Kapitel 2
Kaum versperrt Lukas den Weg zum Zimmer, wirft Skyla ihm imaginäre Todesstrahlen zu.
„So schnell wirst du mich nicht los, Skyla. Deine Eltern mögen dir glauben, aber ich weiß es besser. Ich werde nun zwei Tage nicht von deiner Seite weichen, dabei lasse ich dich nicht aus den Augen.“
Mit einem siegessicheren Grinsen reckt er sein Kinn und nimmt eine selbstbewusste Haltung ein, aber Skyla lächelt teuflisch, schließlich hat dieses kleine Genie einen wichtigen Punkt vergessen.
„Dein Plan wird nicht aufgehen, denn ich gehe morgen zur Arbeit.“
Die gewünschte Reaktion trifft jedoch nicht ein. Statt Frust grinst ihr Gegenüber bedrohlich. Sie schnappt verzweifelt nach Luft und ahnt Übles.
„Ich habe bereits mit deinem Ausbilder gesprochen.“
Nicht sein Ernst!
Skyla fasst sich bereits erschüttert an den Kopf. Nicht bereit für seine teuflischen Schachzüge.
„Und ich helfe zwei Tage in der Küche aus.“
Es ist unfassbar. Noch vor wenigen Minuten hat Skyla an David gedacht und wollte ihm tatkräftig wegen der anderen beiden Azubis zur Seite stehen und jetzt fällt er ihr mit einem Messer in den Rücken. Dann erinnert sie sich an Davids verdächtiges Lächeln, womit sie vor wenigen Tagen nichts anfangen konnte und das Getuschel zwischen ihm und dem Chef. Ihre Augen weiten sich, denn diese Sache steht anscheinend schon länger fest. Lukas muss den Plan früh geschmiedet haben und ihr Küchenteam wusste Bescheid. Alle außer Dominik und Julian. Anders kann sich Skyla dies nicht vorstellen, denn wären die beiden Pappnasen in Kenntnis gesetzt worden, dann könnten sie ihre Klappe nicht halten und hätten sich verplappert.
Skyla betrachtet Lukas für einen Moment etwas sprachlos, bis sie ihn fragt: „Wobei willst du eigentlich helfen? Moment! Du hast meinem Chef doch nicht von der ganzen Sache erzählt oder?“
Kaum ist es ausgesprochen, wird die letzte Frage angezweifelt. Denn Lukas hat sich erst heute vergewissert, ob sie Dinge erblickt, die kein anderer wahrnimmt und so wie sich das Küchenteam die letzten Tage verhielt, wurde Lukas‘ Verdacht noch nicht bestätigt.
„Nein, ich will schließlich nicht schuld sein, dass du deinen Job verlierst. Ich bin nur eine Küchenhilfe und darf sogar beim Kalkulieren helfen.“
Die kalte Verzweiflung lacht aus ihr heraus. Der Körper krümmt sich und Skyla steht bereits an der Schwelle zum Wahnsinn. Alleingelassen in der Dunkelheit. Fern von sämtlichen Lichtquellen.
„Solltest du deine zwei freien Tage nicht lieber nutzen, um zu entspannen?“
Vor wenigen Augenblicken schaut die Sorge aus ihm heraus, bis die Frage über ihre Lippen ging. Es folgt schließlich ein mildes Lächeln von seiner Seite.
„Wie könnte ich entspannen, wenn ich weiß, was du durch machst? Außerdem verbringe ich meine Freizeit an deiner Seite. Ich freue mich richtig darauf.“
„Freue dich nicht zu früh, bei uns in der Küche gibt es immer viel zu tun“, will Skyla es ihm vermiesen.
Aber Lukas lässt sich nicht einschüchtern. „Wir werden ja sehen, wie ich zurechtkomme.“
Skyla erwischt sich bei einem fiesen Grinsen, dabei wollte sie ihn mit schlechter Laune bestrafen. Also ermahnt sie sich, denn so leicht will sie ihm nicht vergeben.
Da er ebenfalls so dämlich lächelt, giftet sie ihn an: „Grins nicht so blöd!“
„Unmöglich, außerdem hast du doch angefangen.“
Wenn du kein Licht ausmachen kannst, dann werde ich deine Welt erleuchten – Worte, die Lukas ihr vor Ewigkeiten einmal zuflüsterte und ihr nun erneut durch den Kopf geistern. Worte aus einer schweren Zeit, wo Skyla mit sich nichts anfangen wusste und Hilfe nicht annehmen wollte. Aber Lukas und sein Vater kämpften um sie. Wie damals beginnt ihr bester Freund zu leuchten. Ein Licht, das Wärme und Hoffnung spendet. Funken, die sich zu einem großen Feuerwerk entzünden und sämtliche trüben Gedanken vertreiben.
