Kapitel 21
Mit all der Energie, die Skylas Körper in ihrem wütenden Zustand freisetzt, lässt sie das Haus der Geisterjäger so schnell wie möglich hinter sich. Ihre Atem- und Pulsfrequenz steigt auffällig an und obwohl Milan ihre wutverzogene Fratze vor Augen hat, lässt er sich einfach nicht abschütteln.
Stattdessen folgt ein Wort des Mitgefühls: „Ich entschuldige mich für die beiden. Justin war schon immer so kompliziert, aber ihm verdanke ich all mein Wissen. Du solltest ihn besser nicht unterschätzen. Denn so oder so, wirst du dich mit uns auseinandersetzen müssen. Also mache es dir doch bitte nicht unnötig schwer.“
Skyla schnaubt. Seine Dankbarkeit sei mal nach hinten gestellt. Ihr hingegen reichte ein Treffen mit diesem abartigen Kerl. Wissen hin oder her, Justin hat ein vorlautes Mundwerk, keinen Anstand und stinkt vor Überheblichkeit.
Und doch versucht Skyla ihn zu verstehen. „Wie hältst du es mit dem Kerl eigentlich aus?“
Milan seufzt. „Schwer zu sagen.“
„Wenn du glaubst, dass ich mich mit ihm anfreunde, hast du dich geschnitten!“
Am Ausbildungsbetrieb angekommen verkündet die dort vorgefundene Dunkelheit hinter den Fenstern, dass noch niemand eingetroffen ist. Skyla plante zu viel Zeit für den Weg ein. Ohne einen Schlüssel muss sie sich wohl oder übel am Eingang gedulden. Die Zeit nutzt Skyla mit den verzweifelten Versuchen, Milan loszuwerden. Aber der Kerl ist wie ein Weinfleck im Teppich, den sie nur schwer rausbekommt.
David trifft als Erster des Teams an. Ihr Ausbilder stoppt verwundert neben Milan. Ein fremdes Gesicht, das ihm nicht entgeht und das er versucht zuzuordnen. Ein Blick zu Skyla wird ihm nicht helfen, denn sie verschränkt die Arme und wendet sich schnaubend ab.
„Kann ich dir helfen?“
Kaum angesprochen rückt Milan Skyla todesmutig auf die Pelle und lächelt freundlich. „Ich habe Skyla nur hierher begleitet.“
Dieses fiese Grinsen in Milans Gesicht verheißt nichts Gutes.
David betrachtet ihn verwundert und geht vom Falschen aus: „Bist du ihr Freund? Skyla hat noch nie von einem Liebhaber gesprochen.“
„Das stimmt mich sehr traurig.“
Milan setzt eine Oscarreife Miene auf, die Skylas Umfeld glauben lässt, wie enttäuscht er darüber sei.
Ein Schauspiel, das Skyla nicht länger erträgt und den Geisterjäger daher mit schmalen Augen fixiert.
„Du solltest jetzt besser verschwinden!“
Ein Wort der Warnung verkneift sie sich nur dank Davids Anwesenheit. Schließlich mag sie den Stolz, den er für sie empfindet, nicht niedermähen. Die Eskalationen mit Dominik sind überstanden und er lobte sie erst kürzlich für ihre neue Reife. Sich wegen Milan zu blamieren, widerstrebt ihr.
„Sehr ungern, meine Süße. Ich hole dich dann heute Abend ab. Wann hast du Feierabend?“
Ein netter Versuch, den Skyla belächelt. Nicht bereit, zu antworten. Leider spielt David dem Falschen in die Karten. Denn er informiert Milan: „Meist verlässt sie den Laden um Viertel nach zehn.“
Es schockiert Skyla, wie leichtfertig ihr Ausbilder mit den Informationen rausrückt. Der Plan, ihm zu versichern, dass Milan nicht ihr Freund sei, vereitelt Milan gekonnt. Mit nicht mehr als einem flüchtigen Kuss. Kaum drückt er seine warmen Lippen auf ihre, sorgt er schnell für Abstand. Sicherlich aus Sorge auf das Echo. Dabei hinterlässt die kurze Berührung ein angenehmes Kribbeln. Aufregend wie ein Schluck Sekt oder einem Lutscher mit der Knisterbrause. Für einen kurzen Moment versinkt sie in seine wunderschönen grauen Augen. Sein Charme sollte verboten sein. Aus Selbstschutz, ihm nicht zu verfallen, schlägt sich Skyla die Hände auf die Wangen. Ihr Kopf spielt ihr eine Szene ab, wo sie mit einer Schrotflinte bewaffnet jeden dämlichen Schmetterling abknallt, der ihr Hoffnung für eine zum Scheitern verurteilte Beziehung machen möchte. Das Flattern im Bauch verschwindet tatsächlich. Bis sie aufblickt und Milan frech zwinkert. Die Flucht scheint sein Ding zu sein, denn er verschwindet eilig aus ihrem Sichtfeld.
