Kapitel 25

Eine Menge Zweifel sprechen gegen Justins Ausbildung. Milan gibt sich zwar Mühe, anständig zu wirken. Doch Geisterjäger nagen am Hungerlohn. Skyla will glauben, Milans Geschichte sei wahr. Doch warum sollten die beiden ihre Zeit mit ihr verschwenden? Sie würde ihnen unnötig Zeit stehlen, die sie besser mit gewinnbringenden Aufträgen verbringen könnten. Milan wirkte schon einmal wie ein Entführer auf sie und Justins Putzfimmel könnte doch zur Spurenbeseitigung dienen. Ein dicker Kloß bildet sich im Hals. Skyla nimmt unbewusst Abstand von Milan. Ein Blick auf die Umgebung verrät ihr, dass sie noch ein gutes Stück von Zuhause entfernt ist. Die Zweifel müssen ihr ins Gesicht geschrieben sein, denn Milan nennt sie beunruhigt beim Namen und macht einen Schritt auf sie zu. Schreckhaft weicht sie zurück, was ihn innehalten lässt. Sie zwingt sich zu einem Lächeln und hofft auf einen schnellen Abschied.

„Es war ein langer Tag, Milan. Ich will einfach nur nach Hause. Bitte gib mir Zeit, um über all das Nachzudenken.“

Er nickt zögerlich.

„Okay. Dann lass mich dich nach Hause bringen.“

Hastig schüttelt sie den Kopf. „Nicht nötig. Wirklich nicht! Ich komme allein klar.“

Milan kräuselt die Stirn und doch gibt er nach. „Okay. Dann wünsch ich dir eine gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Kaum erwidert eilt Skyla fort.

 

Ein Blick zurück zeigt, dass Milan ihr nicht folgt und doch behält er sie skeptisch im Auge. Aus Furcht holt Skyla ihr Handy hervor und greift zu einer verzweifelten Maßnahme. Es ist spät, aber vielleicht hat sie Glück. Der Anruf geht zwar durch und doch nimmt Lukas nicht ab. Wie befürchtet! Er muss morgen früh raus und schläft sicherlich schon. Vielleicht hat sie bei Thomas mehr Glück. Skyla mag gerade auflegen, da hört sie Lukas´ Stimme.

„Skyla? Alles okay?“

Dankbar schnappt sie laut nach Luft. Ihre Hände zittern.

„Hey. Ich habe dich geweckt oder?“

„Spielt keine Rolle. Es scheint wichtig zu sein.“

Verständnis statt Tadel. Er ist wahrlich ihr bester Freund, auf den immer Verlass ist.

„Ich bin gleich Zuhause. Aber bis dahin könntest du einfach am Hörer bleiben? Es wird auch nicht lange dauern.“

„Natürlich. Du klingst aufgewühlt. Soll ich mich auf den Weg zu dir machen?“



Das wäre zu viel des Guten und doch schätzt sie sein Angebot.

„Nein, das ist lieb, aber du musst morgen früh raus.“

„Ja und? Ich schnapp mir meine Arbeitstasche und übernachte bei dir einfach. Dann bin ich wenigstens für dich da.“

 

Seine Sorge rührt sie ungemein. Sein Vorschlag klingt zu schön, aber gleichzeitig will sie ihm auch nicht zur Last fallen.

„Danke, Lukas. Aber es reicht schon, deine Stimme zu hören.“

„Wenn du wirklich willst, dass ich die Füße still halte, dann verrate mir wenigstens, was los ist. Und lass besser keine Einzelheiten weg, denn ich bin schon dabei, mich reisefertig zu machen!“

Eine ernstgemeinte Drohung, die sie dazu verleitet, ihn mahnend beim Namen zu nennen.

„Wirklich, Lukas?“

„Du siehst, mir ist es ernst!“

„Okay, okay. Es ist nur ein Gefühl, aber ich glaube, es besteht eine winzige Chance, entführt zu werden. Also wenn ich nicht mehr antworte, dann ruf die Polizei, okay?“

„Dein Ernst, Skyla? Wo bist du?“

„Gleich Zuhause. Wirklich. Nur noch ein paar Minuten Fußweg.“

„Wo bist du genau?“

 

Das Timing ist miserabel. Skyla stockt der Atem, als sie zur Tiefgarage hinüberblickt. Alte Erinnerungen keimen in ihr auf. Der Ruf, die Dunkelheit, das Blut, die Leiche und das Monster, das sie verfolgte. Das Atmen fällt ihr mit jedem Atemzug schwerer. Die Beine geben nach, sodass sie den Sturz mit der Hand abfängt. Dabei gleitet ihr das Handy aus der Hand. Sie hört Lukas‘ Stimme gedämpft, aber der Körper ist starr. Die Luft bleibt ihr weg. Sie hyperventiliert. Schnelle Schritte melden sich aus dem Hintergrund und Skyla würde am liebsten schreien, aber dafür fehlt ihr die Luft. Dank der Verpflegung vom Kräutergarten hat Milan schnell eine Tüte in der Hand, die er ihr reicht und am Mund ansetzt. Ein einfache Methode, die schnell Wirkung zeigt. Skyla keucht und hustet. Der Schweiß lässt ihre Haare im Gesicht kleben. Lukas‘ Ruf dringt zu ihr durch, woraufhin sie nach dem Handy greift.