Die Seifenblase des Glücks zerplatzt, als sie das Funkeln in Lukas’ Augen und ihr idiotisches Grinsen bemerkt. Fast hatte er sie soweit. Manipuliert. Ihr Zorn wäre fast verpufft. Dabei darf sie sich so schnell nicht besänftigen lassen. Er muss schließlich spüren, dass er Mist gebaut hat. Außerdem ruf noch immer ihr Bett.
Daher beschließt sie: „Ich lege mich nun schlafen.“
Statt ihrem Wunsch zu akzeptieren, spielt er lieber ihre Mutter. „Hast du keinen Hunger, Skyla?“
„Nö, habe ich nicht!“
Übelkeit wallt in ihr auf bei all den schrecklichen Neuigkeiten.
„Das ist nicht gut. Du brauchst Nährstoffe, schließlich musst du morgen volle Leistung in der Küche zeigen.“
„Ich bin erwachsen und treffe meine eigenen Entscheidungen! Akzeptiere dies!“
Als sich Skyla umdreht, entdeckt sie ihre Eltern im Flur, die in die Küche lungern.
Diese Spione!
„Ich habe Onigiris gekauft“, flötet Lukas und genießt somit ihren darauffolgenden überraschten Blick.
Wie gemein! Wer könnte schon zu Onigiris nein sagen? Diese leckeren, gefüllten Reisbällchen sind eine wahre Köstlichkeit.
Lukas handelt und holt ihre Leibspeise aus seiner Tasche heraus. Auffordernd hält ihr eins hin. Skyla will jedoch stark bleiben, daher schüttelt sie tapfer den Kopf. Er zuckt mit den Schultern und ist im Inbegriff in das dreieckige Reisbällchen reinbeißen. Skyla selbst wundert sich, wie schnell sie dieses gerettet hat. Glücklich betrachtet sie ihre Errungenschaft, bis der nächste Bissen folgt. Die saftige Kombination aus Shiitakepilzen, Koriander und gerösteter Sesam zergeht ihr im Mund und macht Lust auf mehr.
Das doofe Siegesgrinsen kann sich Lukas sparen. Genauso wie diese dumme Frage: „Na, möchtest du noch ein Onigiri?“
„Vielleicht.“
Skyla gibt sich wirklich Mühe, zickig zu klingen.
„Ich habe die restlichen Mangas mitgebracht und eine neue Mystery Serie. Wollen wir uns die ansehen?“
Er spielt mit verdammt guten Karten. Schon gemein, wenn der bester Freund ihre Schwächen kennt.
„Du glaubst wirklich, dass mit Onigiris, Mangas und dieser bestimmt guten Serie alles wieder okay ist?“, fragt sie ihn mit schmalen Augen.
„Nein, aber das ist ein Anfang. Du bist mir viel zu wichtig, Skyla. Also sei mir ruhig böse, das muss ich verkraften, denn ich kannte das Risiko und dennoch würde ich mich immer wieder für diesen Weg entscheiden. Das alles mache ich dir zu liebe.“
„Hör dich reden! Das hört sich an, als wärest du in mich verknallt!“
Sein Schweigen verheißt nichts Gutes und dann starrt Lukas sie auch noch auffällig intensiv an.
Ihr bleibt fast das Reisstück im Hals stecken, als er ihr gesteht: „Du hast wirklich lange gebraucht, um dies zu erkennen. Dabei liebe ich dich schon eine halbe Ewigkeit. Zuerst wie eine Schwester. Aber meine Gefühle haben sich geändert. Es gibt keinen Menschen, den ich mehr liebe als dich. Ohne dich kann ich nicht existieren, Skyla. Mein Herz würde deinen Verlust niemals verkraften. Niemals! Ich liebe dich!“
Das hat er jetzt doch wirklich nicht gesagt!
Skyla bleibt die Spucke weg. Fassungslos wird ihr bewusst, dass Milan von Anfang an recht hatte. Hinzu kommt die übertriebene Art des Liebesgeständnisses. Lukas hatte viele Tiefschläge im Leben. Die Thematik Liebe und Romanze kommentierte er oft bissig. Verschuldet aufgrund der gescheiterten Ehe seiner Eltern und dem Rosenkrieg danach. Seine Mutter ließ das Ganze nicht bei einer Scheidung beruhen, sie blamierte, schikanierte und mobbte ihren Ex-Mann. Es grenzt an ein Wunder, dass Thomas noch steht und lächelt, als sei nie etwas gewesen. Dafür bewundert Skyla ihn.
