Kapitel 19

Die kühle Nachtluft schlägt Skyla erneut entgegen, als sie mit einem glücklichen Ausdruck den Betrieb verlässt. Geplant war ein Aufenthalt von einer halben Stunde, aber Pläne ändern sich. Es blieb nicht einfach bei einem Drink. Es war eine Feier unter Kollegen. Organisiert von der Chefin persönlich, die sich erkenntlich für die großartige Leistung ihrer Mitarbeiter zeigte. Noch immer ist Skyla warm ums Herz. Die freudige Atmosphäre lässt sie verdächtig grinsen. Etwas, das sie genau jetzt gebraucht hat, um bestätigt zu bekommen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. All die Menschen, die Teil des Betriebes sind, haben einen Platz in ihrem Herzen. Jeder Einzelne. Selbst Dominik und Julian. Hier ist sie zu Hause. Hier wird sie gebraucht und sie ist gerne hier.

Über gut eine Stunde wartet Kai auf Skyla in der Kälte und so überrascht es sie nicht, dass er auf beleidigt spielt. Aus der Ferne entdeckt das Medium ihren Dämon auf dem Parkplatz. Als Schlüsselanhänger steht Kai auf einem Auto. Seine Augen leuchten bedrohlich und immer wieder fletscht er die Zähne.
„Na, war es schön?“
Die Feindseligkeit versucht er, nicht mal zu überspielen, und obwohl vor ihr ein wütender Dämon steht, heben sich belustigt Skylas Mundwinkel.
„Es war schön. Und hat der kinderfressende Dämon ordentlich gefroren?“
Schlagartig bessert sich die Laune ihres Schutzgeistes. Sein Lächeln wird gruselig. Zum ersten Mal nimmt Skyla all die spitzen Zähne in seinem Maul wahr. Das Gebiss kommt einem Haifisch nahe.
„Wie ich Eure grausame Seite doch liebe.“
Für Kai ist plötzlich heile Welt und er verhält sich wieder eklig anhänglich.

Es ist jedoch nur eine Frage, wie lange die anderen brauchen, um den Betrieb zu verlassen. So beschließt Skyla, das Auto zu umrunden und ihren Weg über den Parkplatz fortzusetzen. Kai schafft es rechtzeitig, auf ihre Schulter zu springen. Der winzige Plüschbär macht es sich gemütlich und lässt seine Beine hinabbaumeln. Er beginnt sogar zu summen.
Neugierig erkundigt sich Skyla: „Und hattest du Erfolg?“
Kai grinst triumphierend. „Ich habe einen weiteren Dämon gefunden und von dir erzählst. Er ist bereit zu helfen.“
Ein weiterer Dämon – etwas, das sich Skyla auf der Zunge zergehen lassen muss.




Es ist ein einziges Dilemma. Von allen Kreaturen auf der Welt wäre ihr alles lieb, nur kein weiterer Dämon, der ihre dunkle Seite unterstreicht, die von Mia immer wieder angesprochen wurde. Anscheinend muss sich das Medium damit abfinden, eine gute Seele an ihrer Seite zu binden. Skyla scheint wahrlich ein Magnet für dunkle Kreaturen zu sein.
Hinzu kommt, dass ihr die Sache nicht ganz koscher ist. „Einfach so? Wo ist da der Haken?“
„Erst müssen wir uns beweisen.“
Skyla stöhnt frustriert.
Natürlich! Als ob es so einfach wird!

„Das sieht wie aus?“
„In seinem Revier befindet sich ein Eindringling, den gilt es zu…“
Kai pausiert kurz und bevor sie nachfragen kann, was denn los sei, informiert er sie.
„…wir führen das Gespräch später fort. Man hat uns entdeckt und sie werden dich bis nach Hause verfolgen und beobachten.“
Wie nervend!

Eilig stopft Skyla ihren Schutzgeist in ihre Jackentasche und macht sich schnellen Schrittes auf den Weg nach Hause. Ein beklemmendes Gefühl sucht sie heim. Noch immer meidet sie die Garage, wo der ganze Spuk angefangen hat. Dabei hält sie Ausschau nach Verfolgern und doch entdeckt sie niemanden.
Ob sich Kai wohl irrt?