„Schon gut, Lukas. Ich bin hier.“

Sie hört ihn erleichtert aufatmen und spürt gleichzeitig Milans warme Hand am Rücken.

„Sag, was du willst, ich habe ein Taxi gerufen und bin auf den Weg zu dir“, folgt Lukas‘ Warnung.



Skyla blickt auf in Milans sorgenvolle Augen.

„Okay, ich warte an der Haustür auf dich.“

„Du willst doch jetzt nicht auflegen oder?“

Natürlich erkennt Lukas ihr Vorhaben. Aber Milan kam zur Hilfe und Lukas wird ausrasten, wenn er Milan bei ihr sieht.

„Die paar Minuten komme ich schon klar, Lukas. Bis gleich.“

„Skyla, warte…!“

 

Zu Milans Schutz legt Skyla auf. Eine Entscheidung die Konsequenzen mit sich tragen wird. Aber darauf ist sie gefasst. Schnell streicht sie sich den Schweiß aus dem Gesicht, verstaut ihr Handy und kämpft sich auf die Beine. Milan hilft nach und stützt ihren ausgelaugten Körper.

„Danke.“ Sie zwingt sich zu einem Lächeln. „Aber hey, du solltest besser verschwinden. Lukas ist auf den Weg hierher und er ist nicht gut auf dich zu sprechen.“

Milan schnaubt und funkelt sie vorwurfsvoll an. Dennoch entscheidet er sich dagegen: „Mag sein, aber erst einmal bringe ich dich nach Hause. Fern von diesem schrecklichen Ort. Bevor du mir noch umkippst.“

Sie lächelt beschämt. „Wie peinlich.“

Aber Milan streicht ihr liebevoll über den Rücken. „Muss es nicht, Skyla. Solche Erfahrungen prägen einen. Selbst Justin nimmt solche Begegnungen nicht einfach so hin. Auch er kämpft gegen Alpträume.“

„Du auch?“

„Ich auch.“

Sie nickt und geduldet sich, wie er das verpackte Essen zurück in die Tüte sortiert, um sie schließlich bis zur Haustür zu begleiten. Stumm, als wolle er auf ihr seltsames Verhalten mit dem schnellen Abschied nicht eingehen.

 

Auf der Treppe am Eingang des Hauses muss sich Skyla vor Erschöpfung setzen. Milan entledigt sich seines langen Mantels, um diesen wie eine Decke über ihren Rücken zu legen. Sein billiges Parfüm steigt ihr dabei ins Gesicht und doch hält sie die Jacke dankbar fest.

Ein Blick auf sein Handy und Milan verkündet ihr: „Justin ist auch jeden Moment da. Er wollte mich nach seinem Auftrag abholen. Er sagte, ich solle dir Zeit geben. Aber nach dem du zu Boden gegangen bist, bin ich mir nicht mehr sicher.“

Erneut zwingt sich Skyla zu einem Lächeln. „Ich komm klar. Wirklich. Außerdem ist Lukas auf den Weg hierher.“

Milan nickt und beschließt dennoch: „Und doch bleibe ich solange, bis dein Freund eintrifft.“



Sie seufzt und fleht ihn an: „Bitte nicht, Milan. Das gibt nur Ärger.“

„Ich lass dich bestimmt nicht allein um diese Uhrzeit.“

Skylas Herz schlägt furchterfüllt, als ein Auto heranfährt. Direkt auf den Parkplatz, aber es handelt sich um kein Taxi und Milans lautes Aufatmen spricht für Justins Ankunft. Tatsächlich schaltet sich der Motor des schwarzen Fahrzeugs aus und Justin steigt aus dem Wagen.

 

„Was ist los, Milan?“, erkundigt sich Justin ungeduldig.

„Freut mich auch, dich zu sehen, Justin!“, brummt sie ihn an.

Doch sie wird gekonnt von dem Griesgram ignoriert.

„Eine Panikattacke am Ort des Geschehens“, gibt Milan preis.

Skyla mag vor Scham im Boden versinken wollen und dann nähert sich Justin auch noch.

