Kapitel 22
Die weiße Calla symbolisiert das ewige Leben und ist einer der häufigsten Pflanzen, die aufs Grab gelegt wird. Ihre Schönheit schmückt nicht nur das Grab, sondern vermittelt den Wunsch der Verstorbene sei mit einem friedvollen und ewigen Leben nach dem Tod gesegnet. Als geschlossene Blüte ähnelt die Calla einem Kelch. So wie bei dem aktuellen Fund. Erst im späteren Verlauf öffnet die Pflanze ihr prachtvolles Blütenkleid. Mit der eleganten Blume in der Hand verabschiedet sich eine bleiche Schönheit von dem Verstorbenen. Zartfließend fallen die schwarzen Wellen über die Schulter und enden knapp über der Taille. Silberfarbene Augen lassen die Trauernde geheimnisvoll aussehen. Ihre bläulichen Mieder sind eng an ihren dürren Körper geschnürt. Clive bemerkt die Tränen auf ihrem Gesicht, als er seinen Gefährten über den Friedhof folgt.
Die Anzahl der Gräber ist erschreckend. Als sei der Anblick nicht entsetzlich genug, treffen sie überwiegend auf verwilderte Ruheorte. Möglicherweise fehlt den Angehörigen die Kraft für einen Grabbesuch oder noch viel schlimmer wäre die Annahme, wenn die Dürre und die Hungersnot ganze Erblinien auslöschen. Selbst der Botenjunge, den Rebecca schickte mag munter auf den Beinen gewesen sein und doch wirkte er auffällig dürr. Im Anbetracht vieler anderer Bewohner aber immerhin noch in einer guten Verfassung. Ein Kind, das sich der Situation besser anpassen konnte, als andere Dorfbewohner. Ein kleines, teuflisches Genie. Ein Kind, das Clive beeindruckte und köstlich amüsierte. Auch andere Familien halten eisern gegen die Notlage stand und weigern sich, in die Knie zu gehen. So wie bei Feline, aber auch der Schmied wirkt in guter Verfassung. Clive vermutet, dass sich solche Haushalte bestens auf Notstände vorbereitet haben. Vielleicht liegt es an der Lagerung und Verarbeitung von Lebensmitteln. Die Fermentation beeinflusst die Haltbarkeit positiv. Besonders auf dem Land greifen die Leute auf solche Tricks zurück. Der Wirt und auch die Generation der Schmiede wirken kräftig und einschüchternd. Nachbarn, die über mögliche Vorräte wissen, würden sich gewöhnlich an Diebstahl oder Plünderungen versuchen, aber nicht mit solchen Muskelpaketen von Gegnern. Oder Kontakte, die über die Dorfgrenze reichen, könnten Abhilfe geschaffen haben. Womöglich reicht der Einfluss weiter, als der erste Eindruck hergibt.
Sina gehört zu groben Mehrheit, der Friedhofbesuche mit Unwohlsein verbindet. Sie klammert sich auffällig feste an Clives Arm. Als der Alchemisten ihren Blick folgt, fallen ihm die vielen schwarzen Raben auf, die auf einem Mauerstück sitzen und die neuen Gäste im Auge behalten. Fast, als warnen die Vögel sie vor einer bestehenden Gefahr.
„Du musst dich nicht fürchten“, will Clive sie aufmuntern.
Doch Sina akzeptiert nicht einfach. Sie hinterfragt. Eine gute Eigenschaft.
„Warum sollte Rebecca uns an solch einen Ort herbestellen?“
Cuno zeigt erneut, dass er Rebecca lange genug kennt, um sie zu verstehen, denn er antwortet überzeugt: „Um ungestört zu reden. Anscheinend hat Rebecca etwas herausgefunden und sie wird beobachtet.“
Ein Blick umher gibt der These Gewicht, denn nur wenige Leute halten sich hier auf und doch blicken die Dorfbewohner eisig. Fast wütend über ihren Besuch. Als wäre sämtliche Wärme aus ihrem Herzen verschwunden. An einer alten Eiche vor einem freigeschaufelten Grab steht nun Rebecca. Ihr Kopf hängend, woraufhin ein dunkler Schatten ihr halbes Gesicht verdeckt. Die hängenden Mundwinkel und steife Haltung versprechen nichts Gutes.