Die Sorge, dass Lukas sich mit Ignoranz und Distanz in eine Beziehung wagt, plagte Skyla bislang. Ihre Meinung ändert sich jedoch mit einem Schlag. Anscheinend steigert sich ihr bester Freund in einen Traum von Glück, der leider nie in Erfüllung gehen kann. So wie Lukas ihre Säule wurde, so mag sie auch ihn stützen. Mit freundschaftlichen Ambitionen. Er ist der Bruder, den sie sich immer wünschte. Ihr Seelenverwandter. Seine Gesellschaft genießt sie wahrlich, aber ohne romantisches Interesse. Ihn zu berühren und ihm nah zu sein fühlt sich an wie ein Zuhause. Ein Ort, wo ihr Geist zu Ruhe kommt. Milan hingegen lässt ihr Herz mit nur wenigen Gesten Achterbahn fahren und weckt Sehnsüchte in ihr, die sie niemals kannte.
Der Schwindel kündigt sich an und Skyla muss sich erst mal setzen. Allein diese Tatsache erklärt so einiges. Die Zeichen waren eindeutig und doch war sie blind. Aufgrund des Schwächeanfalls begibt sich Lukas zum Küchenschrank, von wo er ein neues Glas raussucht. In diesem Haushalt kennt er sich gut aus, schließlich verbrachte er viel Zeit an jenen Ort. Sie ist praktisch mit ihm aufgewachsen und teilweise besuchten sie sogar die gleiche Schule. In der Grundschule befanden sich beide Freunde sogar in derselben Klasse. Es hätte eine so schöne Zeit werden können, wäre Lukas nicht ständig zur Zielscheibe von irgendwelchen eifersüchtigen Mitschülern geworden. Ihr starkes Band der Freundschaft wurde mit gemischten Gefühlen betrachtet, genauso wie ihre Hobbys. Lukas war nie der Typ, der sich gerne sportlich betätigte und seine Nase von klein auf in Büchern steckte, womit es ihm schon immer schwer fiel, Freunde zu finden. Niemand registrierte seine hilfsbereite und fürsorgliche Art, die er ihr auch in diesem Moment vor Augen hält, als er sie mit einem kühlen Glas Wasser versorgt. Gerührt blickt Skyla auf, womit er es erneut geschafft hat, all den Trubel davor zu vergessen. Lukas mag dumme Wagnisse eingehen und doch ist er ihr Herzensmensch. Ihm will sie alles verzeihen können und bis an ihr Lebensende als geschätzten Freund bezeichnen können. Ungeachtet seiner Gefühlslage, auch wenn sich somit die Lage kompliziert. Skyla sieht diese Hürde als eine der schwierigsten Prüfung ihrer Freundschaft. Aber machbar! Ihm zuliebe muss sie es versuchen!
Kacies Ruf dringt aus der Ferne: „Dein Vater und ich gehen spontan ins Restaurant. Habt Spaß und seid lieb.“
Diese miesen Verräter! Sie haben doch alles gehört. Wie können meine Eltern mich ausgerechnet jetzt allein mit Lukas lassen?
Skylas Hände kribbeln und plötzlich hält sie Kai in der Größe eines normalen Plüschbären in ihren Armen. Für einen kurzen Moment starrt sie den Dämon überrascht an, bis die Gestalt ihres Vaters in die Küche huscht, um sich die vergessenen Autoschlüssel zu schnappen.
Gut, dass Lukas eher Blickkontakt mit ihrem Vater hält. Denn Kai schüttelt flehend seinen Kopf, als ob er ahnt, was sie als Nächstes plant. Mit einem Satz erhebt sich Skyla und pfeffert den Bären gegen ihren Vater, der den Plüschbären mit einem schelmischen Grinsen fängt. Triumphierend positioniert er Kai auf die Ablage, um sie zu verspotten, bevor er sich summend mit den Autoschlüsseln davonmacht. Skyla wirft ihm noch einen tödlichen Blick zu. Selbst dann, wenn er diesen nicht mehr wahrnimmt. Lukas dagegen nimmt sich die Freiheit und hebt Kai auf Augenhöhe. Er mustert diesen nachdenklich, bevor er zu seiner Freundin blickt.
„Du überraschst mich wirklich immer wieder, Skyla. Der sieht genauso aus, wie der vom kleinen Mädchen. Hast du also herausgefunden, wo sie den Bären herhat?“
Zwar sieht Lukas nun zu ihr, aber sie ist eher auf Kai fixiert. Der Bär fletscht die Zähne und seine Klauen wandern hoch, als würde er Lukas jeden Moment angreifen. Mahnend spricht sie Kais Namen aus, woraufhin sich der Dämon augenblicklich beruhigt und erwartungsvoll aufblickt.
„Kai?“, wiederholt Lukas verwundert und betrachtet den Bären erneut. „Wie kommst du denn auf den Namen?“
Oh, dieser verdammte Tag!