Zuhause angekommen wirft Skyla erschöpft ihre Arbeitstasche in die Ecke. Kai ist bereits völlig in Vergessenheit geraten und so fliegt ihre Jacke als Nächstes los. So schnell wie möglich pellt sich Skyla aus der Kleidung und macht sich bettfertig. Für heute reicht es ihr. Ihre Bettmatratze fängt ihren Sturz und kaum liegt sie weich, meldet sich die Erschöpfung.
Fast wäre sie vor Müdigkeit eingeschlafen, als plötzlich eine tiefe Stimme an ihr Ohr dringt: „Ganz nett hast du es hier. Würde deine Mutter nicht so kreischen.“
„Bitte was?“ Skyla öffnet müde ihre Augen und beobachtet, wie eine schwarze Spinne auf dem Schrank in ihrer Nähe herauskrabbelt. Ein handgroßes und pelziges Exemplar. „Oh nein, bitte nicht! Wo kommst du denn her?“
„Mein Name ist Agnar und ich bin hier, weil wir beide in Schwierigkeiten stecken.“
Erwartungsvoll blicken die acht Augen sie an. Das Tier verhält sich ungewöhnlich. Es ergreift nicht die Flucht und wirkt tiefenentspannt. Skyla fürchtet, dass die Stimme von der Spinne stammt.



Eins zu eins zusammengezählt und Skyla seufzt laut.
„Bist du ein Dämon?“
„Ja.“
Dieses Spinnenvieh antwortet mit solch einer Begeisterung, dass Skyla die Faszination seiner eigenen Art heraus hört.
„Und was für Fähigkeiten besitzt du?“
Agnar schnaubt. „Seid ihr, Menschen, alle so schwer von Begriff? Ich kann halt das, was eine Spinne kann. Muss ich dir wirklich erklären?“
„Dann bist du ja kein Dämon, sondern nur eine einfache Spinne!“
Zugegebener Maßen wäre dies auch nicht korrekt, denn für gewöhnlich sprechen die Krabbler nicht. Also hat Skyla es nur mit einem intelligenteren Exemplar zu tun.

Agnar hebt zornig seine Vorderbeine und reagiert empfindlich auf diese Aussage: „Mädchen, du bist dumm, mich zu reizen! Mache dich mir nicht zum Feind! Ich selbst bin nur deshalb hier, um erst mal zu sehen, ob du eine würdige Meisterin sein kannst! Bisher zeigen sich keinerlei Führungsqualitäten bei dir!“
Kai eilt herbei und entschärft die Bombe: „Agnar und ich sind zwar nicht die stärksten Dämonen, aber wir können stärker werden. Wenn wir die Energie der Geister absorbieren, dann wachsen somit auch unsere Fähigkeiten.“
Das klingt mehr danach, ausgenutzt zu werden. Gerade bei Dämonen genießt Skyla Vorsicht.
„Davon hat Milan oder Justin nichts gesagt!“
Neugierig holt sie das Buch von Pari hervor und blättert in diesem. Kai hilft ihr und schlägt genau die richtige Seite auf. Tatsächlich steht dort niedergeschrieben, dass Schutzgeister stärker werden können, wenn sie mit Seelen gefüttert werden. Dies gehört jedoch zu der dunklen Magie und nicht alle Schutzgeister sind gewillt, diesem Weg Folge zu leisten. Und wieder einmal unterstreicht dieser Punkt Mias Behauptung.

„Bevor ich in deine Dienste trete, wirst du dich beweisen müssen. Gehe mit mir auf die Jagd! Und so vernichten wir diesen nervigen Dämon, der mir laufend meine Beute stiehlt“, schlägt Agnar ungeduldig vor.
„Aber nicht heute! Ich bin müde!“
Agnar hebt fassungslos die Beine und plustert sich auf. „Aber …! Ich bin empört! Anscheinend hat der große Krieger Kai mir zu viel von dir versprochen!“
Bei den Worten großer Krieger Kai blickt Skyla genervt zu ihrem Schutzgeist rüber, der mit Stolz lächelt und sich anscheinend noch immer für etwas Besseres hält.



„Hör zu, Spinne.“
„Ja?“
Agnar klingt erwartungsvoll.
„Ich stand den ganzen Tag heute in der Küche herum und habe mit dem Kochlöffel Gerichte gezaubert.“
„Hast du Fleisch gekocht?“
„Ja, aber das tut nichts zur Sache.“
„Das hört sich großartig an!“
„Bitte würdest du aufhören, mich zu unterbrechen!“
Das macht Skyla ganz wahnsinnig.
„Entschuldige, aber du machst mich hungrig. Ob du schmecken würdest?“
„Ich dachte, ihr, Spinnen, seid Blutsauger, keine Fleischfresser!“
„Korrekt! Dennoch gibt es Ausnahmen und Dämonen können sich weiterentwickeln! Noch kam ich nicht auf den Genuss von Fleisch, doch ein anderer Dämon hat mir diese Vorstellung schmackhaft gemacht. Nur zu gern würde ich mich daran probieren.“

