Kapitel 24
Mit einem schrillen Schrei fällt die Tür hinter Clive zu, als wüsste das Stück Holz, welche Gefahr sich ihnen nähert. Noch während der Alchemist sein Körpergewicht gegen die Tür lehnt, sucht er panisch nach Möglichkeiten, um den Ausgang zu barrikadieren.
„Cuno! Eine Bank schnell!“
Unbewusst wählt Clive einen harschen Befehlston, den der Paladin so noch nicht von ihm gehört hat.
Statt die Frage zu hinterfragen, setzt sich Cuno in Bewegung und erfüllt seine Aufgabe. Noch während der Begleiter die Holzbank schiebt, wird gegen die Tür gedonnert. Mit solch einer Wucht, dass die Tür droht, aus der Fassung zu fliegen.
Mit puddingweichen Beinen lehnt Clive am Holz und verarbeitet die letzten Minuten nur schwer. Das Betäubungsmittel, das er erfolgreich mit dem Tuch verabreichte, hätte einen Normalsterblichen über Stunden außer Gefecht setzen müssen. Stattdessen hat sich die Gestalt wenige Minuten später erhoben und somit waren es wieder drei Angreifer- drei Tote, die dort draußen im Kräutergarten wüten. Der Alchemist hat die Gefahr unterschätzt. Er vertraute den Mythen und war überzeugt, die Toten bewegen sich langsam. Ein weiterer Irrglaube. Denn das tote Fleisch bewegte sich schnell und aggressiv. Seine Angreifer stürzten sich hungrig au Clive. Ohne seinen Koffer wäre er bereits bei lebendigem Bewusstsein verspeist worden. Dabei schlägt er ungern bei all den zerbrechlichen Dingen aus, die in der Tasche lagern.
Jetzt muss es schnell gehen, Clive tritt eilig zur Seite und Cuno barrikadiert den Ausgang mit der Bank. Kaum steht diese, setzt sich der Alchemist als zusätzliches Gewicht auf die Sitzfläche und geht nun sämtliche Möglichkeiten durch, was gegen die Toten helfen könnte. Aber wie schon einmal, hindert Stress ihn am Denken. Nichts will ihm einfallen.
Der Paladin hält bereits sein stolzes Schwert in der Hand und konfrontiert Clive nun: „Wer ist hinter dieser Tür?“
„Ich kenne ihre Namen nicht, aber das muss das Werk einer Hexe sein. Diese Menschen müssten tot sein und doch atmen sie.“
„Was hast du gesagt?“ Cuno klingt schockiert und lässt kurz die Worte auf sich einwirken. „Also bestätigst du mir die Sache, Luela hat Erfolg und kann nun Tote erwachen lassen?“
„Ich fürchte schon.“
Clives Antwort ist mehr ein Flüstern.
Mit geweiteten Augen beobachtet der Alchemist, wie aus dem getrockneten Blutteppich eine leichenblasse Hand fährt und Halt am Kapellenboden sucht. Clive muss sich fragen, ob seine Augen ihm einen Streich spielen. Wie aus einem Loch am Fußboden kommt nun eine zweite Hand zum Vorschein und etwas möchte sich hochziehen.
„Was zum Henker!“, hört er Rebecca sagen.
Sie stoppt vor dem Geschehen und bevor Clive ihr raten kann, davon zu verschwinden, tritt seine Begleiterin angewidert auf die fremde Hand. Sie verlagert ihr Gewicht mit dem Blick zum Boden gerichtet auf das weiße Fleisch. Als sich der kalte Körper des toten Priesters durch den Blutteppich drückt, beugt sich Rebecca hinunter. Sie plant das tote Fleisch hinunterzudrücken, doch als die Kreatur nach ihr schnappt, weicht sie mit offenem Mund zurück. Nicht bereit, sich geschlagen zu geben, folgt ein Tritt. Das Gewebe gibt nach und wie einen Ball tritt sie den Kopf des Priesters fort. Sina weicht mit einem leisen Schrei aus, als der Schädel nur haarscharf an ihr vorbeifliegt. Es folgt ein saubrer Schuss gegen die Wand.
Zufrieden nickt Rebecca und tritt nun auf den kopflosen Körper ein. Solange, bis dieser im Loch verschwindet. Ein Blick hinauf zu der Barrikade und Rebecca nimmt sich ein Beispiel an ihnen Sie platziert eine weitere Bank auf dem Blutfleck und nimmt zufrieden Abstand. Primitiv, aber effizient.