„Alchemist, du kannst doch lesen…“
Rebecca klingt angespannt, als sie die Tatsache ausspricht. Bevor sie ihn ehrfürchtig auffordert.
„…dann lese mal, was auf dem Grabstein steht.“
Als Clive seinen Namen auf dem Stein vor dem freigeschaufelten Loch liest, gefriert ihn sämtliches Blut in den Adern. Er vergisst fast, zu atmen. Respektvoll blickt er auf das schwarze Loch vor seinen Füßen, das tief genug für eine Beerdigung gegraben wurde. Sein Magen zieht sich zusammen und vor seinem inneren Auge sieht er sich bereits in einem hölzernen Sarg liegen. Das heißt, falls dieses Dorf einem Alchemisten überhaupt eine Holzkiste gewährt. Vielleicht wird er ja nur in einem Tuch gewickelt, in einem hässlichen bereits dreckigen Fetzen.
„Das geht zu weit, Rebecca!“, bellt Cuno.
„Siehe mich an? Sehe ich aus, als hätte ich ein Grab geschaufelt? Außerdem kann ich zwar lesen …deinetwegen …“ Rebecca klingt ganz schön undankbar, als wären die Lesestunden mehr eine Strafe gewesen. Dabei ist die Kunst zu Lesen eine seltene Gabe und wird hochanerkannt. „…aber ich habe noch nie eine Feder in die Hand genommen!“
„Einen Meißel“, korrigiert Cuno sie stirnrunzelnd.
Rebecca hebt ihr Kinn und bleckt die Zähne. „Wiederhol dich!“
„Du schreibst nicht mit einer Feder auf dem Grabstein, sondern meißelst den Namen da drauf!“, erklärt Cuno ihr genervt.
Der Zorn verpufft und die Augen hellen auf. Überrascht betrachtet Rebecca die Inschrift. „Ah.“
„Was steht denn da?“, möchte Sina verstehen.
„Dieses Grab ist für Clive vorgesehen, jemand möchte ihn tot sehen“, erklärt Cuno ihr streng.
Sina weicht sämtliche Farbe aus dem Gesicht. Die Raben auf der Mauer sind ihnen gefolgt. Sie krähen laut, als würden sie sich köstlich amüsieren.
Nach einer dramatischen Pause, die Clive braucht, um sich wieder zu fassen, stellt Sina erschüttert die Frage: „Etwa meinetwegen?“
„Gut möglich!“
Der Paladin hat wirklich kein Feingefühl.
Kopfschüttelnd widerspricht Clive ihm: „Das ist nicht gesagt, es kann viele Gründe haben. Es kann auch an meiner Berufung liegen.“
„Wir sollten von hier besser verschwinden“, spricht Sina besorgt zu der Gruppe.
„Ja, sehe ich genauso!“, stimmt Cuno dem zu.
„Nein, davon dürfen wir uns nicht beeindrucken lassen“, findet Clive.
Er lächelt zuversichtlich. Denn Morddrohungen gehören zum Alltag.
Bevor sich sein Beschützer dazu äußern kann, teilt Rebecca ihnen mit: „Ich war in der kleinen Kapelle und ihr wollt nicht wissen, was ich dort gefunden habe.“
Augenblicklich schwenkt der Alchemist seinen Kopf zu dem kleinen Haus Gottes, ein kleines Häuschen angrenzend am Friedhof. Begehbar von zwei Seiten.
„Lass mich raten, ein Auftrag der Kirche?“, rät Cuno.