Skyla schüttelt ihren Kopf und überlegt laut: „Keine Chance, Kai. Ich bezweifle, dass dies hier klappt. Wir müssen einen anderen Dämon oder Geist suchen.“
Anders als sie hat Kai große Hoffnungen in ihren Gast. „Versuche es doch einfach mal. Lass dem Dämon helfen, bevor du einen Entschluss triffst.“
„Ich werde beobachtet, wenn ich jetzt Jagd auf Dämonen mache, dann war alles für die Katz!“, erinnert sie den Bären.
„Agnar kann dich unsichtbar machen. Zwar hält seine Magie nur für zwei Stunden und doch sollte das reichen.“
„Das ist nichts, was eine normale Spinne kann. Das hier hättest du mir ja mitteilen können, Spinne!“, spricht Skyla zu dem fremden Dämon.
„Agnar. Ich habe mich dir vorgestellt, also nenn mich nicht einfach Spinne. Ich heiße Agnar“, besteht der Dämon darauf. „Und als wäre ich so dumm und würde die Karten über meine Fähigkeiten offen legen.“

Mit aufgeblasenen Wangen fordert Skyla ihn auf: „Erzähl mir vom Dämon, der dich ärgert, Agnar.“
Das Medium muss sich wirklich dran gewöhnen, mit einer Spinne Blickkontakt zu halten. Bei all den Augen weiß sie gar nicht, wohin sie schauen soll.
„Er ist ein Feigling, immer wenn ich mich ihm stelle, ergreift er die Flucht! Er zerstört meine Fallen und tötet meine Brüder und Schwestern! Er zündet meine Spinnenweben an und hinterlässt mir freche Botschaften!“
Agnars Stimme bebt vor Zorn.
„Oh okay, ein Dämon der mit Feuer arbeitet?“, hört Skyla heraus.
„Ja“, bestätigt Agnar ruhiger.
„Ja, wenn es sonst nichts ist, dann habe ich ja wirklich viel Zuversicht!“, kommt sie dem Dämon mit Sarkasmus.




„Gut.“
Er hört sich zufrieden an.
Skyla seufzt erschöpft. „Echt jetzt?“
Sieh an, noch jemand, der den Sarkasmus nicht heraushört.
Agnar hat es jedoch immer noch nicht verstanden und reagiert auf ihre Selbstgespräche. „Ja.“

„Ich kümmere mich übermorgen um den Dämon, okay?“
„In zwei Tagen? Soll das ein schlechter Scherz sein?“
„Übermorgen habe ich frei und dann habe ich Zeit, um mich deinem Problem anzunehmen.“
„Dummer Mensch! Ich will, dass du seine Herrschaft morgen beendest! Sonst kommt es zu keinen Verhandlungen!“, fordert der Dämon, „der Feind schlägt immer abends zu! Ich werde bis morgen bleiben und dieses Haus mal erkunden!“
„Ich bin morgen auch arbeiten!“
„Bist du ein Krieger oder ein ängstliches Mädchen? Du bist für meinen Feind sicher zum Anbeißen, er wird dich sicher versuchen, zu rösten. Du würdest einen guten Lockvogel abgeben.“
Skyla rollt ihre Augen. „Oh ein Lockvogel. Da bin ich aber beruhigt!“
„Lass das, Mensch! Was auch immer du mit deinen Augen gemacht hast, ich mag das nicht!“, fordert Agnar bissig.
„Mein Name ist Skyla.“
„Agnar. Angenehm dich kennen zu lernen.“
Perplex blinzelt sie. „Lass das bitte nur ein schlechter Traum sein!“

„Ich bin hungrig, entschuldige mich bitte.“
Kaum spricht Agnar zu Ende, krabbelt er auch schon weg. Skyla lässt ihn dabei nicht aus dem Auge. Sie beobachtet schockiert, wie er sich durch das geschlossene Fenster quetscht und verschwindet.
„Hat Agnar einige Freunde mitgebracht?“, stellt sie ihre Frage gezielt an Kai.
„Du meinst Spinnen? Wäre möglich.“
Der böse Plüschbär lässt sie tatsächlich im Unklaren. Was für ein fieser Schachzug. Sein unterdrücktes Grinsen entgeht ihr dabei nicht.
„Na toll! Hoffentlich kriege ich noch ein Auge zu!“
Kai lächelt fies. „Habt Ihr Angst vor Spinnen?“
„Nein, keine Angst. Aber ich kann auch darauf verzichten, zur Kletterburg zu werden!“

Nur kurz mustert Kai sie mit glühendem Blick, bevor er sich lässig über den Kopf streicht, um ihr anschließend seinen Plan schmackhaft zu machen. „Mit Eurer Hilfe können wir stärker werden, Skyla. Wenn Ihr die Energie mit uns teilst, dann profitierst Ihr ebenfalls davon.“
„Mhm, ich lasse mir das durch den Kopf gehen“, beendet sie dieses Gespräch gähnend.




Es kann nicht schaden, einen weiteren Schutzgeist, sprich Dämon, dazu zu gewinnen.
Aber wie schließe ich mit der Spinne einen Vertrag ab?
Hoffentlich muss ich die Spinne nicht küssen.

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