„Okay, ich will die Damen ja nicht hetzen, aber könnten wir von hier verschwinden?“, spricht sie sichtlich genervt in Cunos und Clives Richtung.
Cuno brummt laut und reckt herausfordernd sein Kinn. „Wie hast du mich gerade genannt?“
„Was ist mit den Toten?“, fragt Clive entgeistert. „Wir sollten etwas unternehmen.“
„Ja, das sollten wir“, brummt Rebecca. „Und das wäre nichts anderes, als unseren Hintern lebend hier rauszubringen!“
„Cuno, du sagtest, eine Hexe kann die Toten nicht lange steuern?“, hinterfragt Clive.
„Lang genug, damit wir zu ihrem Snack werden!“, entgegnet Rebecca.
Überzeugende Argumente, wie sich Clive eingestehen muss.
„Was ist mit den Typen aus der Herber…“ Clive braucht gar nicht weiterzureden, denn als er sich von der Bank erhebt, entgehen ihm die zwei weiteren Leichen nicht. „…oh, das sind sie ja.“
„Klären wir gleich!“, ruft Cuno und stürmt voran zum Ausgang.
Clive folgt ihnen und doch beschwert er sich: „Wie konntet ihr nur?“
„Sie haben Sina angegriffen! Es ließ sich nicht vermeiden!“, verteidigt sich der Paladin, während hinter ihnen die zwei anderen lebenden Leichen durch die Tür brechen.
„LAUFT JETZT!“, endet Rebeccas Geduldsfaden.
„Es sind nur zwei!“, bemerkt Cuno, der die Tore aufreißt und sich geduldet, bis seine Kameradschaft die Kapelle hinter sich lässt.
Rebecca stoppt neben ihn und blickt, als würde sie ihn am liebsten Ohrfeigen.
„Spinner! Wir befinden uns auf einen Friedhof! Ich bezweifle, dass es nur bei zwei bleiben wird!“
Damit hat sie Cuno überzeugt und der Paladin steckt sein Schwert weg.
Auf schnellen Sohlen lassen sie den Friedhof hinter sich und verschnaufen hinter den Toren. Alle außer Cuno. Der Paladin behält den Ausgang des Friedhofes im Auge. Verkrampft liegt seine Hand auf dem Knauf des Schwertes.
Clives sieht es seinem Beschützer an, Cuno wartet nur darauf, sich im Kampf zu beweisen und doch passiert die nächsten Minuten nichts Ungewöhnliches. Eine bittere Enttäuschung zeichnet sich im Gesicht des Paladins ab.
„Diese Dinger wüten dort immer noch und ich stehe hier!“, spricht der Paladin über seine Verbitterung. „Ich, das Schwert des Volkes, sollte nicht hier sein! Ich sollte kämpfen! Egal, wie aussichtslos!“
Am Ende wurde er etwas laut und Clive kann sich gut vorstellen, wie sich sein Begleiter wohl fühlen mag.
Rebecca hingegen rollt ihre Augen und stöhnt entnervt.
„Dann los! Gehe hinein und beiß früh ins Grab!“
Sina springt auf, als Cunos Kopf hochrot anläuft und seine Miene sich verdüstert.
„Das bringt doch nichts, ihr beiden. Streitet euch jetzt nicht!“
Statt Sina zu unterstützen, bemerkt Clive eine ungewöhnliche Ansammlung von Insekten. Sämtliches Gewürm drückt sich aus den Rillen des angrenzenden Mauerstückes und auch Käfer kommen angeflogen. Sie landen so auffällig, dass eine Botschaft hervorsticht.
Eine klare Ansage: Verschwindet!
„Was nun, Chef?“, wird er angesprochen.
Clive muss sich nicht mal umdrehen, denn Rebeccas Stimme würde er unter Tausenden erkennen.
„Der Dorfvorsteher“, überlegt Clive laut, „Es würde nicht schade, ihm einen Besuch abzustatten.“
Nun fällt Rebecca die Botschaft auch ins Auge. „Wow. Siehst du das? An der Wand?“
„Tja, sie will uns wirklich nicht hier haben. Aber so schnell wird sie mich nicht los. Ich habe einen Toten betäubt, er hätte stundenlang ausgeschaltet sein müssen. Das Mittel hat aber nur für wenige Minuten gereicht.“
„Dann hast du dich beim Mittel vergriffen“, wirft sie ihm vor.