David hingegen schließt die Tür auf und teilt ihr seine Gedanken mit: „Dein Freund scheint nett zu sein.“
„Wenn du nur wüsstest!“, brummt sie und begibt sich hinein.
Bevor sich das ganze Küchenpersonal überhaupt versammelt, erledigt Skyla alle nötigen Vorbereitungen. David betrachtet sie etwas überrascht, als er den Bestellvorgang abschließt. Laut ihm rockt sie heute die Küche. Skylas Laune ist zwar nicht die Beste und doch kommt ihr der Drucker der nie enden wollende Bonleiste entgegen. Die Aufgaben lenken sie ab. Es bleibt keine Zeit, um auch nur einen Gedanken an heute Morgen zu verschwenden. Auch in ihrer Pause erhält ihr Kopf keine Gelegenheit die Begegnung mit den Geisterjägern zu verarbeiten, denn sie schreibt gezielt mit Lukas.
Schnell sind Milan und sein unangenehmer Mitbewohner vergessen, solange, bis Skyla den Betrieb verlässt und sie in die Fratze des Geisterjägers blickt. Ihn gekonnt ignorieren scheint die beste Option zu sein, aber da er sich an ihre Fersen heftet, melden sich Dominik und Julian.
„Dein Freund, Skyla?“
Natürlich stammt die Frage von Julian. Eine Bedrohung befindet sich in seinem Territorium. Ein weiterer Blickfang unter den Kerlen. Jemand, der Julian Konkurrenz machen kann.
„Nein, mein Onkel!“, antwortet sie pampig, bis ihr klar wird, dass diese Kerle keinen Sarkasmus verstehen.
„Wirklich? Dann ist ja gut.“ Dominik holt sie ein. „Warum holt dich dein Onkel ab?“
Sie weiß nicht, ob sie weinen oder lachen soll. „Ihr seid so dumm! So dumm!“
Milan kichert herzlichst. „Sei doch nicht so gemein, Skyla.“
„Ja, sei doch nicht so gemein“, wiederholt Dominik ihn und ist dabei, seinen Arm um sie zu legen.
Schlagartig verdüstert sich Milans Blick, er fängt ihren Kollegen ab und ohne lange zu zögern, wird Skyla näher an Milan gezogen. Der Geisterjäger drückt sie so feste an sich, dass sich die Luftnot meldet. Eine plötzliche Nähe, die gemischte Gefühle in ihr auslöst. Der Ekel durch seine Arroganz. Und doch schlägt ihr verräterisches Herz verdächtig schnell und laut. Sie meint einen Anflug von Freude zu spüren. Sicherlich wieder diese lästigen Schmetterlinge, die besser abgeschossen werden sollten.
„Lasst die Finger von eurer Kollegin. Skyla ist meine Freundin!“
Kaum spricht Milan eisig zu Ende, drückt er bestimmend seine Lippen auf ihre. Erneut. Erneut frech. Erneut besitzergreifend. Triumphierend lächelt Milan ihr entgegen, während sie aus dem Starren zuerst nicht rauskommt. Solch ein unverschämtes Verhalten erlebte sie schon lange nicht mehr. Selbst der verbissene Julian schreckte vor ihrer Bissigkeit zurück. Milan hingegen wirkt eher verzückt von ihrem Selbstschutz.
Julian ist schockiert. „Ohha, dein Onkel? Wirklich?“
„Ihr seid mir zwei hohle Fritten! Das ist nicht ihr Onkel, sondern ihr Freund!“ David kommt dazu und verscheucht die beiden. „Und jetzt ab mit euch nach Hause! Morgen früh ist viel zu tun, wir sind fast ausgebucht!“
„Ich glaube, ich habe mir etwas eingefangen“, spaßt Dominik mit ihm und zwingt sich zum Husten.