Rebecca schüttelt den Kopf. Ihre Gesichtszüge verhärten sich, als habe der spaßige Teil der Reise schon längst geendet. „Die Blutlache und die Spuren sprechen für einen Kampf. Erwähnenswert wäre die Tatsache, dass sämtliche Spur von dem Priester fehlt.“
Bereits jetzt schnappen Clive und Sina entsetzt nach Luft. Aber Rebecca hat das Ende ihres Berichts noch nicht erreicht.
„Ein Name kursiert im ganzen Dorf. Ein Name, der den Leuten Angst und gleichzeitig Hoffnung macht.“
„Luela“, spricht Sina voller Ehrfurcht.
Aufgebracht flattern die Raben umher und krähen lauter. Ein auffälliges Verhaltensmuster, das Clive nachdenklich macht. Rebecca blickt mit schmalen Augen rüber zu der Fee und greift auffällig an ihre Gürteltasche.
„Woher weißt du davon?“, fragt die Diebin eisig nach.
Sinas Finger lösen sich von Clive. Als würde sie frösteln, verschränkt die Fee ihre Arme.
„Die Vögel haben sie immer wieder erwähnt. Unterbrochen fiel ihr Name.“
„Die Vögel? Du meinst die Raben?“, will sich Rebecca vergewissern.
„Ja.“
„Das gibt es nicht!“, hören sie Cuno sagen.
Der Paladin klingt verärgert, woraufhin Clive kurz in Gedanken versinkt. Denn so wie sein Begleiter blickt, scheint Cuno den Namen zu kennen.
Daraus schließt Clive: „Luela ist eine Hexe, richtig?“
Cuno kehrt ihnen schlagartig den Rücken, während Rebeccas Augen sich weiten.
Die Diebin wird von einem Geistesblitz getroffen und erinnert sich: „Oh stimmt! Du hattest sie bereits damals erwähnt und du sagtest, sie sei gefährlich.“
„Eine Hexe? So schnell?“
Sinas Verwunderung ist nur verständlich. Auch Clive überrascht die Tatsache, dass sie bereits auf dem ersten Zwischenstopp ihrer Reise auf eine Hexe treffen.
Die Stille macht sich Cuno zu nutzen, denn so kann er sein Wissen über die bestehende Gefahr mit ihnen teilen: „Wir sollten umgehend von hier verschwinden, diese Frau ist gefährlich. Wirklich gefährlich, vertraut mir. Ihr Hass auf die Menschen kennt kein Ende. Sie macht uns alle dafür verantwortlich für das, was ihr alles in den jungen Jahren wiederfuhr. Diese Frau hat die Hölle bereits aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen und ihre schwarze Magie befindet sich auf einem ganz anderen Niveau wie bei anderen Hexen. Luela gilt als die grausamste Hexe weit und breit. Ich …“
Cuno pausiert und schüttelt verzweifelt seinen Kopf, bevor er sichtlich besorgt zu Clive aufblickt.
„…ich weiß einfach nicht, wie ich dich vor so etwas beschützen soll. Vor solch einer dunklen Schwarzmagie.“
Magie – ein zweischneidiges Schwert. Wunder, die Gutes bewirken können. Wunder, die aber auch verderben können. Cuno will die Einzelheiten sicherlich für sich behalten, aber die Furcht in seinen Augen bleibt Clive nicht verborgen. Als wäre der Paladin bereits Zeuge davon geworden, zu was Schwarzmagie fähig sei. In der Tat scheint die Lage ernster zu sein, als Clive zugeben mag. Doch dieses Dorf scheint auf Hilfe angewiesen und der Kern des Bösen scheint erst kürzlich zu keimen. Bevor der Boden unfruchtbar wird, können jetzt noch Gegenmaßnahmen getroffen werden. Aber das Risiko bleibt. Die Drohung steht im Raum. Der Grabstein mit seinem Namen übertrifft einen üblen Scherz. Und doch bietet sich eine einmalige Chance. Eine Hexe könnte mehr über Portale wissen. Eine Gelegenheit, die sich sicherlich so schnell nicht mehr bieten wird.









































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