„Geht es wieder?“

Etwas schroff und doch überrascht seine Nachfrage. Ungläubig blickt Skyla auf, denn sie rechnete mit Spott oder Tadel.

Ein Nicken, bis sie in Justin einen Schlüssel zur Lösung sieht.

„Hey, Justin. Schaff Milan hier weg. Ein Freund von mir ist auf dem Weg hierher und wenn er Milan sieht, dann ist hier gleich die Hölle los. Ich komme klar. Wirklich.“

Milan dreht sich verärgert zu ihr. „Wirklich? Mach dir doch deshalb keinen Kopf. Ich kläre das schon mit Lukas!“

Aber Justin schnippt mit den Fingern und fordert: „Einsteigen. Du hast sie gehört. Sie kommt klar.“

„Scheiße nein! Das können wir nicht bringen!“, weigert sich Milan.

Doch Justin kommt mit einem Kompromiss: „Wir warten im Wagen. Ohne Licht. Er wird uns nicht bemerken, aber so können wir uns versichern, dass es ihr gutgeht. Wir fahren dann los, sobald sie ins Haus verschwinden.“

 

Die Uhr tickt und Milan lässt sich Zeit mit seiner Entscheidung. Skyla atmet erleichtert auf, als er nickt und mit der Tüte zum Wagen geht. Justin klopft ihr sogar kumpelhaft auf die Schulter, bevor er Milan folgt und fragt: „Was hast du da?“

„Futter. Ich weiß nur noch nicht, ob ich es mit dir teile.“

„Du wirst! Ich habe auch an Justin und Mia gedacht!“, warnt Skyla ihn.

Verwundert hält Justin an der Wagentür inne und schaut zu ihr rüber. Sein Lächeln wirkt böse. Fast unheimlich, dass sich Skyla abwendet und Milans Mantel ausmacht.




 

Sie kämpft sich hinauf und ruft erschrocken nach Justin, um ihm den Mantel zu bringen. Auf dem halben Weg kommt er ihr sogar entgegen und nimmt das Beweisstück dankend entgegen, was Milan verraten könne. Gerade rechtzeitig, denn das Taxi ist im Anmarsch. Kaum ausgehändigt, begibt sich Skyla zum Gehweg. Ein Blick zurück zeigt, dass beide Geisterjäger im Wagen verschwunden sind. Hoffentlich hat sie nichts vergessen und Milan fliegt nicht auf. Lukas hält Wort, er erreicht sie schnell. Skyla wappnet sich auf Ärger und tatsächlich sieht sie im Schein des Autowerfers seinen verärgerten Blick. Doch stattdessen umarmt er sie feste, um sie dann ausführlich zu mustern.

 

„Du, Dummkopf! Wenn du glaubst, dich verfolgt jemand, dann versteck dich doch auch! Und stehe nicht wie auf dem Präsentierteller herum!“, schimpft er sanft mit ihr, um schließlich tief durchzuatmen. „Ich war krank vor Sorge, Skyla! Stell dir mal vor, ich käme zu spät!“

Einsichtig nickt sie und senkt den Kopf. „Kommt nicht wieder vor.“

Kurz schweift sein Blick umher, als suche er nach verdächtigen Personen, um schließlich zu hinterfragen: „Was ist passiert? Du hattest nicht geantwortet?“

Skyla schluckt und schaut in die Ferne zur Tiefgarage. Lukas folgt ihrem Blick, woraufhin sie erklärt.

„Das Timing war doof. Dort hinten fand ich die Leiche. Als du mich fragtest, wo ich bin…“

Der Rest bleibt ihr im Hals stecken. Lukas handelt und zieht sie erneut in seine Arme.

„Ich bin jetzt hier und gebe dir Halt.“

Sie nickt und macht seinen Aktenkoffer am Boden aus. Er hielt Wort. Sicherlich schlafen ihre Eltern schon, daher schlägt sie vor: „Lass rein. Aber wir müssen leise sein.“

Er nickt, schnappt sich seine Tasche und führt sie zur Haustür. Vorbei an Justins Auto. Der Plan geht auf, Lukas bemerkt die beiden nicht.

 

Dankbar lehnt sich Skyla kurz an Lukas, als sie ihre Schlüssel rauskramt.

„Danke, Lukas.“

„Jederzeit, Skyla.“

Eines ist sicher, an seiner Seite wird sie beruhigt schlafen können. Lukas gibt ihr die Sicherheit, die sie gerade braucht. Dringender denn je. Er wird über sie wachen und für sie da sein. So wie sie ihn beschützen wird.

Füreinander da, komme, was wolle. Ihr eisernes Kredo aus alten Zeiten.



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