Die Kehle fühlt sich erneut staubig und trocken wie die Sahara an. Ihm zu Antworten würde sicher nur ein unangenehmes Krächzen hervorbringen, daher leert sie eilig ihr drittes Glas. Kaum landet dieses in der Spüle, wo es ihrem ersten Glas Gesellschaft leistet, bemerkt sie die Sorge in den Augen ihres Freundes. Ein kurzes Räuspern und sie läuft ihm entgegen.
„Mir egal, was du jetzt machst, aber ich lege mich schlafen.“ Skyla hält jedoch inne, denn sie erinnert sich an den Schleim in ihren Haaren und auf ihrer Jacke. „Und ich gehe vorher duschen! Meine Jacke sollte ich verbrennen!“
„Warum solltest du deine Jacke verbrennen?“
Skyla seufzt und verflucht ihr Mundwerk.
Ich muss auch immer laut denken!
„Weil ich befürchte, dass das Ding nicht mehr sauber wird.“
Die Schleimspuren glänzen unnatürlich und erinnern an eine neue Alienspezies. Das macht es leicht, sich von ihrer geliebten Jacke zu trennen. Ohne Reue lässt Skyla diese in den Mülleimer fallen. Sie steht vor dem Abfalleimer wie bei einem Begräbnis, als muss sie sicher gehen, dass alles rechtens abläuft.
Wahrlich kontaminiert! Hoffentlich ätzt die Mülltonne nicht weg.
„Okay“, kommentiert Lukas baff und sucht sich schnell eine Aufgabe. „Dann stelle ich die Onigiris kalt und mache es mir in deinem Zimmer bequem.“
Er hält augenblicklich inne. Sicherlich, weil Skyla verdächtig nahe an seine Pelle rückt. Dabei will sie nur seine Sicherheit schützen, schließlich trägt er ihren bösen Dämon in seinen Händen. Eine Gefahr, die ihm nicht bewusst ist. Auch wenn sein vernarrter Blick auf ihr liegt und er sich sicherlich wünscht, dass sie irgendein komisches Zeug von sich gibt, das ihre Versöhnung beschleunigt und vielleicht kitschig klingen mag. Dabei müsste ihr Freund nach all den Jahren wissen, wie biestig und nachtragend sie sein kann. Um ihn dies zu verdeutlichen fletscht sie die Zähne bedrohlich, um ihn schließlich Kai aus den Händen zu entreißen.
Den perversen Bären an sich zu drücken, zeugt von wahrlicher Dummheit und Naivität. Genauso wie die Tatsache, Lukas in die Augen zu blicken, statt das Böse warnend zu betrachten. Aber das würde Verdacht wecken. Es fällt ihr schwer, ruhig zu bleiben, denn sie hätte Kai drehen müssen. Nun wird er mit dem Gesicht gegen ihren Busen gedrückt und der Dämon nimmt sich noch die Frechheit, mit seinen Bärenklauen ihre Brüste anzuheben.
Dieser Dämon ist so gut wie tot!
Ohne den Blickkontakt zu Lukas zu unterbrechen, verlässt sie schleunigst die Küche. Genervt von dem dreisten Dämon, den sie an sich gebunden hat.
Eilig düst Skyla in ihr Zimmer, um mit einem Ruck die kleine Höllenbrut von ihr zu reißen und ihn in ihr Bett zu schleudern.
Leise, aber zornig, spricht sie zu ihm „Lass das, Kai! Willst du sterben?“
Bedrohlich baut sie sich vor ihm auf, aber ihr Schutzgeist kichert erheitert.
„Oh du willst sterben! Mach dich eher nützlich und stell diesen verdammten Honig her, damit wir besser gegen Dämonen oder Geister ankommen!“
„Wie Ihr befiehlt“, spricht der Bär völlig vernarrt, bevor er sich erhebt und vom Bett klettert.
Skyla sieht ihm noch eine ganze Weile schnaufend hinterher und presst dabei die Zähne vor Zorn aufeinander. Die Aussichten auf ihre Zukunft können nicht schlechter sein. Ein abartiger Dämon, der sich in keinerlei Weise bislang bewiesen hat und ihre nun misstrauische Umgebung. Lukas war schon seit Beginn ihrer ersten Geisterbegegnung vorsichtig gewesen, aber jetzt werden ihre Eltern ebenfalls ein Auge auf sie haben. Außerdem was denkt das Küchenteam wohl über Lukas Anfrage, seine freien Tage als Küchenjunge einzuspringen? Die Gerüchteküche wird brodeln. Der Kern ihrer Furcht ist die Aussicht, ins Beuteschema der Schwarzhändler zu geraten, weil sie als Freak eingestuft wird. Ein verfluchtes Medium, das den Ärger anzieht. Keine gute Kombination. Das Chaos ist sicher vorprogrammiert.


















































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