„Als ob! Also bis morgen. Schönen Feierabend euch.“
Ihr Ausbilder winkt ihnen noch zu, bevor er zu seinem Auto geht.
Nimm mich mit, David!
Skyla wollte schon immer einmal in seiner aufgemotzten Karre sitzen und seinen Musikgeschmack genießen. Gerade jetzt fühlt sich seine kleine Küchenfee unwohl und wünscht sich nichts Sehnlicheres, all die Idioten abzuschütteln. Während Skyla ihrem Ausbilder dabei zuschaut, wie er sich eine Zigarette zwischen die Zähne stopft und in seine schicke, schwarze Karre mit Totenkopfmotiven einsteigt, schiebt sich Julian aufdringlich ins Bild. Sie seufzt erschöpft und sieht es ein, dass David ihre stillen Rufe nicht erhört.
„Seit wann hast du einen Freund, Skyla?“
An diesem Punkt fragt sie sich, was Julian wirklich über sie denkt. Hält er sie für eine ewige Jungfer, die nur darauf wartet, zu seiner Sammlung all der gebrochenen Herzen zu werden?
Skyla zählt zwar nur einen Exfreund und eine Kusserfahrung mit einem fremden Mädchen auf einer Party ihrer Freundin. Ein Mädchen, das sich ebenfalls langweilte, aber so schön und ehrlich lächelte, dass sich Skyla bei ihr geborgen fühlte. Sie genossen eine lange Unterhaltung. Die Augen ihres Gegenübers funkelten wie Diamanten und der Duft ihres Parfüms war betörend. Der erste Kuss wird oft als eine Erfahrung abgestempelt, auf die nicht jeder stolz ist. Momente, die nicht der Vorstellung entsprechen. Skyla hingegen kann nicht klagen. Ihr Kuss schmeckte nach mehr und das Mädchen wirkte ebenfalls nicht abgeneigt. Ein Ruf und schon stand ihr Gegenüber auf. Es sollte kein Abschied werden und doch sah Skyla ihre Prinzessin danach nie wieder. Der Griff zum Alkohol machte alles erträglicher. Nur übertrieb sie an dem Abend und war am Ende so hackedicht, dass sie die Nacht auf dem Terrassenboden geschlafen hat und den Sternen beim Funkeln zusehen konnte. Keine reife Leistung und ein eindeutiger Schandfleck ihrer Vergangenheit, dennoch steht Skyla dazu.
„Dieser Laden hat einen guten Ruf und nun sehe ich die beiden hier. Wie ist das möglich?“, denkt Milan laut.
Provokationen. Auf die war Dominik noch nie gut zu sprechen. Er bleckt bereits die Zähne und bellt bissig. „Unterschätz uns besser nicht!“
Skyla hat nicht die Nerven für diese Unterhaltung und winkt brummig in die Runde. „Bis morgen. Ihr kommt morgen oder ich zerre euch hierher!“
Am Ende bleckt sie warnend die Zähne und stiert bewusst Dominik an. Direkt in eine tiefe Dunkelheit, die ihr Mut raubt. Natürlich reckt Dominik streitlustig das Kinn, daher muss eine ganz miese Karte folgen. Schnell, um ihn zu besänftigen, bevor es ausartet.
„David glaubt an dich, enttäusche ihn besser nicht!“
Tatsächlich dreht sich Dominik mit steifem Kiefer um und trottet in die Finsternis. Julian atmet genervt aus und Skyla kann seine Hilflosigkeit fühlen. Als Wegbegleiter verspricht Dominik Sicherheit und Schutz. Besonders um diese Uhrzeit. Aber in dieser Verfassung weiß auch Julian, dass Dominik nun besser ein wenig Zeit allein braucht.
„Er macht dir Ärger oder?“
Kaum spricht Milan seine Vermutung aus, erwacht sie noch immer an ihn gedrückt. Ein Blick hinauf und Skylas Herzschlag verdoppelt sich im Anblick der sternenklaren Nacht mit einem entschlossenen Blick, den sie an Helden so sehr liebt. Ehrliche Sorge und der Wille andere zu schützen. Milan stellt sich bereitwillig jeder Gefahr– so ihr Eindruck. Eine ehrenwerte Einstellung. Schnell schlängelt sich Skyla aus seinen Arm und läuft eilig davon. Weg von seinem unwiderstehlichen Charme.







































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