Beleidigt betrachtet er die Diebin, bevor Clive ihr versichert: „Ich habe mich garantiert nicht beim Mittel vergriffen!“
„Bist du sicher?“, spielt Rebecca mit ihm und macht ihn mit solch Behauptungen ganz unruhig.
Clive will ihr widersprechen, aber nun hat sie es geschafft. Verunsichert öffnet er seinen Koffer und als er das Mittel überprüft, muss Rebecca laut lachen.
„Sieh an, der Herr Alchemist zweifelt“, ärgert sie ihn.
„Da ist es! Es ist das Richtige!“
„Vielleicht ist dir bei der Rezeptur etwas schief gegangen.“
Herausfordernd blickt Clive auf. „Wollen wir es an dir ausprobieren?“
Doch Rebecca kontert gut: „Vielleicht hast du nach der falschen Flasche gegriffen.“
Für einen kurzen Moment spult der Alchemist seine Erinnerungen zurück.
„Doch …oder vielleicht“, setzt er an und bricht verzweifelt ab.
„Du weißt es nicht mehr“, hat Rebecca erkannt.
„Lass dich nicht ärgern, Clive. Das macht sie gerne, du kannst dir noch so sicher sein und sie schafft es, dich zu verunsichern“, spricht Cuno aus Erfahrung.
„Ich glaube nicht, dass die Betäubung hier weiterhilft“, kommt der Alchemist auf das Problem zurück.
„Ich habe einem dem Kopf weggetreten“, erinnert Rebecca sie.
Aber Cuno seufzt hörbar laut auf. „Als ob es immer so einfach wäre.“
„Entschuldige mal, du hast nicht gerade geglänzt!“
Sina nähert sich Clive mit einer Frage: „Sind alle Hexen so böse?“
„Naja, sie werden nicht umsonst gefürchtet“, äußert er sich dazu.
„Ich möchte mich ungern solch einer gefährlichen Frau nähern“, gesteht die Fee.
Verständnisvoll nickt der Alchemist und dennoch muss er sie daran erinnern: „Aber die Hexen können dir wahrscheinlich helfen.“
„Ich bezweifle, dass sie mir aus reiner Herzensgüte helfen wollen.“
Wieder nickt Clive zustimmend.
„Aber was dann? Was hast du sonst vor?“
Sina wirkt ratlos, fast als wäre sie von jeglicher Hoffnung beraubt.
„Ich weiß es nicht“, wispert sie etwas traurig.
„Wenn möglich rede ich mit Luela, vielleicht …“, will er ihr vorschlagen.
„Tu das nicht“, unterbricht sie ihn besorgt.
Clive muss die Fee jedoch enttäuschen: „So oder so kommt es zur Konfrontation mit der Fee …ähm Hexe. Hexe natürlich, denn diesen Ort werde ich nicht verlassen, nur weil sie es so möchte.“
Sina schüttelt bissig den Kopf und fährt sich durch ihr Haar.
„Clive, deine Begleiter haben vier Leute getötet. Vier Bewohner aus diesem Dorf, wenn das rauskommt, werden sie nicht gefreut erfreut sein“, führt sie ihn vor Augen.
Zischend atmet Clive die Luft aus und presst die Zähne angespannt zusammen, böse funkelt er Rebecca und Cuno an, die leider davon durch ihren Zank nichts mitbekommen.
„Ja, das war nicht gerade hilfreich. Sag mir, Sina, war es wirklich Notwehr in der Kapelle?“
„Ich verdanke den beiden mein Leben“, bestätigt sie ihm traurig, „Ja, es war notwendig. Denn diesen Leuten ließen nicht mit sich reden.“
Prüfend behält er sie einen augenblicklang im Auge, aber die Fee hält eisern Blickkontakt. Sie sieht nicht so aus, als würde sie ihn belügen.
„Gut, dann lass uns weiter machen“, spricht er und duldet keine Widerworte.
Sina wollte ihm widersprechen, doch er entfernt sich einfach von ihr. In der Hoffnung, ein Besuch beim Dorfvorsteher bringt Klarheit über die Lage.








































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