
So schnell das Lächeln kam, so schnell ist es auch wieder verschwunden. Seine Miene ist undurchdringlich und sein Herz aus Stein.
„Mia!“ Der Start war schlecht und obwohl ihr Name oft viel, klingt Skyla verunsichert, als habe sie sich den falschen Namen eingeprägt. Aber zum Glück brummt das kleine Biest, was Skylas Selbstbewusstsein steigert. „Du sagtest, ich habe einen Geist in Energie umgewandelt?“
„Ohne jeden Zweifel. Ein äußerst komplexes Verfahren. Fast unmöglich für einen Anfänger. Eine gelungene Sublimierung. Äußert interessant, wenn du mich fragst. Durch Hitze hast du einen Aggregatzustand hervorgerufen. Die gasförmige Materie wurde von dir aufgenommen und in Energie umgewandelt. Aber Energie wofür? Für Magie? Für weitere Zaubertricks? Oder einfach ein kleiner Energie-Booster für deine körperlichen Reserven?“
Ungläubig blinzelt Skyla. „Ich habe was?“
„Unmöglich, Justin! Du willst mir doch nicht sagen, dass diese Göre ein solch komplexes Verfahren einfach anwenden kann! Die konnte mir mit der Erklärung nicht mal folgen!“, schimpft Mia lauthals.
Der Angesprochene seufzt tief. „In Gefahrenlagen kann sich der Körper und auch sowohl der Geist übertreffen und somit auf Wissen zurückgreifen, das der Person eigentlich noch gar nicht zusteht. Solche Fälle sind keine Seltenheit. Viele Kräfte erwachen meist in vollem Ausmaß. Selten, dass die Erinnerung an die Anwendung verbleibt, denn oft gerät das Wissen danach verloren.“
Mia brummt zustimmend und hinterfragt schließlich voller Tatendrang: „Darf ich eine Überprüfung durchführen? Mich würde brennend interessieren, wohin die Lebensenergie des Geistes verschwand.“
Zorn keimt auf. Mal davon abgesehen, dass die Fee sie als Versuchsobjekt betrachtet und ihre Experimente durchführen will, wird Skyla nicht mal nach ihrer Meinung gefragt. Mit gebleckten Zähnen hebt sie ihren Kopf und vertritt ihren Standpunkt klar und deutlich: „Kannst du so knicken! Nicht mit meiner Erlaubnis!“
Justin zuckt entschuldigend mit den Schultern, während sein Blick ins Nirgendwo verläuft. Sicherlich an jenen Ort, wo sich die kleine miese Fee aufhält.
„Leider sind mir die Hände gebunden, Mia. Ich gab Milan ein Versprechen“, entschuldigt sich der dreiste Kerl.
Erst jetzt, wo Skyla aufatmen kann und Hoffnung hat, keinen gefährlichem Experiment ausgesetzt zu werden, findet sie die Zeit, die Räumlichkeiten der Geisterjäger zu mustern. Soweit ihr dies in der Dunkelheit möglich ist. Dreist wie sie ist, bedient sie den Lichtschalter, woraufhin Justin seine Augen mit der Hand schützt und ein paar Schritte in den Hintergrund weicht. Doch Skyla schenkt ihm wenig Beachtung. Ihr Blick gleitet stattdessen umher. Im Flur an der Haustür befinden sich nur ein paar Schuhe. Es gibt keine Bilder und keine Möbel. Dafür glänzen die Dielen, als seien diese frisch poliert. Skyla kann sich in denen spiegeln und der Geruch von starkem Putzmittel dringt ihr in die Nase. Es ist zu sauber. Verdächtig. Fast, als will Justin etwas vertuschen. Etwas, wie einen möglichen Mord. Bei dem Gedanken an einen blutbesudelten Boden wird ihr schlagartig schlecht und ruft einen Anflug von Panik in ihr hervor. Unkontrolliert muss sie sich an den Tatort erinnern und beginnt zu zittern. Vor Schreck kneift sie sich in den Arm.
„Stimmt etwas nicht?“
Justins Stimme lässt sie aufschrecken. Er betrachtet sie stirnrunzelnd. Fast misstrauisch. Seine Lichtscheuheit überwand er für ihren Geschmack zu schnell. Denn seine nervige Stimme verschlechtert nur weiter ihre Stimmung.
„Naja. Es ist nicht das Heim, was ich erwartet habe.“ Sie blickt auf und startet einen Versuch, das Zittern zu kontrollieren. „Lebt ihr hier eigentlich? Oder was ist das hier?“
„Du stellst zu viele Fragen!“
„Das ist mein gutes Recht nach all dem Chaos!“
Gleichgültig zuckt ihr Gegenüber mit den Schultern. „Ich bin nicht gewillt, dir darauf zu antworten!“
„Damit klingst du sehr verdächtig, Justin!“
Am Ende betont sie seinen Namen beabsichtigt, damit ihm seine Lage bewusst wird. Doch Justin scheint dies nichts auszumachen. Er wirkt immer noch unbeeindruckt von ihrem Verhalten und ist sehr aufmerksam, als traue er ihr nicht.
Wie aus heiterem Himmel deutet Justin in einen Nebenraum.
„Milan hat eingekauft. Spiegelei und Bacon hört sich gut an.“
Skyla möchte den Kerl am liebsten mit einer Pfanne bewerfen. Mit schmalen Augen lässt sie ihre Fingerknochen knacken, was ihn ebenfalls nicht beeindruckt.
Dabei knurrt sie wie ein bissiger Hund. „So schon mal gar nicht, Freund-chen!“
Eigentlich ist Skyla nicht so biestig, aber dieser Mann springt das Fass zum Überlaufen.
Justin blickt genervt zur Seite. „Milan erzählte mir davon, dass du eine Zicke bist.“
So etwas höre ich doch gerne! Und es schön zu erfahren, wie dieser freche Geisterjäger über mich denkt.
Es war dumm, Milans Bitte nachzugehen. Ein Fehler wie sich zeigt. Besser sie verschwindet schnell, denn Skyla hat nicht das Gefühl, die erhoffte Hilfe an jenen Ort zu bekommen. Auf Justins Spott mag sie besser verzichten und das Problem mit den Geistern auf ihre Weise lösen.



































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